in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis.
Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren
mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht
worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung
des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk
vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen
sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen
läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander
von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt
hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der
„Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend
Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und
Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an
außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter
tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der
Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit
und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft.
Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon
zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt
waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch
nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus
der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John
Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der
Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm
das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als
ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken,
daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten
gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und
gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien.
Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den
Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut.
Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, +was+ für
einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen
sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien.
„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten
Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen
Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg in Glasgow folgend,
der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil
der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht
über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist
mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir
Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von
„Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d.✹h. von jenen mikroskopischen
Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes
durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in
Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt
waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr
als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen
Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren
Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den
Radiolarien.“
Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die
Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es
wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des
„Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus
seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich
umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie.
Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache
Ziffer der +neu+ beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte
fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von
1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf
das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort
auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85
Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum
-- bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es
keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken,
was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder
Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint
vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der
4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse der Säugetiere noch
nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht,
daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“
erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich
an Radiolarien noch besitzen mögen.
Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist
selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen
hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise
auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten,
dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage
veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch
hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige
Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch
einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar
aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für
die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja
wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für
den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen,
daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher
so sehr wenig bekannt geworden sind.
Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische
Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres.
Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“
gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen
zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck
und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt
noch etwas viel umfassenderes in Fluß.
Die +ästhetischen Interessen+ werden aufs nachhaltigste berührt.
Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere.
Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser
Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten
Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von
Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben war, seinem
Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen.
Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur,
die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen
Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster
Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, +rhythmische Gebilde von
vollkommener Schönheit+ hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles.
Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in
den tiefsten Gründen der Philosophie endigt.
Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die
Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger
Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck
volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften
von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich
zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle
möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach
einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem
ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel
heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff,
unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt.
Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch
wiedergegebenen Objekte der organischen Natur +ausübenden
Künstlern+ eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen
gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke.
Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem
Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem
Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!)
ist es der +Naturforscher+ gewesen, der dem Künstler dabei
entgegengekommen ist.
Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert
hat -- im vergrößernden Mikroskop -- ist dem Künstler durchweg fremd
geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte
nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die
im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn
der Gewinn liegt unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der
Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher
Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit
dem Apparat des Mikroskopes und der _Camera lucida_ reproduziert.
Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der
innigen Begeisterung aus: wie +schön+ ist das! Der Naturforscher
stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch
auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von
Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur
sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der
Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus,
und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar
in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht
einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe -- oder auch treibend auf
dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina --: es arbeitet
Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir
Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen -- Vertreter der Spitze
aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals
diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat -- wir
Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und
das sollte nicht zu denken geben?
Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist
voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene
künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre
vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen
Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit
einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen,
setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall
oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im
Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen
der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der
Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt -- und
das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“.
Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht,
ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen
bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört,
daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden
Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu
denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als
„mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn
man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt
und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar
für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene
Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt.
Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle
Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze
des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung
beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet.
Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen
nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm
minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt
werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll.
Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in
ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen
umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer
gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß.
Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der
Gegensatz von mechanisch und lebendig +aufhebt+, und wenn ich das
Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich
eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium
geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern
„mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das
paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. +Das
Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der
Welt.+
Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der
Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die
kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist
in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer
kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch
ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu
erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen
uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen
glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an
der eigentlich interessanten +ästhetischen+ Frage +nichts+.
Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja
auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in +diesem+
Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des
Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen
des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der
eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen
Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier,
wie es das Radiolar darstellt, trennt.
Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen
wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen
Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die
sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke,
der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische
Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht
in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der
Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas
Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des
Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den
Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und
züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann
noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er
erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl
bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, sucht sich
Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde,
die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor,
er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst,
die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt.
Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung
gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen
Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der
Form.
Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt
aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante
Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars
bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht -- den Weg von einer
Anlage zu einer Erfüllung.
Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es +dasselbe+
Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft
-- und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das
Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der
Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht
entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im
Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß:
daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von
unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom
unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden
Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade
unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, -- des rufe ich jeden
echten Schaffenden zum Zeugen an.
Die Kunst läßt sich nicht kommandieren. Sie ist ein Geschenk,
allerdings eines aus uns selbst. Das Naturprinzip, das in ihr
durchbricht, läuft ja nicht übernatürliche Bahnen hinter uns. Es läuft
in uns, ist ein Teil von uns, ein Bestandteil unseres tiefsten Seins.
Da ich aber selbst im Sinne natürlicher Entwickelung vom einzelligen
Urwesen nur getrennt bin durch einen Unterschied des Grades, nicht
der Art, -- so scheint es mir kein großes Wagnis, zu sagen: dieses
in mir enthaltene, in meiner Menschenkunst so und so durchbrechende
Naturprinzip sei auch da unten schon, wenn auch auf einer anderen
Stufe, im Radiolar vorhanden und schaffend wirksam. Es dichtet keinen
Faust, dieses Radiolar, und malt kein jüngstes Gericht. Aber in seinem
triebhaften Gestalten zierlicher, rhythmischer Gebilde beweist es
in seiner Weise doch schon, daß auch in ihm eine Durchbruchsstelle
ist jenes gewaltigen, auch aller höchsten Kunst letztlich zugrunde
liegenden Naturprinzips, das auf rhythmische, harmonische, „schöne“
Gebilde geht.
Es war kein Silberschatz, kein wirklicher Nibelungenhort, von dem wir
ausgegangen sind. Winzige Schälchen meerbewohnender Tiere niedrigster
Art lagen unter dem Mikroskop, eine Messerspitze voll wie eine Prise
Schnupftabak.
Und doch -- welche Bilder dahinter!
Meerestiefen, gegen die der grüne Grund des Rheinstroms, der in der
Sage das Nibelungengold verschlingt, ein seichtes Rinnlein mit ein
paar dünnen Tropfen wird. Und in diesen schwarzen Gaurisankar-Tiefen,
nur vom gespenstischen Licht phosphorescierender Fische noch magisch
erhellt, ein unendlich geheimnisvoller Schatz, so wunderbar, wie
ihn keine Sage träumt: die heilige Natur-Knospe des Großartigsten,
Edelsten, Glückseligsten, was der Menschheit oben im freien Sonnenlicht
verliehen wurde: -- der Kunst.
Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?
Es war an einem wundervollen Sommermorgen auf der Insel Rügen.
Ich war eine Weile pfadlos durch den dichten Wald geschritten, zwischen
hohen Farrnkräutern, nach oben und allen Seiten ganz eingesponnen in
das lückenlose Smaragdgrün der kleinen, hart gerippten, zitternden und
flimmernden Buchenblätter.
Auf einmal eine Lücke, als tauche das Auge aus einem tiefen, tiefen
grünen See. Und da unendlich weit das blaue Meer, das alte, immer
schöne.
Ich kletterte von der Buchenhöhe herab zum schmalen, steinigen Strande
und setzte mich auf einen grauen Block, ein paar Minuten still
versonnen in der Folge eines weißen Dampfers, der fern, klein wie ein
Spielzeug, die Meereswölbung schnitt.
Dann kam mein Blick, wie sich ausruhend von dem unendlichen Bilde, aufs
Nächste zurück.
Dicht vor meinen Füßen lag um eine Vertiefung ein kleiner Steinring.
Kinder hatten ihn spielend gebaut, eine Art Burg, in der eines gesessen
hatte, während die andern einen Kreis darum bildeten und sangen.
Aber mich fesselten die Steine selbst.
Weiße Kreidebrocken; einer war zerschlagen und wies einen schwärzlichen
Kern: Feuerstein. Ein rötliches Geröllstück von ganz anderer
Mineralart. Ein kleiner, halb abgebrochener gelblicher Steincylinder
wie ein länglicher Fingerhut. Ein bläuliches rundes Ding, seltsam
wie mit undeutlichen Ornamenten verziert, im ganzen einer harten,
eingetrockneten Cypressenfrucht nicht unähnlich. Zwischen allerhand
größeren Trümmern auch ein winziges Körnchen von auffallendem Rotgelb:
Bernstein.
Meine Gedanken begannen zu wandern.
Diese Kinder hatten mit Jahrmillionen der Erdgeschichte gespielt ohne
eine Ahnung davon. Jede kleine Quader da in ihrer Festung war ein Stück
Urwelt mit einer ungeheuren Perspektive.
Dieses Körnchen Bernstein war versteinertes Harz eines Fichtenbaumes,
dessen Art heute auf Erden nicht mehr gefunden wird, ein Gruß aus
längst verschollenem Urwalde einer deutschen Küste in Tagen, da es noch
keinen Begriff „deutsch“ gab, weil es noch keinen Begriff „Menschheit“
gab.
Diese Kreide, wie sie jetzt die steilen Wände der Stubbenkammer
auf Rügen zusammensetzt, war einst Tiefseeschlamm des Ozeans.
Die Kalkschalen mikroskopisch kleiner Tierchen, die diesen Ozean
belebten, sanken jahrhunderttausendelang unablässig in die Tiefe und
bildeten dort allmählich diesen Schlamm. Dann kamen Faltungen der
Erdrinde, verschoben Land und Wasser und stauten den uralten, zu Stein
verhärteten Schlamm als Hügel empor. Gegen diesen Hügel quetschten
sich Millionen Jahre später die Gletschermassen der Eiszeit, die, von
Norden kommend, die ganze Ostsee ausfüllten. Mit diesen Gletschern ist
der rote Stein dort von den Gebirgen Schwedens bis hierher geschleppt
worden. Zugleich rissen diese mit Steinen wie ein Reibeisen besetzten
Gletscher hier die weiche Kreide Rügens auf, wühlten gleichsam ihre
Eingeweide heraus, daß sie in nackter Blöße, zersplittert und zerfetzt,
offen blieben, wie sie heute stehen.
Aus dem zerrissenen Fels aber lösten sich schwärzlich-gelbbraune
Einlagen. Von da stammt der Feuerstein. Als der Kreidefels noch
weicher Schlamm war, betteten sich in diesen Schlamm schichtenweise
seltsame Knollen aus Kieselstoff, auch sie das Erzeugnis wahrscheinlich
kleinster Tiere, vielleicht hauptsächlich Radiolarien, die unzählige
Gehäuse aus stahlhartem Kiesel aufbauten und zu solchen Klumpen sich
ballen ließen. Das ist unser heutiger Feuerstein.
Zwischen diesem Feuerstein fiel aus der Kreide noch mancherlei
anderes Gebild, auch das urzeitlicher Rest verschollenen tierischen
Lebens. Dieses zerbrochene gelbe Röhrchen, „Donnerkeil“ im Volksmunde
genannt, war einst ein Körperteil eines Tintenfisches vom Schlage der
sogenannten „Belemniten“. Diese wie mit Hieroglyphen besetzte blaue
Steinfrucht ist der Ausguß der Schale ebenfalls eines Tieres, eines
See-Igels, der zugleich mit jenem Tintenfisch lebte, als der Feuerstein
und die Kreide sich bildeten.
In jenem Ozean der Kreidezeit schwammen 120 Fuß lange Eidechsen,
die Mosasaurier, dünn wie das Schiffermärchen die große Seeschlange
träumt. Und am Strande des Meeres stapften reptilische Scheusale von
zehn Metern Länge, die aufrecht auf den Hinterbeinen gingen wie unser
Känguruh. In Belgien liegen heute noch die Reste; beim Bergwerksbetrieb
sind sie zutage gekommen tief unter der Sohle des heutigen Lebens, eine
versunkene Welt.
An solchem Fleck, wo die Geschichte des Kosmos sich in ein Kinderspiel
drängt, tauchen einem von selbst allerhand Fragen auf.