Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen
zu lassen, -- des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in
der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander
vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs
enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel
von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden
Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die
des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt
in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine
Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen
Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den
Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen
gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den
Löchern gucken. Ein absurdes Bild -- und doch steckt der Apus genau
so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben
durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem
Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber
in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie
beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder,
sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also
„Kiemenfüße“.
Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber,
der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten
braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote
Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem
_Apus productus_) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas
an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen
konnte.
Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar
Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten
über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die
Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu
verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen
und ihnen die Beine abbissen.
Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte
die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von
allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie
zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“.
Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei
Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der
unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je
auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt
zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen
eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes
dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch
ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten
Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange
des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche
Komplizierung der Gliedmaßen.
Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot
er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten
einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte
die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die
verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister,
der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das
wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter
Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im
Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder
spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war
ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr
Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia.
Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler
mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur
Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade
damals +einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen+.
Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich
lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus
beschäftigt hat.
Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig
sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und
findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern.
Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf
beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der
Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel,
Wasserwanzen ein, -- wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem
Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen
bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung.
Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, Radspuren
und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend -- und hier
auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten,
wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die
Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat.
Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu
bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und
mehr, -- jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und
füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer,
als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich
wieder und alles ist voller Tiere.
Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem
Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen?
Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den
Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit
Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die
Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben
die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung -- und in diesen Lachen,
mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in
wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann
sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher.
Ja, was fällt nicht alles vom Himmel!
Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als
die meisten Menschen denken.
Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine
und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe
nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im
neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus
dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad
überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig
bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen
nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost
zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend
zu halten, aber in der Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom
Himmel“ aus einer Regenwolke -- das fordert ja noch nicht einmal
wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich
in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend
die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan
Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter
Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen
sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß
das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja
gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine
Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint
er schon als ein Produkt des Regens.
Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt
worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche
Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das
einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses
wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache
nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in
tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit
eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.
Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern
nach noch keine zweihundert Jahre.
In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab
Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in
Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen
ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem
Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens
Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“,
schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn
es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn,
für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die
es für Füsse ansehen, ein _polypus_ heißen muß, bei mir aber
_apus_.“
Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich
die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb
aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert
hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im
System sein könne?
Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung
wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind
aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter
Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann
Christian Schäffer.
Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn
herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille
Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der
Streitfrage glücklich auseinander gewickelt.
Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu
Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der
Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus
irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der
wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer
Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde
denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer
nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso
mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen.
Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus
diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten
eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung
einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die
Eier dabei?
Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt
mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren
Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen
rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie
aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, -- und wenn man dann
einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein
Embryo gestaltet sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben
Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben
Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine
fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen -- der echte Apus.
Damit ist ein Streitpunkt sofort klar.
Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen
Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem
Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier
durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und
plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren.
Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich
die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen
kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare
Trocken-Festigkeit haben.
Ein weiterer Schluß wird möglich.
In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der
Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die
Wanderschaft kommen. Es ist -- neuere Staubfälle haben es erst wieder
bewiesen -- schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich
eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise
oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre
Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind
sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen
jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel
Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen
sein! Staub -- und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen,
warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt:
warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte
Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist?
Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte
Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des
Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen
waren. Es gelang ihm mit allem Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu
entdecken. Was bedeutete wieder das?
Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was
nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und
Wissenschaft einfach nicht sein +durfte+.
Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen
Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder
waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete,
was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß
einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von
denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße
auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von
sich gegeben haben.“
Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche.
Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und
Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch
gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder
beobachtet noch richtig war.
Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und
Weib in einem Leib.
Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in
der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte,
eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte.
Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten
Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen.
Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine
bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für
seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun -- mit diesem Tümpel-Leben war
wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff
hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand!
Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus
lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen
hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher,
daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen
Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie oft mochte nur eines
kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus
Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die
Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden.
Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von
all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals
nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt
von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer.
Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide
Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene
glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die
Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort
überhaupt keine gefunden hatte.
Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach
ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage
an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm
und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger
Krebs vom Himmel fiel.
Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche
gar auch noch Ereignis.
Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus
und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen
Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also
echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein
und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen
haben.
Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857
führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei
Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare
Männchen des Apus sich tummelten.
Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein
„Naturgesetz“. Wer würde siegen?
Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras
gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die
mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb ihres
Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie
vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier
nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt
in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen
ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung
zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen
Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so
hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja
sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“
doch immer noch eine kleine Sache!
So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen
Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber
vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der
Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen
an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute
so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein
Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen,
mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an
kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut
hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten
Jahrhunderts gewesen.
In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den
sechziger Jahren auch der Apus.
Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener
„Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit
Schrauben“ auf den Leib zu rücken.
Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf
ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der
Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber
einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen
Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so
wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In
diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus.
Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken,
in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung;
das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde
die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen
bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den
Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen
durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des
Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung.
Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs
Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war,
während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer.
Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische
Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz
auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine
weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann.
Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist,
die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen
Ehekodex sich selber gesetzt hat.
Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier
aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das
sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und
Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein,
-- abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung
stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und
das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem
gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem
Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für
ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht
im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren
Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze
Märchen wieder von vorne beginnen lassen.
Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung gemacht, daß
auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die
Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des
„Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der
Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt,
hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person
die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier
zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder
wieder Königinnen) hervorgehen, -- oder aber durch Jungfernzeugung
unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn -- eine Drohne -- entwächst. Im
verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion
eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das
schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde.