Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen

verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas

abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem

Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme

mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher,

Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller

Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim.

Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und

Kinderspielzeug, Rasseln und kleine Windmühlen, aber alles durch

äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige,

doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller

Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen

darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische

und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es

uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück,

jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein

Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt.

Wo liegt dieser Schatz?

Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor.

Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas

wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als

sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner

Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht.

„_Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd._“

Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der

fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der

Naturforscher als +Radiolarien+ bezeichnet. Die vorliegende

Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen

Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der

zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen

Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im

Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich

um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe

dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein

Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über

4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch.

Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das

größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine

Klippe zu stoßen.

Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“

heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert,

hat sie eben unter meinem Mikroskop gelegen. Sie war der „Schatz“, der

bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem

staunenden Auge vorüberzog.

Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die

Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar

nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne

Schale eines einzelnen Lebewesens -- eine Schale, in der einmal ein

lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen

selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich

Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut.

Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr

Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst

weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die

eine winzige Schlammprobe.

Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure

sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen

Bergkristall baut.

Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen

als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben

menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und

Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches

Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in

einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen,

in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die

Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile

Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist,

ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut✹....

Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer

Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber

ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat.

Tiefseeforschung!

Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte!

Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur.

Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der

Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war.

Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge

überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit

dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er

dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte,

den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das

eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich

hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen.

Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu

fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging

das hinab.

Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern

nur alte Mythen.

Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung,

offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der

Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in

einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung

der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie

hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich

auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben

und unten.

An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber

selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die

kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den

Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete

Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und

da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war,

zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts

ernstlich daran, ob das Weltmeer +überhaupt+ allerorten einen

Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte

noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen.

Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das

südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit.

Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den

Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre

des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert

Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich

John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat

stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer

kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit

lebenden Tieren darin) ans Licht.

Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter

noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten

Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben,

so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig

seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr

erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren.

Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse

Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten

Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern

festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In

dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im

Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung

schien also ungefähr erfüllt.

Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis

zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die

Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige

Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte

an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich

gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen

und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in

Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit

Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder

illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang.

Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein.

Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel

allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein

geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst

dringlichen +praktischen+ Forderung.

Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und

Amerika tauchte auf.

Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den

Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“

endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab

dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber

bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung.

M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806-1873)

revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die

Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme

zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in

der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden.

Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige

vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das

regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal

und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird.

Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie

verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum

annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und

zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten

Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange

enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange

selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war

eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und

Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment

des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und

Leine konnten dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und

in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein-

und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich

Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von

Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf

ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen

getrieben worden.

Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit

Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar

im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der

Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden

Jahrzehnten jetzt wenigstens +einige+ Seetiefen im Atlantischen

und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr

entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die

Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres

Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten:

wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das

Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht.

Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich

sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der

Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan)

mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd

tausend Atmosphären lasten!

Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen

ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt

war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in

gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant.

Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber

allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund.

Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die

wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn

es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus?

Vor allem: gibt es +Leben+ da unten?

Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg

zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. Und abermals

war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die

vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit

heraufzog.

Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit -- in

Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas

davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben,

daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so

doch abwärts in die Tiefe hinunter ein +einziges ungeheures Grab+

ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei.

Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran

selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß

Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln

bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll

fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen

nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen

durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut

beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes

kannte.

Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren

beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist +einer+ der großen

Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber

zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen -- außer Wirbeltieren

noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln,

Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken),

Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen,

Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten

Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die

Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten,

fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde

damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte

unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und

Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens

die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber den

ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer

noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte

Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre

hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich

meerbewohnenden Gruppen geblieben war.

Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres

großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht

wenig zu dem Umschwung beigetragen.

Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als

eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein

dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte

es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen

und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes

Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See

und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee,

bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke

eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als

jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste

Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten.

Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop --

verbessert, wie die Technik es jetzt bot -- als das entscheidende

Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre,

von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen

Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des

tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das

Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch

Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen

Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die

ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen.

Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller,

Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und

die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach

kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit

einem Schmetterlingsnetz. Das war für den Augenblick ein gewaltiger

Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster

Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert

hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht.

Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob

diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend

welches Interesse biete.

Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor.

Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner

Tiefensondierung von -- behaupteterweise -- fast zweitausend Metern

in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam

er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein

unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern

an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben

hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und

vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ...

ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes

zurücktrat!

Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die

besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und

späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der

vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei

etwas über achthundert Meter Tiefe.

Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art

die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings

meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe.

Edward Forbes (1815-1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit

der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des

Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß

von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei.

Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben

mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen.

Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so

sein müsse, -- die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein

und beweist euch, es müßt’ so sein.“!

Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte

folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine

Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich

eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte,

daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine

Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise

konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als

Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des

obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon

sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber

verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte.

Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre

letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende

Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des

transatlantischen Kabels.

Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig

werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt

hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer

Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre.

Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem

Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen

Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt.

Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die

abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich

sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran.

Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall

wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf

dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor

winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien

und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit

drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen

drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen

Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also -- und gerade in Forbes’

„unfruchtbarem“ Mittelmeer -- unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern!

Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus

ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben

stand, daß sie an Tiefenverhältnisse +angepaßt+ waren.

Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende

zu den sechziger Jahren bedeutete.

Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre

aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien

als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick

bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt,

das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem

Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie

etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt

existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein

müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher

Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar

sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde

unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben

könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte,

bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr

zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich

auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging?

Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes

geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle

Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde

Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (_Leptoderus_),

dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit

scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge

ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde.

Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen

jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen

aufwiesen. Zunächst gerade auch +blinde+ Tiere. Blinde Fische,

blinde Krebse. Das +mußten+ echte Bewohner der dunklen, also

tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen

aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch.

Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr +große+ Augen

hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 18 / 37 段