„Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen
Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk
nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der
Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht
die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr
fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch
anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten
Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten
ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen
Hauses schwarz geworden ist.
Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr
die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um
so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt
ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare
Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen
sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe
gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis
ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus
mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe
überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen
Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine
Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke
übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich
durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht --
dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot.
Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß
gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen
Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis
herausgenagt -- ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich
ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt
worden.
Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in
der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist?
Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich.
Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein
so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt
und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden
kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer
polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein
Spätzlein sättigen kann!
Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das
interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich
im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller
sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug
gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer
natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die
Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen
Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist
darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.
Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, -- wer will
es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst
als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen
Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und
Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist
er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie
bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen
Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz,
seit alter Germanenzeit ein segenbringendes Hausgeistchen des
Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.
Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn
bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe
kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den
wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas
und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht
fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet,
wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer
Hyazinthen geschmückt hatte.
Sein Triumph aber ist die Großstadt.
Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten,
öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle.
Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter
uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des
Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen
die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit
jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes
Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos -- und dazu eines
waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt
routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden
Kultur beiseite -- nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge
eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein,
zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als
unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös -- wie kann man denn
bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto
sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell
von mir Notiz zu nehmen.
Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei
hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud
stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen
werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die
Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte
den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber
läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von
seinem Keifen, wenn er gerade recht dabei ist -- er wechselt ein
Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen,
schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.
Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle
am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des
Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive
heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in
einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen
der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste
Grundmelodie zu vernehmen war.
In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses
Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika
im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der
sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes
ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie
aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den
Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die
Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im
ganzen wohlbefestigten Stadt.
Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im
Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.
Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck.
Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in
der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine
förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten
Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun
der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien
Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der
Großstadt.
Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen
und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen
Weltstadt hängen können.
Eine Weltstadt -- und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die
Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar
endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische
Ziffer steigt -- die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das
tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen,
eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken -- gegen
Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen
können!
Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der
Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten
Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt --
und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins
Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal
die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller
Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen,
weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins
Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie
wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.
Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen,
märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der
sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus
dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut
der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener
tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten.
Große Teile von Paris sind so entstanden.
Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen
dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin,
auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein
Schimmelfleckchen ist.
Keplers Traum vom Mond.
In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar
übersetzt worden: Keplers „Traum“.
Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch
alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen
Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.
Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine
Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene
Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler
ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige
Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie
eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel
Gewaltigeres.
Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel
glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, -- mitten im Vollglanz
mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches
Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen --
und Irrtümer. Und das bis heute.
Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle
seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber
hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit
kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?
Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung
überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist
nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes,
wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, --
nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis
heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die
Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde
sind.
In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der
nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das
mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich
übertrieben ist.
Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die
je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das
doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens
war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb
dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens,
der menschlichen Deutung voneinander los.
Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen
Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des
Zweiten von Habsburg und Wallensteins.
Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste
zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen
Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal
jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der
Geburtsstunde strahlten.
Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte:
eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge
des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem
Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in
diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber
um +diesen+ Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine
ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das
ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen,
die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in
diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze
sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen.
Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind,
das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.
Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine
Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte
und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind
war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder
grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht
bestand.
In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das
bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische
Harmonie.
Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die
Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber
mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien
dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen
war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb
er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige
Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“
Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler
mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, -- bis
zum Verzweifeln.
Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie
die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich
fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.
Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn
gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern
und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer
Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des
Sonnensystems unter sich.
Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen
Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als
Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue
Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt
erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis -- ein Stück Welt, in dem
ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische
Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.
In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und
sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand.
Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen
Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz
andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige
Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler
und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm
schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng
wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.
Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!
Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres
Gebiet für seine tiefe +künstlerische+ Sehnsucht fand. Der Traum
erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder
jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen
Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt
künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren
Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten
wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.
In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster
Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen,
beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen.
Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich
„stimmend“, -- das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter
zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, -- bis zu dem goldenen
Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit +unermeßlich+
ineinandergeschachtelter Harmonien hing.
Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers
strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte
wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.
Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und
die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der
Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide
zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine
Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf
dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß
beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute
endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.
In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen.
Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das
Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder
Fechner zurückzukehren, -- zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne
Zwiespalt.
In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine
bedeutende Rolle.
Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran
geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das
ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen
großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten
umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn
blieb. Von allen blieb er auch +nach+ Kopernikus noch der Erde
treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.
Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die
Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, -- wie würden
die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf
der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab -- das klassische
Altertum hatte schon an so etwas gedacht --, wenn diese Mondbewohner
Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, -- wie erschienen ihnen
die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?
Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig
Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß
die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes
als Sternwarte aus.
Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so
Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über
Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen,
wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom
Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.
Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so
etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf
dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.
Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er
es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es
lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen
Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben.
Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der
Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in
scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie
wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein
Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“
Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller
Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete,
die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine
Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch
begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst
Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann
noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen,
die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen
wertlosen Scherz.
Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit
hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die
Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene
Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch
gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen
und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er
einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im
Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in
Wirklichkeit wohl nicht besteht.“
Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne,
als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er
liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und
hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen
lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet
seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er,
daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt.
Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer
Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart.
Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht
Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine
Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit
draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt,
daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen
haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener
Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer
wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß
der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt
ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen
über die Stränge.