Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen
einzigen -- den sogenannten Amphioxus -- noch lebend im Inventar
mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen,
wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte
ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen)
fischähnlicher Tiere -- die Molchfische -- den entsprechenden Uebergang
vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte.
Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine
einzige absonderliche Eidechsenart -- die Hatteria aus Neuseeland
--, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige
Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und
krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten
Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das
passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des
Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines
längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige
Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig
befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.
Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für
die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr,
die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die
Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber
die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere.
Welche Tierform, lebend oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen
hinauf? Und den Uebergang von wo aus?
Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus
bedeutsam werden mußte.
Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes
Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel
oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten.
Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel
ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche
Entwickelung glaubten -- was aber damals allgemein verlacht worden
war -- das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls
eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese
Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere
und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.
Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue
Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig
herauslockte -- und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie
damals durch Bennett.
Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte
Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde
erhalten hatte.
Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande
so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel.
Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich
diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es
aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites
und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen
schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt
es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte
griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.
Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen
die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier
festgestellt.
Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, Wilhelm
Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines
Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur
gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich
gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie
sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen,
erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen.
Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen
hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern
da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber
ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher
greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im
Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber
die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also
auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse✹....
Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und
gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein
Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in
dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit
ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und
die Tatsache stand zum erstenmal +ganz+ fest: beide Schnabeltiere
legten Eier!
In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch
und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das
Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen,
daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels
in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen
konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die
eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres -- des
Molchfisches Ceratodus -- gründlich zu studieren.
Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten
im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer
Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen
Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, eine
zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der
Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen
Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die
Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige
Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden
weiblichen Ameisenigel.
Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an,
zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei
mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere
der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh
gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue
Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf
den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren
Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die
überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen,
während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig
gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.
Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier
zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren
famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein
ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke
Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden
zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten
abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln
mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In
Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer
gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei
ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von
Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen,
aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche
geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt
der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber
spricht sich weniger günstig aus. Das Wasserschnabeltier ähnelt auch
darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt.
Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde,
die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich
verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in
absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.
Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen
Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine
Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über
eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.
Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei
untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch
dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen
Geschöpfes aufgehellt.
Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche
Ameisenigel nur an +einem+, nämlich dem linken Eierstock reife
Eier.
Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben,
wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch
um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter
immer noch in sie eintreten, -- ein Vorgang, der sich allerdings so
nun wieder +nicht+ bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt,
daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen;
bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer
Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.
Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn
Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen
Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn
oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine
Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die
unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und
vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen
Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser
besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben,
wissen sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren
Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend
und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen,
daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als
Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer +Ahnen+
wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das
junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch
oder Fisch.
Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein
Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen
zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so
gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind
sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide
wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.
Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die
Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert
vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage
hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art
Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese
Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit
der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle
sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin
hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat
mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst
jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht
jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu
engen Gefängnisses zu sprengen.
Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum
Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte,
wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen
der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze
eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand
durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige
Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die
leere Eihülle, das Junge aber benimmt sich jetzt zum erstenmal als
echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen
abgesonderte Milch -- eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen
Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu
unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.
Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter
erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das
Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die +ganze+
Entwickelung einrechnet.
Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende
Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes
Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt
Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige
Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und
zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie
sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für
das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife
wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den
frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch
daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“
Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte
hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat
er in umfassender Weise Material gesammelt.
Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt
über das Geistesleben der Landschnabler.
„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der
Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen,
die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen
abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem
es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt
zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus
dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein
ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen
Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird
sich eben in einem Geschöpfe anders projizieren, bei dem diese
Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn,
Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders
ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht
an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt,
ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche
Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht
schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir
dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich
dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die
Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren
Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als
die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und
höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere
steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang.
Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen
und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber
verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz
in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so
lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft.
Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel
werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter
nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten
gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen
von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren
weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem
Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht
gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter
mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren
an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht
fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch
zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei
nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen
hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit,
daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die Schnüre durch die
Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß
ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann
den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht
einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig
zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit
dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier
über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen
Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn
der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde
aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer
weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang
es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren
nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten
Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der
Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in
einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack
in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung
zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an
den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ.
Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen
ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der
Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch,
der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen
Beigeschmack verleiht.“
Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch
ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier.
„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn
die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang
und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am
Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die
ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände
unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß
Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt.
Zuweilen liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder
ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle
aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des
Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ -- (Ich zitiere weiter nicht
aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen
Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das
Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es
plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter
Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf.
Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach
Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken
und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt.
Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die
Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter
langen Exemplaren von _Corbicula nepeanensis Lesson_ strotzend
gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den
Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu
sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und
plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen.
In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im
Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken
und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die
Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter
und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem
Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang
wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und
Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht
lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt,
daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang
anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die
unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu
werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem
oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen.
Wird das Tier, wenn es sich im Wasser befindet, erschreckt, so taucht
es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem
Wasser befindlichen Zugang. Obwohl _Ornithorhynchus_ ein guter
Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser
verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz
verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet
man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist
nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das
Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk
versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es
auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange
das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm,
genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht.
Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt,
nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der
Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut
bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen,
als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald
wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn
es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal
verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an
dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist
es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur
nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen
bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie
einen Auerhahn.“