gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem
verloren gegangen ist.
Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere
deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr -- und damals war er ein
Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich
gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen.
Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen
Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein
haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten,
wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit
er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, -- dieselbe Praxis, die am
Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein
schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch
bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten.
Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen,
flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem
uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben heute, steht er bloß als
ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man
für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger
Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem
Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser
Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten,
ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist!
Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig
aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals
Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in
jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land
erobert hat, längst völlig verschwunden.
Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden.
Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den
Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das
schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche.
Das Ende der Tierwelt.
_Morituri te salutant_✹....
Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren
gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel.
Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein
Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es
ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem
„Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein
Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten
Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der
Geier.
Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im
Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller.
„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er
gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten
einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den
wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen
tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte
sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy
habend ein leiblich fleisch und weich gebein“.
Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs
einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“
(Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran,
geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte
Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er
aus erster Hand gibt, hatte ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung
festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man
jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte.
Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor
der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll
jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben.
Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten
zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen
„Waldrapp“.
Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu
vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel
und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt
Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen
Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort
„Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit
haust.
Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng
wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser
Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt.
Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch
in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp,
dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden
könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt
nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt
haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals
unmöglich sei.
Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch
in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner
hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch
nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen
Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen.
Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre.
Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, Hartert
und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen,
besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild
und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen
Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W.
von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick,
der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber
er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger
Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt
ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich
findet.
Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit
metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem
Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel -- ein +Ibis+.
Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in
Schwärmen in altem Gemäuer, z.✹B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat,
und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus.
Es ist einfach derselbe Vogel.
Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die
Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis
besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen
Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, -- kurz,
ein typischer Landesvogel war. _Geronticus eremita_ lautet der
wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden
asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben
erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von
Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände,
in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die
Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum
erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt.
Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns
heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden.
Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im
Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der
Türkei und verfliegt sich ab und zu auch einmal vereinzelt bis nach
Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter
Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in
Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder
Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem
ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf -- ausgestorben
buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner.
Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab,
zeichnen vielleicht sein Schicksal.
Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer
ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es
waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s
doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse
ausgeblieben, -- verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet.
Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft
registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke
einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter
den Tisch -- und was für eine interessante.
Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse
jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert
sind, sich noch bis heute erhalten hat.
Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher,
ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein
einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig
sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach
zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der
ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen
ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft
zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und
Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist?
Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über
Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was
hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine
Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu Buffons Zeiten, war er
noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf
den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß
zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete,
klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen
Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen.
Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder
Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel
auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt
still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer-
und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist.
Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur
überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel
ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig
vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten
auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art -- wie lange, steht dahin.
Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der
letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden
Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte
Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der
Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. _Tempi passati!_
Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile
gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands
noch wiederzufinden.
Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus
entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als
Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten,
der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen
Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen
gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab,
systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine
Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend
erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er
mit diesen ein deutsches Tier, unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine
Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und
Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er
ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten.
Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien,
Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses
sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der
deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese
wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und
Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die
damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen
hineinlagen.
Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von
Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht
den europäischen Löwen.
Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen
Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und
streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er
erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten,
bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm
Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt.
Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit
in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder
Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen
Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz
war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner
trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes
Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar
heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder
lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus,
die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter
Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, -- so ist auch der
Wisent für immer in der Welt dahin!
Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der überhaupt
der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere
wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es
gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport
wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu
bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn
geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen
lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland
einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen
zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird,
wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall,
wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne
Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt.
So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von
Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück
Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der
Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen
bewohnt war.
Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der
europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig
Stück an der Elbe und Mulde vorhanden.
Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast
immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie
die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich
(ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser
Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem
Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie
Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte
Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden
mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt
hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten.
Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes
kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten
Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren
deutschen Tierwelt heute.
Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige
Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum,
der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume
sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns
jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit
der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge,
den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte
Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils
giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den
bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt.
Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern
farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum
Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den
uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende
heraufkommen, ins Gesicht.
Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben
uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben,
die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim
mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten,
kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord
treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben.
Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen
Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich
las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung.
Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott
wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich
an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht
und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist,
daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft
leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen
habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört
habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme.
Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte keiner.
Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das
Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen
Storchs, die alle rapid eingehen.
Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit!
Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor.
Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die
Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch
etwas Zoologisches neu zu schenken.
Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner,
in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand
weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht,
trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen
sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In
reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von
Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau
in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin
-- sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der
gegen das metallene Netz der Kultur stieß -- zu seinem Verderben.
Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für
Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei.
Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen
Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte
wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die
vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch
all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und
Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die
getrockneten Korallen und Seesterne -- sie haben mir einen Todeszug,
ein hippokratisches Gesicht, -- Gruß der Sterbenden.
Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend
Jahren.
Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung,
präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln,
die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe,
dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling -- überall steht
ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen.
Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich,
aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen.
Ein Totenkopf.
Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist.
Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer
Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner
singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der
Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In
den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte
geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles
Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem
Tage verschwunden sein.
In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie
schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die
der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im
Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der
Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die
Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist.
Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht
nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen.
In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen
Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis
auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem
eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot;
nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden.
Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges
mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen
Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war.
Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert
dort landeten, verproviantierten sich fröhlich mit diesen wandelnden
Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte
Dronte war gegessen.
Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator
des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück
wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die
Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig.