Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in

Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches

Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und

keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf,

als sei das alles noch nichts gewesen.

Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr

Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle

allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder

Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare

Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen

werden könnte.

Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile

empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub,

der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des

Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene

Teile in den Raum hinein.

An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden

Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige

Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst

da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst,

die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht

durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen

eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der

Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin

schwebt, losreißen und in den Raum werfen.

Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende

Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen

Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen,

flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen.

Und wenn es nun mit verloren geht?

Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere

Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg

nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, +daß+ sie recht kalt

sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise

wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste

von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen,

schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre

dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem

trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu

sterben.

Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim,

auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht,

genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten

durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus

sich hervorgehen zu lassen.

Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern

aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis

im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden

Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen

eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen.

Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist.

Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne

solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet

hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem

Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst

spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft,

immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und

Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde

gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf

hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß,

mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich

als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja

bezwang sie zuletzt als denkender Mensch.

Das ist +eine+ Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den

Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man

den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus

spinnen könnte.

Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so

prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten,

luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt

sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung

vom Leben +nie zutrauen würden+.

Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich

den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch

ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee

sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren

tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da

unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die

Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und

erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an

Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben.

Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der

Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen

Erdenstern sei.

Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern

Anpassungen bewähren.

Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg

keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben

von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so

fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade

+so+ leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der

Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der

Maulwurf in der Erde leben können.

Aber es +brauchte+ ursprünglich keineswegs überall so zu sein.

Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform

auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer

Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung,

ob hier nicht noch +Reste+ auftauchen einer +allgemeineren+

Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und

Kältegegensätze und an anderes mehr.

Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste

die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des Lebens denken

könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das

gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen

des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein

leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen

aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen

beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde,

als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf

niederschlug -- erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der

Dinge „angepaßt“ und es wäre nun +das+ Leben entstanden, das

fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann.

Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste

von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem

Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft

und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an

genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung

nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein

Minimum von Luft und Wasser dazu.

Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft,

denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst

der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“.

Ein +beständig+ scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für

„Leben“ rechnen.

Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden

Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit

gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden

muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen

die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff

gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie

ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem --

sie ziehen ihn nämlich aus +festen+ Stoffen, festen chemischen

Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so

viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt.

Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe

wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen -- eine

einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran

erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet

hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie

bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese

Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden

könnten. Aber man sieht: es +könnten+, wenn schon Pflanzen,

so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein -- Pflanzen eben mit

Mondanpassung.

Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder

angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch

heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse.

Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der

Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker

drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche

von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen,

kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden

ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt

oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer

großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste

Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem

Grundplane ebenfalls anlegen +müßte+. Nicht die fahrigen und

phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen

von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister:

nämlich menschenähnliche Intelligenz.

Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der

+Anlage+ nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage

des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut

entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei

uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen,

wenn ihre Zeit erfüllt ist.

Darum aber kann der +Weg+, den die Lebensentwickelung bis hierher

genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein

unendlich +verschiedener+ sein.

Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit

überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde),

können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das

„Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch

unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder

Darwin unterscheidet.

Ihre +Kraft+ ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres

+Stoffes+ könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen,

so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf

Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte

der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach,

Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch --

und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes!

Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer

gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse

ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen +müssen+, einerlei,

wie nun die +äußere+ Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren

Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der

Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen

Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie

etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die

gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz

bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird.

Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken

durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der

kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei

denen es sich zu verweilen lohnt.

Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf.

Die Küche der Urzeit.

In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am

Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm

die süßen Früchte in den Mund hängen, -- und der Mensch, hinausgejagt

ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend

und hungernd.

Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich

in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen

Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an

jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger

Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel

auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele

herrschten.

Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen,

Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und

es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener

Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die

Lawinen der Eiszeit donnerten.

Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat

der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit.

An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer

seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig

manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind

buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures

Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben,

indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern

gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen.

Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen

bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen

Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen.

Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die

Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten

folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete

sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht,

ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe

Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder

besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet,

verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger

bestehen heute noch✹....

Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust

und getafelt hat.

Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis

begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war

noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne

Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht.

Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden,

bedeckten Land und Küste.

Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir

sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut:

rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete

Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und

kein Anzeichen von Ackerbau.

Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die

Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe

auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt

Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel

geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die

jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang

systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme

nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war

hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung.

Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen.

Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil

sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand

noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch

weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall

ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen

Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der

Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee

gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit

andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem

„Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als

selbstverständlich rechnete.

Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten

hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen

geblieben.

Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei

denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen

wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das

schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr

viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren

Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer

vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es

als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er

lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen -- erst wollte er bloß

solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder

Vulkanbrand gegeben, zu bewahren -- dann lernte er, daß beim Schaben

das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, -- und Prometheus war

fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige.

Mit der Herdflamme begann die Kochkunst.

In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes,

verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft

und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu

den Urwaldfichten empor.

Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu

leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier.

Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das

Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel

und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper

mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene

Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem

dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine,

künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los

jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“,

den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden

kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland

ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten

durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für

Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist

überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er

die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent

als Fürstenmahl.

An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch

kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von

„Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste

neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen

Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht

mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist.

In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine

Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas

liegen sie um so reichlicher.

Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe

gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt

ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang

fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals

im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war

nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker,

rot und weiß gescheckter Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel

gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch

vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den

Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf

die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm

bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an

den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte

herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die

Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie

ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter.

Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich

„aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden

immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu

Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht

Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche

Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre

Bestimmung erfüllt.

Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß

vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch

und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der

Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich,

werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein

großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten

Stoßzähnen war.

Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In

Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer

vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie

eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß

man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht.

Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht

frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist

nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen

Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden wohlkonservierte

Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das

Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten

Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische

Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die

Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und

verzehrt haben.

Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander

zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die

Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen

Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das

lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene

uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche

Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt

und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das

Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den

Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 24 / 37 段