Als wir am Morgen des 2. Septembers erwachten, vernahmen wir das

Getropfe eines gründlichen Regens, der die rothmarmornen Fensterwände

unseres Zimmers in erhöhte Farbe und besonderen Glanz setzte. Ein Blick

in die Straße zeigte zahlreiche Regenschirme und ebenfalls rothmarmorne

wassergefüllte Rinnsteine. Wir wußten nun freilich, daß die Stadt und

Umgegend von Salzburg im Laufe des Jahres in der Regel nur achtzehn

vollkommen regenfreie Tage habe, und daß der heutige Tag nicht unter

diese Zahl gehören werde, zeigte schon der flüchtigste Blick auf den

mit dichten Wolken bezogenen Himmel. Ich ließ daher Regenschirme

herbeibringen und kaufte einen derselben zu heutigem und künftigem

Gebrauche an.

So ausgerüstet begab ich mich nach dem Hôtel des Herrn Erzherzogs,

konnte jedoch nicht die Ehre haben, demselben vorgestellt zu werden,

da er bereits in eine Deputationsitzung sich begeben. Ich holte mir

deshalb meinen Gefährten, und wir schritten dem Dome abermals zu,

diesmal dem Inneren eine genauere Betrachtung widmend. Die Altargemälde

von Mascagni, Screta, Sandrart und Schönfeld sind tüchtige Arbeiten von

großem Umfange und vorzüglicher Erhaltung, denen jedoch eine günstige

Beleuchtung abgeht. Von Mascagni, einem Servitenmönch aus Toscana,

der 1636 in seiner Heimath starb, sind auch die großen Fresken im

Schiff und Chor, während sein Schüler Solari die kleineren gemalt hat.

Wir aber gelangten im Dom von Salzburg nie recht zu dem behaglichen

Genuß des Einzelnen, da die Großartigkeit des ganzen Gebäudes, das

prachtvolle Tonnengewölbe des Schiffes, die emporstrebende Kuppel, die

riesigen Pfeiler den Blick an sich zogen.

Unter strömendem Regen schritten wir sodann der ~Benediktinerabtei St.

Peter~ zu, in deren stattlichem Hofe die Façade der Kirche und der

mit der Marmorstatue des Apostels geschmückte Brunnen zunächst unsere

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Das Peterstift ist durchgängig in

neuerem Style gebaut und in den Jahren 1657 bis 1754 hergestellt. Es

besteht aus einfachen, langhingestreckten Gebäuden ohne besonderen

Schmuck. Desto angenehmer war die Ueberraschung, als wir in das

Portal der Peterskirche traten. Wir standen vor einer Pforte, die aus

abwechselnden Schichten von rothem und weißem Marmor, in der Art des

Doms von Siena und Como, erbaut ist. Die Pforte ist ein Rundbogen

mit prächtig ausgearbeiteten Capitälen. Ein oben in das Halbrund

eintretendes Relief zeigt den Heiland auf dem Throne, neben welchem die

Apostel Petrus und Paulus in dem älteren, an die Antike streifenden

Styl knieen. Ein kunstvoll gearbeitetes Gitter trennte uns von dem

reich in Gold und Farben strahlenden Innern der Kirche.

Eine alte, kleine Frau redete uns an und erbot sich, uns den ~Kirchhof~

zu zeigen; wir folgten ihr durch einen Thorweg und sahen ein überaus

reiches Feld von Grabsteinen und Denkmalen vor uns, in deren Mitte eine

kleine, im gothischen Style erbaute Capelle vom Jahre 1485 sich erhebt.

Dies ist die Stätte, wo der heilige Rupert seinen Sitz aufschlug; sie

ist der heiligen Margarethe gewidmet.

Zur Rechten erhebt sich dicht neben dem Kirchhofe der steile Felsen des

Mönchsberges, in dessen Breccie die Wohnstätten der ältesten Christen

eingemeißelt waren. Sie erlitten im Jahre 477 unter dem heiligen

Maximus den Märtyrertod durch die Heruler, die das alte Juvavia der

Erde gleich machten.

Wir begaben uns zunächst nach der rechts am Felsen gelegenen Nische,

in welcher ein hohes Crucifix errichtet ist und welche den Anfang

einer langen, den Kirchhof umschließenden Arkadenreihe bildet, in

welcher sich Denkmal an Denkmal anreihet. Alle diese bedeckten

Grabstätten waren vortrefflich gehalten und die meisten mit frischen

Blumen geschmückt. Man sah hier viele in Oel gemalte Portraits, Scenen

aus dem Leben der Heiligen, Büsten, Denksteine in den verschiedenen

Manieren der letzten drei Jahrhunderte. Unter diesen zeichnet sich

das von L. Schwanthaler aus weißem Marmor gefertigte Denkmal einer

polnischen Gräfin aus. Nicht minder reich ist der unbedeckte Theil

des Kirchhofes, der eine sehr vollständige Geschichte der Denkmäler

seit dem Ende des 15. Jahrhunderts darbietet. Auf den meisten Gräbern

sieht man kleine Weihkessel aus rothem Marmor, meist einfach runde

Schalen. Andere bilden herzförmige Gefäße. Ein Kessel hat die Gestalt

eines Todtenschädels. Auf vielen Gräbern erblickt man Kreuze mit der

bunt in Oel gemalten Gestalt des Heilandes. Doch finden sich auch hier

Büsten und Statuen, meist in Marmor. Der unablässig strömende Regen

zwang uns endlich zum Rückzuge. Unsere Führerin, die wir jedoch nur

bei angestrengter Aufmerksamkeit verstanden, erfreute uns noch mit der

tröstlichen Nachricht, daß nahe dem Kirchhofthor der Eingang zu dem

Stiftskeller sich befände, wo wir eine Erquickung finden würden.

Wir folgten dieser Weisung und tappten durch die finstere Pforte in ein

kleines Parterrezimmer, aus welchem uns lieblicher Duft von Gebratenem

und Wein entgegenwehete. Wir fanden in einem Geistlichen aus Mähren und

zwei Nürnbergern erheiternde Gesellschafter.

Indessen so gemüthlich und behaglich der Aufenthalt in diesen überaus

bescheidenen Räumen war -- wir mußten scheiden, und ich begab mich

in das stattliche Collegiumgebäude, wo die Versammlung unter dem

Vorsitze Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit des Herrn Erzherzogs öffentliche

Sitzung halten sollte. Der Saal war reich und geschmackvoll in Roth

und Gold ausgeschmückt. Dem Vorsitzenden war eine Tribüne bereitet.

Der durchlauchtigste Präsident, wie alle Anwesende, im Paletot, war

bereits erschienen und im Gespräch mit den Beamten begriffen. Ich fand

unter den Anwesenden viele Landsleute und Freunde aus Sachsen, die sich

durchgehends in bitteren Klagen über das entsetzliche Wetter ergossen.

Endlich wurde Platz genommen und die Sitzung von dem Präsidenten

eröffnet. Es folgten nun mehrere interessante Vorträge, die namentlich

das Forstwesen zum Gegenstande hatten, eine lebhafte Besprechung

veranlaßten und bis gegen zwei Uhr währten. Dann trennte man sich,

nachdem ich noch das Festgeschenk in Empfang genommen, das durch

gediegenen Inhalt und geschmackvolle Ausstattung sich auszeichnet.

Ich begab mich dann mit meinem Gefährten in das Gasthaus zum

Erzherzog Karl. In einem der Säle war ein Diner arrangirt. Wir fanden

jedoch keine Bekannten und wurden demnach nicht gestört in unseren

Betrachtungen, zu denen Gäste, Wirth und Kellner den erquicklichsten

und reichsten Stoff darboten. Wir ergötzten uns namentlich an den

im Trabe aufmarschirenden, wohlfrisirten und mit weißen Halsbinden

festlich geschmückten Kellnern, hinter denen der stattliche Wirth mit

rothem Gesicht und funkelnden Augen wie ein drohender Dämon einherlief,

hier ordnend, dort tadelnd, überall nachsehend, nichts unbeachtet

lassend. Nicht minder erfreulich waren die bald hie, bald da im Sale

sich erhebenden Stimmen der Gäste, das Geklirr der Messer und Gabeln,

das Gläserklingen, das Knallen der Pfropfe und das ganze, tolle

Durcheinander.

Endlich war das letzte Gericht bezwungen, das letzte Glas geleert,

und der Kellner, wenn auch nicht mit klingender Münze, bezahlt

worden. Wir gingen nun abermals in den Dom, der stets eine

unwiderstehliche Anziehungskraft für uns hatte, und von da aus nach

dem Benediktinerstift. Die Peterskirche fanden wir geöffnet und einen

Führer, der uns auf die Einzelheiten des reich geschmückten Innern

aufmerksam machte. Wir treten durch die bereits erwähnte byzantinische

Marmorpforte ein. Um das Relief läuft folgende Inschrift:

_IANVA SVM VITAE . SALVANDI QVIQVE VENITE.

PER ME TRANSITE . VIA NON EST ALTERA VITAE._

Die Kirche ist 200 Fuß lang und 75 Fuß breit, bei verhältnißmäßiger

Höhe. Das Ganze mit 16 Altären aus rothem Marmor und den Altarbildern

von Sylvester Bauer, N. Streicher, Fackler und dem in Norddeutschland

fast unbekannten Kremser Schmidt, reichen ornamentalen Sculpturen

und Vergoldungen macht einen Eindruck, der von dem, welchen der Dom

hervorbringt, gänzlich verschieden ist und den ich kaum anders als

durch ein Gleichniß auszudrücken vermag. Stellen wir uns beide Gebäude

als Personificationen einer Gottheit nach der individualisirenden

Ansicht des Heidenthums vor, so ist der Dom eine außerordentlich

erhabene Gottheit auf unerreichbar hohem Throne, das Haupt in den

Wolken bergend, die Hände in betrachtender Ruhe auf der Brust gefaltet.

Die Stiftskirche zu St. Peter aber repräsentirt die Gottheit, die, von

ihrem Throne herabgestiegen, unter den Menschen sich niederläßt und

ihnen mit liebreichem Blick die helfenden Hände mild und freundlich

zur dankbaren Verehrung darbietet und es sich gefallen läßt, daß sie

dieselben küssen, daß sie ihr Haupt mit Blumen, ihre Schultern mit

Prachtgewändern, ihre Arme mit Schmuck verzieren, die aber auch nicht

die bunten Feldblumen, die kleinen Kerzen der Armuth von sich weiset.

Im Dome sahen wir die Beter meist an der Eingangspforte oder in den

Betstühlen, aber nie in solcher Anzahl knieen, wie vor den Altären von

St. Peter und den anderen, in gleichem Style geschmückten Kirchen. Es

ist allerdings wahr, daß diese Kirchen den Kunstfreunden, die an den

griechischen oder den reingothischen Styl gewöhnt sind, durchaus für

geschmacklos gelten, daß die weiß glasirten Wolken, die lebensfrischen,

oft schelmischen Engel, die auf denselben lustig sich tummeln und mit

den Marterwerkzeugen der Heiligen kindische Spiele treiben, die oft in

weltlicher Schönheit erblühenden und rosig lächelnden Madonnen, die

vornehm, aber gnädig blickenden Bischöfe und Aebte, die ritterlichen

heiligen Helden St. Georg und Moritz, die glänzenden Farben ihrer

Gewänder, namentlich das metallglänzende Roth, Blau und Grün an den

reichverzierten Säulen einem norddeutschen Rationalisten, der Schuld

und Verdienst entweder mit dem Apothekergewicht abmißt oder keines von

beiden anerkennt, gar seltsam vorkommen mögen. Wer aber es gesehen hat,

wie in später Abendstunde greise Männer, wie würdige Matronen, Männer

in der Blüthe der Kraft, wie zarte Jungfrauen, elegante Jünglinge,

wie lebensfrische Knaben vor diesen Altären knieen und in stiller

Andacht ihre Bitten, wie ihren Dank dem Unsterblichen darbringen, der

begreift am Ende wohl die Fülle von Farben und Schmuck jeder Art, die

diesen Gotteshäusern eigenthümlich sind. Dieser Schmuck aber ist ein

Ausfluß der Fülle des reichen Gemüthes, der Liebe und des Wohlwollens,

das schon in den weichen Dialekten des Oesterreichers so wohlthätig

sich uns kund giebt. Ich möchte diesen Kirchenstyl vorzugsweise den

österreichischen nennen, der mit allen übrigen Culturerscheinungen

dieses reichbegabten Landes in Einklang steht.

Wir wendeten unsere Aufmerksamkeit den Einzelheiten zu, den großen

Wandgemälden von C. Schwarz und Solari mit reicher Scenerie und

kräftiger Färbung, dem im 15. Jahrhundert errichteten Grabe des

heiligen Rupertus, vor Allem aber einem schönen Madonnenbilde in

blauem, mit goldenen Lilien besäeten Kleide, das gewiß dem 15.

Jahrhundert angehört. An Grabdenkmalen zeichnet sich das des genialen

Michael Haydn aus, das seine Freunde ihm setzten. Interessant ist

die aus rothem Marmor errichtete Tumba des Vaters des unglücklichen

Bischofs Wolf Dietrich. Sie trägt die Inschrift: »Hier liegt begraben

der edl und gestreng Herr, Herr Johann Werner von Reithenau zu

Langenstein, Ritter und Landsknechtoberster, welcher da starb in

Crobaten wider den Erbfeind, als man zalt 1593 Jahr.«

Wir hatten nun die Absicht, die Büchersammlung des Stiftes in

Augenschein zu nehmen, allein die Zeit war schon zu weit vorgerückt,

und der Vorsteher derselben bereits ausgegangen.

Wir begaben uns daher nach Hause, nahmen Mantel und Mütze und

schritten über die Brücke dem Capuzinerberge zu, der ehedem wegen

seines Reichthums an Bienen der Imberg genannt wurde. Der Berg,

Kalkfels, senkt sich nach der Salzach zu steil ab; er ist mit Buchen

und Lerchenbäumen besetzt. Auf einer hölzernen Stiege gelangt man an

die Stationen, unter denen der Calvarienberg von Franz Hitzl sich

durch edle Haltung auszeichnet. Wir schritten sodann durch den, heute

freilich regentriefenden Buchenhain dem Gipfel des Berges zu und

gelangten so, wieder abwärts steigend, zu dem Francisci-Schlössel,

welches Erzbischof Paris von Lodron im Jahre 1629 zum Schutze der

Stadt angelegt hat. Es ist eine kleine, nette, am steilen Abhange

gelegene Citadelle, in die wir eintraten. Wir fanden in der Wirthstube

freundliche Aufnahme und Bewirthung mit österreichischem Wein und

hatten von hier aus Gelegenheit, dem Treiben der Wolken gemächlich

zuzuschauen, die an dem Gaisberge und in dem Salzachthale die

seltsamsten Gestalten bildeten. Namentlich zog sich am Gaisberge eine

Wolkenmasse hin, die vollkommen einer dichten Tafel Baumwollenwatte

glich, an der von unsichtbaren Händen lange Zipfel bald abgezogen und

ausgedehnt, bald wieder angefügt wurden. Um das Haupt des Unterberges

fanden ähnliche Spiele statt, die, nimmer rastend, jeden Augenblick

andere Formen hervorbrachten.

Im Regen, wie wir gekommen, schieden wir auch von dieser Höhe und

trafen im Dunkel in unserer Wohnung ein. Die Mäntel wurden aufgehängt,

die Kleider gewechselt, und wir begaben uns auf das nahegelegene

Rathhaus, wo allabendlich die Mitglieder der Versammlung zusammenkamen.

Wir hatten das Glück, Seine K. K. Hoheit den Erzherzog hier zu finden

und uns ihm vorstellen zu dürfen. Der Erzherzog ist eine jener

kräftigen, mittelgroßen Gestalten, die das Alter nicht zu beugen

vermag, von gerader, fester Haltung. Seine ernsten Gesichtszüge zeigen

Wohlwollen und tiefen Verstand. Sie sind vorzüglich glücklich und treu

in dem Bilde wiedergegeben, das vor dem Album der 14. Versammlung sich

findet. Die Bewegungen des Prinzen sind einfach und ungezwungen. Im

Gespräch zeigte er eine gründliche Kenntniß des sächsischen Bergbaues,

und seine Mittheilungen über den österreichischen, namentlich über die

steier’schen Eisenwerke und den Gasteiner Goldbergbau, waren uns sehr

belehrend.

Die sehr vorgeschrittene Zeit und die auf die Bergwanderung folgende

Müdigkeit mahnten an den Heimweg.

Gestärkt von dem ununterbrochenen Schlafe begaben wir uns Mittwoch am

3. September bei Zeiten abermals in das Benediktinerstift St. Peter.

Wir schritten den mit byzantinischen Säulen und einigen Heiligenbildern

verzierten Kreuzgang entlang und stiegen dann die stattliche Treppe

hinan bis an die Thür, welche die Inschrift: _P. GREGORIVS_ trug. Der

Diener, der uns empfangen, öffnete, und uns nahm der Bibliothekar des

Stiftes Herr Pater Gregorius Ramer mit kollegialischer Herzlichkeit

auf. Er trug den langen schwarzen, mit gleichfarbiger Binde gegürteten

Talar und das Scapulier, welches Rücken und Brust bedeckte. Er führte

uns sogleich in die ~Bibliothek~, die in sieben hinter einander

liegenden ansehnlichen Zimmern, Kammern, mit gemalten Decken,

aufgestellt ist. Drei Seiten jedes Zimmers enthalten die bis an die

Decke reichenden Repositorien, die Fensterseite ist mit Tischen zum

Auflegen der Bücher versehen. Der College zeigte uns zunächst die

Handschriften, die allerdings meist theologischen Inhalts sind.

Vorerst nahm eine wohlerhaltene Vulgata aus dem 12. Jahrhundert unsere

Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie besteht aus sechs Bänden. Dann sahen

wir ein Evangelium des 11. Jahrhunderts mit reichen Miniaturen. Der

Glanzpunkt der Bibliothek ist jedoch ein Antiphonarium, welches dem

10. Jahrhundert angehört und mit trefflich erhaltenen Miniaturen und

Arabesken versehen ist. Es fehlte weder an den eleganten Handschriften

des 15. Jahrhunderts, die in Florenz geschrieben waren, noch an jenen

großen Missalien, die mit Miniaturen, besonders Initialen geschmückt

sind. Der Herr Bibliothekar erzählte, wie es nicht an mehrfachen

Anträgen britischer Curiositätensammler gefehlt habe, welche dem Stifte

jene literarischen Seltenheiten hätten abkaufen wollen.

Pater Gregorius ist der Verfasser eines brauchbaren Katalogs der

Bibliothek und zeigte sich überhaupt als gelehrten und kenntnißreichen

Bibliophilen. Auch hier hatte ich jedoch abermals Gelegenheit zu

bemerken, wie wenig unsere norddeutsche Literatur sich bis jetzt nach

Süddeutschland Bahn gebrochen hat. Selbst allgemein bei uns verbreitete

Werke, wie Pierer’s Universallexikon, sind hier unbekannt. Dagegen muß

ich aber auch bemerken, daß uns die süddeutsche, namentlich historische

Literatur in der Regel auch fremder bleibt, als sie es in der That

verdient.

Pater Gregorius Ramer berichtete noch über den Zustand der geistlichen

Stifter, ja der gesammten Geistlichkeit Oesterreichs während der

verhängnißvollen Jahre 1848 und 1849. Die Geistlichen, namentlich die

Klostergeistlichen, konnten es kaum wagen, in ihrer Amtstracht über

die Straße zu gehen, ohne sich den gröbsten Beleidigungen auszusetzen.

Sie mußten oft hinter sich Schimpfworte vernehmen, und man zeigte von

Seiten der Demokratie nicht übel Lust, über die Stifter herzufallen und

sich in den Besitz derselben zu setzen.

Unser neuer Freund machte uns dann noch auf die byzantinischen Säulen

aufmerksam, die sich noch hie und da in dem, einen geräumigen Garten

umschließenden Kreuzgange und in der Pförtnerstube befinden, sowie auf

die alten Grabsteine, die in den Fußboden eingelassen sind. Die meisten

sind freilich durch die Füße der Darüberhinschreitenden abgeschliffen,

viele aber auch in früherer Zeit gewaltsam ausgebrochen und zerstört

worden.

Nachdem uns Pater Gregorius eingeladen, morgen den Schatz zu

betrachten, begaben wir uns nach dem Collegiumsplatze und erwarben

für meine Sammlung einen sauber gestickten tyroler Gürtel. Dann

aber schritten wir über die Brücke, um ~Kirche und Kirchhof zu St.

Sebastian~ in Augenschein zu nehmen. Wir traten ein und fanden einen

hellen freien Raum von mäßiger Ausdehnung, 103 Fuß Länge auf 73 Fuß

Breite, mit wenigen Sculpturen und einfachen Ornamenten. Die Kirche

brannte nämlich am 30. April 1830 ab und wurde am 5. Juni 1831 bereits

wieder eingeweiht.

In der Vorhalle ist das Grabmal des berühmten Theophrastus Paracelsus

von Hohenheim, der am 24. September 1541 in Salzburg starb und zwar im

Wirthshause zum weißen Roß im Kay. Das Denkmal, welches den Schädel des

gelehrten Sonderlings enthält, ist eine stattliche Pyramide aus weißem

Marmor, die mit der Büste desselben geschmückt ist.

Von hier aus steigt man zu dem ansehnlichen Friedhofe herab, der

ein Viereck von 220 Schritt Breite und 260 Schritt Länge bildet. Er

ist ganz mit Mauern umgeben, an welche sich die mit Denkmalen reich

geschmückten Arkaden anlehnen. In der Mitte steht die Gabrielkapelle,

in welcher Erzbischof Wolf Dietrich ruht. Wir begannen die Betrachtung

der einzelnen Denkmale. Viele derselben sind mit größeren Oelbildern

versehen, unter denen sich eine am Kreuze zusammengesunkene Madonna

auszeichnet. Auch hier sahen wir viele Portraits der Bestatteten.

Bedeutender sind indessen die Marmordenkmale; vorzüglich ist die Büste

von Gasparelli, ein Relief mit der Anbetung der drei Könige, das

Portrait von Michael Pabbargiesar vom Jahre 1581, mit dessen unter

dem Kreuze knieender Familie. In der Ecke sieht man die Darstellung

des Fegefeuers, dessen Flammen den armen Seelen bis an die Brust

reichen. Das Obertheil dieses Bildes zeigt uns St. Sebastian, der

die auf eine Weltkugel gemalte Stadt Salzburg dem Herrn empfiehlt.

Weiterhin befindet sich ein aus Kalksinter gebildetes Grottenwerk, das

ein mit bunten Figuren gefülltes heiliges Grab umschließt. Auf der

Gruft des Kurz von Goldstein ist eine interessante Darstellung des

Todes, der als eine überaus abgezehrte Figur eines Greises erscheint.

Sehr geschmackvoll und edel ist das Grabmal des 1847 verstorbenen

Malers Sattler; es ist ein Marmorrelief, zu dessen beiden Seiten der

ritterliche St. Georg und der pilgerartige St. Michael aufgestellt

sind. In einer Ecke des Kreuzganges bemerkten wir hinter einem

Gitter die Gestalt des heiligen Sebastian, umhüllt mit einem rothen,

golddurchwirkten Mantel; außen waren _ex voto_ Glieder aus Wachs und

Namentafeln angebracht. An dem Grabe des Sigismund von Rubianich

bemerkte man das stattliche Oelbild des genannten heilig gesprochenen

Königes, nicht weit davon die Marmorbüste des Architekten E. Castello

von ganz vorzüglicher Arbeit. Er erbaute die Grabkapelle des

Erzbischofs Wolf Dietrich und starb 1608 im 30. Jahre seines Alters.

Wir bemerkten auch hier überall die sorgsamste Pflege der Gräber und

deren Ausschmückung mit frischen Blumen.

Wir kehrten nun nach der anderen Seite der Stadt zurück. Es begegneten

uns zahlreiche Wagen, die mit Rindern bespannt waren, welche mit der

Stirn die Last zogen. Der Fuhrmann schritt, einen Regenschirm, meist

von rother Farbe, über sich haltend, daneben her.

Von da begaben wir uns nach unserem Stiftskeller, wo eine ziemliche

Anzahl Leute, darunter auch Benediktiner, beisammen waren, die von

dem lahmen Wirth von halber Stunde zu halber Stunde mit einer Prise

Tabak erfrischt wurden. Der Wein wird in großen Halbkannengläsern

aufgetragen und zu jedem eine Flasche Wasser geliefert. Man erkennt den

Oesterreicher daran, daß er, ehe er dem Weine Wasser zugießt, aus der

Flasche ein wenig an den Boden schleudert. Der Oesterreicher trinkt

den Wein nie ohne Wasser, und wie wir im Verlaufe der Reise bemerkten,

er trinkt überhaupt wenig, selten mehr als ein Seidel. Desto mehr

leistet er im Essen, wo ihm allerdings die Vortrefflichkeit seines

Rindfleisches, seiner Gemüse und die Mannigfaltigkeit seiner Küche

Anlaß bietet. Im Allgemeinen sind die Speisen in Oesterreich sehr wenig

gewürzt, und wir waren stets genöthigt, mit Salz nachzuhelfen.

Nachdem wir hierauf zu Hause das Gesehene aufgeschrieben und ein

Stündchen der Ruhe gepflegt, traten wir in der festen Hoffnung

auf Besserung von Seiten des Wetters unsere Wanderung nach dem

~Birgelsteine~ an, wo die daselbst ausgegrabenen römischen Alterthümer

aufgestellt sind. Wir schritten über die Brücke und wendeten uns

dann rechts, wo die senkrechten Felsen des Capuzinerberges und die

Häuser eine enge Gasse bilden. Wir schritten durch das Steinthor in

die ~Vorstadt Stein~, die eigentlich nur aus einer Gasse besteht, in

welcher Weber, Schuhmacher, kleine Gastwirthe wohnen. Aus der Ferne

traten uns, zum ersten Male während unseres Aufenthaltes in Salzburg,

die Alpen im Sonnenglanze entgegen. Die violetten Berge waren mit

hellglänzenden weißen Partieen bedeckt, die jedoch von Zeit zu Zeit

hinter die ziehenden Wolken zurücktraten, die auch diesmal den breiten

Gipfel des Untersberges umspielten, während die hellgrünen Matten

seines Fußes von der Sonne bestrahlt wurden.

Ferienreise nach Linz, Salzburg, Kloster Göttweig und Wien · 第 2 / 10 段