Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er
faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen
Stoßzahn ab.
Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des
Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit,
in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst
sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die
Stoßzähne dort erworben worden.
Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die
große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und
armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren
sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen.
Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch
einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande
unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis
selbst geraten und unter guten Umständen (wie in Sibirien, wo in der
Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere
Zeit darin erhalten bleiben.
Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich
total überflüssig.
Sie hätten ganz eingehen können.
Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne
allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne
der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des
ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil +immer weiter zu wachsen+,
wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, -- etwa so,
wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn
man sie nicht künstlich kürzt.
Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich
stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß
sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also
trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch
kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch
einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten
ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen
sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in
den Schädel ein.
Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen.
Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich
dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese
Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, --
da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen
Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke
Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des
Mammut.
Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte
sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin.
Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast.
Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete
Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen zweifellos
in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum
Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem
krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum
Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den
heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch
ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem
Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen.
So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg.
Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten
Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch
wieder zu ihrer Zeit.
Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus
Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus
uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem
Schlage der Hand.
Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig
dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da
draußen vor meinem Blick.
Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen,
der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie
in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse
der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück
der Weltentechnik, -- die vollkommene Anpassung, für die es keinen
Stillstand mehr gibt?
Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am
Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle
Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu
einem Schluß zu kommen, -- Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung
zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg.
Vom Leben im Weltraum.
Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß
sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst.
Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren;
jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt
an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein
Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne.
Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer
Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen
Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie
kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies,
daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in
den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie
draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans,
in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst
energisch gelöst.
Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner
rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder.
Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers,
der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich
entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht
diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten,
ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen
herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe
Eisen wie in uns!
Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum
Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den
unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne
ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender
Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: --
wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht
fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank.
Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, +wie+ fest sie in
der übrigen Natur hängen.
Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie
fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der
schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir
den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches
Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers,
besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber
diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie
ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf.
Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt,
er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar
bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser
warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen
und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine
wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch,
der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester
Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts
als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für
dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich
augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer
Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo
hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende?
Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius
noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit
des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen
irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser
Leib tatsächlich bis dorthin reicht?
Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die
Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben
Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch -- was war
diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche
Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen
Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige
Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner
Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses
entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen
eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit
du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr
an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens?
Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es
nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch
wirkliches Leben existieren sollte.
Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das
Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie
zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes
in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet
Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an
das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In
der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar
alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so
unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt:
der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol
selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere
nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen
in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um
die Ränder dieses Schnees kreisen?
Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All
über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine
strahlende Offenbarung.
Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne
geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum erstenmal träumte, auf
all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte
Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters,
kam das zuerst.
Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere
Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf
dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr
erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt.
Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten
schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt
und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen
Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit.
Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt
war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall,
nach wirklich sichtbaren Spuren.
Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken
gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt
der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die
eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre,
eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges
riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die
uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen
einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur
durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das
Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen.
Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte
Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in
denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu
entgehen.
Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im
Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde
gleich den Meteorsteinen niederfalle.
Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen,
fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf.
Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes
durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich
als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die
Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt
unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die
vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal
nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten.
Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker
Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein
kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene
Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen
und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit
den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte.
Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut.
Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere,
zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen
als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen
diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz
unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über
hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In
dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und
ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond -- also ebenfalls leblos.
So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die
bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde,
wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein
Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des
Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden✹....
Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft.
Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig
wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten
Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage
angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte.
Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken
gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben
selbst.
Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten
Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier
märchenhaften +Zähigkeit+, die dem Leben innewohnt.
Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt
grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter.
Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist
das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings
wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben?
Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen.
Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein
Zeitungsscherz.
Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese
Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne
des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur
leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder.
Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch
nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das
Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom
Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit
Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige
Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und
so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen,
genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten
Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber
auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher
Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt
zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander.
Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang
sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft
nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft in die Welt posaunt
worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten
vom zähen Leben.
In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich
getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus,
befeuchtete sie -- und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine
neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich
geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt -- und
das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert
Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen
hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken.
Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger
Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (_Macrobiotus_). Sie sind
klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd
noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen.
Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber
Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und
dieser Staub mag +Jahre+ hindurch hierhin, dorthin wehen, als
Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen:
kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt
das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus -- und ist,
auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst
und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt
wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu.
Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt
fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei
Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute
noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen
einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen -- auch
das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die
Bärtierchen sind unzweifelbar echt.
Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges,
jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit
staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte.
Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß
kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier
erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer
Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs
in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er
dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man
einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen
ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für
das ganze Leben.
Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg,
der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser
abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen
Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene
Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen
zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze
hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also
Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und
kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius.
Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser
in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere
Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in
dieser Kochbrühe.
Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener
allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen
heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht
recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der
ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des
pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel
der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen
mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden
Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze
von hundertvierzig Grad.
Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens
annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam wieder von einem
bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht:
Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in
der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre
Keimkraft zu verlieren.
Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer
Bravour der Kälte trotzen.
Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei
höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren,
daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder
tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die
Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen
sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie
gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem
Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas
sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere;
als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche
heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben.
Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium
anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte
künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet
erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich
die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken
herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das
Leben geprüft -- und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte.
Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null,
so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die
Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen
Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad
Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber
ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst
flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius
erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und
Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, -- er verlor seine
Keimkraft, also sein Leben nicht!