nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige
Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form
von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber
von lebendigen Geschöpfen der Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig
verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile
des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition
des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und
Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten
Entdeckungen zu machen.
Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit
eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht,
enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale,
das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus
nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem
Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „+Radiolarien+“, zu
deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert.
Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur
aus +einer+ Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von
den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette
oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus
+Kiesel+ aufgebaut.
Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben
ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende
Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans
(allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf
dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt,
jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen
Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt
werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also
theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört,
nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten
jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte
das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache
doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch
zu erwarten war.
Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel
bot.
Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich
steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt
der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter
hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und
wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die
ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit +reinem
Radiolarienschlamm+. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht,
wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die
Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den
Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe
ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre
Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar
noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar
erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die
individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar
ist. Wer diese Zerstörung besorgt -- die hier offenbar keine chemische
Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern
nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet -- bleibt
einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich.
Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher
Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee.
Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier
heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam.
Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie
„Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches,
Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere,
oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher
„entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der
Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen
einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon
den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich
geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die
Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches
Beispiel dafür, wohl wert, erzählt zu werden, da zugleich ein Stück
Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt.
In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen
zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im
heutigen Sinne noch gar nichts.
Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die
Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze
Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten.
Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu
werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte.
Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und
darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man
wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte.
Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten
Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden
Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte.
Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, +Christian Gottfried
Ehrenberg+ in Berlin, die Sache ins Große, -- ins Große tatsächlich
des Kleinsten.
Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder
wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der
trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie
das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, -- alles
wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne,
wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken
aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher
Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als
die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im
Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht.
Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen
Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten
eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der
Riesensonnen am Firmament.
Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit
Herkuleswucht?
Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten
aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen
Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen
nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen
aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg
einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf
+eine+ Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die
bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den
Körper bilden.
Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen
Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er
heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige
Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und
Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese
Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten,
daß die Tiere darunter tatsächlich eine +hohe+ Organisation
besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das
ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art
„vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen
Organen der höheren Tiere, sein.
Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren
vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt
bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den
wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte.
In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend
einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die
schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst
stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts
für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und
Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder
herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren
Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus
zierlichen Kieselpanzer und benannte sie, -- übrigens noch nicht als
Radiolarien, der Name fand sich erst später.
Gerade weil die Schalen -- lebende Tiere erhielt er zunächst nicht --
aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in
seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch
im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier
herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich
zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken,
wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere
überhaupt anzuweisen war.
In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender,
teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846
brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die
vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt
waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit,
einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und
Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar
Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre
Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der
Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über
den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden.
Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die
es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon
erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg
vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860
erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar
ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen
Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere
große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten
Triumph aller Radiolarienforschung -- und doch wußte Ehrenberg noch
immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre.
Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives
Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren
Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer Berliner Kollege
Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus -- in einer
nachgelassenen Schrift -- gerade diese Frage bis zu einer gewissen
Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer
Seite.
Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel
auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist
aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende
Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur
Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach
Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt
nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche
mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte
Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und
zwar diesmal auf +lebendes+ Material.
In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang
der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen
Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang
gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley,
nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener
Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das
gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen
im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein
zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber
Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb
seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr
klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts
anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von
Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen
die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war
-- ein großer Fortschritt --, so zählte Huxley seine Einzeller mit
Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im
richtigen Schubfach des Museums!
Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade
noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg an
Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß.
Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine
Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf
rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen
geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen
neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe.
Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten
zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die
eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und
Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter
einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so
benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der
großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren.
Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit
dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste
unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich
schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin
lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht
mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein
Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in
Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher
jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien
eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten
Früchte getragen hat.
Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten
Ranges.
Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet
waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war
+Ernst Haeckel+.
Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze
Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst
1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten
Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem
tierreichen Hafen führten ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das
war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.
Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen
Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die
schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile
nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der _Camera lucida_
und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller
wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862
erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der
Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten
und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von
Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist
noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das
ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen
Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel
erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem
Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter
Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus.
Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die
Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.
In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine
große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein
geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich
für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen
war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um
Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe
allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel
kommt, eigentlich +nur+ bekannt zu sein pflegen, braucht hier
nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden
vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil
allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.
In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer
seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren
des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 kam Cienkowski
mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung,
die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung
tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.
Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs
zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb
notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein
müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von
der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von
seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch
nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus +mehreren Zellen+
fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes
jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel
lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren.
Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren
mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom
Wurzelfüßerschlage sein.
Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen
überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der
Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich
die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt
notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen
zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur
eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen
aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller
plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel
selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die
dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu
entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten
Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.
Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen
Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis
führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien +echte „Einzeller“+
seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.
Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, zeigte
er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren +fremde+
Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars
aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche,
die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den +Pflanzen+
ähnelten, -- also sogenannte „Urpflanzen“.
Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie
nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im
verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen,
wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in
der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen:
so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig
urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die
wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben:
sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts
anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und
uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht
auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen
schmarotzern?
Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen.
Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars
scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen,
sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen
Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen
jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich
des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten.
Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute
weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von
Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen.
Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der
Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns
den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars
vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand.
Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und
scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende Pflanze dagegen zersetzt
wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So
kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet
diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches
Leben“.
Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand
natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als
nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat
das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und
allgemein eingeführt.
Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte,
mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs
aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen,
was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er
kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der
Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den
lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für
ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere.
Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage
aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht
mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal
den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl
überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich
beobachtet.
Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide
zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß
und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten;
und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein
Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte.
Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg
genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten
Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief.