Anmerkungen zur Transkription
In dieser Textversion wurden die im Original durch entsprechende
typografische Gestaltungen dargestellten Elemente durch folgende
Symbole ersetzt: ~S P E R R S C H R I F T~, =Fettdruck= und
_Kursivschrift_.
Zusätzliche Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Textes.
Ferienreise
nach
Linz, Salzburg, Kloster Göttweig und Wien.
von
=D. Gustav Klemm=,
Königl. Sächs. Hofrath und Oberbibliothekar.
Nebst einer Steindrucktafel.
=Dresden=,
Arnoldische Buchhandlung
(Verlags-Conto).
=1853.=
[Illustration: Siegel zu Ehren von Abt Gottfried von Göttweig und ein
Gedenksiegel aus dem Jahr 1729 nach den Wiederaufbau des Klosters
Göttweig. Lith u. Druck v. J. Williard, Dresden.]
Vorwort.
Oesterreich ist im Norden von Deutschland ziemlich unbekannt, und es
sind über seine Zustände die seltsamsten Ansichten im Gange. Dennoch
aber ist Oesterreich eines der herrlichsten und gesegnetsten Lande von
Europa, das eine überaus wichtige Rolle in der Culturgeschichte von
Deutschland spielt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Charte zeigt
uns Oesterreichs wichtige Stellung. Die Alpen, die Karpathen, Erz-
und Riesengebirge bilden die geologischen Grundfesten des Reiches.
Elbe, Oder und Weichsel entspringen dem österreichischen Boden,
und der größte Strom Europas, die Donau, strömt zum großen Theile
durch österreichisches Gebiet, während das adriatische Meer seine
Ausgangswellen an österreichische Küsten spült.
Nicht minder ist Oesterreich der Heerd einer uralten Civilisation.
Bereits 15 Jahre vor Christi Geburt eroberten die Römer die
deutschösterreichischen Lande und machten dieselben zur Provinz. Es
entstanden an der Donau eine Reihe von Befestigungen zum Schutze gegen
die nördlichen Völker und im Inneren des Landes blühende Städte, in
denen sich römische Bildung und Gesittung entfaltete. Frühzeitig
kam auch das Christenthum in diese Lande. Durch die Völkerwanderung
zerfiel diese Cultur in Trümmer, auf denen jedoch bald neues Leben
emporwuchs, seitdem Karl der Große die Gränzen jenes Reiches bis an
die Raab erweitert. Die Stifter Salzburg, Kremsmünster, Mölk, Göttweig
u. s. w., dann der Hof der Babenberger bildeten sich zu Mittelpunkten
von Wissenschaft, Kunst und jeglicher Cultur aus, die uns schon im
Nibelungenliede geschildert wird. Hier lebten Ulrich von Lichtenstein,
der begeisterte Sänger des Frauendienstes, und Herr Conrad Flecke.
Nach dem Aussterben der Babenberger und langwierigem Ringen des
deutschen mit dem slavischen und ungarischen Wesen siegte das erstere.
Das Erzhaus Habsburg beginnt hier den Mittelpunkt seiner glanzvollen
Thätigkeit zu begründen. Es hoben sich die Städte, in Prag und Wien
wurden die ersten deutschen Universitäten errichtet, zahlreiche
Benedictinerstifte sind Pflanzstätten der Wissenschaft, die durch
die Zeiten von Kaiser Maximilian, Ferdinand, Leopold I. und Karl
VI. fortwährend treu gepflegt werden. Die zahlreichen Sammlungen
für Kunst und Wissenschaft in Wien, Prag, Grätz, so wie in jeder
Provinzialhauptstadt, die vielfachen Bildungsanstalten, wie das
polytechnische Institut in Wien, unter den deutschen das älteste,
die gelehrten Gesellschaften u. s. w. zeugen von dem regen geistigen
Leben, von dem uns nördlichen Nachbarn freilich leider nur zu selten
Mittheilung gemacht wird.
Die politische Bedeutung Oesterreichs zeigt ein Blick auf die
Geschichte Europas. Oesterreich ist das Gränzland gegen die unruhigen
Ungarn. Kaiser Otto II. setzte dorthin Leopold von Babenberg als
Markgrafen, mit ganz besonderen Vorrechten und in sehr selbständiger,
ja unabhängiger Stellung zum deutschen Reiche. Die Babenberger,
wie ~das~ Erzhaus Habsburg, haben stets hier im Osten das deutsche
Wesen gegen Slaven, Avaren, Ungarn und Türken beschirmt und deutsche
Cultur dorthin verbreitet. Sie waren es, die von den fränkischen,
thüringischen und allen westlichen deutschen Ländern die verheerenden
Schwärme der Ungarn, Tataren und Türken abhielten und die auch endlich
den nicht minder verderblichen Verheerungen der Pest seit dem Ende des
17. Jahrhunderts undurchdringliche Schranken setzten, indem sie die
Quarantaine einrichteten. Nicht minder lebhaften Antheil entwickelte
aber auch Oesterreich in den blutigen Kämpfen mit den westlichen
Nachbarn, namentlich seit Ludwig XIV. In neuester Zeit erwarb es sich
den Dank des civilisirten Europa durch den siegreichen Kampf mit der
Partei des Umsturzes.
Der Wunsch nun, das für die Culturgeschichte Europas so wichtige, durch
seine schönen Gegenden und blühenden Städte, seine künstlerischen und
wissenschaftlichen Schätze so interessante Land näher kennen zu lernen,
bestimmte mich zu der Reise, deren Eindrücke die nachfolgenden Blätter
möglichst unbefangen und schlicht darzustellen den Zweck haben.
~Dresden~, im December 1852.
D. =Gustav Klemm=.
Darüber ist, trotz der Verschiedenheit der Ansichten, alle Welt einig,
daß eine Reise die beste Erholung von angestrengter Arbeit darbietet
und daß der Mensch, nachdem er den Entschluß zu einer Reise gefaßt,
auch schon leichteren Sinnes wird. Indem er bereits halb in der
Zukunft lebt, übersieht er manche Unbehaglichkeiten des gegenwärtigen
Augenblicks. Da werden Bücher und Landkarten beschaut, Freunde und
Bekannte befragt, Kalender und Wetterglas berathen und an der Zukunft
und der Ferne im Voraus genascht und gekostet.
In gleichem Falle war ich seit dem Ende des Monats Juli. Ich wollte
die vierzehnte Versammlung der deutschen Land- und Forstwirthe, welche
vom 1. September an in Salzburg stattfinden sollte, besuchen, von da
aus aber Ausflüge in die österreichischen Lande unternehmen, welche so
reiche Genüsse dem Freunde der Natur, der Kunst und der Alterthümer
darbieten.
Gelder, Pässe und die Reisebedürfnisse für mich und den jugendlichen
Reisegefährten, meinen Sohn, waren in Ordnung, aber der Himmel, der
bis dahin einige Wochen sein Sonnenlicht in schönster Fülle gespendet,
begann einen anderen Charakter anzunehmen. Das war nun freilich nicht
zu ändern. Der Neumond, am 26. August 1851, trat mit Nebel ein, der
am Tage der Abreise, am 28sten, zum Regen sich gestalten wollte. Die
Droschke brachte uns nach dem böhmischen Bahnhofe, wo ein Freund uns
noch seine besten Wünsche für die Reise mitgab.
Frohen Muthes vernahmen wir endlich das Pfeifen der Locomotive, und
fort ging’s in eiligem Fluge durch die Dörfer bis Pirna, wo das
Quadersandsteingebirge seine Steilen an die Elbe dicht heranrückt.
Bastei, Lilienstein, Königstein, die wohlbekannten Häusergruppen von
Schandau, Schmilka und Herniskretscham wurden im Fluge begrüßt und die
Gränze der Heimath überschritten.
Bevor man die Gränzstation Bodenbach erreicht, geht der Zug durch
zwei in den Sandsteinfelsen getriebene Tunnel. Der sächsische Wagen
hält endlich. Kaiserliche Gensdarmen in sauberem grünen Waffenrock
mit rosenrothem Kragen verlangen höflich unsere Pässe und händigen
uns dafür Empfangscheine ein; Kaiserliche Zollbeamte untersuchen
rücksichtsvoll unsere Reisetaschen, während das große Gepäck in den
hier harrenden großen Packwagen umgeladen wird, da die Zolluntersuchung
desselben erst in Prag Statt finden wird.
Wir haben Zeit, eine Erfrischung einzunehmen und das jenseit der
Elbe auf steilem Felsen stattlich hingestellte Schloß Tetschen mit
seinen reizenden Umgebungen zu betrachten. Hie und da erscheinen schon
einzelne Statuen von Heiligen an Fußsteigen und Wegen, die in ihrer
anspruchslosen Ausführung doch zum belebenden Schmuck der Gegend dienen.
Endlich erhielten wir unsere Pässe zurück und nahmen in den böhmischen
Wagen unsere Plätze ein. Diese Wagen bilden große salonartige Räume,
die auf jeder Seite eine Reihe Doppelsitze haben, zwischen denen ein
freier Gang sich hinzieht. Man ist in diesen Wagen weniger beengt, kann
zeitweilig stehen und hin- und hergehen.
Der Himmel gestaltete sich mittlerweile günstiger; die Sonne trat
aus den Wolken und beleuchtete das schöne Elbthal; wir sahen die
Ruine Schreckenstein, freundliche Kirchen mit Doppelthürmen über
dem westlichen Eingange. Die Schaffner, in der grünen orange
aufgeschlagenen Uniform der Kaiserlichen Post, riefen auf den Stationen
die Namen der Orte und die Dauer des Aufenthalts aus. Der Verkehr der
Aus- und Einsteigenden war sehr lebhaft, namentlich in Aussig, wo
gewaltige Holzvorräthe aufgestapelt waren und ein Dampfschiff am Ufer
lag, von welchem aus Musik zu uns herauftönte.
Hinter Aussig wird das Thal erweitert, und die kegelförmigen
Bildungen des Mittelgebirges gelangen zur Ansicht. In der Nähe
erfreut das fleißig angebaute, blühende Land. Von nun an hörte man
von den mittlerweile Eingetretenen böhmische Laute. Gesichtsbildung
und Tracht waren jedoch von denen in den sächsischen Städten nicht
wesentlich unterschieden. Das deutsche Element herrschte in der äußeren
Erscheinung vor; blonde oder braune Haare und blaue Augen begegneten
uns noch überall.
Bei Leitmeritz traten schmucke Kaiserliche Officiere an die Wagen, und
ein Corporal mit sechs Mann ungarischer Infanterie wurde aufgenommen.
Der Conducteur drang darauf, daß die Leute den Ladstock in den Lauf
lassen und ihn überzeugen mußten, die Gewehre seien nicht geladen.
Wir hatten mittlerweile mit einem jungen Manne ein Gespräch angeknüpft,
der sich uns als Techniker vorstellte, uns über die geognostischen und
polytechnischen Verhältnisse des Landes Böhmen freundlichen Aufschluß
gab und die Merkwürdigkeiten der Ortschaften uns nannte, an denen wir
rastlos vorüberflogen. Endlich zeigte er uns die Thürme von Prag in der
Ferne. Bald nach zwei Uhr fuhren wir in den überaus stattlichen Bahnhof
von ~Prag~ ein. Unser neuerworbener Freund wies uns in dem Gewirr des
Bahnhofes zurecht. Die Kaiserlichen Beamten besorgten mit größter,
schonender Artigkeit die Untersuchung des Gepäckes und der Pässe,
wofür, wie überall in den Kaiserlich Königlichen Staaten, nicht ein
Kreuzer zu bezahlen war.
Nachdem wir im Gasthofe zum Engel durch ein vorzügliches Rostbratel uns
aufs Neue gestärkt, auch uns in einem sehr einfachen Bureau Plätze für
den Stellwagen nach Bedürfniß gelöset, traten wir mit unserem Techniker
die Wanderung durch die sämmtlichen Straßen der Königstadt des
Böhmerlandes an. Die Paläste, die öffentlichen Gebäude, die Kirchen,
die alterthümlichen gothischen Thürme, aus deren Ecken abermals
Pyramiden emporsteigen, geben der Stadt ein sehr würdiges Ansehen. An
dem Brückenthurm steht das von unserem Landsmanne Hähnel ausgeführte
eherne Denkmal für Kaiser Karl IV., den Gründer der ältesten deutschen
Universität. Wir schreiten dann, bereits vom Regen begleitet, über die
lange, mit Statuen reich geschmückte Brücke und begeben uns auf die
gewaltige zum Hradschin führende Treppe, nachdem wir die polytechnische
Anstalt und den Judenmarkt flüchtig berührt. Der Hradschin gehört
ohnstreitig zu den imposantesten Gebäuden von Deutschland, obschon die
Domkirche allerdings nur ein großartiges Bruchstück ist. Nicht minder
interessant ist der Hradschin durch die Aussichten, die er auf die
Stadt darbietet. Der Freund geleitete uns darauf nach der Stadt zurück,
machte uns auf das Denkmal für Kaiser Ferdinand, die Kettenbrücke und
die Kugelspuren von 1848 aufmerksam und verließ uns an unserem Gasthofe.
Der Regen hatte sich mittlerweile ganz behaglich eingerichtet.
Allgemach wurden, allerdings erst lange nach der bestimmten
Abfahrtstunde, die ~Stellwagen~ in Stand gesetzt, d. h. zunächst
wurde das zahlreiche Gepäck auf den Decken derselben zusammengestellt
und tüchtig verschnürt. Dann suchten wir Plätze in dem Cabriolet
zu gewinnen, und endlich spannte man die Pferde vor. Das Fahrzeug,
welchem wir unsere gesunden Gliedmaßen anvertraut hatten, gab Anlaß
zu den ergötzlichsten Betrachtungen. Als Genealog menschlicher
Kunst- und Gewerberzeugnisse hatte ich so viel sehr bald heraus, daß
unser Stellwagen vor geraumer Zeit die Ehre gehabt haben mochte, im
Gebrauche der Kaiserlichen Post zu dienen. Die Farbe seines Aeußeren
war ohnstreitig gelb; was man an Kleidungsstücken die Nähte nennt, das
war an unserem Wagenkasten überaus deutlich sichtbar. An den Stellen,
wo die Räder den Kasten zu berühren vermögen, war die Farbe, sowie
die darunter gelegene Epidermis, hinweggescheuert; ja diese Stellen
zeigten hie und da sogar tiefer eindringende Wunden, die allerdings
unheilbar waren. Genauere Aufschlüsse über die Altersverhältnisse des
Wagens gewährte jedoch die fortgesetzte vorurtheilsfreie Betrachtung
seines Innern, das übrigens auch noch sehr gründliche Belehrung über
die Anatomie der Stellwagen im Allgemeinen darbot. An vielen Stellen
nämlich fehlte die innere Bekleidung des Gerippes, und an der der
Wagentaschen war gar nichts vorhanden. Außerdem fehlten an den Fenstern
und Thüren Drücker und Wirbel; sie waren jedoch von unseren Vorgängern
durch Bindfaden ersetzt.
Die Peitschen knallten, die Pferde zogen an, und unser mit Menschen
vollgepfropftes Fahrzeug rasselte schwankend über das Pflaster durch
die Straßen, in denen der Regen die anbrechende Dämmerung vermehrte und
förderte. Wir gelangten an die Linien, wo die Passirscheine abgegeben
wurden, dann weiter auf die offene Landstraße und überließen uns,
sorgfältig in die Mäntel gehüllt, dem Schlummer.
Jetzt fand auch die Fantasie erwünschte Muße, die zahlreichen Bilder
der im Laufe des Tages im Fluge aufgenommenen Paläste, Kirchen, Thürme
wieder zu erwecken und theilweise weiter auszubilden und noch höher
aufzubauen. Auch hinter uns im inneren Heiligthume des Stellwagens
hatte sich der Schlaf aller Insassen bemeistert. Nur die Pferde eilten
im raschen Trabe auf der trefflichen Straße rastlos fürbas. Vom Himmel
aber goß der Regen in Strömen herab.
Gegen Mitternacht fand in einem Dorfe der erste Pferdewechsel statt,
der einen Aufenthalt veranlaßte, den wir benutzten, um in der großen,
öden Gaststube ein Glas Sliwowitza zu genießen, denn es begann in
unserem gegen den Wind schlecht verwahrten Cabriolet unangenehm kalt zu
werden. Dann ging es durch die Nacht rasch weiter.
Der durch dicke Wolken hindurchdämmernde Tag zeigte uns ein Land mit
Wald und Weide, hie und da mit einer ärmlichen Hütte besetzt. Gegen
6 Uhr wurde in einem Orte, wo männiglich Böhmisch sprach, der Wagen
mit einem anderen vertauscht. Bis dahin hatten wir im Vordertheile
gesessen; jetzt aber schlüpfte ich mit meinem Sohne in den hinteren
Anbau des neugelieferten Wagens, der doch etwas wohnlicher eingerichtet
war und genügenden Schutz gegen den Einfluß der Atmosphäre gewährte.
Zudem hatten wir den Vortheil, von unserem Sitze aus die hinter uns
liegende Gegend zu betrachten. Lange Zeit folgte unserem Wagen ein
Knabe, der einen blinden Dudelsackpfeifer leitete. Dieser bemühte sich,
uns auf seinem Instrumente ein Morgenständchen zu bringen.
Endlich gelangten wir nach ~Tabor~, einer in den Hussitenkriegen
wichtigen Stadt mit tüchtigen Mauern und Thürmen, die das umliegende
hügelige Land beherrschen. Wir kamen durch mehrere Dörfer, wo neben
ansehnlichen Steinhäusern armselige Lehmhütten mit Strohdächern
standen, die mit grünem Moose malerisch überwachsen waren. Ueber den
meisten Giebelfenstern sah man Kränze oder Schnüre aus hellrothen
Ebereschenbeeren, die, zum Theil mit einem Kreuze verziert,
Rosenkränzen nachahmten. Die Frauen zeigten nicht minder die Vorliebe
für die rothe Farbe, indem die, welche nicht barfuß gingen, rothe
Strümpfe an den Füßen hatten. Uebrigens war die Tracht der Holzschuhe
allgemein und bei dem gewaltigen Schmutz in den Straßen der Dörfer
überaus zweckmäßig.
Die Mittagrast erfolgte in einem Marktflecken mit böhmischem Namen.
Hier erhielten wir abermals einen anderen Wagen, dessen alterthümliche
Federn mit kleinen Holzstäben gesteift waren. In Wien erkannte ich,
daß dieser Wagen ein ehemaliger Wiener Omnibus gewesen. Hier verließen
uns Reisende, und andere, Böhmisch redende Landleute, stiegen ein. Sie
verstanden und sprachen jedoch durchweg auch Deutsch, was mit unseren
Fuhrleuten nicht immer der Fall war. Die Physiognomieen der Menschen
unterschieden sich von den sächsischen auch nicht, ebenso wenig die
Tracht des Mittelstandes.
Endlich zeigte sich ~Budweis~ in der Ferne, und wir gelangten nach 5
Uhr in die saubere, ansehnliche Stadt. Der Stellwagen brachte uns durch
die belebten Straßen auf den Marktplatz in den Gasthof zu den drei
Hahnen, wo wir freundliche Aufnahme fanden.
Nachdem wir die Kleider gewechselt, begannen wir die Wanderung durch
die Stadt; der Marktplatz zeigt lauter stattliche, meist drei Gestock
hohe Häuser, deren Dächer durch Stirnmauern verdeckt sind, so daß der
Fremde meint, er befinde sich in einer Stadt mit flachen, italienischen
Dächern. Nächstdem sind am Markt und in den Hauptstraßen sogenannte
Lauben an den Häusern, in denen man bei Regen oder Sonnenschein bequem
hinschreitet[1]. Mitten auf dem Markte erhebt sich ein stattlicher
Brunnen, den vier, eine Muschelschale tragende riesige Gestalten
bilden. Das Stadthaus ist ein ansehnliches, reichverziertes Gebäude. In
den Lauben der Straßen war viel Verkehr und Leben; man sah Verkäufer
von Lebensmitteln und Geräthen, Böhmisch redende, schmucke Mädchen und
Frauen, Kaiserliche Infanterie, meist Italiener, mit pechschwarzen
Haaren und Augen. Wir erblickten die Dechanei, deren Kirche mit
vierzehn _al fresco_ gemalten Stationen umgeben ist, die wie die ganze
Stadt nett und sauber gehalten waren. Die Piaristengasse leitete uns zu
einer gothischen Kirche. Nicht weit davon stieg hinter modernen Häusern
einer jener alten viereckigen Thürme hervor, deren Ecken von kleinen
Spitzthürmchen überragt sind. Die Promenaden um die Stadt, zu denen
man über die Moldaubrücke gelangt, sind geschmackvoll und wohlgepflegt
und kränzen die Festungswerke gar anmuthig. Wir schlenderten bis zum
Einbruch der Dunkelheit in den Straßen der Stadt umher, lasen die
Schilder der Handwerker und Kaufleute, meist böhmische Namen, freuten
uns aber auch der Säulen und Statuen, die nicht sparsam angebracht
sind. Budweis wurde im Jahre 1256 von König Ottokar II. gegründet,
ist gegenwärtig der Sitz eines Kreisamtes, Bischofs und Gymnasiums und
hat, obschon die Einwohnerzahl nicht über 8000 ist, den Charakter einer
wohlhabenden, nahrhaften Mittelstadt.
[1] Es ist dies eine Bauart, die auch in Mähren, so wie in Salzburg
vorkommt. S. Kohl, Reisen in Rußland u. Polen III. 348, wo die
Lauben ebenfalls erscheinen.
Nächstdem ist Budweis der Anfangspunkt der im Jahre 1827 eröffneten
Pferdeeisenbahn, die von hier über Linz nach Gmunden am Traunsee führt.
Sie ist die erste deutsche Eisenbahn und wurde von dem bekannten
Mechaniker Ritter v. Gerstner angelegt. Sie ist die Trägerin eines
außerordentlichen Verkehrs. Wir bemühten uns, auf eigene Hand den
Bahnhof zu entdecken, fanden in einigen Straßen der Stadt auch in der
That das Schienenlager, mußten aber wegen der einbrechenden Dunkelheit
unsere Forschungen aufgeben.
Wir kehrten in unseren Gasthof zu den drei Hahnen zurück und setzten
uns in der behaglichen Wirthsstube fest, um eine so nützliche als
nothwendige Beschäftigung vorzunehmen, die unter dem Namen Abendbrot in
der Vertilgung eines vortrefflichen Rostbratels bestand, dem wir als
Gesellschaft das berühmte Budweiser Bier folgen ließen, worauf wir uns
zeitig zur Ruhe begaben.
Am Morgen des 30. August waren wir schon um vier Uhr zur Abreise
bereit und wanderten, nachdem wir die sehr mäßige Zeche bezahlt, unter
dem Vortritt des Hausknechtes mit unseren Habseligkeiten über den
stattlichen Markt von Budweis. Mitten in der nächsten Straße standen
auf den Schienen mehrere saubere, große Wagen mit Glasfenstern, vor
deren je zwei ein Pferd vorgespannt war. Die Abwägung des Gepäckes,
die Lösung der Fahrscheine war bald bewerkstelligt, und wir nahmen
in den bequemen Wagen Platz. Bald nach fünf Uhr bewegte sich der Zug
gemächlich vorwärts. Uns gegenüber saß eine ältere Dame mit ihrer
so hübschen, als anspruchslosen Tochter, dann ein älteres Ehepaar
aus Wien, welches Teplitz besucht hatte. Neben uns nahm eine jener
stattlichen kräftigen Gestalten Platz, die unter den Männern von
Oberöstreich so häufig sind. Es war ein junger Landmann von blühender
Gesichtsfarbe, gefälligen Zügen, braunen Augen und Haaren. Er trug eine
schwarze Sammetjacke, kurze gleichfarbige Lederhosen, saubere blaue
Strümpfe, Schnürstiefel, ein buntfarbiges Halstuch von Seide, lose um
den Hals geschlungen, und einen spitzigen Hut aus grobem schwarzen Filz.
Allgemach entwickelte sich eine gemüthliche Unterhaltung. Die Dame
hatte dem Kaiser bereits fünf Söhne als Officiere in das Heer gestellt,
die denn auch in den Feldzügen der letztvergangenen Jahre mit Ehre
gedient hatten. Der Landmann gestand, daß er in Geschäften in Budweis
gewesen, da er auf dem Punkte stehe, seine Schwester zu verheirathen.
Bei dieser Gelegenheit kam der Zustand des Landmannes in Oesterreich
mehrfach zur Sprache. Er wurde als ein sehr günstiger geschildert. Der
Landmann ist im Allgemeinen sehr wohlhabend, der Boden fruchtbar und
gut angebaut. Der Landmann hält auf baares Geld und sammelt dasselbe
an, so daß sehr bedeutende Summen in seinem Besitze sind. Das Geld hebt
er in eisernen Gefäßen auf, die er vergräbt oder einmauert. Es ist
mehrfach vorgekommen, daß man bei Abtragung alter Mauern Tausende von
Silberthalern gefunden hat. Das geschieht übrigens seit alter Zeit und
scheint überhaupt eine Sitte bei dem Landmann durch ganz Deutschland
zu seyn, die noch aus den Zeiten herstammt, wo stete Fehden und Kriege
jeglichen Besitz unsicher machten.
Mittlerweile begegneten unserem Zuge häufig ganze Reihen von kleinen
Wagen, die mit Salz beladen waren und deren je drei von einem Pferde
auf der Eisenbahn fortgezogen wurden. Das Salz ist in Fässer gepackt,
deren eines je einen Centner enthält und deren 25-30 einen Wagen
belasten. Da die Eisenbahn nur ein Gleis hat, so müssen die Züge an den
Ausweichestellen auf einander warten. Außer dem Salz werden aber auch
andere Güter auf der Bahn befördert, die überhaupt sehr stark benutzt
wird und gar bedeutenden Gewinn abwirft. Zwischen Budweis und Linz wird
sie neunzehnmal von der Landstraße gekreuzt, die bald über, bald unter
ihr hinläuft. Auf den Haltepunkten sah man gewaltige Vorräthe von Salz
und Holz, meist in hölzernen Gebäuden aufgestapelt, die von Ställen für
die Pferde und Wächter- und Beamtenhäusern umstellt waren.
In der Mittagstunde fand eine längere Rast statt; man setzte sich zum
Diner in einem nett eingerichteten Hause, das mitten im Walde gar
freundlich gelegen war. Dann aber begann die Fahrt aufs Neue. Die
Gegend wurde mehr gebirgisch, die Thäler, an deren Rande die Bahn sich
hinzieht, tiefer und steiler.
Es dunkelte bereits, als wir aus der Ferne den glänzenden Spiegel der
Donau und sodann die weißen Häuser von ~Linz~ durch das Grün des Waldes
schimmern sahen. Die Bahn senkt sich und endet in dem Bahnhof an der
nördlichen Seite der Donau. Gensdarmen nehmen die Pässe in Empfang, das
Gepäck wird ausgegeben, und wir schreiten über die hölzerne Donaubrücke
nah dem Gasthofe zum schwarzen Bock, dessen freundlicher Wirth den
ermüdeten Wanderern sorgsame Pflege widmete.
Der Sonntagsmorgen des 1. September versprach einen freundlichen
Tag, die Straßen der schönen Stadt Linz glänzten in den Strahlen der
Morgensonne, namentlich das goldverzierte Portal des Landhauses, als
wir nach dem Bahnhofe schritten und die Wagen bestiegen, die uns nach
Gmunden führen sollten. Unsere Reisegesellschaft bestand zumeist
aus Landleuten, die in ihrem Sonntagstaate frisch und schmuck sich
ausnahmen. Frauen und Mädchen haben Mittel- und Hinterhaupt in ein
schwarzseidenes Tuch geschlagen, dessen Zipfel lang auf dem Rücken
hinabhängen. Um den Hals tragen sie ein breites, aus mehreren Reihen
Silberketten bestehendes Band, das vorn mit einem viereckigen Schilde
von Silber geschlossen ist, an dem man meist Granaten, Topase und
andere Edelsteine angebracht sieht. Demnächst tragen sie meist Ohrringe
aus Gold. Uns gegenüber saß ein junges Mädchen mit feinem, frischen
Gesichte, sie trug ein Kleid aus schwarzer Seide und einen Spenser aus
gleichfarbigem Sammet. Ihre Bewegungen waren anmuthig und zierlich,
eine Eigenschaft, die wir an allen Landleuten dieser Gegend wahrnahmen.
Sie schwatzte lustig mit ihren Gefährten; doch wurde es uns schwer,
ihren Dialekt zu verstehen.
Mittlerweile wurde unsere Hoffnung auf einen sonnigen Tag durch den
kräftigen Regen verwischt, der sich gar bald einstellte und uns
nöthigte, die Wagenleder herabzulassen. Der Weg führte in der Ebene
vorwärts abwechselnd durch wohlangebautes Land und Fichten- und
Kiefernwald. Zunächst wurde in Lambach Halt gemacht. Von dem Bahnhofe
aus sahen wir in der Ferne das stattliche Benediktinerstift, das
dem Orte seine frühere Berühmtheit gegeben. Es hebt sich mit seiner
ansehnlichen weißen Façade und den stattlichen weißen Thürmen kräftig
von dem waldigen Hintergrunde ab.
In waldiger Gegend ging es dann vorwärts nach Gmunden hin; bald zeigten
sich die hohen Gebirge in der Ferne, der Weg senkte sich, durch die
Wipfel der Kiefern glänzte die dunkelgrüne Fläche des Traunsee’s, und
der Zug hielt auf dem Bahnhofe von ~Gmunden~ an.
Der Regen hatte nachgelassen, und wir schritten der Traun zu, die
unmittelbar vor der alterthümlichen Stadt große Mühlwerke in Bewegung
setzt. Wir traten endlich auf den Marktplatz von Gmunden und wurden
auf das Freudigste von dem großartigen Anblick überrascht, der sich
uns darbot. Der von freundlichen Häusern gebildete Marktplatz stößt
mit seiner offnen Südseite an den Traunsee, in den eine Brücke für
das Dampfschiff hinausgelegt ist. Der See ist von hohen steilen
Felsenwänden begrenzt, unter denen der 6000 Fuß hohe Traunstein sich
auszeichnet. Eben zog ein Wetter von unserer Rechten aus den Felsen
über den See und verlieh dem Hintergrunde eine tiefviolette Färbung.
Wir standen lange an dem Ufer, das von den bewegten Wellen des See’s
in regelmäßigem Versmaße benetzt wurde, und konnten uns von dem
unbeschreiblich schönen Anblick kaum losreißen. Das herankommende
Dampfschiff erinnerte uns jetzt, der Praxis uns zuzuwenden. Wir
begaben uns nach Beendigung der Geschäfte in das Gastzimmer des
goldnen Schiffes, wo zahlreiche Reisende von der flinken, sauberen
Kellnerin mit Speis’ und Trank sich versorgen ließen. Das gute Geschick
verschaffte uns einen Platz an dem Fenster, das uns den prächtigen
Anblick des sturmbewegten See’s gewährte.
Dann begaben wir uns auf das Dampfschiff, wo sich viele Leute
einfanden, um die Ueberfahrt nach Ebensee zu bewerkstelligen. Wind und
Regen fegten bald das Verdeck, man begab sich in die Kajüte. Indessen
lockte mich die Aussicht auf die Gebirge bald wieder heraus. Da sah man
denn die Häuser am Fuße des Traunsteins weißen Punkten gleich an der
dunkeln Wand des Felsens; am niedlichen, uralten Stift Traunkirchen,
auf einer felsigen Halbinsel, flogen wir rasch vorüber und eilten der
Landungsbrücke von Ebensee zu, wo zahlreiches Landvolk im Sonntagstaate
umherstand, und die Stellwagen unserer bereits harrten, die uns nach
Ischl führen sollten. Man beeilte sich, das Gepäck unterzubringen
und Platz zu finden. Diese Stellwagen sind vorzugsweise auf gutes
Wetter berechnet. Sie sind sehr lang und mit einem auf eisernen Stäben
ruhenden Verdeck versehen, auf welchem das Gepäck seine Stätte findet.
Die Seiten werden bei Regenwetter mit Ledervorhängen verschlossen.
Im Wagen haben 18 Personen Raum. Drei Pferde bewegen das Ganze rasch
vorwärts. Die trefflich unterhaltene Straße führt durch den netten, an
Fabriken reichen Ort, längs der tosenden Traun hin, in ein schmales
Thal, dessen Seiten sehr steil und mit Nadelholz bestanden sind. Wir
kamen an manchem herabstürzenden Wasserfall vorüber und hatten zur
Rechten immer die Solenleitung, die von Ischl herüberkommt. Der Regen
wurde heftiger, und unser Kutscher brachte nun ein Kleidungsstück
hervor, welches uns in die Gebirge von Chile und Peru versetzte. Es
besteht in einer überaus dicken, langhaarigen Decke von Wollstoff, in
deren Mitte ein Schlitz angebracht ist, durch welchen der Kopf gesteckt
wird. Dieser Poncho schützt Arme, Brust und Rücken vortrefflich. Wir
trafen ihn fürder bei Landleuten, Straßenarbeitern, Fuhrleuten und
sogar bei Weibern und Kindern.
Die Traun, zur Holzflöße benutzt, tosete oft in beträchtlicher Tiefe
zur Seite des Weges. Ihr Bett ist häufig durch Felsblöcke beengt,
die den Kähnen und Flößen gefährlich seyn mögen. Zwei dieser Felsen
kurz vor Ischl sind mit einem Crucifix gekrönt, zum Andenken an die
Errettung eines Kahnes. Endlich rollt der Wagen über eine Brücke,
nachdem nette Spazierwege am Rande des Thales die Nähe des besuchten
Badeortes und dicht aufsteigender weißer Dampf die Salzsiedereien
desselben verkündet haben. Der Wagen hält an der Post von ~Ischl~, die
bereits von Gästen überfüllt ist, da die Majestäten von Oesterreich und
Preußen eben in Ischl verweilen.
Wir fanden indessen etwas weiter in dem sauberen Gasthofe zur goldenen
Krone eine gar freundliche Aufnahme und begannen, da der Regen
nachgelassen, unsere Wanderung durch den Ort, der meist aus neuen, zum
Theil sehr stattlichen Gebäuden, Gasthöfen und Salinenhäusern besteht.
Längs der Traun sind Baumreihen angebracht; Ruhebänke, Gedenksteine,
Boskets wechseln mit Blumenbeeten und anderen den Badegästen
gedeihlichen Anstalten. Ein bedeckter Säulengang in der Nähe der
Badeanstalt gestattet Bewegung auch bei unfreundlichem Himmel.
Zunächst galt es nun, ein Fortkommen für den nächsten Tag und nach
Salzburg zu gewinnen. Es boten sich Stellwagenführer dar, allein ich
zog es vor, den Vorschlag eines Bürgers von Ischl anzunehmen, der sich
anheischig machte, uns beide für 7 Gulden Münz in einem eleganten und
bequemen Einspänner morgen nach Salzburg zu führen. Der Mann zeigte mir
Pferd und Wagen, und der Vertrag wurde mit Handschlag bekräftigt.
Wir begaben uns sodann in unseren Gasthof, wo eine freundliche Wirthin
und zwei saubere Kellnerinnen uns mit Speis’ und Trank versorgten, und
wir einen unterrichteten schlesischen Landwirth antrafen, der uns viel
Interessantes aus den Jahren 1813 und 1814 mittheilte.
Am frühen Morgen des 2. Septembers hielt unser eleganter Einspänner vor
der Thür, sein Inhaber und Lenker, Freund Krieshueber, verpackte unsere
Koffer sorgfältig, und wir rollten, von den Glückwünschen unserer
Wirthin geleitet, auf der guten Straße davon. Auch auf dieser Seite
des Badeortes fehlte es nicht an Denkmälern, Tempelchen, Ruheplätzen,
Promenaden, Inschriften. Zur Seite tosete die Ischl, ein hellgrünes,
lustiges Gebirgswasser, das sich von Zeit zu Zeit wie neckend hinter
Büsche und Bäume verbarg, zwischen denen hie und da Rinder einzeln
umherstiegen.
Unser wackerer Fuhrmann trieb fortwährend seinen Gaul, einen starken
und fetten Pinzgauer von brauner Farbe, an, einen lebhafteren Schritt
anzunehmen. Der Braune aber war anderer Ansicht und ließ bald wieder
nach. Krieshueber handhabte deshalb die Peitsche kräftiger, was der
Braune endlich mit offenbar widersetzlichen Geberden, namentlich dem
Versuch, die Stränge zu zerschlagen, beantwortete. Krieshueber war
jedoch keineswegs der Mann, bei dem man damit etwas ausrichtete. Er
sprang von seinem Sitze herab, faßte den Zügel scharf an und hieb sein
widerspänstiges Roß über Brust und Stirn mit der Peitsche dergestalt
kräftig, daß wir eine Intervention stattfinden ließen. »Ei was da,«
erwiderte der Gestrenge, »es hat mi halt zorni gmacht!«
Krieshueber kannte sein Roß übrigens, wie der Erfolg bewies, ganz
gut, denn fortan war es das gehorsamste und fleißigste Zugthier, das
man sich denken konnte, und unser Wäglein rollte lustig fürbas. Wir
gelangten bald an den prächtigen St.-Wolfgang-See, dessen hellgrüne
Wellen munter an das Ufer heranrollten und das erfreuliche Schauspiel
der Brandung darstellten. Trotz der Nebelwolken, in welche die Spitzen
der steil aufsteigenden Felsen gehüllt waren, trotz des Regens,
der strichweise uns nöthigte, den Ledervorhang herabzulassen, war
doch die Fahrt im höchsten Grade erheiternd und genußreich. Welche
reiche Vegetation schmückte nicht die Wiesen- und Straßenränder,
welche unbeschreiblich schöne, mannichfaltige, farbenreiche Bilder
entfaltete jede Biegung des Weges; bald standen am Wege Tafeln, auf
denen Unglücksfälle früherer Wanderer abgebildet waren, bald sahen
wir Capellen mit den Bildern der Madonna, des Heilandes oder anderer
Heiligen, bald zeigten sich die weißen Gebäude vom St.-Wolfgangs-Stift
dicht am See in weiter Ferne, bald verdeckte der stattliche Fichtenwald
den farbenschimmernden Spiegel des See’s gänzlich unseren Blicken.
Wir naheten eben einem gewaltigen hölzernen Bauernhause, an dessen
Ecke ein krystallklarer Wasserstrahl in einen ausgehöhlten Baumstamm
sich stürzte und, denselben füllend, mehrere kleine Wasserfälle
bildete, als unser Brauner eigenmächtig und zwar so entschieden vom
Wege ablenkte, daß wir meinten, er habe die Absicht, seinen gestrengen
Herrn Krieshueber und uns aus dem Wagen zu schütten. Herr Krieshueber
sah dem Beginnen jedoch ganz ruhig zu, und der Braune steckte sein
Maul in die Wasserfülle des Troges und zog dieselbe überaus behaglich
in sich, ruhete ein wenig, trank abermals und setzte dann offenbar
sehr befriedigt und ohne besondere Aufforderung seines Herrn den Weg
willig weiter fort. Ja er schien nun erst recht ins Laufen zu kommen.
Krieshueber erklärte auf unsere Bemerkung, daß dieser Trunk auf die
Hitze dem Thiere doch schädlich seyn müsse, daß dies durchaus nicht
der Fall sei, wenn nur das Thier nachher wieder scharf dahintrabe.
Wir fanden im Verlauf unserer Reise, daß jeder Fuhrmann seinem
Pferde diese Erfrischung gestattete, daß die Thiere die Stelle genau
kannten, wo Wassertröge zu finden waren, und daß sie unaufgefordert
und unaufgehalten denselben sich zuwendeten, obschon ihnen der klare
Schweiß auf dem Felle stand.
Der Weg senkte sich, wir gelangten abermals an das Ufer des See’s und
hatten den Anblick der gegenüberliegenden Felsen und des riesigen
Schafbergs. Links am Wege standen die ansehnlichen Gebäude des alten
Brauhauses Lueg, dessen Bier eines besonderen Rufes genießt. Wir
eilten vorüber und gelangten sodann an den ersten Ruhepunkt, nach ~St.
Gilgen~, wo unser treuverdienter Brauner ausgespannt und in den Stall
des stattlichen Gasthofes des Posthalters geführt wurde.
In der gewölbten Hausflur stand die ansehnliche Gestalt des Wirthes,
dem ein riesiger hellbrauner Hund zur Seite lag. Wir beide wurden in
ein kleines Gemach rechts vom Eingange gewiesen. Es war gewölbt, in der
einen Ecke befand sich ein geschnitztes Christusbild. An der Wand sah
man unter Glas und Rahmen den Erzherzog Johann mit einem Begleiter in
leichtem Reisewagen, auf dessen Handpferd eine frische Mädchengestalt
in der schmucken Tracht eines Kaiserlichen Postillons saß. In kurzen
schlichten Worten meldete die Unterschrift die Geschichte der
nachmaligen Gemahlin des Kaiserlichen Prinzen und schloß mit den
Worten: »und das war gut.«
Wir aber nahmen behaglich am gedeckten Tische Platz und erwärmten
uns zuvörderst durch eine Tasse Kaffee, die wir mit Kesperwasser
verstärkten, da Arrak oder Rum hier fehlten. Dann erst ließen wir die
Wiener Würstel mit Kren folgen und den trefflichen Grinzinger, der
eben so leicht als wohlschmeckend ist. Wir schenkten eben das letzte
Glas ein, als eine überaus wohlgenährte Frau mit rothem Gesicht ins
Zimmer rasch eintrat und ebenso rasch durch die gegenüberstehende Thür
unseren erstaunten Blicken sich entzog. Sie war fein und städtisch
gekleidet, trug aber auf dem Haupte einen ansehnlichen Helm von Gold,
der eng an Stirn und Schläfe anschloß und einem Nautilus noch am
ehesten zu vergleichen war. Es ist dies die Festtracht der älteren
Frauen der reichen Landleute, die wir nachmals in Salzburg öfter sahen.
Solch’ eine aus dem besten, echten Golddrahte geflochtene Haube kostet
mindestens 100 Gulden und erbt in der Familie fort. Die Tracht stammt
jedenfalls aus der frühesten Vorzeit und ist in der That überaus
prächtig und für volle Gestalten auch sehr kleidsam.
Wir erhoben uns endlich und traten unter das vor dem Gasthofe
errichtete Schirmdach. Eben war die Kirche beendigt, und die Landleute,
die Männer in schwarzen, langen Röcken, schritten ihren Häusern zu.
Jetzt kam auch die Post von Ischl heran und brachte eine namhafte Fülle
von Reisenden, die der großen Gaststube zuströmten. Herr Krieshueber
spannte auch seinen Braunen ein, wir aber beschlossen, den steilen,
großen Berg, der hinter dem Gasthofe aufstieg, zu Fuß zu beschreiten.
Zu beiden Seiten der Straße standen die Häuser des Dorfes mit den
Schindeldächern, die gegen die Stürme mit Steinen beschwert waren.
An vielen derselben las man Inschriften, unter denen die des Müllers
ohnstreitig die interessanteste war:
Ich achte meinen Wasser
gleichwie dem Regenwasser
das von den Dächern fließt.
Ob sie mich gleich beneiden,
so müssen sie doch leiden,
daß Gott mein Helffer ist.
Nicht minder interessant war aber auch die Flora auf den Wiesen, die
hinter dem Dorfe begannen, worunter sich der Alpenthymian durch seine
besondere Größe auszeichnete. Wir stiegen rüstig fürbas und wendeten
uns oft um, um die prachtvolle Ansicht des St.-Wolfgang-See’s und des
tief unter uns liegenden Dorfes St. Gilgen zu bewundern.
Endlich gelangten wir in den Wald, und Krieshueber ersuchte uns,
den Wagen wieder zu besteigen, obschon es noch ein gutes Stück
Weges bergauf ging. Wir freuten uns der reichen, üppigen Vegetation
des Waldes, dessen Nadelhölzer überaus kräftig dastanden. Ueberall
rieselten muntere Bergwässer. Die Straße senkt sich, und wir gelangen
an den Fuschelsee, der zwar etwas kleiner ist als der von St. Wolfgang,
aber nicht minder schöne Färbung zeigt.
Der ~Fuschelsee~ soll an manchen Stellen 150 Klaftern tief seyn; am
Rande, wo das Dörfchen Fuschel liegt, ist er schön türkisfarben,
weiter nach der Mitte dunkelgrün, und am jenseitigen Ufer zieht sich
ein lichter gefärbter Streifen hin. Uebrigens wechselt die Farbe aller
dieser Seen je nach dem Stande der Sonne, dem Zuge der Wolken und der
Richtung des Windes.
Der Weg steigt nun wieder auf, und wir gelangen bald nach ~Hof~, in
dessen stattlichem Posthause abermals ein Stündchen gerastet wird.
In der Wirthsstube schalten sehr saubere Kellnerinnen mit Gesichtern
so frisch wie Milch und Blut. Dem Wirthshause gegenüber steht die
alte Sebastiankirche, die, wie die meisten des Salzburger Landes,
modernisirt ist. Sie ist mit einem wohlgepflegten Kirchhof umgeben, den
eine Mauer einschließt. Wir sind hier 2219 Fuß über der Ostsee.
Wir fahren weiter; allein von hier an wird das Land einförmig im
Vergleich zu der prachtvollen Gegend an den Seen. Auf den Feldern
bemerken wir aufgerichtete Holzstäbe von 4-5 Fuß Höhe, in denen
Querstäbe angebracht sind, auf welchen das abgeschnittene Getreide vor
dem Einbringen in die Scheunen getrocknet wird. Wir fanden diese Stäbe
von hier an durch ganz Oberösterreich, wo man auch Heu und Klee in
gleicher Weise abtrocknet. Die Gegend erinnert an das Erzgebirge und
dessen langhingestreckte Bergrücken.
Endlich gelangen wir zu einer freien Aussicht auf das Thal, aus welchem
das glänzende Silberband der Salzach und die weißen Häuser der Stadt
~Salzburg~ und ihrer Umgebung hervorleuchten.
Wir steigen aus, um den letzten, steilen und langanhaltenden Berg zu
Fuß hinabzuwandern. Zur Linken ist uns ein gewaltiger Berg, der uns
noch immer den Anblick der Stadt entzieht, deren Nähe aber bereits
stattliche Wohnhäuser verkünden. Freund Krieshueber ladet uns ein,
wieder Platz zu nehmen, und der Braune zieht uns munter vorwärts. Wir
gelangen an das wohlbefestigte Linzer Thor, die Gensdarmen nehmen
unsere Pässe in Empfang, und der Wagen bewegt sich gemäßigt durch die
belebte Straße nach dem Gasthofe zur goldenen Traube, vor welchem
zahlreiche Fahrzeuge bereits aufgestellt waren. Während nun mein Sohn
bei dem Wagen blieb, begab ich mich über die Brücke nach der anderen
Seite der Stadt. Straßen und Brücken waren dicht mit Menschen besetzt,
die den Festzug der Schützen erwarteten, die auf dem Schießstand heute
das zu Ehren der Forst- und Landwirthe veranstaltete Festschießen
beginnen sollten. Ich eilte nach dem stattlichen Collegiumgebäude.
Die Treppe war mit festlichem Grün geschmückt, die Festordner saßen
an der Tafel und überreichten mir, nachdem ich meinen Namen in das
Album eingetragen, das Programm, die höchst elegante Aufnahmekarte, in
welcher zugleich ein Kärtchen der Umgebung von Salzburg sich befindet,
dann aber das weiß und rothe Seidenband, welches die Mitglieder der
Versammlung tragen sollten. Ein Diener geleitete mich nach der für
mich bereitgehaltenen Wohnung auf der Getreidegasse; meine neuen
Wirthe empfingen mich mit der dem Oesterreicher so eigenthümlichen
Herzlichkeit, und ich eilte nun, meine Habseligkeiten herbeizuholen,
nach dem Gasthofe zurück. Freund Krieshueber nahm seine 7 Gulden nebst
Trinkgeld in Empfang und äußerte den Wunsch, uns auch wieder nach Ischl
zu führen. Er nahm herzlichen Abschied, und wir hielten nun unseren
Einzug in die elegante Wohnung.
So waren wir denn in dem altberühmten ~Salzburg~, froh, daß nun doch
auf acht Tage das Fahren und Eilen eingestellt und ein etwas ruhigerer
behaglicher Genuß der sich darbietenden Gegenstände stattfinden werde.
Die Einräumung unserer Sachen und die Toilette war bald bewerkstelligt,
und wir schickten uns an, Entdeckungsfahrten in der Stadt zu machen,
deren Aeußeres uns schon so ungemein ansprach.
Salzburg besteht aus 800 Häusern, die etwa 12,000 Einwohner beherbergen
und an beiden Ufern der Salzach sich hinziehen, welche von dem
Capuziner- und dem Mönchsberge begrenzt werden. Am Fuße des ersteren
am rechten Salzachufer befindet sich der kleinere Stadttheil mit der
Vorstadt Stein, am linken dagegen ist die Festung Hohensalzburg, nebst
dem Dom, dem Benediktinerstift St. Peter und dem größeren Theile der
Stadt, nebst den Vorstädten Nonnthal und Mülln.
Die 370 Fuß lange Holzbrücke hatte ich bereits ein paar Mal
überschritten und von da aus die prächtige Aussicht auf die stattlichen
Häuser am Ufer, die Festung, die Berge, die Vorstadt Mülln genossen.
Jetzt schritten wir durch unseren Hof, den ein wohlgemaltes Marienbild
schmückte, und dessen Arkaden an Italien erinnern, nach dem Platze,
dessen Hauptseite die große Façade des Collegiumgebäudes bildet. Von
da aus gingen wir nach der stattlichen Pferdeschwemme, einem oblongen
Bassin aus Marmor, an welchem eine schöne Gruppe, ein Pferdebändiger,
aufgestellt ist. Das Roß gehört der kräftigsten Pinzgauer Race an, der
ihm zur Seite stehende Mann erinnert an den Borghesischen Fechter. Die
Gruppe ist etwas über Lebensgröße. Den Hintergrund der Pferdeschwemme
bildet eine Mauer, an welcher sich gemalte, aber bereits verblichene
lebensgroße Pferde befinden. Die Mauer ist hie und da durchbrochen.
Wir schritten sodann durch ein großes Thor und suchten ~den Dom~ auf,
der allerdings einen sehr großen Eindruck auf den Beschauer ausübt.
Er ist ganz aus Marmor gebaut, 360 Fuß lang, 220 Fuß breit, und die
Höhe des Mittelschiffes beträgt 150 Fuß. Imposant ist der Anblick der
Süd- und der Nordseite von den freien Plätzen. Es sind im Rusticostyl
aufgethürmte Marmorblöcke, die nur von wenigen Fenstern unterbrochen
werden. Ueber dieselben ragt die achteckige Kuppel in gleicher Höhe mit
den beiden Thürmen der Westseite empor, die sich an die bischöfliche
stattliche Residenz anlehnt und mit dieser durch gewaltige Arkaden
verbunden ist. Die Westseite ist von den beiden Thürmen begrenzt,
zwischen denen die große Thorhalle eingeschlossen ist, deren schönste
Zierde die vier kolossalen Statuen der Heiligen Rupertus, Virgilius,
Peter und Paul, sämmtlich aus Marmor, bilden. Die letzteren sind im
Jahre 1709 von Mändl gearbeitet worden, demselben Künstler, der den
Pferdebändiger an der Schwemme gefertigt hat. Wir traten in den Dom ein
und bewunderten die einfachen, großartigen Verhältnisse des Innern.
Gleich in der Vorhalle stehen zwei Marmorbecken auf schlankem Fuße,
nicht weit davon eine uralte Taufe aus Blei, die auf vier kupfernen
Löwen ruht. Es war zu dunkel für die Betrachtung der zahlreichen mit
großen Gemälden geschmückten Altäre und der Grabstätten der Bischöfe.
Wir traten daher wieder heraus und betrachteten die große Mariensäule;
die Statue der heiligen Jungfrau, gleich den vier anderen Figuren aus
Blei, ist 1771 von Hagenauer gefertigt worden und spricht weniger in
den Einzelheiten an, obschon sie stets eine schöne Zierde des Platzes
bildet.
Desto schöner ist der prachtvolle ~Hofbrunnen~ auf dem Residenzplatze
mit den riesigen Seepferden und den vier, die Schale tragenden Männern.
Er wurde unter Erzbischof Guidobald Grafen von Thun im Jahre 1664 von
dem Italiener Antonio Dario erbaut. Er ist ganz aus weißem Marmor, 45
Fuß hoch und trefflich erhalten.
Nicht weit davon erhebt sich ein anderes Denkmal, die am 4. September
1852 aufgestellte eherne Statue von ~W. A. Mozart~, der im Jahre 1756
in Salzburg geboren wurde. Es ist ein Meisterwerk Ludwig Schwanthaler’s
und eine der größten Zierden der Stadt, deren schönste Gebäude und
Plätze sich um den Dom gruppiren.
Wir aber wendeten uns jetzt dem Gasthofe zum Erzherzoge Karl zu, um uns
zu ferneren Betrachtungen neue Kräfte zu verschaffen. Wir hatten eben
ein vorzügliches Rostbratel zu uns genommen, als ein schlanker junger
Mann eintrat, der zu dem Gefolge des Herrn Erzherzogs Johann gehörte;
wir kamen bald in ein Gespräch mit ihm und vernahmen auch von dieser
Seite interessante Mittheilungen über die rastlose Thätigkeit des
Kaiserlichen Prinzen, über seine landwirthschaftlichen, montanistischen
und wissenschaftlichen Unternehmungen und das allgemeine Vertrauen,
das er sich bei Alt und Jung erworben hat. Namentlich rühmte unser
neuer Bekannter die Gärten und botanischen Sammlungen seines Fürsten,
deren Vervollständigung er sich immer angelegen seyn lasse. Er rühmte
ferner die große Güte und Leutseligkeit, die ihm die allgemeinste Liebe
erworben, erwähnte aber auch der Verläumdungen und Schmähungen, die der
edle Fürst in Frankfurt erfahren habe.
Wir begaben uns nachher über den Michaelisplatz nach dem Ufer der
reißenden Salzach, und ich fand hier Anklänge an Florenz und den
Lungarno. Vom gegenüberliegenden Ufer blickte der steile Capuzinerberg
mit seinen Befestigungen herab. Wir schritten am Quai hin und begaben
uns auf die Brücke, die wir stets sehr belebt fanden. Da erklangen alle
Glocken der Stadt, man läutete _Ave Maria_. Die meisten Männer nahmen
die Hüte ab. Wir gestanden, daß diese Aufforderung der ehernen Stimmen
von der Höhe der Thürme doch einen unbeschreiblich feierlichen Eindruck
mache und gewiß in vielen Herzen einen erhebenden Wiederhall finden
müsse.
Wir schritten noch durch einige Straßen nach unserer Getreidegasse und
begaben uns bald zur Ruhe.