Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich

liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten

deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das

ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter

Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit

im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht

erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und

findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin.

In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für

Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs

nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst

offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus

der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten

Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst

ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode

interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man

nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht

das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da

macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner

zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten

Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so

kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus

dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir

der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie

erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text

danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs.

Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich.

Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen Garten in

Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten

gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen,

die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß

die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren,

bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor

ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft,

und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde

aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen.

Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst

nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze -- sondern

um ein +Signalwort+. Solche Signaltöne haben aber eine Menge

sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die

Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich

von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil

besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick

des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses

einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte

Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir

längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen.

Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache

immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er

auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit.

Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute

auf, die sie je nachdem erzeugten.

Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen

Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph

absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft

wieder, wie man wollte.

Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm

vorgedreht, und er reagiert darauf!

Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit

voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein

leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, dann ein echtes

Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes

Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des

Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu

rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn

der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ

„Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im

Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen

jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans

Fenster schlug.

Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine

Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit

dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige

Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies

der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht

zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort

erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein

gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls

außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich

zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind.

Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen

sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern

Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn

er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine

ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige

Mosaik geben.

Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten

und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über

kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel

einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert

in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit

„Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint.

Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie

bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest umrissenes

Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in

der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe

entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß

man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners

unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten.

Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der

menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben

im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit.

Das Schnabeltier.

Vom Säugetier, das Eier legt.

Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel

hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles

Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.

Ziert, -- ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden

dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus.

Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner

Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so

schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und

wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen

Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar

merkwürdig.

Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt.

Das Märchen vom Schnabeltier, -- vom Säugetier, das sich herausnimmt,

Eier zu legen.

Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes

Raritätenkabinett.

Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben,

ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als

alle Dichtung war die Konfusion.

Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein

schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen,

war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als

würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern

weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an

der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern.

Linné gab feste Namen, und er brachte diese Namen zugleich in eine

Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein

unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet

seither.

Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des

ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer

Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen

der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam

eingeschmolzen.

Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.

Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen.

Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere

Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder

Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und

als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher

wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches

an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich

der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten

Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.

Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da

stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große

Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.

Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem

System selber erwuchs.

Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz

bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die

selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur +selbst+,

in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen

stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte

Rubriken wirklich +gebe+.

Hier stand ein Vogel -- hier ein Fisch -- hier ein Säugetier. Da

war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine

unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich

wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien,

Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen

alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie

vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine philosophische

Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau

dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“

worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich

„miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen

worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der

andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art

ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab

sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie

ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung

treu bewahrte.

Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst

die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt

hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen

Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte

Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die

Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, -- und was an

neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es

+mußte+ ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also

geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte

zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und

Zweifel geben konnte.

Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres

passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende

des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.

In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen

worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald

bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische

Welt.

Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein

kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in

eine englische Privatsammlung verirrt hatte.

Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine

Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also

wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.

Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines

gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten +Schnabel+ zu tragen,

der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.

Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés

etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das

+zwischen+ Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das,

sagte die Theorie, +konnte+ es doch nicht geben. Wie der Astronom

sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild

plötzlich ein großer Stern: „Das +darf+ nicht sein.“

Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen

Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es _Platypus

anatinus_, den entenhaften Plattfuß. Das Wort _Platypus_ war

aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder

fallen.

Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein

Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen

Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.

Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche

Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals

unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks

Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“,

den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn

als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig _Ornithorhynchus

paradoxus_: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“.

+Schnabeltier+ hat sich in der Folge als kürzeste deutsche

Bezeichnung überall eingebürgert.

Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den

strikten Anhängern Linnés lieb war.

Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe

Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles

durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen

und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen

gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse der Säugetiere als

Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“,

nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte,

just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum

Säugetier.

Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus!

Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien

beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit

Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden,

dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste

Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das

lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es

damit beim Schnabeltier?

Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer

wollte seine Kinderstube überwachen?

Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und

behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar.

Dann half alles nichts: es war +kein+ Säugetier. Aber was war es

denn?

Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde

im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie

Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb

nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz

neue Klasse der Wirbeltiere.

Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel,

Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also

jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen -- immerhin eine etwas

bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um +eines+ Vertreters

willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen

ganz allein?

Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt

als Fehlgriff entlarvt.

1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus -- und Meckel hatte

nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster

Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die Sache, es stellte sich

auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin

recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings

nicht abzuleugnen.

Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich

vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war

nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber

gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen

könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß

das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche

liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber

noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die

Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und

drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis

Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der

Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den

Schnäbeln ihre Suppe.

Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition

+doch+ ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in

so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere

verließ und einsam für sich ging, -- einsam für sich auf Straßen, wo im

System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.

Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und

zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter

den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an

die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht

mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen

Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von

Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine

langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus

Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte

es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der

Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein

solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von +beiden+ noch

etwas hatte, das +noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs+

zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?

Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der

großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den

Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann -- ging man zur

Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und

seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System

eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne

von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war

ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich

denkender Mensch.

Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als

sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier

selber, wirklich sehr übertrieben worden.

Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der

englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“

einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so

rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.

Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!

Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere

Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen

es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst

gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre

leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die

Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und

einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen

austapeziert.

Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die

jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen,

an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein

Bruchstück einer Schale -- nichts. Die Eingeborenen hatten einmal

wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet✹....

Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber

für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.

Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die

Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre

des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus,

sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war

übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen

jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt

das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.

Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man

leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen

hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“

mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch

so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein

gewöhnliches Säugetier blieben +verschieden+, darüber bestand

auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf

gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle

Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste

Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein

Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch

näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch

mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man

an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man

jetzt als besonders wichtig nach +Uebergangsformen+.

Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor

aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus

nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der

Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung

der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin

ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon

in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem

Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder

recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man

hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der

heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen

Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache

und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der

menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der

irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen,

erschlossen ist.

Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit

dem haushalten, was man besaß.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 28 / 37 段