Madonnenbilde vorüber, an welchem bereits die Lampe angezündet war.
Unsere freundliche Wirthin hatte uns gesagt, daß heute der Bergmeister,
der weiter befördert worden, von den Knappen mit einem Fackelzuge werde
begrüßt werden. Wir vernahmen auch, als wir eben den hochgelegenen
Kirchhof verlassen, aus der Ferne Musik und die große Trommel. An
den Straßenecken gruppirten sich die Menschen. Die Musik kam näher,
rother Schein beleuchtete die entfernten Häuser, und der Bergaufzug
bewegte sich heran. Es mochten ungefähr 150 Mann sein, die sich von den
sächsischen Bergleuten dadurch unterscheiden, daß ihre Kleider weiß
sind. Sonst tragen sie einen schwarzen Schachthut, das Bergleder und
die Blende. Es waren meist große Männer von etwas gebückter Haltung.
Der Zug bewegte sich über die Salzachbrücke am Ufer entlang. Meinen
Sohn erkannten die Knappen bald als Collegen und drückten ihm die Hand.
Vor der Wohnung des scheidenden Beamten wurde Halt gemacht und ein
Glückauf gerufen, worauf er einige herzliche Worte des Dankes sprach.
Wir waren indeß von den Fahrten und Erlebnissen des heutigen Tages
ermüdet und kehrten daher nach unserem grünen Baume zurück, wo wir
in den reinlichen, ja zierlichen Betten unsere müden Glieder der
behaglichen Ruhe übergaben.
Sonntag, den 7. September, weckte uns die rastlose Wirthin bei guter
früher Tageszeit und stellte uns einen Führer auf den ~Dürrenberg~.
Wir stiegen rüstig, diesmal aber bei bedecktem Himmel, durch die
Straßen aufwärts. Es begegneten uns viel geschmückte Leute, die sich
zur Kirche begaben. Allgemach ward der Weg steiler, die Aussicht aber
über Stadt und Land immer umfassender. Wer jedoch heute hinaufsah in
das Salzachthal, erblickte da, wo gestern die dunkelvioletten Gebirge
mit den schneebedeckten Häuptern standen, nur eine dicke, schwerfällige
Wolkenmasse, die sich sogar der näher gelegenen Berge bemächtigt hatte.
Auch an diesem Wege waren Kreuze und Heiligenbilder errichtet, welche
die Landschaften katholischer Gebiete so sehr beleben und dem einsamen
Wanderer sagen, daß es hier Menschen giebt, die von den Gefühlen des
Dankes und der Verehrung noch erfüllt sind und der Aeußerung derselben
sich nicht schämen.
Endlich waren wir an der Höhe -- über uns stand das Kirchlein, vor uns
das anspruchlose Gebäude der K. K. Grubenanstalt, nebst den Wohnungen
des aufsichtführenden Personals. Der Steiger war schon anwesend, ein
langer, rüstiger Mann, dem wir unser Empfehlungschreiben übergaben. Die
Thür der Grubenanstalt wurde geöffnet, und wir traten in einen Saal,
in dessen Mitte ein Crucifix errichtet war. Wir schrieben unsere Namen
in das Fremdenbuch und betrachteten das Gezähe. Dann brachte man das
Fahrzeug herbei, bestehend in einem Paar aus dickem weißen Zwillich
gemachten Beinkleidern mit einem Zug um den Leib und Bändern um die
Knöchel und einem Kittel aus gleichem Stoff. Wir zogen diese Kleider
über Hosen und Rock, so daß wir an Umfang gar beträchtlich gewannen.
Hierauf schnallte man uns das Bergleder um und gab uns eine kleine
Fahrkappe aus schwarzem Tuch mit weißer Einfassung. Für die rechte Hand
empfing Jeder einen tüchtigen, ledernen Fausthandschuh. Wir mußten
uns gegenseitig anlachen, wenn Einer den Anderen in diesem Costüme
erblickte, welches jede Spur von Taille vernichtet, übrigens aber ganz
zweckmäßig ist.
Nachdem wir also zur Einfahrt hergerichtet waren, führte man uns durch
das Grubengebäude herab an das Mundloch des im Jahre 1450 eröffneten
Obersteinbergstolln, der 480 Klaftern in den Berg hinein getrieben ist.
Der Stolln ist sauber ausgemauert, das Tretwerk zwei Fuß breit, und
an den Seiten befinden sich zwei Röhrenleitungen. Wir erhielten hier
Jeder einen Handleuchter mit angezündetem Lichte und schritten nun in
Gottes Namen vorwärts. Ich war noch niemals im Inneren eines Bergwerkes
gewesen, und mir war daher hier Alles neu, was ich sah, während mein
Sohn auf heimischem Gebiete sich befand. Es ging nun eine Weile
ganz gerade in dem gemauerten Stolln vorwärts, dann aber begann die
Zimmerung, die überaus splendid und massiv ist. Unser Führer geleitete
uns in einige abzweigende Nebenstolln, wo er auf die Art des Abbaues
des Lettens, die Werkzeuge und was dazu gehört, aufmerksam machte. Die
salzhaltigen Letten darbietenden Partieen werden zu sogenannten Wehren
eingerichtet, Wasser hineingeleitet und damit angefüllt. Hat sich dann
das Wasser zu 23 Procent damit gesättigt, so wird es in den vorhandenen
Röhren als Soole in die Kessel der Siedehäuser geleitet und dort
versotten. An der einen Stelle machte uns der Steiger die interessante
Mittheilung, daß hier vor einiger Zeit eine, die Decke bildende Masse
Letten herabgestürzt sey. Wir kehrten nach dem Hauptstolln zurück und
gelangten nach einiger Zeit an einen schrägabfallenden Schacht, aus
welchem zwei dicke runde Balken in etwa 1½ Fuß Entfernung parallel
hervorragten. Mit der ihm eigenthümlichen Ruhe erklärte der Steiger,
daß man sich mit gespreizten Beinen hierauf zu setzen und mit der
Rechten den Strick zu erfassen habe, um in ein tiefer gelegenes
Stockwerk rutschweise zu gelangen. Ohne unsere Ansicht über diese
Art des Fortkommens abzuwarten, setzte er sich auf diese sogenannte
Rolle, mein Sohn that ein Gleiches, und ich konnte nichts Besseres
thun, als dem Beispiele der beiden Bergleute folgen. Die Fahrt ging 24
Klaftern abwärts ganz vortrefflich von statten; man kann durch Vorlegen
oder Rückwärtsbeugen des Körpers die Schnelligkeit nach Belieben
beschleunigen oder hemmen.
Unten angekommen machte uns der Steiger auf eine gangartige
Spalte im Berge aufmerksam, welche der Ueberrest einer ehemaligen
Schachtrichtstrecke ist, die durch den Druck der Masse sich verengert
hat und allmälig ganz schließen wird. In Folge dieser Eigenthümlichkeit
hat man denn auch im Berge nicht allein mehrere menschliche Leichname,
namentlich in den Jahren 1573 und 1616, sondern auch mehrfache
Werkzeuge aus Bronze, Frameen, die dazu gehörigen Stiele, Stücken
von Leder, Gewebe, Schaufeln aus Holz und dergleichen mehr gefunden.
Wir gelangten darauf, den Stolln beschreitend, zu einer Stelle, wo
das reine Steinsalz gebrochen wird, das meist eine schöne goldgelbe,
röthliche oder amethystblaue Farbe zeigt. Wir passirten sodann zwei
kürzere Rollen und gelangten darauf an die vierte, an deren Ende uns
ein überraschender Anblick erwartete. Wir sahen vor uns einen dunkeln
Wasserspiegel, der am Rande ringsum strahlende Lichter wiedergab. Es
ist dies der sogenannte ~unterirdische See~ von 48 Klaftern Länge
und 30 Klaftern Breite. Der Anblick ist um so eigenthümlicher und
großartiger, als die von dem Dunkel verwöhnten und geirrten Augen
den Maßstab für die Entfernung verloren haben. Unser Steiger lud uns
ein, das am Ufer stehende, mit Bänken und Lehne versehene Floß zu
besteigen und uns zu setzen. Er selbst mußte seiner ansehnlichen Länge
wegen eine gebückte Stellung einnehmen, denn über dem Wasserspiegel
lagerte kaum in fünf Fuß Höhe die graue Decke, ein Umstand, der ein
allerdings drückendes, unbehagliches Gefühl erzeugt. Langsam, von
unsichtbarer Macht gezogen, bewegte sich das Fahrzeug über das stille
dunkele Wasser, die kleinen Flämmchen am jenseitigen Ufer näherten
sich, und wir betraten wiederum festen Boden. Der Stolln nimmt von
hier an eine abwärtsgehende Richtung. Wir gelangten über Stiegen
zu einem freien Platze, auf welchem mehrere aus Marmor gearbeitete
Denkmale für den heiligen Rupert und Sigismund und eins auf den im
Jahre 1807 stattgefundenen Besuch des Kaisers Franz I. aufgestellt
sind. In einem besonderen Cabinete ist eine Sammlung der hiesigen
Bergerzeugnisse, natürlich nur in Prachtexemplaren, aufgestellt.
Auch werden hier mehrere vorrömische hölzerne Axthelme und Schaufeln
von sehr kleinem Umfange, dann auch Leder- und Gewebebruchstücke
aufbewahrt, die in dem Salzwerke allgemach aufgefunden wurden.
Wir begaben uns nunmehr auf die fünfte oder Wolf-Dietrich-Rolle, welche
40 Klaftern hinabgeht. In der Mitte der Fahrt trat eine Unterbrechung
ein; ich blieb nämlich sitzen und konnte trotz alles Rutschens und
Arbeitens nicht vom Flecke kommen. Ein Blick auf meine unter mir
befindlichen Vorfahren gab mir den Trost, daß es ihnen auch nicht
besser gehe. Wir arbeiteten indessen unverdrossen darauf los und saßen
endlich doch glücklich auf dem Boden.
Wir stiegen nun abwärts, bis wir an den im Jahre 1596 von dem
Erzbischof Wolf Dietrich in den Kalkfelsen eingehauenen Stolln kamen.
Hier stand ein langer Wagen, auf welchen wir uns rittlings setzten. Es
galt, eine Strecke von 1041 Klaftern bis zum Tageslicht zurückzulegen.
Vor den Wagen spannte sich ein stämmiger Bursche, ein anderer schob
von hinten. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und es ging nun in
scharfem Trabe vorwärts. Da jedoch der Stolln kaum 4 Fuß breit, so
ist es rathsam, fein still und ruhig zu sitzen, Elbogen und Kniee am
Leibe zu halten und den Kopf nicht seitwärts abzubeugen, indem sonst
die Nase an dem Gestein etwas beschädigt werden dürfte. Der Zugwind
löschte bald die Lichter aus, so daß nur die vorn angebrachte Laterne
noch das glitzernde Gestein der Wände nothdürftig beleuchtete. Hie und
da sind Ausweichestellen, wo der Stolln erweitert ist. Nachdem wir 641
Klaftern zurückgelegt, ward gehalten, und der Steiger machte uns auf
einen in der Finsterniß vor uns befindlichen Lichtpunkt aufmerksam.
Es war das in einer Entfernung von 400 Klaftern, d. h. 2400 Fuß sich
andeutende Tageslicht am Mundloch. Die Laterne war bereits vorher
erloschen und störte uns nicht in der Betrachtung dieser interessanten
Erscheinung. Allgemach drang nun das Tageslicht immer kräftiger ein, so
daß ich den Kopf und die Schultern des karrenziehenden Knappen sehen
konnte. Endlich fuhren wir zu Tage, saßen ab und begaben uns in das
Grubengebäude, wo wir unsere Mützen und anderen Dinge wiederfanden.
Hier zeigte man uns noch ein sinnreich gearbeitetes Modell des Berges,
dessen Schachte und Stolln durch buntgefärbte Drähte angedeutet waren.
Wir drückten nun dem braven Steiger unsere Dankbarkeit aus und
verließen, nachdem wir auch die Knappen bedacht, den Dürrenberg,
überaus befriedigt von dem belehrenden und erfreuenden Inhalte
desselben. Gemächlich stiegen wir zur Stadt hinab, betrachteten den
an Denkmalen reichen, wohlgepflegten Kirchhof und traten auch einen
Augenblick in die Kirche.
Wir kehrten in den Gasthof zurück, an dessen Thür uns die Frau Wirthin
empfing, die uns einen Nürnberger Thaler zeigte, den sie soeben
angekauft hatte. Wir drückten unseren Wunsch nach einem Frühstück
aus, begaben uns in das Zimmer, ordneten die Reisefrüchte und
wanderten, nachdem wir einige Wiener Würstl zu uns genommen, unter den
Segenswünschen der Wirthsleute zum Thore hinaus.
Es war ein trüber, doch regenfreier Tag, die Straße trocken und daher
ganz geeignet zu einer Fußwanderung. Freilich hatten die waldigen
Berge zur Linken der Straße ihr dunkeles Grün mit ziehenden, zähen
Wolkenschleiern verhangen. Uns ergötzten indessen die stattlichen
Häuser, deren mit gewaltigen, weit hervorragenden Holzdächern versehene
Giebel auf die Straße gewendet sind. Doch fanden wir auch schon hier
eine moderne Bauart sich Bahn brechen, die dem malerischen Ansehen der
Gegend durchaus nicht zum Gewinn gereicht. Desto mehr erfreuten uns die
mannichfaltigen, zur Seite der Straße aufgebauten kleinen Kapellen, in
denen zum Theil recht saubere, wenn auch nicht auf höheren Kunstwerth
Anspruch machende Darstellungen angebracht waren. Die schönste dieser
Kapellen befand sich am Wege auf einem kleinen Hügel; zu jeder Seite
derselben erhob sich ein stattlicher Nußbaum, deren vereinigte Aeste
ein dichtes Laubdach über derselben wölbten. War das nicht das Bild
zweier Brüder, welche die Mutter oder Schwester in gemeinsamen Schutz
genommen? oder glich die Gruppe eher den Eltern, die ihr Kind vereint
beschirmen?
Unsere Wanderung wurde oft durch die Gesteintrümmer unterbrochen, die
in namhafter Anzahl, zum Theil als Wegebaustoff am Wege lagen, uns
zur näheren Betrachtung und Zerschlagung aufforderten und unseren
Reisetaschen immer mehr Gewicht gaben. Da gab es weißen, gelblichen,
rosenfarbenen, braunrothen, bläulichen, grünlichen, schwärzlichen
Marmor, platte und eiförmige Geschiebe. Der Weg führte uns auch über
eine Brücke, deren hellgrünes Gewässer uns längere Zeit fesselte. Wir
kamen an alten Kirchen und dem modernen Hellbrunn und Anif vorbei.
In den zu letzterem gehörenden Gasthof traten wir ein, um den Durst
zu löschen, den die Würstchen von Hallein erzeugt hatten. An der
Wand hingen ganze Reihen kleiner, 6 Zoll im Durchmesser haltender
Pappscheiben, die dem hiesigen Stechbolzenbüchsenverein zum Ziele
gedient hatten.
Endlich trat ~Hohensalzburg~ aus der Ferne hervor, und wir schritten
rüstig vorwärts, da wir nun doch allgemach ermüdeten. Vor der Stadt
begegneten uns viele Leute im Sonntagstaate, die nach dem nahegelegenen
Hellbrunn wanderten, dessen stattliche Bäume über die Gartenmauer
einladend hervorragten.
Nach ein Uhr trafen wir in unserer Wohnung wohlbehalten ein und
brachten unsere Toilette und unsere neuen Erwerbungen in Ordnung,
stärkten uns auch durch ein Paar Tassen Kaffee und begaben uns sodann
nochmals zu Herrn Director Süß, um von ihm Abschied zu nehmen. Wir
fanden hier den Landschaftmaler Georg Petzold, dessen Arbeiten, die in
92 Blättern mit Ansichten aus Salzburg und Tyrol bestehen, ich in dem
städtischen Museum kennen gelernt hatte. Das Gespräch kam auf die oft
muthwillige Zerstörung alterthümlicher Kunstdenkmale. Ich erzählte,
wie in einem sächsischen Städtchen der Rathsdiener, dem zugleich die
Ueberwachung der archivalischen Schätze anvertraut war, eine ebenso
billige als vortreffliche Schuhwichse anfertigte und verkaufte, deren
sich namentlich auch der Senat des Ortes bediente. Als nun einmal
Jemand den Rathsdiener fragte, wie in aller Welt es nur möglich
sey, daß er ein so vorzügliches Gewerbserzeugniß liefere, erwiderte
derselbe, daß dies mit Hilfe der alten Wachssiegel geschehe, welche
in einem Kasten an mehreren Pergamenturkunden sich vorfänden. Das
geschah noch zu Anfang dieses Jahrhunderts. Der Küster von Rochlitz
rühmte sich gegen mich noch im Jahre 1823, daß er den Herren und
Frauen Communicanten einen wesentlichen Dienst geleistet, der auch
bei männiglich volle Anerkennung gefunden habe. Vor dem Altare lagen
nämlich Grabsteine, deren hochemportretende Wappen er mit der Holzaxt
weggemeiselt hatte. In Salzburg dagegen hatte man die schönen Statuen,
welche vom Brande des Domes noch übrig geblieben, in Gartenzäune
vermauert und eine Schale aus weißem Marmor, die in den Ruinen
Juvaviums gefunden worden, als Rinnstein verwendet. Wir trösteten uns
über derartige Erlebnisse, so gut wir konnten.
Wir nahmen Abschied von den Alterthumsfreunden und wanderten gemächlich
über die Salzachbrücke, die heute zum Sonntag ganz besonders belebt
war. Wir sahen die Frauen in dem Goldhelme, der mit einer Nadel am
Zopfe befestigt ist, die Ringelhauben aus Gold oder Silber; die
wohlhabenden Landleute umgeben ihren Spitzhut mit einer Schnur, an
welcher zwei reiche Goldquasten über die Krempe herabhängen; noch
reichere haben goldene Schnuren um den Hut. Gar häufig tragen sie den
Gemsbart, den man übrigens zu kaufen bekommt. Wir begingen nochmals
alle uns lieb gewordenen Plätze und gelangten in der Dämmerung auf den
Stiftskeller, wo wir Freunde antrafen.
Montag, den 8. September erwachte ich noch ganz voll eines der
seltsamsten Träume, die mir in meinem Leben vorgekommen. Ich
befand mich in einem tageshellen Raume, sah aber über mir wie in
einer verdichteten Luftschicht allerlei große und kleine Fische
umherschweben. Je mehr ich mich über diese seltsame Erscheinung freute,
desto deutlicher wurde sie mir, bis sie sich allgemach wiederum
zerlöste.
Unser freundlicher Wirth hatte sich erboten, uns heute Vormittag
nach dem Fürstlich Schwarzenbergischen Park ~Aigen~ zu geleiten. Der
Himmel war allerdings auch heute trüb und schien den am Sonnabend
unterlassenen Regen heute nachholen zu wollen. Wir machten uns
indessen marschfertig und begaben uns auf den Weg. Wir gingen die
Salzach entlang, stromaufwärts, bis wir an eine Fähre gelangten,
die an einem über den Fluß gespannten Seile lief. Wir gelangten
auf einen Wiesengrund, den ein mit der Salzach parallel laufender
Arm durchschnitt. Es war ein langer auf Blöcken ruhender Steig zu
passiren, ehe wir auf die Straße kamen, die nach dem Park leitete,
der sich an die Kirche und das Schloß anlehnt. Gleich am Eingange
stehen prächtige Bäume, die einen stattlichen Springbrunnen umgeben.
Dann führt der reinlich gehaltene Weg aufwärts. Dem Wanderer kommt
ein ansehnlicher, jetzt sehr wasserreicher Bach munter entgegen, der
einen laut tosenden Wasserfall bildet und den man auf mehreren Brücken
überschreitet. Es fehlt nicht an manichfaltigen Felspartieen, die an
der einen Stelle eine wilde höhlenartige Schlucht bilden, durch die man
hindurchschlüpfen muß. Endlich gelangt man zu der _bella vista_, die
allerdings den Namen mit vollem Rechte führt, da sich hier dem Auge
eine wundervolle Ansicht über die Stadt eröffnet. Der Himmel war uns
günstig und goß aus den zerrissenen Wolken die herrlichste Fülle des
Sonnenlichtes über die Gegend. Die Festung Hohensalzburg lag klar vor
uns und am Fuße derselben die interessanten Häusergruppen.
Wir gelangten sodann an einen freien, ebenen Platz, der mit herrlichen
Buchen bestanden war und über den hinweg wir zu einer zweiten Ansicht
der Gegend gelangten. Längs der Berge und an der Salzach ziehen
sich von hier die Sommerwohnungen der Salzburger hin, die meist im
ländlichen Style, nur eleganter und farbenreicher, erbaut sind. Diese
Wohnstätten sind durchgängig mit schönen Gartenanlagen und Baumgruppen
umgeben.
Wir stiegen nun wiederum abwärts und warfen dann einen Blick in das
freundliche Kirchlein, das am Eingange des Parks hingestellt und mit
Gemälden auf Goldgrund, Kreuzfahnen und bunten Statuen verziert ist.
Auf unserm Wege durch die Wiesen begegnete uns ein englischer
Gentleman, der sich durch eine deutliche, in deutscher Sprache
abgefaßte Anfrage bei uns zu überzeugen suchte, ob er auch wirklich auf
dem richtigen Wege nach des Prinzen Swartschenbech Slosch Aickra sich
befinde, und dann höflich dankend weiter dahin schritt.
Wir gingen an der Salzach herein, am Birgelstein vorbei, durch die
Vorstadt Stein und eilten nach dem Dom, wo heute Fräulein Lutzer
singen sollte. Es kamen uns zahlreiche Landleute entgegen, die Frauen
in reichem Schmuck. Die Messe war jedoch im Dom bereits vorüber, und
wir begnügten uns mit der Betrachtung der Gemälde und Sculpturen, die
er in so reicher Fülle darbietet. Dann aber schlenderten wir nach St.
Peters Keller, um uns durch trefflichen Schinken und Ruster von der
Morgenpromenade zu erholen.
Ich begab mich dann nochmals in das städtische Museum, um den reichen
Inhalt desselben noch einmal durchzugehen. Dann aber begann das
unvermeidliche, aber immer unangenehme Geschäft des Einpackens und
die Plage mit der aufgequollenen, getragenen Wäsche, den manichfachen
neuerworbenen Büchern, Steinen und anderen Sachen. Wie oft in der Welt,
ging es diesmal besser von Statten, als wir erwartet, und wir behielten
noch Zeit zu einem, dem Abschied gewidmeten Gange durch alle Theile der
uns so lieb gewordenen Stadt. Das Glück führte uns auch einen Fuhrmann
zu, der es übernahm, uns morgen für den gewöhnlichen Satz von sieben
Gulden nach Ischl zu fahren. Wir nahmen den dazu erlesenen Einspänner
in Augenschein und hatten somit alle unsere Geschäfte in Ordnung, da
wir auch unsere Pässe visirt erhalten hatten.
Zum Schlusse traten wir in St. Peters Keller und hatten eben Speis und
Trank unter Bürgern und Landleuten erhalten, als der Regen auf’s Neue
und überaus fleißig seine Arbeit begann. Wir nahmen Abschied von Wirth
und Kellner und gingen nach Haus, da unsere gütigen Wirthsleute uns
heut Abend mit in das Concert der Liedertafel nehmen wollten.
Die salzburger Liedertafel hat ein stattliches Local im Gasthofe zur
goldenen Traube. An den Wänden sind die Embleme, sowie die Wappen
anderer österreichischer und bairischer Liedertafeln aufgehängt. Man
nahm an Tischen Platz und konnte sich nach der Karte Speisen geben
lassen.
Das Concert selbst ward gut von Männerstimmen ausgeführt, vor Allem
aber sprach das gemüthvolle Loblied auf Steiermark an, das auch
allgemeine Begeisterung erregte, während das Lied von den deutschen
Bundesstaaten die größte Heiterkeit hervorrief. Einer der Herren
brachte noch ein Lebehoch auf die 14. Versammlung deutscher Land- und
Forstwirthe aus, zu deren Ehren das Concert veranstaltet war. Zur
Erwiederung sprach ein durch Alter und Verdienst ehrwürdiges Mitglied
der Versammlung einige Worte des Dankes. Einen überaus angenehmen
Eindruck machten die Vorträge eines Virtuosen auf der Zither. In
Norddeutschland ist dieses in den Gebirgsländern südlich der Donau
allbeliebte Instrument gar nicht bekannt, obschon die Mischung der
Darm- und Drahtsaiten überaus liebliche und eigenthümliche Töne
hervorbringt. Am schönsten nehmen sich freilich die Schnaderhüpfeln
darauf aus und langsam gehaltene Märsche.
Man zeigte uns noch die der Gesellschaft gehörigen Pocale und
Trinkhörner, die sie für ihre Leistungen als Preise gewonnen hat und
die in einem besonderen Schranke aufbewahrt werden.
Endlich mußte geschieden seyn, und wir begaben uns erfreut von dem so
heiteren, als anständigen Ton, der diese Gesellschaft belebte, zur Ruhe.
Dienstag, den 9. September, erschien verabredeter Maßen unser
Einspänner bald nach 7 Uhr vor unserer Hausthür. Wir nahmen dankend
herzlichen Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthsleuten und
stiegen in den eleganten Wagen, der auch gegen Regen genügenden Schutz
darbot.
Wir rollten über die Salzachbrücke durch die wohlbekannte Linzer
Gasse, das Linzer Thor auf die Landstraße hinaus bis an den Fuß des
steilen Berges. Hier stiegen wir aus, um dem guten Grauschimmel eine
Erleichterung zu verschaffen. Unser Fuhrmann, ein hübscher Mann mit
wohlwollendem, scharf geschnittenem Gesicht und stattlichem braunen
Barte, theilte uns mit, daß er dem Kaiser als Soldat in dem ungarischen
Feldzuge gedient, auch ein Tagebuch über seine Fahrten und Abenteuer
geführt habe. Er lobte die Ungarn als gar gute Menschen, die ihm viel
Wohlwollen erwiesen. Er berichtete auch über die Russen, die er dort
gesehen und deren großartigen Appetit er bewundert, wobei er bemerkte,
daß sie durchaus nicht ekel gewesen und rohe Kartoffeln und Kürbisse
nicht verschmäht hätten. In Folge dessen hätte freilich die Cholera
große Verheerungen unter ihnen angerichtet. Sonst lobte er ihre
Gutmüthigkeit und die Schönheit ihrer Cavalerie. Er sagte, daß er sich
gern in Ungarn niedergelassen hätte, daß er aber seine Mutter hier
habe, die er doch nicht verlassen könne. Es war ein überaus gutmüthiger
Mensch.
Der Berg war erklommen, wir stiegen wiederum ein und fuhren durch die
freundliche Gebirgsgegend bis nach Hof, wo abermals gehalten und dem
Grauschimmel eine Erholung gewährt wurde. Er hatte dieselbe Sitte, wie
sein brauner Vorfahr, hie und da eigenmächtig an den Wassertrögen zu
halten und einen frischen Trunk zu thun.
Wir hatten den gewaltigen, mit Personen angefüllten Postwagen, der
eine halbe Stunde vor uns abgefahren war, bereits überholt und kamen
daher auch vor demselben fort. Der Weg senkt sich nun nach dem
Fuschelsee hinab, den wir in schönster Beleuchtung zur Linken hatten.
Dann steigt die Straße wieder empor und geht im Walde fort. Auf den
Bergen lag Schnee, und es erreichte uns jetzt ein Regenwetter, das mit
Schneeflocken untermischt war und den Wagen möglichst zu schließen uns
nöthigte.
Als wir jedoch an den Punkt gelangten, wo der Wolfgangsee sichtbar
wurde, ließ das Wetter nach, und wir konnten den Wagen verlassen und,
die herrliche Aussicht genießend, den Berg herein zu Fuße gehen, ja
sogar die Mäntel von uns thun.