Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte

nämlich äußerst kräftige +Leuchtorgane+. Auch diese Anpassung hat

der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine

ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“,

kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen

Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der

Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein

einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres

erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende

Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren

Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges

werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg.

Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen

Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist,

als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende

geworden.

Bei dem Fische _Malacosteus_, der schon aus Tiefen von 5000 Metern

gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und

je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes

Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch _Echiostoma_

flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer.

Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar

wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem

Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate

selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen

zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein

aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben

dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind

übrigens nicht Fische allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen,

Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische

„illuminieren“ in den prachtvollsten Farben.

Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht

verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber

von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch

andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre

Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig

aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt.

Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht

nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal

gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten

Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen

Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da

hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean

durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher

und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild.

Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten

andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser

Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten

wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen

Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als

einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und

Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst

weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers

auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner

signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in

bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die

Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher,

und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß

beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich

unseren Weberknechten.

Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser,

und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte Welle zerschlüge,

durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine

Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz

besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe

sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte

zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom

Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe

der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in

unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller

Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem

Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die

großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode --

also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit -- den damaligen

Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge,

die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte

fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher

vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich

einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben

glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine

ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine

Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen,

leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen

Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche!

Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer

Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit

der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura-

und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe

beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl

am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen

Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit

Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus

der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so

schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die

einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende

Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog

Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen

der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig

Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben

mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß

gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei

Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich

fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal

wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch

sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch

einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts

steige, hat sich sonst nicht halten lassen.

Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag.

Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von

den Kabelarbeiten.

Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz

Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte

sich der Eifer zu +Tiefsee-Expeditionen+, die eigens diesen

+zoologischen+ Zweck ins Auge faßten.

Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten

diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe.

Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den

eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen

Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich

zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als

sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung

von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine

noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt,

allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren

sollte.

Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen

Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868

wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer bei den

Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches

Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“

(Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die

Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere

Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend

Meter hinab.

Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die

Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für

Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage

diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine

ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus

der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos

anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden.

Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten

Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen

Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit

von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere

Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde

durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines

Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das

Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen

Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine

glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis

über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere

fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in

Thomsons bewährte Hand.

Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten,

konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender

Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie,

Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der

erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus

Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition

teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das

glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise

hinraffte.

Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung -- seit den Tagen

des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet

worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den

Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die

Absicht zu haben schien, auf dem Wasser -- je offener, desto besser

-- geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag

Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo

immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten.

Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876.

Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und

einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt

in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer

hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr

als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie

ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel

besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen

flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch

widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte

durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück,

das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert

wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in

Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den

Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit

der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den

sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne.

Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles

unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord.

Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten

Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger

als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden,

zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und

zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand sich eine

erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern,

also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht

weit von den Philippinen.

Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der

Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit

zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim

anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das

aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete.

Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte

sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten

Gebiete umspannte.

Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens

bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die

Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des

Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten

Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen

auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von

der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten.

Der engere Sachverhalt schien dabei folgender.

Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz

regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen --

Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom

Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer

hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis

zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen.

Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich.

Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den?

Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim

Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm

war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop

zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein

dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe.

Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen

selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich

auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen

frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn

das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab.

Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser

Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß

Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit

einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind!

Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere

heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute

Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir

als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den

Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen

der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen

diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen

heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide

unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer.

Doch das nebenbei.

Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern

der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten

+Urtieren+. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den

+Wurzelfüßern oder Rhizopoden+.

Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles

dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen

schwebt.

Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere.

Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet,

aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, --

den sogenannten +Zellen+. Auch der Körper des Menschen ist aus

Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber

gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige

Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen,

das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder

Frosch auch die Beine und Füße.

Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu

nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus +einer einzigen+.

Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen

in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe

Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber

nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung

auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es

gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier

trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche

Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen

aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder

dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu

zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings

ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen

Leibe +harte Skelette+ auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper

als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei

den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des

Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine

hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt.

An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem

„Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den

+ganzen+ Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen

von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine

runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche --

ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen.

Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die

Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz

einfach über einen Leisten gearbeitet ist.

Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen

viertausend und fünftausend Metern der +Globigerinenschlamm mehr

und mehr aufhört+. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der

viertausend Meter-Grenze zu Ende.

Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein

Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, dem gerade das

Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich

die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk.

An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der

Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben,

allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf

treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den

Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei

sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend

Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als

viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen

fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum

sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern

genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen?

Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der

Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter,

also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe

wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen

+auflöst+. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das

mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser

selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende

Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück

Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes

hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain

unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen.

Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein

Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her?

Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach

bemerkbaren Farbe nach den „+roten Tiefseeschlamm+“ genannt.

Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem

durchaus verschieden.

Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische

Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer

Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse ist, Asche, Bimsstein,

Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem

Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins

Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im

Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua

an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn

wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre

mit vulkanischem Staub durchsetzt, -- Staub, der allmählich dann

niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean

aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule

bis auf den Grund.

Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen

zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der

Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel

Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen

mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach

außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was

kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf

+kosmischen+ Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt,

die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe

Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben,

der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser

Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin

kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich

die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall

der Staub verpulverter Gestirne rinnt✹....

Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es

bleibt noch ein Hauptbestandteil: +Kieselerde+. Wie oberhalb der

viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser

Stoff?

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 19 / 37 段