gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein
des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist.
Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für
einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit
einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller
Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding
funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste
aller Säugetier-Waffen. Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das
Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos?
Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ
sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte
nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich
mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier
wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten
von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und
von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist
Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm
keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie
er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient
als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler.
Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der
Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische
Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die
beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend
wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, -- einem
Punkte, der allerdings nur am +lebenden+ Objekt und nicht daheim
im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte.
Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von
sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur.
Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad
Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere
(einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis
vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer
dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den
Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen,
kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt
hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch
Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts.
Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde
Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis auf 25 Grad herunter,
-- fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als
diese!
Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der
Schnabler in den weitesten Grenzen +schwankt+, also bald höher,
bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es
wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen.
Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer
eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine
untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden
darwinistischen Denkens weiterspinnen.
Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische
Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht
mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört,
daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der
moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf
getrennten Tierklassen ineinander glaubt, -- er wird als geradezu
selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang
bilde vom +Vogel+ zum Säugetier.
Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich
hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und
keine andere.
Und doch: wie so oft, geht es auch hier, -- das Nächstliegende ist noch
nicht das Richtige.
Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels
Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas
zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse
abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom
Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang?
Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich
+nicht so+ ist.
Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über
die Blutwärme.
Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen
Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren
Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der
Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen.
Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von
über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet -- also faktisch noch ein Teil
blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein
Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des
Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz
und gar nicht.
Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil,
bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden
hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut
wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von
innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“:
es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange
in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen
Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich
auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein
ganz willkürlich +schwankendes+ Maß, je nach der äußeren Luftwärme
oder Luftkälte.
Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien
schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die
weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern
sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus.
Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich,
nähert sich nun das Schnabeltier, -- nicht aber der dauerhaft höheren
Vogel-Temperatur. Es +ist+ natürlich noch kein Reptil, -- ganz
gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den
starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige
Neigung zu sehr großen +Schwankungen+ im Normalmaße ein, -- kurz,
man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend
einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum
Reptil, zur Eidechse!
Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar von
eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln?
Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen
höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das
Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische;
aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien
(Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich
als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch
den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das
Schnabeltier).
Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die
Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese
Reptilien legen ja durchweg +auch+ Eier, gerade wie der Vogel. Und
die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der
Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt,
gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz
individuell.
Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten
Wunder, -- der seltsame Vogelschnabel!
Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man
nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist.
Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier
hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der
Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der
Ichthyosaurier, -- wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten
Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber
noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von
Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die
echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von
Entenschnäbeln keine Spur.
Also vom Vogel von +damals+ konnte das Schnabeltier gar keinen
Schnabel erben!
Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit
unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals
lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich
zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach Känguruh-Art auf den
Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den
prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei
diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings +auch+ noch
winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, -- über zweitausend.
Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser
Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen
Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber,
scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von
heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der
paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein
letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel.
Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung
niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in
den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte
Knochen erster echter Säugetiere überliefert.
Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein.
Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, +was+
solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem
Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann
solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische
Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der
Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende
Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe --
und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade
der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht.
Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin
aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen
Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es
sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die
eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen.
Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster Linie
ausgesucht gerade +Zähne+ gefunden! Zähne und ganz und gar nichts,
was auf einen zahnlosen Schnabel _à la_ Schnabeltier deutete.
Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als
Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts
besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier
+nicht+ hat.
In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen,
das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat.
Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz
bestimmte, höchst charakteristische Form.
Bei dem Tiere _Microlestes antiquus_ beispielsweise, dessen
Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg
entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen
mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes
Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende
„Vielhöcker-Zähne“.
Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich
nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform.
Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen
Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen
läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, +welches+
Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in
Ahnen-Wiederholung weisen möge.
Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber.
Das Wasserschnabeltier!
Das +junge+ Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir
als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und
unten noch +je vier echte und rechte Zähne+. Und diese Zähne des
unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen
Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie
im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal
die Ahnen wiederspiegeln heißt -- diese Zähne sind ebenfalls winzige
Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, -- -- was kein Säugetierzahn
von heute sonst noch weist, das weisen sie: den charakteristischen
Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen
_Microlestes_.
Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr
viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten
jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen
Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so
besitzt.
Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste
Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein
der Trias-Zeit finden, +echte Schnabeltiere+ mit dem Eierlegen,
dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u.✹s.✹w. der
heutigen Schnabeltiere waren -- bloß mit der einzigen Abweichung, daß
sie +keine Schnäbel+ hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß
vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als
vorübergehendes Milchgebiß zeigt.
Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit
gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel
vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu
erhalten: -- die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts
zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt.
Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr
ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels
verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise
wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das
Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die
Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen
bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der
Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt
der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne
abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, -- so
das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der
raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art
altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren
Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist.
Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen
und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig
Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“.
Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben.
Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz,
deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele
Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen
noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich
heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte
aufschreibe✹....
Das Tierleben der Großstadt.
Vor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer
Fang gemacht.
Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers.
Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen gespenstischen
Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete
endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand
sich im Versteck hinter roten Bordeauxfässern -- ein Kiwi.
Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den
Farndickichten Neuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der
riesigen Moas, deren Knochen heute noch, dick fast wie die von
Elefanten, in den Höhlen dieser geheimnisvollen Südseeinsel liegen.
Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Jardin des
Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die
Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht
unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto
gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt“ an einer ihrer
unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den
Fässern der _Halle aux vins_, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes
Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln.
Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von
Tier und Großstadt auf der Erde.
Unsere Großstädte sind durch die Bedürfnisse der menschlichen
Intelligenz zu einer Art Arche Noäh geworden. Tiergärten und Aquarien
holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt
zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die
Riesenschildkröte der Insel Aldabra, die in kurzer Frist in ihrer
wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche
Großstadttiere existieren werden.
Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald
mit, bald ohne ausdrückliche Absicht.
Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche
brasilianische Vogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich
eingeschleppt mit importierten Hölzern.
Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil
ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit
einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit
miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis --
heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar
nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der
Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“
herübergekommen war.
Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art
geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder
die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der
Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen
von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien
ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei
Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in
einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer
herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.
Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der
Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, -- die von selbst
einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein
Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel.
Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der
Großstadt selbst.
Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der
Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig
hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern
starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem
und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.
Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges
Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses
Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem
Licht das Geheimnis der Großstadt.
Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.
Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus
dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der
„Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich
noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in
Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke
die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen
aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster,
Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte
Raum erwünschtes Versteck.
Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als
stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt,
Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte,
die Fledermaus, der Marder und die Eule.
So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere
ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.
Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten
Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da
unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende
kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt.
Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches
patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich
verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer
wuchs der Domturm ins Blaue -- und in ihm siedelte sich mit treuer
Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den
Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik
gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der
Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst
umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die
Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell
in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der
Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein
Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung -- Mäuse und schädliche
Insekten -- sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des
Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der
Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet
ist, wird er es sein.
Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes,
zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.
In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge
Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie,
in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen
deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß
mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten,
gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250)
allgemein da war.
Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen
zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die
braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa.
Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem
Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga
überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen
gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809
erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England
erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um
die Welt gegangen.
Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die
Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz
von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in
einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt.
Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen,
diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten
wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war
für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit
gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des
Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in
die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz.