Astronomie -- schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit
einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist
von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel
in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond
selber hinweg -- also bei der Mondfinsternis, -- so ist die ganze Bahn
frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich
etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die
Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und
Erde steht, also seinerseits -- in der Sonnenfinsternis -- einen vollen
Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.
Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer
Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den
Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem
Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit
der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer
aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders
die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor
wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen
zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler
sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde
überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere
Hülfe erfolgt.
Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer
Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir
heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung
der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir
stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der
Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so
nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz
gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches
handhabt.
Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist,
wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen
Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem
Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“,
-- und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die
magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung
die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von
beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine
Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“
Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister
alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne
zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute
das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem
„Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, um in ihrer
Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen.
„Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer
war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller;
aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach
der Mittagssonne um den längsten Tag.“
Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus
der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine
verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich
zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute
sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele
beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht
festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim
Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden
hatte.
Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns,
wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es,
als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher
Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister
tatsächlich in ihre Löcher kriechen.
In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde
gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist,
mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig
abgewandte Seite.
Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß,
wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite
zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen
keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch
+muß+ er sie gerade haben, +damit+ uns seine eine Seite treu
bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe
oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu
merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so
kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht
und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie
sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die
Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß
der Mond +nicht+ wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er
läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand
etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen
wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die
Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand
um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst
drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade
auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst +davon+
ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, -- die ewige innere
Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines
Erdbewohners Auge je überschaut worden ist.
Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit.
Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein
ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse
die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren
Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, -- wer
aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer
fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“
streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe
Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte.
Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese
Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten
Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein
noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt,
alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“.
Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken
eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei,
hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos
lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer
wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von
Astronomen, die an Eis auf dem Monde glauben. Sie finden keine andere
Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch
viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden,
also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem
Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben
könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich
nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre
flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der
Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach
Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche
Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum
Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder
etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur
bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den
absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze
Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als
die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig
hineingelagerte Erde besitzt.
Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück.
Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht
sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere.
Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker
singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat
umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja
beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler
verrät uns, wie die Gesichter ausschauen.
Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die
Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen
in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts
ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die
Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene
Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt
es, „weil Magellanika ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land,
noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide
Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“
Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine
andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers
Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein
überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben.
Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor,
-- es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im
äußeren Umriß festzustellen.
Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika:
die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf
Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den
Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar.
Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt:
Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als
dem andern; die Katze ist Skandinavien.
Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In
Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland
dunkel zusammen.
Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler
kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen
Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit
geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars,
dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben
sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer
wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre
bei uns aufs Korn genommen haben.
Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem
Monde selbst?
Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten
vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen
Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen,
Strahlensystemen, Rillen, -- das Werk unendlichen Gelehrtenfleißes, an
das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser
Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten,
prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie
ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, -- bis auf jene
Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die
luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war
das alles zu Keplers Zeit!
Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte,
wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der
alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres
Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von
Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem
Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen,
Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle,
ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste
Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog
Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag,
worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre
später ist das erste Fernrohr hergestellt worden.
Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden.
Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig
Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht
wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden
Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch -- ohne
vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers
Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine
Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte!
Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie
schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein.
In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer
ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in
denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene,
durchlöcherte Rinde, in der doch jede Zuckung erstarrt ist. Alles
starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit
den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das
„hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte
im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein
Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich.
Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei
gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper.
Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage.
Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank
sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche
Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da
hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das
überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider
noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als
mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe
Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt
im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der
Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er
hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der
Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der
Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte,
gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre
in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß
gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden.
Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des
größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht
hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt
der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt.
Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit,
als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte
Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute
wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze
Planetensystem durchschweifen, unsere Sternschnuppen und vielleicht
die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders
weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne
Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten.
Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike
Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns
so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, +so+ blank poliert
sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er
dahinwandelte, +abspiegelte+. Die Flecken sollten einfach die
wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische
und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit
dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen
Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu
bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der
Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich
und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu
ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte.
Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen
Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans.
Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher
Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende
Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen
Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte
das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen
wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle
Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur
unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete
Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da
er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von
oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im
Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen
gelassen, -- nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei
Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen
Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars bedeutsam geworden ist,
ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen
können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land
und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für
dichten Pflanzenwuchs.
Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen,
und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht
Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz
Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im
Umfang hat, d.✹h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch
sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde
sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und
von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden
wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der
von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren
Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer
abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser
letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur
Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie
hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt,
-- nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst,
wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die
zahllosen Kraterhöhlen ergreift.
Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph
zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach
der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die
+Erfindung des Fernrohrs+.
Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, -- meinem
Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das
Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit
dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes
etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom
durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze
bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es.
Denn zu der Stelle kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis
als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist
der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst
angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele
tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht
bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch
gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder
geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber
das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres,
Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt
es.
Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in
seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte
Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum
Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer
schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge
wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein
Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im
Frühjahr 1610 herüber.
Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem
geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein
sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung
auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es
zuerst zusammengesetzt hat, -- die Legende erzählt, Kinder hätten beim
Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater
aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater
war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen
bedeutete es eine neue Welt.
Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus:
er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander,
und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig
auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen
Zauberrohrs überzeugen.
Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift,
dem „_Sidereus nuncius_“ (Sternenbote) Galileis, -- und zwar
gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das
bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die
unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den
urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho
und Kepler bescheiden zurücktreten mußten.
Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen
von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die
Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und
damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles
ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war
seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig
Einzelsterne dar. Wenig später -- und Galilei hatte Flecken in der
Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z.✹B.
Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas
ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem
altvertrauten Planeten Saturn, -- erst später ist klar geworden,
daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn
handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst
korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte
in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich
Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen -- kurz:
es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon
erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind.