Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner
Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten
Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann
noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt
und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete
Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so
wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch
wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen
minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im
Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans,
Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig
entschieden -- und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das
Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem
fertigen Tier.
So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt
und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen
Tierarche gefunden.
Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind
noch heute da.
Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die
kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser enthält, dem schönsten
Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen
könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip
durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine
absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer
etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt
entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern,
die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines
Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei
dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben
sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine
Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß
überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten
kleinen Teich zeigt, -- bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen,
+ohne+ sich zu entwickeln.
Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins
Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das
Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich
zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen
Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen
Neuerungen aus.
Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das
aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es
Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt
machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, -- Handlungen, bei
denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein
geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.
Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher
Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen
schon abreißen sollte.
Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.
Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat
an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug
rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft
lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich der tollen
Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung
vorüberzieht.
Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter
klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen
Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings
gefunden worden sind.
Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine
Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich
heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage
vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke
plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem
Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber
in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.
Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie
ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.
Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu
riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt
wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den
Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers
schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze
aus acht orangeroten Pfauenfedern.
Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem
leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch
noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in
gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn
mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur
nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen
Futterplätzen zuführt.
Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als
Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie
eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die
„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier
geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal
das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus
unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen
völlig dem Wasser entzogen, wenn auch noch an feuchte Orte gebannt:
das Kellertier oder der Kelleresel.
Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt
in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer
lebendigen großen blauen Meduse.
Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum
genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist
auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines
hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.
Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen
Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der
Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar
seine Augen als überflüssig zuwachsen.
Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.
Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe
besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es,
die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000
Kilogramm Speck ansetzen kann -- jede Schätzung erlahmt vor der Zahl,
die dazu nötig ist.
Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche
Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein
schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd
durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.
Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt,
mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach
oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen
Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die
eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst
beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen
parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.
Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand
halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen
Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen
durch diesen eigenen Laternenschein spähend.
Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen
Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf,
-- und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge
zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß
kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen
„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen
Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas✹......
Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei
Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn
kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres
Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem
größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng
zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.
Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber
überhaupt beschreiben zu können.
Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn
so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem
ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles
und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem
Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie
er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden
die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes
Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten
Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste
Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für
die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so
besorgter, wohin damit.
Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.
Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs
feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen
Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem
auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.
Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann
unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er
denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch
dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren
Anschluß zu verrechnen.
Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch
wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn
so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte,
auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.
Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.
Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist
bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei
Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, -- ja
der Gletscherapus (_Apus glacialis_) geht am Kap Krusenstern in
Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in
Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf
Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der
Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen,
wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.
Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur
die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei
verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein
uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete
Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken
die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der
Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.
Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von
Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.
Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner
Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen
Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache
Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon
unendlich differenziert sich erweist.
Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen
bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen
finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer,
Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als
„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus
packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der
Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen
zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn
man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht
wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese
Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der
Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.
Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.
Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den
Beinen.
Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht
und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die
Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen
so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im
Prinzip macht es der Molukkenkrebs.
Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit
ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von
denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er
Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern
Kupfer.
So will er in kein System.
Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes
Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.
Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen
unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, -- in der das Bild der
Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt
zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das
war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen
erklingt.
Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo
der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie
eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs
herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen
liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse,
-- auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die
Wunder des Apus studiert hat.
Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die
Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel,
halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch
wieder seltsameres Wesen.
Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und
Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie
bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der
ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.
Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen
krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei
bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf
dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, -- und diese Larve zeigt den
gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen
Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das
die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von
Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein
Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals
gräbt.
Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt
hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses
eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute
allerdings völlig die Erde verlassen haben.
Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel,
ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken
herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen
Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein
Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit
zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze
ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als
je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem
Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war
wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse
er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits
ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane
eroberte, -- das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis
vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und -- vor eine
verschlossene Tür laufen.
Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer
Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er
gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, -- es schienen ihm unklare
Bruchstücke von Fischen zu sein.
Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten
ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf
Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein.
_Concha Triloba_ nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus
ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler,
Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl
man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.
Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden,
vollends wenn sich herausstellt, daß es ein -- Krebs ist.
Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige
Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart
gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren
Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!
Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam
1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine
Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so
geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.
Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein
Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den
Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei
es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht,
gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten
nachgewiesen worden.
Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend
ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben
die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in
dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß
die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib
erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich
in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es
in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte
Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht.
Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier
die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es
nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich
ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim
Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb,
und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und
Atmungsorgan jeder zugleich.
Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt
in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften
Apus von heute.
Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste,
stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten.
Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: -- alle hatten sie nur
ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite
nichts.
Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte
nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen.
Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend
igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander
zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit
verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck
angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500
gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt
die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur
Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter
Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine
seitwärts noch offenklar herausstehen.
Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die
Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der
Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang
alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung
herabgeschneit dasteht.
Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon
andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der
Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich
wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen
wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem
Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des
Lebens auf Erden.
Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie
mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.
Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle,
aus der sich alles gebildet haben soll.
Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber
diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen
Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist
es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der
sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit
aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden,
Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?
Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der
Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium -- und die Chronik
schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.
Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine
noch ältere Erdenschale, -- aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von
-- Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava
eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die
Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die
Trilobiten. Vom Himmel -- aus dem All -- woher?
Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen
geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen
Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.
Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein
„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs
unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und
er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen
prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in
die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen
Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit
soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum
andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der
da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem
annoch weißen ersten Blatt?
Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve
bringen könnte, er sucht die Sterne.
Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen
Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese
Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des
leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch
bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom
Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?
Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene
Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle
aufführe.