Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus

der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze

Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten

einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium

gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen,

weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren

Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so

vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind,

daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses,

sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte

Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten

Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also

das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit

ursprünglich schon tief im Text stand, -- so wie es bisweilen mit alten

Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen

gelesen worden sind.

Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der

Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet,

die als solche dick vor Augen liegen.

Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur

Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und

sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit

basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist

weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf

einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber

fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.

Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein

soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten

noch vielerlei zu fragen.

Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein

hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette hinter sich

haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze

der Entwickelung.

Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen

Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm,

der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung

auf Erden geworden ist, -- von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst

eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch

festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische.

Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten

Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der

Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber

eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der

Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?

Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.

Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus,

eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer

Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die

Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil,

das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst

entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.

In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts

Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst

entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine

Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der

Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu

sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der

Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende

Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß

der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser

Lächerlichkeit gestorben.

Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde,

vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. Man nahm den

Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen

große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern

parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten.

War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch

eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich

hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben

auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.

Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die

Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und

andere kühn.

Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man

nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten

Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte.

Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.

Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten,

Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat

auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit

Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der

große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode

gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten,

der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte

Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der

sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.

Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener

urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten

äußeren Gestalten annähmen.

Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch

steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen

Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die

Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen

Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.

Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden andere

kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus

herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für

Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat

sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der

Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth

gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden

krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen.

„Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei

ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen

Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich

heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige

gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk

in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste

sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt

wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in

der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge --

ein Scheitelauge -- saß.

Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum

weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich

vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden

zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum

doch noch nicht.

Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft.

Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der

schärfsten Art -- und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie

ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.

Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen

Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen

Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, -- aber nicht, daß ein

Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.

Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche

Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut

erklärt.

Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen

Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem

großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich

einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das

sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig

als freier Schwimmer paradierte.

Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von

Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge

aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.

Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat,

da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht

mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in

stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne

Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte,

ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich

geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in

ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?

Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im

Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit

ihnen ihre Wasser belebte.

Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie

über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn

wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne

Pflanzen sich entfalten können.

Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines

offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben

wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer

Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber

gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese

Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und

Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der

ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter

den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig

Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so

einst ein Hauptheer dieser asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten

Abgrund sein Wesen getrieben haben?

Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten

erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht.

Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen

begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer

soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am

wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch

gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären,

keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in

seiner Regenpfütze uns bietet.

Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt

er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen

Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder

Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.

Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.

Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen

Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts

anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses

Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.

Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner

jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt

er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er

eine ganze Weile sogar die freie Luft.

Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft,

wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer

winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als

igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit

seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten

Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben

herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel

die Fensterchen des Kapitäns.

Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-,

das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine

Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten,

daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese

Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm

äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst

Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.

Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich

verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite,

die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine

Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über

dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem

Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging.

Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich,

wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre

Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort

dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern

geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander

gestanden haben.

Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um

so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen

Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben.

Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und

der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der

Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im

hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein.

Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen

Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter

seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es,

als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang

zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd

und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde

ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch

Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat.

So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem

Querschnitt durch Jahrmillionen.

Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere

Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das

begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf

es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der

Unsterblichkeit.

Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da

Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem

Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache.

Osterglaube.

Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch

noch ohne starke Farben.

Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als

gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das

wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus

tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf

und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich,

in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine

Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf.

Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein

eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig

Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim

auf sein Wasserrevier.

In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet.

Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht

heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen

aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten,

mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher

Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt

wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel

gehäuft.

Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die

ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings.

Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend

karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der

Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener,

tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem

Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt.

Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte

nur beschleunigt.

Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der

Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber

darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme,

die unser Grübeln auslacht. „Neu!“

Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder

erlebt sie sie.

Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus

einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in

ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen

fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in

äonenfernen Tagen.

„Neu!“

Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt.

Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten

durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen.

Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen

sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der

tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers

der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein

solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden

berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser

der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen

Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als

es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und

Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen✹...

An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden.

Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch

älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen

Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen.

Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf,

vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht

verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die

lieblichen Muschelkalkberge Thüringens.

Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein

bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und

Haifischen und Korallen.

Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem

Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre

Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der

Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist

ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen

über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten

Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden,

stehen heute noch im Berliner Museum.

Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen

trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen

auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand

und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine

Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie

wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten.

An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt

Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den

Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche.

Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt

nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge.

Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen

Stellung der Weltatome begründet.

Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder

sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer.

Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem

gleichen Gesetz.

Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem

Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter -- das Wort:

„selbstverständlich“.

Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das

Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur

und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer

wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung:

mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt

der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke,

schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der

Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht

weiter.

Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute

wie nur je.

Nicht tot zu kriegen ist sie.

Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie

der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht

der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein

Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus

der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an

den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle

das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt --

das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette

Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es

nicht finden können.

Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr

in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die

Fenster ein!“

Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“?

Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder

unserer Zeit, das Wunder aller Wunder.

Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen,

ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern

daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem

Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst!

Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad

wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen.

Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie

wunderbar das Natürliche selber ist.

Als Natürliches!

Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich

will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich

geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch

wieder das höchste Wunder.

Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen

Geschehens.

Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome?

Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch?

Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist!

Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein

Auferstehungsmorgen geschenkt ist -- das zweite, nicht minder große:

daß es Verschiedenes gibt.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 36 / 37 段