Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers

vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein

Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie

Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag

vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das

Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen

Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges

Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei

Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten

diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen.

Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische

Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin:

es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit.

Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt.

Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs

selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger

bleiben würde.

Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in

Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein

Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der

Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache,

Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die

wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft

emporgestiegen.

Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen

Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich

Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit

den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft

vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde,

schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend

wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last.

Und dahinein eines Tages -- der nackte Mensch.

Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so

viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch

anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen

Raubtiere also!

Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die

Körpergröße.

Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei

ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley,

daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls

fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von

manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen

gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen

sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer

Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen

allein kaum haltbar.

In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das

Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle

Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu

schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891

entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen

Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens

volle Militärgröße.

Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich

vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil.

Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm

gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war

ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses

Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist

als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei dem er eine

ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz

der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe

haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier.

Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch

Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten

Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch

des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen,

wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger

zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen.

Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff,

mußte größer sein als er.

Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben

Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in

Betracht als Größengegner des Menschen.

Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort,

denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom

farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen,

Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die

einzige Qualle _Cyanea arctica_ gefährlich werden. Denn sie hat

einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde

Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie

Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht

dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich

diese vierzig Meter Giftschnur wickeln.

Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische)

dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die

indische Riesenmuschel _Tridacna gigas_, deren zwei Meter

breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch

blitzschnellen Schluß guillotinieren können -- zur leckeren Mahlzeit

für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und

der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig

Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen

zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß.

Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere

-- Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste

sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend

Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm

_Megascolides australis_ von Gipsland in Australien, der zweimal

so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde

besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung.

Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird

noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der

römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde

Nase töten.

Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an,

nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen.

Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den

Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser

aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon

ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton

Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten

erschien, da es jeder Schüssel spottete -- diesem anderthalb

Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim

täglichen Bade begegnen mögen.

Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer

kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als

wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß

er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt.

Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien

nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die

wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin

verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen

kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht

wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten.

Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht:

die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so vieler

Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist;

das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische

Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer

mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke

Ruderschaufeln Löcher beißen kann.

Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser

Reptilien im ganzen längst herum.

Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf

den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und

dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit,

jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der

eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota,

der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der

Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und

der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee

wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den

Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der

zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den

Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich

so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen

Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens

drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der

Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in

denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat.

Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge,

als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem

wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine

besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat

er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste

Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland

die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er

damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon

für sein Museum zu spät kam.

So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner.

Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie

in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns

in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor

Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem

Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere,

dem Höhlenbären und dem Tiger.

Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt,

sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der

Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15

Fuß des Mosasaurus gebracht hat.

Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch

in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der

Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends

um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt

antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das

Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu

entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können

uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange

mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder,

und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen

schon so gut wie ausgerottet.

Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten

noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der

Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser

Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die

Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen.

Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich

von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel

Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im

Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie

beim Walroß vorspringender Messer trug.

Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in

einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute

noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst

ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der,

wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf.

Und doch das alles eines Tages im Absturz.

Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück

Menschenhaushalt selbst, als Haustiere.

Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze

müssen selbst ihn schon schützen.

Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer

Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die

Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das

alles?

Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt

an ein Stück Feuerstein.

Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen

mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit

haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage,

gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein

liegt des ganzen Rätsels Kern.

Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der

Eiszeitgletscher.

Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum

Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug.

Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung,

diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten

Köpfe der übrigen Tierwelt -- der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und

das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des

Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches.

Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen

Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe

bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein

Schlag mit der flachen Hand eine Mücke.

In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen

hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke,

der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht.

Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie

schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die

Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete.

Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel.

Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt

„ausgestorben“ -- ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt!

Die Anfänge der Kultur bei den Tieren.

Natur und Kultur sind keine Gegensätze.

Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung.

Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der

Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in

schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller,

pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint

er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie

zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers

geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal

aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr

Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn.

Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche

Lichtpost des Auges hin die Hand.

Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht

nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen

gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft

wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um

die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich

hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des

Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus,

begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung

daran.

So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich

in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres Wunder, als es in

jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur.

Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“.

Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing

die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten

Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich

nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in

grandiosem Schwunge erhob.

Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der

Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst,

ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser

Kultursinfonie.

Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf

sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes -- Knochen,

Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen -- hinauszugehen zu

+Werkzeugen+, zu totem Material, das erst indirekt durch die

Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird.

Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote

Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen

des Ufers herabschleifen.

Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen

der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in

dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein

Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“

hat hier gebaut: der Ameisenlöwe.

Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen

seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem

größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber

als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die

ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut.

Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne

mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur

mangelhafte Beine und gar keine Flügel.

Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet.

Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er

glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit

seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten

vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein

wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit

seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der

Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen

jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel:

immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem,

also zur Kultur.

Da führte die Sache selbst weiter.

Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem

losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine

rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters

saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst

zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein

Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum.

Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes

wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre:

eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe.

Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen:

die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal

regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei

mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über

den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog

durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand

von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ

es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle

war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß.

Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein

weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen

Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig zögernde Besucher

seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu

schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal

besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in

üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit

Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und

Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand

übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da

treibt er es unentwegt heute noch.

Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser

kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen

Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu

nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das

Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“.

Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der

Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit.

In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch

jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich

nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last

zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand

und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des

Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode.

Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten

Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn

zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten

Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen

ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine

Minierspinne _Cteniza fodiens_ auf Korsika erfunden. Sie baut sich

halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll

mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke

aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats,

einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer

Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck

von innen aufklappt.

Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit einer Nadel

öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein

Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen

zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in

feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen

Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie

verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge

Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet.

Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von

dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem

Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze

Wasserkäfer des Müggelsees _Hydrophilus piceus_ löst das Problem

alljährlich noch.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 26 / 37 段