Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des

Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner

Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten

Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann

noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt

und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete

Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so

wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch

wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen

minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im

Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans,

Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig

entschieden -- und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das

Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem

fertigen Tier.

So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt

und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen

Tierarche gefunden.

Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind

noch heute da.

Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die

kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser enthält, dem schönsten

Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen

könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip

durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine

absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer

etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt

entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern,

die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines

Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei

dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben

sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine

Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß

überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten

kleinen Teich zeigt, -- bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen,

+ohne+ sich zu entwickeln.

Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins

Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das

Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich

zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen

Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen

Neuerungen aus.

Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das

aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es

Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt

machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, -- Handlungen, bei

denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein

geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.

Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher

Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen

schon abreißen sollte.

Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.

Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat

an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug

rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft

lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich der tollen

Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung

vorüberzieht.

Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter

klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen

Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings

gefunden worden sind.

Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine

Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich

heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage

vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke

plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem

Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber

in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.

Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie

ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.

Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu

riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt

wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den

Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers

schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze

aus acht orangeroten Pfauenfedern.

Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem

leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch

noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in

gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn

mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur

nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen

Futterplätzen zuführt.

Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als

Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie

eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die

„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier

geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal

das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus

unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen

völlig dem Wasser entzogen, wenn auch noch an feuchte Orte gebannt:

das Kellertier oder der Kelleresel.

Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt

in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer

lebendigen großen blauen Meduse.

Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum

genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist

auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines

hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.

Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen

Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der

Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar

seine Augen als überflüssig zuwachsen.

Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.

Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe

besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es,

die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000

Kilogramm Speck ansetzen kann -- jede Schätzung erlahmt vor der Zahl,

die dazu nötig ist.

Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche

Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein

schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd

durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.

Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt,

mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach

oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen

Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die

eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst

beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen

parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.

Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand

halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen

Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen

durch diesen eigenen Laternenschein spähend.

Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen

Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf,

-- und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge

zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß

kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen

„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen

Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas✹......

Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei

Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn

kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres

Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem

größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng

zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.

Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber

überhaupt beschreiben zu können.

Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn

so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem

ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles

und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem

Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie

er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden

die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes

Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten

Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste

Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für

die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so

besorgter, wohin damit.

Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.

Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs

feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen

Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem

auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.

Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann

unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er

denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch

dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren

Anschluß zu verrechnen.

Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch

wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn

so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte,

auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.

Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.

Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist

bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei

Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, -- ja

der Gletscherapus (_Apus glacialis_) geht am Kap Krusenstern in

Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in

Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf

Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der

Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen,

wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.

Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur

die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei

verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein

uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete

Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken

die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der

Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.

Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von

Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.

Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner

Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen

Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache

Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon

unendlich differenziert sich erweist.

Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen

bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen

finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer,

Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als

„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus

packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der

Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen

zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn

man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht

wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese

Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der

Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.

Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.

Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den

Beinen.

Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht

und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die

Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen

so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im

Prinzip macht es der Molukkenkrebs.

Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit

ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von

denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er

Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern

Kupfer.

So will er in kein System.

Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes

Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.

Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen

unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, -- in der das Bild der

Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt

zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das

war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen

erklingt.

Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo

der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie

eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs

herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen

liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse,

-- auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die

Wunder des Apus studiert hat.

Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die

Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel,

halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch

wieder seltsameres Wesen.

Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und

Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie

bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der

ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.

Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen

krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei

bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf

dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, -- und diese Larve zeigt den

gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen

Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das

die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von

Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein

Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals

gräbt.

Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt

hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses

eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute

allerdings völlig die Erde verlassen haben.

Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel,

ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken

herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen

Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein

Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit

zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze

ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als

je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem

Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war

wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse

er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits

ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane

eroberte, -- das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis

vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und -- vor eine

verschlossene Tür laufen.

Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer

Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er

gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, -- es schienen ihm unklare

Bruchstücke von Fischen zu sein.

Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten

ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf

Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein.

_Concha Triloba_ nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus

ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler,

Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl

man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.

Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden,

vollends wenn sich herausstellt, daß es ein -- Krebs ist.

Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige

Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart

gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren

Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!

Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam

1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine

Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so

geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.

Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein

Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den

Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei

es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht,

gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten

nachgewiesen worden.

Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend

ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben

die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in

dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß

die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib

erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich

in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es

in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte

Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht.

Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier

die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es

nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich

ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim

Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb,

und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und

Atmungsorgan jeder zugleich.

Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt

in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften

Apus von heute.

Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste,

stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten.

Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: -- alle hatten sie nur

ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite

nichts.

Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte

nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen.

Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend

igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander

zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit

verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck

angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500

gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt

die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur

Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter

Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine

seitwärts noch offenklar herausstehen.

Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die

Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der

Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang

alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung

herabgeschneit dasteht.

Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon

andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der

Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich

wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen

wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem

Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des

Lebens auf Erden.

Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie

mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.

Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle,

aus der sich alles gebildet haben soll.

Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber

diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen

Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist

es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der

sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit

aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden,

Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?

Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der

Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium -- und die Chronik

schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.

Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine

noch ältere Erdenschale, -- aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von

-- Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava

eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die

Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die

Trilobiten. Vom Himmel -- aus dem All -- woher?

Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen

geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen

Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.

Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein

„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs

unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und

er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen

prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in

die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen

Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit

soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum

andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der

da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem

annoch weißen ersten Blatt?

Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve

bringen könnte, er sucht die Sterne.

Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen

Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese

Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des

leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch

bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom

Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?

Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene

Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle

aufführe.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 35 / 37 段