seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein
Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in
ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem
Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat
blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich
und greifbar vor der Erfüllung steht und die +geträumten+ Dinge
+sieht+.
Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in
lebendigstem Bild.
Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, vor
Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“
als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige
Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die
Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, --
Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die
Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis
neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu
einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen
wäre.
Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte.
In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer
wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu
erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem
Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als
+Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart+.
Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder
aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen
eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon
und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu
mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem
Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.
Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender
Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des
siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes
und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung.
Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond
befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden,
bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d.✹h. tiefgelegene
Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem
Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig
sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz
für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige
Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der Sonne, vielleicht auch
gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in
der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an
diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen
Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit
dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles
hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse
zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens
eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in
einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen,
teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr
tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück,
gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand
des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt
es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern
daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines
schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang
durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist.
Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der
Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des
sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn
der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist
er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der
Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes
sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen,
die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile
des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese
Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig
von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher
und ertragen dadurch die Hitze.“
Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt,
Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das
wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während
des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes.
Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch
vollkommen spaßhafte Sache✹.....
Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir
auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen
von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch
schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus
logischen Gedankengang.
Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut
kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“
entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich
entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte
Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im
gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine
Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der
Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der
Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet
werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer
des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine
natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen
Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne
Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in
einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem
Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen
Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des
Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel
heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich
durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch
diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch
im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens,
meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte
an.
Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen
von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne
„natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur des Materials“
hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der
man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe.
Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch
widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht
vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond.
„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen
auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen
und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material
bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen
abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben,
die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort
durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers
im Gleichgewicht gehalten. +Aber+ in den fleckigen Partien
des Mondes ist die Gestalt der +genau runden+ Höhlen und die
Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume
etwas Gemachtes und zwar +gemacht von einem architektonischen
Verstande+. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form
eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es
scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf
dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um
jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit
jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der
Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und
die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen
der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte
und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“
Daß die Mondbewohner -- einmal ihre Existenz vorausgesetzt -- gerade
solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz,
der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen
in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie
bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der
Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz +anpassen+!“
Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren
Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich
meine bei der Enträtselung des Planeten Mars.
Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren
Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen
Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“.
Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“
in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen,
für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas
getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden
Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage
raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und
mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder
nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht
haben. Keplers Schluß, -- bloß auf den Mars übertragen!
Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so
ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik,
+sein+ Fall tatsächlich +falsch+ war.
Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller
Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher
Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“
Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein
schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle
sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten
an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers
Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter
Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern.
Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch +heute+
deshalb noch nicht klar wissen, +was+ die ringförmigen Mondgebilde
nun +wirklich+ sind.
Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den
Schulbüchern steht?
Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse Mondlöcher
mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild
heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie.
Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die
seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos
„Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte
Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht?
Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto
weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater
entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren
Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar
nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen
Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein?
Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch
eigentlich alles an.
Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun
die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“
(wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des
Abstürzens von oben kommender Massen wären, -- von Massen, vielleicht
einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet
war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach
einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand
kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem
man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht,
führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich
die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes
Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er
alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, -- vorausgesetzt, daß nicht noch
immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die
letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren
Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers
von innen heraus noch +mitgewirkt+ und auch kleine echte „Krater“
wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben
haben könnte✹....
Das mag als Bild genügen, -- als Bild, wie wenig wir noch heute „über
den Berg“ sind.
Den Mondberg!
Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, -- mit jenem Lächeln
aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar
Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes
Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des
Menschengeistes.
Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp
und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist,
der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, -- der „Traum im
Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller
Zerrissenheit des „Wirklichen“.
Vom Krebs, der „vom Himmel fällt“.
Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres.
Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine
weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr
niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden.
Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus
allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen
Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus
der alten roten Laubdecke im Waldesgrund.
Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener
Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand,
mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch
ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und
drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem
Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer
Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken
einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang
baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft
impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten
immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein.
Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren.
Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht.
In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur,
sollte es sich bergen.
Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein
echter, dauernder Tümpel bestand.
In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune
Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste
Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde
es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr
trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren
Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte
Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich.
An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste
Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem
dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln
plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran.
Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber
ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier
noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht.
Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle
Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der
Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt,
ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber
in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage,
der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und
ich sah.
Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser,
bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen
lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob
sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde
wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch
aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß
bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte
von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen
der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es
fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam
sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto
deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf
dem Rücken, die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf,
hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist
wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader
schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven
Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am
Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch
ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner
Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist
ein Krebs, -- im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt.
Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt
er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der _Branchipus_.
Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen
Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der
Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für
eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische
Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für
den Branchipus.
Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort,
überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum
erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich
starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines
Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht.
Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht
naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der
Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich
scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes
wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin,
ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt
vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das
zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will.
Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier:
den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs
sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. Von oben sieht
er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von
einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale
brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen
heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine
sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich
gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst
wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar
zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln
unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar
richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her,
meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder
„Schieler“.
Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein
Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem
abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee.
Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie
dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und
in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen
Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel
nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes
Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe
war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas
durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel
aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt
wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien.
Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten
Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer
nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei
fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen
wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers
im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu
durchstöbert.
Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt
in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit ist jetzt am
stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz
zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines
der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender
Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden.
Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten,
Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter
der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich
sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine
Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der
Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der
ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein
Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert,
-- und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt.
Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir
aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich
einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt.
Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren,
sagenumwobenen _Apus_, des „Ohnfußes“, wie das lateinische
Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter
Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt.