Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine

schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April

sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem

legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt

er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst

hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine

Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich

dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt

er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest

in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist

oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks,

da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack

jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig

langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen

Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht

zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So

darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht,

in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die

wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine

Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt,

sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip

der vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten

unterseeischen Bootes modernster Konstruktion.

Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine

irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch

die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie

längst die Wasserspinne, die _Argyroneta aquatica_.

Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft

sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe

nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja

beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form

einer anhängenden Perle mitzuführen.

Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug.

Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen

und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie -- und

mit mehr physikalischem Glück -- auf den systematischen Luftfang. Im

Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten

Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines

halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie

zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und

fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund

zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der

Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen,

wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert

sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke

geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist

es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen

einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch

wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir

klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten!

Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll

altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im

Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche

Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch einer selbsterbauten

schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, -- noch kein Mauerwerk,

sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein.

Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der

Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert

er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib

hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine

ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie

ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung

lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer

Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe.

Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen,

stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen

in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch

unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden

Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den

zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das

Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft

umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei

Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen

verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche

verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den

wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke

Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus

dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen,

kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf

Pfahlbaurosten.

Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich

weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon

hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders

günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner

Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr sollte die Karte

dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis

von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein

künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es

heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch

wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber.

Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel,

einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem

stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der

Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken.

Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter

wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten

geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne

Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern,

künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim

flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das

Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die

Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein

Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst✹....

Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart,

die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut

und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als

billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst

voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten

entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege

einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige

Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren

Wurzelanhängsel.

Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft

sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse

geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe

gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz

der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall,

gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über

ihren Blattlauskolonien auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese

Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung.

Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe,

führt die Termite auf.

Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus

Papiermasse erbaut, -- macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt

sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen,

chitinhaltigen Speichel dabei vermischt.

Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die

raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer.

Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und

mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine

reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen,

die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer,

der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn

der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des

Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und

auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten

reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes

aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt

endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock

die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer

echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter

Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und

schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte.

Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar

jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein

organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht:

sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen

geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat

dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar

dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe

in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich

projiziert, scheint der Prometheusfunke wirklich reines Menschengenie,

solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die

Herdflamme, denken.

Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch

Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch

dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier

durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses

australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser

und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft

seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die

künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden

Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau,

was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet

die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken

aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen

Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft

klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt.

Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische

Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt

und Blätter regelrecht damit aneinandernäht.

Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf

Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre

Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken

zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der

Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch

ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz,

daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen

Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt.

Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein

zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen

und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden:

„Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger

Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten

Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem

verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: in den Gemeinden der

tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit

warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist

nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen.

Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die

Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“

So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der

Mensch erfüllen sollte.

Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen

herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende

Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das

Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem

wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso,

wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha,

Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große

Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme

Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden

Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was

„Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene

Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich.

Die Affensprache.

Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen

Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen.

Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett -- eine

Märchenstimmung!

Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem

die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff

verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell

noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in

dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen

sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur

Naturgeschichte.

Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den

Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch

geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen

Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten.

Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte

einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik -- die Romantik des

Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der

Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns,

die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus,

der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen

und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt -- der

Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“

Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache

der Affen“ lese.

Es ist ein ernsthaftes Buch -- und das ist der gute Witz der Sache.

Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil

der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist,

wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen

und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm

erklärt.

Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze

Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur

zum Reden zu bringen.

Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und

wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein

glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht,

durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen

dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir

nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum:

der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und

wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf

unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter

solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat

der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium

und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem

Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume

hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich

zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der

Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares.

Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich

herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem

Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei;

die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft

widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie

im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub

verstecken -- sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das

Feuergelb des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin

Gift -- und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen,

daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen

Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich

bin schön, liebe mich.

Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen

nicht auch unterhalten?

Es ist freilich noch ein Unterschied.

Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören

dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen.

Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die

Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes

aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb

der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze.

Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines,

hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei

ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses

Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz,

und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht

eine Sprache habe.

Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht,

daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können

und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen.

Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater.

Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden

Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein

allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein.

Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen

am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen

mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die

Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch

ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen

und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht

besser, als es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner

durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den

schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber

jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten

Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen

und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle.

Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst

eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der

Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht

sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen

ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe

besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die

Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer

Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der

Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von

Sänger und Sprecher in unserem Sinn, -- der reinen Möglichkeit nach.

Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken

zur Menschensprache nicht enorm sei.

Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles.

Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich

geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde

Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf

sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche

leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen,

stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war

freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis

der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines

einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn.

Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte

unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von

Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang

des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch

bereits abhängig vom Gehirn, ist eine Geistestat, bloß noch eine, die

in den Innenbau des Leibes selbst eingriff.

Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese

Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt,

nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift,

äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine

entscheidende Rolle gespielt hatten.

Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser

Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon

sichtbar werden.

Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat

auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits

erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer

der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien,

von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die

Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen

stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer

gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige

auseinandergefallen.

Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung

gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine

Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten

einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen

Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte -- sich also ernstlich

einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte.

Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets

garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas

bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, -- es wäre eben ein

Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung

überhaupt.

Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter

„Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die

Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie

es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „_The Speech of

Monkeys_“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat.

Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort rein

humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem

Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen

ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger

sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten,

sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein

Bild für Witzblätter.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 27 / 37 段