Warum ist es heute nicht mehr da?
Das Meer blaut noch in unabsehbarer Weite wie je, hat noch immer
Tiefen, in denen der Gaurisankar sich untertauchen ließe, noch heute
bietet es dem Walfisch, der auch hundert Fuß lang wird, Nahrung und
Raum. Wo sind die Mosasaurier, die Iguanodons, wo der Ichthyosaurus
hingekommen, dessen Steinmumien in Schwaben dicht beisammenliegen wie
die Heringe, wo die Mammute, deren rotwollige Leiber noch blutig frisch
im sibirischen Eis stecken wie in einer Konservenbüchse der Ewigkeit?
+Eine+ Antwort scheint ja die erste, rascheste.
Unendliche Zeit ist seit damals hin. In dieser Zeit hat die Erde
hundert Akte des wildesten Spektakelstücks durchgespielt. Das
Land ist geborsten und hat feurige Lava und kochenden Wasserdampf
gespieen, Sintfluten haben sich darüber ergossen. Da wurden die Fische
gebraten und die Sumpfreptile ertränkt. Und über die Mammute gar ist
klafterhohes Eis gestürzt.
Aber davon will die heutige Wissenschaft nicht mehr viel wissen, wenn
es auch in Jugendbüchern und Romanen noch erzählt wird.
Wir haben gelernt, daß die Mühlen der Weltgeschichte in der
Ichthyosaurus-Zeit wahrscheinlich genau so langsam gemahlen haben wie
heute. Es brodelt wohl einmal ein Vulkan. In Jahrhunderttausenden frißt
sich ein Strom auch ein neues Bett, versandet ein See, sinkt eine
Küste Millimeter um Millimeter abwärts, bis endlich ganz, ganz langsam
der Ozean ins Wattenmeer zwischen Inseln, in die Marschen, ja endlich
über ein ganzes Tiefland bis zur nächsten Hügelmauer dringt. Daß es
aber niemals jene allvernichtenden Katastrophen, die gleichsam mit dem
Schwamm über alles Lebendige wischten, seit ältesten Erdentagen in
Wahrheit gegeben habe, davon liegt ein schlichtestes Zeugnis vor.
Es leben nämlich heute noch einzelne Tiergeschlechter munter neben
uns, die schon mit dem Ichthyosaurus und noch weiter zurück blühten.
Ein solcher leibhaftiger überlebender Urweltler ist der Molchfisch
Ceratodus Australiens, der recht im Sinne Darwins eine Uebergangsform
darstellt zwischen Fisch und Molch, weil er nämlich noch Kiemen zum
Wasseratmen besitzt wie ein Fisch und doch zugleich schon eine Lunge,
wie die Landtiere sie vom Molch an aufwärts haben. Dieser Molchfisch
ist genau der Gattung nach +älter+ als der älteste Ichthyosaurus
und erfreut doch noch jetzt die Australneger Queenslands durch sein
wohlschmeckendes, lachsrotes Fleisch. Ja, die Lingula, ein kleines,
halb wurm-, halb muschelähnliches Tier aus der Gruppe der sogenannten
Brachiopoden, lebt im Ozean, so lange wir überhaupt Kenntnis und Reste
von lebenden Wesen besitzen: von der kambrischen Epoche an, mit der all
unsere Weisheit beginnt, bis auf den heutigen Tag.
Umgekehrt das Mammut war ausgestorben, als unsere
Geschichtsüberlieferung begann, kein Lied, kein Heldenbuch meldet mehr
von diesem „deutschen Elefanten“ mit seinen ungeheuren Stoßzähnen.
Und doch hat der Mensch, wie wir heute sicher wissen, dieses Mammut
noch gejagt, sein Fleisch hat er verspeist, aus dem Elfenbein seiner
Zähne hat er Schnitzereien gefertigt, ja auf ein solches Knochenstück,
das in einer französischen Höhle bei Kulturresten der Steinzeit
(also der ältesten Menschheits-Kultur jenseits aller schriftlichen
Ueberlieferung) entdeckt worden ist, hat ein Künstler jener Urtage mit
roher Hand, aber noch wohl erkennbar, das Umrißbild eines solchen
Elefanten mit Pelz, Stoßzähnen und Rüssel eingekritzelt. Den Menschen
hat offenbar keine Erdkatastrophe fortgefegt seither, -- die Mammute
aber sind alle tot. Warum?
Man hat beim Mammut vermutet, es sei dann wohl der Mensch selber
gewesen, der es vertilgt hat.
Kein Zweifel ist ja, wie dieser Mensch wahrhaft verheerend eingebrochen
ist in die Tierwelt der Erde. Wo ist all das wilde Getier der alten
Germanen-Wälder, wie es die Römer bei uns fanden, in den zweitausend
Jahren hingekommen? Bären, Wölfe, Luchse gab es die Masse, Ur-Stiere
und Auerochsen und Elentiere sielten sich im Sumpf, und aus jedem
Flußarm stiegen die seltsamen Kuppelbauten und Dämme der Biber.
Verschwunden ist das alles vor der Kultur. Hier und da nur noch ein
letztes Häufchen Biber, ein paar künstlich gehegte Elentiere. Der
deutsche Auerochs und Bär sind längst ganz verschollen, der schwarze
Ur-Stier ist sogar überhaupt ausgestorben. Warum soll es dem Mammut,
dessen Knochen heute noch im Kies bei Berlin, im Flußbett der Lippe,
auf dem Elbplateau jenseits Dresdens gefunden werden, nicht schon ein
paar Jahrtausende vor Cäsar genau so ergangen sein?
Aber auf jene Seeschlangen der Kreidezeit und den Ichthyosaurus vom
Fuße der schwäbischen Alb paßt auch das wieder nicht, denn mit ihnen
ist zu ihren Lebzeiten überhaupt noch kein Mensch zusammengetroffen.
Millionen von Jahren liegen zwischen dem ersten Auftreten des Menschen
und dem letzten Ichthyosaurus. Kein Siegfried kann diese Lindwürmer
erlegt haben. Aber wer war es denn?
Es ist erst ein paar hundert Jahre her, da hatte man bezüglich dieser
versteinerten Ungeheuer noch ganz anders verwegene Fragen.
Haben diese Tiere überhaupt je gelebt? fragte man. Im Gestein selber
sollte eine mystische Bildungskraft stecken, die den toten Stein
gelegentlich spielend zu tierähnlichem Gebilde formte. So wäre ein
solches vermeintliches Drachen-Gerippe gar kein echter Rest eines
Tieres, das einst im Sonnenlicht sich gefreut und seine Tatzen geregt
wie wir, -- sondern es wäre das Ergebnis einer Art geheimnisvollen
Kristallisationsprozesses erst in der schwarzen Erdentiefe.
So lustig das erdacht war: es hielt doch den Tatsachen nicht lange
stand. Es läßt sich an den sinnfälligsten Merkmalen beweisen, daß diese
Urweltler einmal +gestorben+ sind. Was aber stirbt, muß gelebt
haben.
In goldig durchschimmernden Stückchen dieses Bernsteins hier gewahrt
der Kundige nicht selten Mücklein, Spinnen und Ameisen. Sie sind genau
des Todes verstorben, der heute ähnliche kleine Tiere ereilt, wenn die
Fichte tränt und der Kirschbaum zähes Harz aus seiner Rinde träufelt:
vom klebrigen Harztropfen sind die Vorwitzigen gefangen und umhüllt
worden wie die Einwohner Pompejis anno dazumal vom Aschenschlamm des
Vesuv, -- zum Bernstein verhärtet, ins Meer verschwemmt, hegt sie noch
heute die alte Harzmasse als gläserner Sarg.
Tief im Gestein, wo der Ichthyosaurus heute schläft, liegen eng bei
ihm, auch zu Stein geworden, die Verdauungsreste seiner Nahrung. Der
Forscher schleift sie auf und gewahrt auf der Schlifffläche die wohl
erkennbaren unverdaulichen Ueberreste dessen, was der alte Drache
verschlungen hat. Fischschuppen sind es, Gräten und die Trümmerstücke
von Tintenfischen. Dieses kleinere Getier ist also gefressen worden vom
großen, -- gestorben im dicht bezahnten Rachen eines hungrigen Räubers.
Damals wie heute gab es offenbar Hader und „Kampf ums Dasein“, es gab
Fresser und Gefressene, Ueberwinder und Unterliegende.
Wir ahnen aber noch andere Ursachen des Todes und zwar nicht nur bei
Kleinen, sondern auch bei den Gewaltigen selbst.
Jene Rieseneidechse Iguanodon, von der ich gesprochen habe und die
auf den Hinterbeinen trottete wie ein Känguruh, ist im sogenannten
Wälderton bei Bernissart in Belgien in einer ganzen Herde von
dreiundzwanzig Stück ausgeschachtet worden. Dieses ganze Regiment
Kolosse stand derart aufrecht im Tongrund, daß man nicht anders
annehmen kann, als es ist voreinst einmal in einer Unglücksstunde die
ganze Kavalkade aufrecht so im weichen Sumpfgrunde eingesunken und
erstickt. Wunderbar kann das ja nicht sein bei Reptilien von zehn
Metern Länge, die wahrhafte Drachenschwänze hinter sich herschleiften
und nach vorne Hängebäuche wie die Fettgänse gehabt haben müssen,
während der vogelartige Schnabelkopf sich auf hohem Schwanenhalse
haushoch über das ganze reckte. Ein ähnlicher Unhold, den man in
Amerika gefunden hat und der seine siebzig Fuß lang wurde, der
Brontosaurus, wird auf ein Gewicht von zwanzig Tonnen, das sind
zwanzigtausend Kilogramm, geschätzt. Ein solches Tier auf einem
genügend tiefen urweltlichen Moorboden war rettungslos verloren; es
ging unter wie ein leckes Schiff mit Steinfracht.
Gerade dieser letztere Fall muß uns aber nun besonders zu denken geben.
Er macht auf etwas aufmerksam, was am Ende nicht nur das einzelne
Sterben, sondern das ganze endgültige „Aussterben“ solcher Urweltler in
seinem Grunde aufhellen könnte, wenn man es nur recht erwägt.
Ein solcher wandelnder Fleischberg wie der Iguanodon oder der
Brontosaurus hatte etwas unverkennbar Uebertriebenes in sich. Etwas
Uebertriebenes, das sich unter besonderen Umständen hatte heranbilden
können und in seiner Weise eine Zeitlang Herr der Situation war, -- das
aber über kurz oder lang doch dem Lose aller Uebertreibungen verfallen
mußte: unpraktisch zu sein.
Wenn wir das Gerippe eines solchen Brontosaurus, wie es von dem
amerikanischen Geologen Marsh im Museum zu New Haven wieder
zusammengesetzt worden ist, genau betrachten, so erscheint in ihm ein
groteskes Mißverhältnis.
Alle Wucht der Entwickelung dieses Riesenleibes ist in die reine
Masse verlegt. Dieses Tier konnte, so lange es sich um Größe allein
handelte, wenig Feinde haben, denn es trampelte da alles nieder. Ein
ausgewachsener Elefant wiegt bloß 6000 Kilogramm. Dieses Reptil hätte
ihn also gründlich zerquetscht, wenn es nur über ihn wegkroch. Viele
dieser Drachen waren auch noch am ganzen Leibe verpanzert, trugen
riesige Hörner auf Stirn und Nase wie Stiere und Rhinozerosse, oder
sie hatten aufrechtragende steinharte Kämme aus soliden Platten den
ganzen Rücken entlang und auf dem Schwanz halbmeterlange Stacheln, die
ein anspringendes Raubtier von Tigergröße durchlöchern mußten wie die
zusammengefaßten Speere den Winkelried.
Aber diese riesengleichen Lindwürmer hatten umgekehrt Gehirne, so
+winzig+, daß ein Spatzenhirn sich im Verhältnis über sie erhebt,
wie das Gehirn eines Menschen über ein Spatzenhirn. Mehrfach war bei
ihnen das Rückenmark in der Beckengegend viel dicker als das ganze
Gehirn, so daß man fast sagen möchte: sie haben mehr mit den Beinen
gedacht als mit dem Kopf. Es kann aber mit dem ganzen Denken nicht
weit her gewesen sein. Der ungeheuerlichen Leibesfülle entsprach
eine ungeheuerliche Dummheit. Wenn man die Höhle im Schädel mit Gips
ausgießt, so erhält man die Maße ihrer Hirne heute noch ziemlich genau:
sie sind erschreckend klein. Das Wort scheint wahr geworden vom Berge,
der eine Maus erzeugt. Sie besaßen aber noch lange keine Gehirne, die
sich dem eines kleinsten Mäusleins vergleichen ließen. Und das war denn
doch schließlich wohl der Punkt, wo sie sterblich waren.
Ihre Körperlast, sonst unangreifbar, machte sie zum Opfer jeglichen
Terrains, das nachgab, -- des Sumpfbodens wie des Flugsandes.
Und ihre wahrhaft monumentale Dummheit führte Generation um Generation
wohl immer wieder auf so verfänglichen Boden. In diesen kleinen
Gehirnchen speicherten sich keine Erfahrungen an, warfen Falten des
vererbten Denkens auf, lehrten die Enkel in Schläue meiden, was den
Ahnen Verderben gebracht. Sie trotteten jahrtausendelang ihren gleichen
Weg, und wenn auf diesem Wege eines Tages ein Moor entstand, so sanken
sie in dieses Moor und erstickten, als müßte es so sein.
Bis an einem letzten Tage der letzte Lindwurm so das Zeitliche gesegnet
hatte.
Es mag ebenso geschehen sein, daß viel kleinere Tiere ihrer doch Herr
wurden trotz aller zwanzig Tonnen Gewicht, und zwar aus dem einfachen
Grunde, weil diese Tiere sich inzwischen im Verhältnis größere, also
klügere Gehirne erworben hatten.
Gegen einen solchen schwachköpfigen Saurier war ein Vogel, wie gesagt,
ein Genie. Es gab aber in der letzten Drachenzeit nachweisbar bereits
Vögel, und zwar sind in Südamerika neuerdings auch Vogelriesen gefunden
worden, die über drei Meter hoch waren und Raubvogelschnäbel und
Krallen gehabt haben müssen wie aus Stahl. Wenn ein solcher Greif
sich dem Lindwurm unversehens auf dem Rücken festhakte, vermöge
seiner viel feineren geistigen Gewitztheit geschickt den Schlägen des
Stachelschwanzes auswich und seinen Schnabel zwischen die Panzerplatten
einhieb, so half dem Herkules schließlich all sein Gewicht nichts mehr,
und der schlimme Vogel schlug ihm endlich den Leib auf, wie ein Igel
sich mit seinen spitzen Zähnen in eine Viper frißt.
Darwin hat uns im neunzehnten Jahrhundert auf das große Prinzip in der
Entwickelung des Lebens auf Erden aufmerksam gemacht, das mit dem Worte
„Anpassung“ ausgesprochen ist. Ueberblicken wir die heutige Tierwelt,
so sehen wir jede Tierart in einer bewundernswürdigen Weise ihrer
Lebenslage angepaßt. Der Fisch ist wie eine kunstvolle Maschine auf
das Leben im Wasser hin gebaut, der Vogel auf die Luft, der Maulwurf
auf die Wühlarbeit im dunklen Erdreich, das Roß auf die Ebene, die
Gemse auf das Gebirge, der Affe auf den Baum. Auch die Tiere der Urwelt
zeigen in all ihren Abdrücken und Gerippresten, die uns von ihnen im
Gestein erhalten sind, solche Anpassungen in Hülle und Fülle. Schon da
hat der uralte Fisch seine Flossen, die verschollene Schildkröte ihren
Schutzpanzer, der Ichthyosaurus seine scharfen Zähne und der älteste
Vogel seine Federflügel. Und schon aus diesen Organen der Anpassung
allein, die so deutlich noch vor Augen stehen, kann man den sicheren
Schluß ziehen, daß diese Tiere wirklich einmal gelebt haben. Aber man
kann aus dem Prinzip gerade der Anpassung auch herleiten, daß und warum
viele einst vorhandene Arten vollständig wieder ausgestorben sind.
Gab es auch in der Erdgeschichte nicht jene wüsten Katastrophen, die
ganze Tiervölker in Lava brieten oder in Sintfluten ersäuften, so hat
sich doch die Erdoberfläche im Laufe der Jahrmillionen langsam, aber
sicher fort und fort ganz respektabel verändert.
Das aber schuf für das bunte Tiervolk im ganzen immer wieder andere
Grundlagen, andere Nötigungen der „Anpassung“.
„Andere Zeiten, andere Vögel!“ Der alte Vers hat zoologisch eine
tiefste Wahrheit. Was für die Zeit der Erdgeschichte etwa, da der
heutige Jura-Schiefer als Meeresschlamm sich absetzte, gut war im
Sinne vollkommener Anpassung, das genügte für die spätere Epoche, da
die heutige Kreide sich in der Tiefsee bildete, nicht mehr, -- und so
fort. Einzelne stille Winkel hat es zwar immer gegeben, wo diese oder
jene Art allen Wechsel überstand, ohne sich wesentlich dem Fortgang
anzubequemen: so erklären sich jene überlebenden letzten Mohikaner
urältester Tage wie jener Molchfisch und jenes Lingula-Tier. Für die
Masse aber schuf jede neue Epoche der großen Erdentwickelung ein
scharfes Entweder -- oder.
Entweder die Tiere paßten sich den neuen Verhältnissen entsprechend
+neu+ an, oder sie +starben+ als unbrauchbar, als reaktionär
geworden aus.
Beide Fälle sind in Masse immer wieder eingetreten. Welche Veranlagung
dabei über das „Wie“ des Weges entschied, ist freilich auch dem
darwinistisch gesinnten Naturforscher von heute noch keine ohne
weiteres beantwortbare Frage. Man ist versucht zu sagen, daß es
jedesmal die Genies der Tierwelt waren, die sich umformten zu neuer
Anpassung, und andererseits die Tröpfe und Trottel, die den Anschluß
nicht finden konnten und unter den Tisch fielen. Wobei die Worte
selbst freilich, von uns Menschen entnommen, vorläufig noch keine
echte, tiefere Erklärung umschließen. Denn wir wissen durchaus nicht,
auf Grund welcher innerlichen Weltverknüpfung nun etwa in unserem
Menschenleben selbst hier ein Genie geboren wird und dort ein Trottel.
Bloß das sehen wir klar, daß das Genie, wenn es einmal da ist, seine
Zeit beim Schopfe nimmt und mit ihr hochschwimmt, -- während der arme
Tropf in ihrer Welle elendiglich ertrinkt. Und dieses Verhältnis ist
(hier hat Darwin zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen) für die
alten Tiere jedenfalls ebenso maßgebend gewesen.
Wer in veränderter neuer Zeitlage die entsprechende neue Anpassung
darbot, der +erhielt+ sich, war Herr der Situation, -- wer sie
aber nicht hatte, der +versank+.
Immerhin läßt sich aus jenem guten Beispiel von den ungeheuer
körperschweren, aber ebenso verstandesdürren Lindwürmern der Kreidezeit
aber noch ein engerer Schluß zu diesem Hauptgedanken wagen.
Je extremer, je einseitiger, je fanatischer, möchte ich sagen, eine
Tiersorte zu einer Zeit ihre Anpassung an ganz bestimmte enge
Verhältnisse getrieben, desto geringer scheint die Wahrscheinlichkeit
gewesen zu sein, daß sie jene goldene Straße des Fortschritts noch
einmal einschlagen konnte, desto größer der Zwang, daß sie tragisch
unterging.
Ziemlich unzweifelhaft liegt hier der Grund, daß so viele gerade der
sonderbarsten barocksten und uns unbegreiflichsten Riesentiere der
Vorwelt eben bloß noch als Gerippe im alten Gestein liegen, -- sie
waren solche Extreme der einseitigen, nicht mehr beweglichen Anpassung
ihrer Zeit.
In neueren Tagen sind insbesondere von dem Privatdozenten Brandes
in Halle interessante Vermutungen über dieses Aussterben extrem
veranlagter Tiere geäußert worden.
Noch in der sogenannten Diluvialzeit, also in den ersten Tagen, aus
denen wir die Knochenreste von Menschen und die ersten Anzeichen einer
eskimo-artigen, ganz niedrigen Kultur besitzen, lebte in Europa sowohl
wie besonders in Amerika ein Geschlecht großer, löwenartiger Katzen
von sonderbarstem Aussehen. Machairodus hat man sie getauft, das ist
zu deutsch: der Säbelzahn. In der Tat führten diese Ungeheuer im
Oberkiefer Eckzähne, die nicht bloß wie echte Raubtierzähne von heute
als derbe Wehr und Angriffswaffe im Maule saßen, sondern die wie wahre
krumme Säbel oder Messer über den Unterkiefer hinweg aus dem Maule
vorsprangen.
Man hat sich mit Recht gefragt, wie ein solches Tier überhaupt
entstehen konnte?
Es ist nicht mehr ein regelrechter Löwe, sondern eher die Karikatur
eines solchen.
Diese wahren Walroß-Hauer im Maul einer Katze scheinen durch
Uebertreibung des Prinzips mehr einen Ballast darzustellen, denn eine
Waffe, die wirklich noch zum Beißen Sinn hat. Man glaubt den Räuber,
der ein Wild angesprungen hat, sich damit festbeißen zu sehen in einer
Weise, die ihn förmlich festnagelt an den eigenen Zähnen, ohne daß er
doch damit richtig packen kann.
Wie soll eine so abstruse Anpassung überhaupt je zustande gekommen
sein, -- an was hatte dieser Säbelzahn sich überhaupt angepaßt.
Nun ist gewiß auffällig, daß wenigstens in Amerika, also gerade da,
wo die Machairodus-Löwen mit üppigster Zahnentfaltung in Masse gelebt
haben, aus derselben Zeit uns die Knochenreste kolossaler Säugetiere
überliefert sind, die +steinharte Panzer+ trugen.
Bekanntlich gibt es noch heute einige recht solid verpanzerte Säuger,
-- so das Gürteltier, das in einem festen Hornpanzer steckt wie
ein Krebs in seiner Schale. Heute noch gibt es solche Gürteltiere
ausschließlich in Amerika, es sind aber durchweg ziemlich kleine
Tiere. In den Tagen jenes Machairodus aber existierten im Lande
dort Riesen aus der Verwandtschaft der Gürteltiere und der nah
dazugehörigen Faultiere, die die Größe von Elefanten und Nashörnern
erreichten, ja zum Teil noch massiver gebaut waren als der Elefant.
Und auch von diesen Patriarchen besaßen viele den echten knochigen
Gürteltierpanzer, bloß auch übersetzt in die Dimensionen eines
Rhinozeros. Die sogenannten Glyptodonten steckten ganz darunter wie
enorme Schildkröten. Einige Riesenfaultiere (Vettern des berühmten
Megatherium) trugen den Panzer wie ein geheimes Kettenhemd innerhalb
ihres dicken, obenauf mit gelbroter Wolle belegten Felles.
Es scheint nun ein ganz plausibler Gedanke, daß die Existenz so
zahlreicher Panzertiere am Ort, wo der Machairodus jagte, einen
Fingerzeig abgebe dafür, wie sein abnormes Gebiß doch einmal einen
echten Anpassungszweck gehabt haben könnte.
Diese Ungeheuer im Schildkrötenrock hatten keine andere Waffe gegen
ein aufspringendes Raubtier, als eben ihren Rock. Dumm waren sie ihren
Gehirnen nach auch über alle Maßen, und ihr Gebiß war auf Blätter- oder
Wurzelkost gebaut wie das von harmlosen Wiederkäuern. Aber ein Löwe
oder Tiger von heute hätte ihnen immerhin ja auf den Buckel springen
mögen zum „Löwenritt“: -- kein gewöhnlicher Raubtierzahn hätte diese
harte Nuß aufknacken und dem Schalenbesitzer wirklich ans Blut kommen
können. Ganz anders dagegen unser Machairodus. Seine Säbelzähne mochten
allen Ernstes in die Hornwand einschneiden, mochten Panzerplatten
losreißen und so den leckeren Braten bei lebendigem Leibe tranchieren.
Ein fürchterliches, aber zum Zweck sinnreiches Tranchiermesser für
Gürteltiere wäre also der Eckzahn des Machairodus gewesen seiner
ursprünglichen Anpassung nach.
Es ist aus diesem Gedankengang dann selbst wieder ersichtlich,
daß diese enge Anpassung für so einseitigen Zweck später doch ein
Entwickelungshemmnis und eine Ursache schließlich des Unterganges der
Machairodus-Löwen aus sich heraus werden konnte.
Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom
siegreich angepaßten Machairodus, +selber+ ganz oder doch mehr
und mehr aus, -- der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes
Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, -- und jetzt
rächte sich plötzlich die +zu tolle+ Anpassung, die Säbelzähne
brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, -- er blieb zurück
gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein
Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon
zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen
Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher
machen.
Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will,
daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der
alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen
Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich
bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals
wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein
Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch
von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den
Angreifer mitgerissen haben könnte.
Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut
zu bieten.
Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut
die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich
aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach
kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen,
oben wieder hineinwachsen.
Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines lebenden
Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins
Unsinnige umschlagenden Uebertreibung.
Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen
Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, -- wobei
er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das
Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische
Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber
durch diese seine Riesenzähne +wehrloser+ gemacht worden, da er
überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß
durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner
freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde.
Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen?
In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen
Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind
zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der
Raubtiere nichts zu tun haben.