~der Schatzkammer des Benedictinerstiftes~ vorzunehmen, zu der uns
Pater Gregorius eingeladen hatte. Der Pater Thesaurarius führte uns
über einen langen Corridor, zu einer mit gewaltigem Schloß versehenen
Thür, nach deren Oeffnung wir über eine Treppe in den Raum gelangten,
welcher in mehreren Schränken den Stiftschatz enthielt. Zunächst
ward ein Schrank erschlossen, der ein großes silbernes, im 15.
Jahrhunderte in Augsburg gearbeitetes Tabernakel bewahrt; daneben waren
viele silberne Kreuze aufgestellt, sowie goldene, mit Edelsteinen
reichbesetzte Kelche des 17. Jahrhunderts. Bemerkenswerth war einer
derselben, der die Bilder von St. Vitus, Petrus und Benedictus trug und
im Jahre 1691 aus Waschgold gearbeitet war. Bei Weitem interessantere
Sachen bot der zweite Schrank dar, in welchem vorzugsweise die Infuln
aufbewahrt werden. Man sah dabei treffliche Stickereien aus dem 17.
Jahrhunderte, welche in den Frauenklöstern gefertigt wurden; einige
sind mit Edelsteinen besetzt, und eine, vom Jahre 1494, ist in Perlen
ausgeführt. Eine besondere bibliographische Merkwürdigkeit ist das
hier ebenfalls bewahrte sogenannte Manuale des heiligen Rupert, ein
mit der kleinsten Majuskel geschriebener Pergamentcodex von kaum
anderthalb Geviertzoll, ein Meisterstück der Schreibkunst, das einer
nähern Betrachtung wohl werth ist. Wir sahen hier ferner prachtvolle
Altarkreuze, die mit Rubinen, Saphiren, Amethysten, Türkisen und
Smaragden besetzt sind. Ein anderer Schrank bewahrte mehrere Abtstäbe,
deren Stiele aus Narwalzahn oder, wie man es früher nannte, aus
Eichhorn besteht; ihr Obertheil ist kunstreich aus Silber gearbeitet.
Einer der schönsten, ein ganz aus Silber gefertigter Abtstab von dem
Jahre 1487, war in dem gothischen Spitzbogenstyle überaus sauber
ausgeführt. Dabei sah man die Infuln und Casulen der Aebte des 6.
und 7. Jahrhunderts von Seide, die bekanntlich Jahrhunderte lang der
Zerstörung Trotz bietet. In einem kleineren Schranke befindet sich die
buntgemalte und bekleidete Büste des heiligen Vitalis, welche eine
reich mit Steinen besetzte Inful trägt. In der Brust war der einfache
silberne Kelch des Heiligen mit der Patena, welche folgende Inschrift
trägt: _GAVDEN̅T̅ IN VITA HENRICVS SIRYVS ET ITA._
In den übrigen blau angestrichenen Schränken war noch eine große Anzahl
von Monstranzen, Kreuzen, Heiligenbildern, Kelchen, Patenen, Leuchtern
von Silber aufgestellt. Alles war überaus nett und sauber gehalten,
auch die Zusammenstellung der Gegenstände mit Geschmack angeordnet.
Man sah eben, daß diese Schätze noch heute dem Leben angehören und zur
Verherrlichung des Gottesdienstes an den hohen Festen dienen.
Der Schatz des Domes von Halberstadt ist allerdings bei Weitem reicher
an eigentlichen Alterthümern, namentlich an alten Reliquienbehältnissen
in der Gestalt von Büsten, Aermen und Hörnern, an alten Meßgewändern
und Statuetten, dort werden aber diese Sachen seit dem 16. Jahrhundert
gar nicht mehr gebraucht und nur aus Pietät noch aufbewahrt und
als Alterthümer gezeigt. In den katholischen Ländern sind diese
Kirchengeräthe durch den Gebrauch seit jener Zeit mehr abgenutzt
worden. Sie mußten daher durch neue ergänzt und vermehrt werden. Daher
findet man in den Schatzkammern der katholischen Stiftskirchen bei
Weitem weniger Alterthümer als in denen der protestantisch gewordenen.
Dazu kommt aber auch, daß in den verhängnißvollen Zeiten des
30jährigen Krieges, der Regierung Josephs II. und der Revolutions- und
Napoleonkriege manches alte Stück, wenn es Metallwerth hatte, veräußert
werden mußte.
Wir nahmen von dem guten freundlichen Pater Gregorius herzlichen
Abschied und begaben uns zu Herrn Süß, der uns diesmal seine Medaillen
zu näherer Betrachtung darbot. Am interessantesten waren hier die
Arbeiten von Franz und Franz Xaver Matzenkopf, Vater und Sohn, Beides
hochfürstlich salzburgische Prägschneider und Medailleure.
Von hier begaben wir uns nach dem St. Johannesspital, um ~das römische
Bad~ in Augenschein zu nehmen, welches in einem der Höfe der Anstalt
vor einiger Zeit dadurch entdeckt wurde, daß ein Lastwagen das Pflaster
durchbrach. Das Bad gehört zu den vollkommen erhaltenen. Es besteht aus
einem Rundbau von 16 Fuß Höhe, zu dem 24 Stufen hinabführen, die in die
Wand eingelassen sind. Es hat 11 Fuß Durchmesser und ist ganz aus der
Sandsteinbreccie des Mönchberges aufgeführt. Der Badekessel hat vier
Fuß im Durchmesser, kann also ganz bequem umgangen werden. In der Wand
sind vier Nischen für die Aufbewahrung des Badegeräthes angebracht.
Das Wasser war in Folge der anhaltenden Regengüsse über den Kessel
herausgetreten, aber so klar, daß mein Begleiter erst die Anwesenheit
desselben merkte, als er den Fuß von der letzten Treppenstufe setzte
und den Kessel umgehen wollte.
Wir wanderten nun nach dem vor dem Sigismundthore befindlichen Platze,
wo die ~Viehausstellung~ veranstaltet war. In Folge der Regengüsse
war der Weg allerdings sehr übel zugerichtet, wir gelangten indessen
glücklich an die überbauten Stände, wo die Thiere des Landes in langen
Reihen aufgestellt waren.
Zunächst begaben wir uns zu den stattlichen Rindern, die gar zahlreich
vertreten waren. Es waren außerordentlich große und wohlgenährte
Thiere, dergleichen ich noch niemals gesehen. Sie standen gelassen
an den Stangen und schienen nicht recht zu begreifen, was denn die
vielen fremden Menschen hier vorhätten, die so theilnehmend ihre
breiten Stirnen und glatten Flanken streichelten und sie hätschelten.
Die Besitzer der Thiere, meist von Weib und Kind begleitet, standen
Auskunft gebend dabei; die meisten derselben kannten schon den Erfolg,
den ihre Mühe gehabt. Von da wandten wir uns den Reihen der Rosse zu,
unter denen Überaus starke und große Thiere vorhanden. Sie gehörten
meist der kräftigen Rasse des Pinzgau an, der überhaupt unter den Gauen
des Herzogthums Salzburg die meisten Pferde erzeugt. Das gesammte
Kronland hat 11596 Pferde, der Pinzgau allein 4294. Das Pinzgauer oder
norische Pferd ist unstreitig das ausgezeichnetste schwere Zugpferd
des österreichischen Kaiserthumes. Seine durchschnittliche Höhe ist
16-17 Faust, und schon der Jährling mißt 14 Faust. Eigenthümlich ist
demselben ein voluminöser, starker, reiner Knochenbau, eine meist
dunkle Farbe, die Decke mit mächtiger Haarbildung an dem Scheitel,
Kamm, Schweif und der Köthe, ein mäßig schwerer Gerader- oder
Schlegelkopf, breite Gamasche und Kehlgang, ein breiter abgerundeter
Kamm, ein breiter, kurzer Hals, bei dem Hengste nicht selten Speckhals,
ein hoher abgerundeter Widerrüst, eine sehr breite, markirte Brust,
ein tonnenförmiger, etwas gesenkter Rumpf, eine breite, massenhafte,
gespaltene Kruppe, eine breite, schiefgelagerte Schulter mit gerade
abfallenden Vorderfüßen, die Hinterfüße im Sprunggelenk etwas stark
gebeugt, kurze Fessel, große, flache Hufe. Mit diesen Worten ist das
Pinzgauer Pferd in dem Festalbum der 14. Versammlung deutscher Land-
und Forstwirthe geschildert, nächstdem aber auch daselbst auf zwei
Tafeln charakteristisch abgebildet. Uns ergötzten namentlich die
ebenfalls ausgestellten Fohlen, die über die vielen fremden Menschen
sich zu freuen schienen und durch allerlei höchst ergötzliche und
anmuthige Geberden ihre Verwunderung ausdrückten.
Von den übrigen Zugthieren bemerkten wir wenige, allerdings sehr große
Schafe mit hängenden Ohren, einen stattlichen, der Hörner jedoch
entbehrenden, weißen Ziegenbock und drei gewaltige Schweine.
Die Feierlichkeit der Preisvertheilung warteten wir nicht ab, sondern
zogen es vor, die regenfreie Abendstunde zu einer näheren Betrachtung
des stattlichen Sigismundthores und der Straßen zu benutzen. Unser
Aufenthalt ging ja seinem Ende zu, und wir waren daher bemüht,
durch immer wiederholten Besuch des Domes, der andern Kirchen, der
öffentlichen Plätze, der Brücke die köstlichen Bilder uns möglichst
fest einzuprägen. Es giebt in der That wenige Städte in Deutschland,
die so schöne, anständige, ja vornehme öffentliche Plätze haben, wie
eben Salzburg. Der Glanzpunkt der Stadt bleibt aber unstreitig der Dom
mit den ihn umgebenden Palästen, Arkaden, Brunnen und Statuen. Minder
imposant ist der eigentliche Marktplatz, der verhältnißmäßig schmal
ist. Auch die zwischen demselben und dem Rathhause gelegenen Gassen
sind meist eng und wegen der hohen Häuser düster. So die Getreidegasse,
wo wir nicht weit von Mozart’s Geburtshaus zu wohnen die Ehre hatten.
Indessen haben die früheren Fürsten auch diesen Uebelstand dadurch zu
mildern gewußt, daß sie von der Getreidegasse aus zwei ansehnliche nach
der Salzach mündende Pforten anbrachten. Auf der gegenüberliegenden
Seite sind, von dem sogenannten Platzl ausgehend, ebenfalls meist
enge Straßen, namentlich die am Capuzinerberge hingestreckte Gasse
zum Steinthor. Allein diesen enggedrängten Kern umgiebt bis zum Fuße
des Mönchsberges eine stattliche Kette von Palästen, unter denen das
Collegiumsgebäude der ehemaligen Universität mit seiner schönen Kirche,
der Marstall, die Reitbahn, das Urselinerinnenstift, St. Peters-Stift
und die Residenz die hervorragendsten sind. Am rechten Ufer der
Salzach ist Mirabella der Haltpunkt schöner Bauten und umfangreicher
Plätze. Auch die Thore der Stadt tragen zur Zierde derselben bei,
da die Erbauer, die prachtliebenden und wohlhabenden Erzbischöfe,
jede Gelegenheit benutzten, ihre Residenz würdig auszuschmücken,
darin aber durch das treffliche Baumaterial unterstützt wurden,
welches die nächste Umgegend darbietet. Nur eins ist mir bis jetzt
noch unbegreiflich, nämlich daß keiner dieser Kirchenfürsten auf den
Gedanken gekommen, die Holzbrücke der Salzach mit einer steinernen zu
vertauschen. Den Grund suche ich in der Schwierigkeit der Wasserbauten
in einem so reißenden Gewässer, wie das der Salzach ist. Dies scheint
mir aber auch der einzige Mangel der übrigens in so reichem Schmucke
prangenden Stadt.
Nächstdem fällt es auf, daß in einer so alten Stadt wie Salzburg
gar keine gothischen Gebäude zu finden sind. Die byzantinische
Pforte der Peterskirche, die wenigen Säulen in dem Kreuzgange des
Stiftes, die kleine Kreuzkapelle auf dem Kirchhofe, ein Theil der
Franziskanerkirche, das ist nebst der Augustinerkirche so ziemlich
Alles, was von alter Architektur übrig ist. Der Grund dieser
Erscheinung liegt auch hier darin, daß die Architektur dem Leben und
dem Bedürfnisse nicht entfremdet worden ist. Das Baufällige wurde
abgetragen und durch Neues und Frisches ergänzt. Jedes Zeitalter, jedes
Individuum strebte darnach, auch von seiner Thätigkeit, von seinem
Leben ein Denkmal zu hinterlassen. Und so ist es denn gekommen, daß
in Salzburg, wie in den meisten österreichischen Stiftern die alte
Zeit von der neueren überwuchert und überwachsen ist. Dem Freunde der
Alterthümer dient dabei zum Troste, daß die alten, durch Brand oder
sonstige Anlässe zerstörten Gebäude nicht eben sehr kunstreich gewesen
seyn mögen. Wahrhaft schöne Gebäude, wie die Pforte zu St. Peter, die
der Erhaltung werth waren, sind doch gerettet und sorgfältig erhalten.
Wir gelangten endlich zu dem gewöhnlichen Ziele unserer abendlichen
Wanderung, dem St. Petersstiftskeller, wo wir Landsleute fanden und
die Bekanntschaft des Chorvicarius, Herrn Eitzenberger’s, machten, der
durch seine musikalischen Studien und als Kenner und Pfleger der alten
Musik bekannt ist.
Sonnabend, den 6. September, erhoben wir uns bei Zeiten, nachdem wir
bereits am Abend vorher unsere Reisetaschen in Ordnung gebracht. Unser
Erstes war eine Betrachtung des Himmels. Ein mattes Blau schimmerte
durch die Wolken und erregte in uns eine schwache Hoffnung auf einen
wenigstens regenarmen Tag. Wir wollten Hallein und den Dürrenberg
besuchen.
Wir begaben uns also noch vor sechs Uhr nach dem Gasthofe zum Erzherzog
Karl, wo wir bereits am gestrigen Abend uns Plätze in dem Stellwagen
gelöst hatten. Wir waren eher auf dem Platze als der Wagen. Nach uns
erschienen auch andere Leute, die gleiche Absicht mit uns hatten.
Wir vertrieben uns die Zeit mit Betrachtung des Himmels, an welchem
allgemach die vorher blau schimmernden Stellen abermals ergraut waren.
Auch andere Reisebeflissene theilten unsere Befürchtungen, daß es heute
aufs Neue regnen werde. Wir waren indessen mit Mänteln versehen und
auf Alles gefaßt. Wir wollten in das Innere des Dürrenberges, und dazu
taugt jede Art von Wetter.
Endlich erschien der Stellwagen, man stieg ein, und das Fahrzeug
bewegte sich vorwärts. Unser Gefährte war ein Kreisphysikus aus
Rattstadt, der die Versammlung der Landwirthe besucht hatte und
die chemischen Feldpredigten des Professors Stöckhardt in Tharandt
dankbar rühmte, dagegen noch entrüstet war über die Behandlung, die
er in dem Gasthofe hatte erdulden müssen. Er schilderte in ergötzlich
humoristischer Weise den Zustand seines Zimmers, seiner Betten, der
Bedienung und war namentlich darüber empört, daß ihm der Wirth anstatt
einer gehörigen Rechnung einen Fetzen Papier übersendet, auf welchem
die Totalsumme des Betrags mit Bleistift gekritzelt war.
Mittlerweile waren wir ein Stück vorwärts gekommen, und zu unserem
freudigen Erstaunen brach sich jetzt die Sonne Bahn durch die Wolken.
Ein geistlicher Herr, ein Dechant, bemerkte in höchst gemüthlicher
Weise, daß seine Hoffnung auf einen heitern Tag sich wohl erfüllen und
seine Wanderung ins Gebirge einen glücklichen Verlauf haben werde. Und
in der That, die Sonne räumte diesmal siegreich den Himmel auf, die
fernen Berge erglänzten in ihrem Scheine. Der geistliche Herr und der
Kreisphysikus gaben uns den Rath, das gute Wetter zu einem weiteren
Ausfluge zu benutzen und wenigstens bis Golling mitzufahren. Wir waren
dazu leicht bewegt.
Unsere Reisekollegen machten uns nun auf die interessanten Punkte,
an denen wir vorüber kamen, aufmerksam, nannten uns die Namen der
Ortschaften und Berge und erwiesen sich als ebenso freundliche als
wohlunterrichtete Männer. Wir tauschten Notizen über den Süden und
den Norden aus. Die Rede kam auch auf den Mangel an baarem Gelde,
der jetzt in den österreichischen Landen so manche Verlegenheit
und Klage herbeiführt. Ich sprach meine Ueberzeugung aus, daß ein
Staat von dem Umfange des Kaiserreichs, dem so ungeheuere, ja zur
Zeit noch unermessene Hilfsmittel zu Gebote stehen, der auch in den
letztvergangenen Jahren so Außerordentliches geleistet, über eine
derartige zeitweilige Verlegenheit gar bald hinwegkommen werde. Ich
erinnerte an den sicher begründeten Wohlstand des österreichischen
Landmannes, die noch unaufgeschlossenen Schätze Ungarns und Kroatiens,
und auch an das alte Emblem des Reiches: _A. E. I. O. U. Austriae est
Imperium orbis universi_, alles Erdreich ist Oesterreich unterthan;
_Aquila Electa Justo Omnia Vincit_, aller Ehren ist Oesterreich voll.
Auch von diesen Männern vernahmen wir das Lob des Erzherzogs Johann,
dem das Hochland soviel verdankt.
Mittlerweile gelangten wir nach dem Städtchen ~Hallein~, wo im Gasthofe
zum grünen Baum angehalten und ausgestiegen, auch der Wagen gewechselt
wurde. In der gewölbten Gaststube war unter einem Glaskasten das
niedlich gearbeitete Modell eines vierspännigen Frachtwagens frei
von der Decke schwebend aufgehängt. Dem Gasthofe gegenüber war eine
Schmiede, wo zwei gewaltigen Pinzgauer Rossen namhafte Quantitäten Blut
abgezapft wurden. Auf meine Frage erklärte mir der Kreisphysikus, daß
man im ganzen Gebirge den Pferden alljährlich drei- bis viermal zur
Ader lasse und der Ansicht sey, eine Unterlassung dieser Maßregel habe
unfehlbar Krankheit und Tod der Thiere zur Folge. Er selbst, hier nicht
heimisch, habe sich vergebens diesem Verfahren widersetzt. Jedoch sey
es allerdings möglich, daß die Sitte ihren Grund in der Erfahrung habe,
und daß die überaus saftigen und würzreichen Kräuter des Gebirges in
den Thieren eine Ueberfülle von Säften erzeugen, welcher auf diese Art
abgeholfen werde.
Wir stiegen nun in den Wagen und fuhren in dem Thale der Salzach weiter
durch eine köstliche, reich angebaute Gegend. Bei dem Dorfe Kuchel
treten die Berge näher zusammen, und bei Golling scheint sich das ganze
Thal zu schließen. Hier stiegen wir ab und nahmen in der Gaststube der
K. K. Post ein Frühstück ein, um uns zu der Fußwanderung nach dem Paß
Lueg zu stärken. Wir fanden hier den Bergverwalter des Kupferwerkes von
Mühlbach, der uns interessante Mittheilungen über die dort gefundenen
vorrömischen, bergmännischen Alterthümer machte. Man fand einen
Schlägel aus Granit von etwa 5 Zoll Länge, in der Mitte für den Stiel
durchbohrt, und einen vierkantigen Keil aus Bronze. Das Werk ist sehr
ergiebig. Leider war es uns unmöglich, der freundlichen Einladung des
neuen Bekannten Folge zu leisten und ihn in dem Gebirge zu besuchen.
Wir machten uns nun auf den Weg nach ~den Oefen~, welcher in dem sich
immer mehr verengenden Thale hinzieht und allgemach bergan steigt.
Nicht weit von dem Ziele fanden wir einen blinden Mann am Wege, der uns
seinen fünfjährigen Sohn als Führer anbot. Wir folgten dem munteren
Knaben, der mit der Behendigkeit einer Meerkatze uns den schmalen
Nebenpfad vorauslief, bald auf dem Kopfe stand, bald Räder schlug
und sonst allerlei Possen trieb. Sein Dialekt war uns jedoch kaum
verständlich.
Wir vernahmen jetzt ein donnerartiges Gebrause, welches uns die
Nähe der sogenannten Oefen verkündete, und standen bald zwischen
engen Felsen, unter denen in namhafter Tiefe die hellgrüne Fluth
der Salzach sich schäumend hindurchwürgte. Das Wasser hat hier das
Gebirge mit allmäliger Gewalt durchbrochen, indem es die weicheren
Theile der Felsen ausgewaschen, wie man deutlich an mehreren Stellen
beobachten kann. Das Ganze bietet mit der überaus üppigen Vegetation
einen wildromantischen Anblick dar, und wir stiegen so lange in den
Felsenklüften umher, bis andere nachkommende Reisende unsere Einsamkeit
störten. Es sind aber derartige heilige Werkstätten der Natur für mich
niemals in größerer Gesellschaft genießbar gewesen.
Wir folgten nun unserem Führer, der seine Possen aufs Neue begann,
bergaufwärts und gelangten so auf einen Punkt, der eine prachtvolle
Ansicht des berühmten ~Passes Lueg~ darbietet. Das Thal verengt sich
hier noch mehr, und daselbst ist denn auch, hoch über der Straße, ein
Blockhaus angebracht. Von hier senkt sich die Straße, die nach Werfen
führt.
An den Felsen der Oefen hatten wir ebenfalls den Namen _KYSELACK_, den
wir auch bei Ischl bemerkt, gefunden.
Wir wandten uns nun in Gesellschaft der Reisenden zum Rückweg, nachdem
wir Blumen aus diesem südlichsten Punkte unserer Wanderung gesammelt
hatten. Namentlich erfreuten uns die prachtvoll blau blühenden
Genzianen von bisher nicht gesehener Größe. Unseren possirlichen Führer
stellten wir wohlbehalten seinem Vater wieder zu.
Da bis zur Abfahrt des Stellwagens nach Hallein noch Zeit übrig war,
so schlenderten wir im Dorfe ~Golling~ umher, dessen breite Gasse von
gar stattlichen Häusern mit gewaltigen Holzdächern gebildet wird. Wir
lasen die Inschriften an den Häusern, betrachteten die eigenthümlichen
Anstalten an den Wagner- und Schmiedehäusern, welche die Leute uns
bereitwillig erklärten. In der Gegend ist es Sitte, anstatt der
Wetterfahnen große aus Blech geschnittene Pfauen auf den Giebeln der
Häuser anzubringen. In der Tracht der Landleute bemerkt man, daß die
langen Pantalons an die Stelle der kurzen Lederhosen treten; übrigens
finden sich hier noch die kurze dunkle Jacke, der breitkrämpige spitze
Hut mit Blumen, Quaste oder Gemsbart und das bunte, lose um den Hals
geschlungene Halstuch von Seide.
Jetzt kam der Stellwagen, wir stiegen mit mehreren Landleuten ein
und rollten auf der trefflichen Straße dem anmuthigen Dorfe ~Kuchel~
entgegen. Hier stieg ein Landmann ein, der alsbald durch seine
fröhliche Laune seine anwesenden und auf der Straße vorübergehenden
Landsleute, worunter eine nette junge Frau, belebte.
Hinter uns lag im Abendscheine das herrliche Gebirge, dessen
schneebedeckte Gipfel weiß herüberglänzten, vor uns der näher
herantretende bewaldete Bergzug, aus welchem hie und da obeliskenartige
Felsen grauweiß emporragen. Zur Seite strömte die Salzach, die als
Holzflöße benutzt wird. Vor Hallein ist ein sehr umfangreicher Rechen
angebracht, der durch mehrere Brücken verbunden ist. Auch sieht man
große Holzvorräthe aufgestapelt, da die Siedereien täglich mehrere
Klaftern Holz in Anspruch nehmen.
Das Städtchen ~Hallein~ nimmt sich aus der Ferne gar malerisch aus, da
es sich an dem linken Ufer der Salzach den Berg hinanzieht. Die weißen
Dämpfe der Siedehäuser steigen über die Dächer empor.
Der Wagen hielt abermals vor dem stattlichen Gasthofe zum grünen
Baume, und die Frau Wirthin empfing uns mit österreichischer
Herzlichkeit, wie alte Bekannte, obschon wir am Morgen nur wenige
Worte mit ihr gewechselt hatten. Es war eine überaus saubere, nette
Frau von ansehnlichem Umfange, aber äußerst anständigen und graciösen
Bewegungen. Ihr fast antikes Gesicht hatte die zarte Farbe von Milch
und Blut, aus den blauen Augen sprachen klarer Verstand und ruhige
Umsicht. Im Hause sah man sie überall früh und spät. Sie war aufmerksam
auf Alles, sah überall selbst nach, ohne Rast und ohne Hast. Sie
führte uns über die neuen, reinlichen Treppen in das zweite Gestock,
wo sie uns ein Zimmer mit zwei sauberen Betten anwies. Der Gasthof
war im vorigen Jahre zur Hälfte abgebrannt. Sie klagte nicht darüber,
erzählte aber, daß der Neubau ihr an 10,000 Gulden gekostet. Indeß
freute sie sich dieses Neubaues und führte uns, da wir Interesse an
der Sache zu erkennen gaben, darin umher, zeigte mit Behagen die
neuen Zimmer und Räumlichkeiten und erklärte uns den Plan des Ganzen.
Wir bestellten uns nun zunächst ein Abendbrot und erhielten gar bald
eine jener österreichischen Suppen, deren Oberfläche mit Scheiben von
Salami geschmückt ist und die so nahrhaft als wohlschmeckend sind. Dann
folgte ein saftiges Rostbratl, dem als munterer Begleiter ein milder
Grinzinger beigegeben war.
Nachdem wir nach Kräften unsere Pflicht der Ernährung erfüllt zu
haben glaubten, begaben wir uns herunter und wanderten in den Gassen
der Stadt umher, traten auch in eines der Siedehäuser, wo das Salz
in großen offenen Pfannen bearbeitet wird. Ich ergötzte mich an den
seltsamen Lichtern, die aus den Feuerstätten fantastisch in die
abenteuerlichen Räume streiften. Wir gingen dann nach der Salzach
und betrachteten den großartigen Rechen näher. Es ist ein überaus
ausgedehntes Werk, umgeben von geräumigen, zur Aufschichtung der
Holzvorräthe nothwendigen Plätzen, Wächterhäusern und Schoppen, wo die
Hölzer geduldig ihrer Verklärung durch die Flamme harren müssen. Wir
stiegen ungehindert in den Stegen und Brücken umher und freuten uns
des tosenden Wehres, wo die Salzach ihre schäumenden Fluthen hinabgoß.
Diese zusammengeschichteten Holzscheite kommen mir immer wie die in
den Canzleien und Expeditionen des modernen christlichen Westeuropa
zusammengepferchten Staatsdiener vor, die auf Avancement dienen. Man
zieht einen nach dem andern, je nach der Anciennetät, heraus und legt
ihn auf einen anderen Haufen zu anderen, bis auch sein Tag gekommen.