Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle

Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische

Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem

unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern

auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge,

eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem

Auge noch wieder das alles schwimmt.

Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten

aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten

beachtet wird: -- daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten

das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich

erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt.

Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute -- diese

zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die

Entwickelung, der Fortschritt.

Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als

„selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare,

daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie

Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen.

Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die

Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu

fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige

einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen -- es hat

gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch

Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An

der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten

Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr

ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte

Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend

Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt.

Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines

„Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden

erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur

möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der

Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom

Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern

großen Ur-Wunder lag.

Das Wunder des Natürlichen!

Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den

einsamen See.

Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden

Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das

schelmisch die blanken Zähne zeigt.

Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“.

Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln

stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir

verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt.

Es ist, -- mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der

dunklen Höhle wirft.

Ende.

„=Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung=“

vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft,

die aus Anlaß des +Jahrhundertwechsels+ die letzten hundert

Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten

historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke

im Verlage von =Georg Bondi= in Berlin erschienen:

_Dr._ =Theobald Ziegler=, ord. Professor a. d. Univ.

Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts.

_Dr._ =Cornelius Gurlitt=, ord. Professor a. d. Kgl. techn.

Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts.

_Dr._ =Richard M. Meyer=, Professor a. d. Univ. Berlin: Die

deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.

_Dr._ =Georg Kaufmann=, ord. Professor a. d. Univ. Breslau:

Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert.

_Dr._ =Siegmund Günther=, ord. Professor a. d. techn.

Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im

19. Jahrhundert.

_Dr._ =Franz Carl Müller= in München: Geschichte der

organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.

_Dr._ =Werner Sombart=, Professor a. d. Univ. Breslau: Die

deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.

Die folgenden Bände der Sammlung sind =in Vorbereitung=:

_Dr._ =Heinrich Welti= in Berlin: Das musikalische Drama und

die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

_Dr._ =Paul Schlenther=, Direktor des K. K. Hofburgtheaters

zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert.

=Colmar Freiherr v. d. Goltz=, General d. Infanterie: Deutsche

Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Ein jeder Band umfaßt etwa 800 Seiten groß Oktav, bildet ein

abgeschlossenes Ganzes und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis

von M. 10.-- (broschiert) und M. 12.50 (Halbfranz gebunden) zu haben.

Stereotypplattendruck von +F. E. Haag+, Melle i. Hann.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 37 / 37 段