Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese
Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das
Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte nicht einmal als ihr
unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine
stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge
Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.
Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein
Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl
wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.
Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr
beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus
einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu
schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der
Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.
Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der
wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner
-- und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen
Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes
Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine
Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen
Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem
sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.
Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte
sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage
des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, --
und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte.
Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch-
und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse
zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten
Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier
bildeten.
Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß
von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das
ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen einer
Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück
Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei
Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer
Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht.
Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von
Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre
Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen _tabula rasa_
gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser
verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten
Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen
als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein
Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet,
erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende
schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um
eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft
war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der
Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse
urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit
seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist
sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache.
Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von
Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa
erwarten.
Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe
mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den
giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf,
das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst
etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald
endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier
festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am
nächsten kommt.
Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt
stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher
machte. Und nun eröffnet sich eine großartige Perspektive, die beide
klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet.
Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen
ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des
Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist
aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland
von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere
unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte
sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von
Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit
der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos,
um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit
abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis
Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser
Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und
sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über
den Aequator hinaus.
Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und
nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus
entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle
Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen
Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, -- bei
Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei
Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher
Schädel ausgegraben worden, -- zum nicht geringen Schrecken der
trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher
unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts
gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder
Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und
das ebenso in Pikermi lebte.
Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne
weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen -- in
ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen
sein -- quer durch ganz Asien herangekommen und abgeströmt durch das
ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis
nach Deutschland hinauf.
Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren
Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte:
einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg,
westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein.
Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals
auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf
die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus.
Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir
wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So
kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der
asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom
Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen
unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst
versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite
wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit
vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle
vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der
Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher
Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das
Ansiedlerland, -- wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des
Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther.
Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das
erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas
allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung.
Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat
damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt.
In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare
Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan
haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf.
Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit
zurück. Ein Trupp ging schneller, andere ganz langsam, im Verlauf
erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren
Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in
hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete.
Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist
ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit
den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich
eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab.
Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg
nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da,
unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab.
Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen
wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen
konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack
oder Teufelshilfe im Spiele war.
In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden.
Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht
so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es
jedenfalls gekommen, -- gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen
Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte
auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie
es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im
letzten Schoße, -- das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren
Spuren wir eben aufdecken.
Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst
in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange
Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt
haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung
hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn
jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit
entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas
größer scheint es gewesen zu sein, -- _Hippopotamus major_ ist es
deshalb getauft worden.
Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich
auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in
England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung
englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja
unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich
auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas,
zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch
lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa
fort und fort schlechter wurde.
Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz
Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die
warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber
diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz
langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder
wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der
Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in
ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten.
Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz
aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute
Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das
Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter,
den immer kargeren Sommer.
Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht
verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die
jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, --
seltsam genug, wenn man an heute denkt.
Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von
ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die
Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es
endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die
eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner
hat es jedenfalls nicht mitgemacht.
In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich erst
ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns
aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei
den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland
und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, -- aber sie setzt
ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die
herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen?
Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem
Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das
Nilpferd ganz aus Europa, -- auch aus dem Mittelmeergebiet.
Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit
zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen
eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute
das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach
Afrika bildeten.
Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze
bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien,
gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika
hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt
nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel
später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von
Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den
Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling
aus dem ungastlichen Europa.
Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf
einigen Inseln des Mittelmeers.
Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich
herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf
absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im
trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen
gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das
auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu
jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der
langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener
Pfeiler alten Festlandes, das sich noch in verhältnismäßig jungen
Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht
haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite
Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte,
besiegelte erst ihr Schicksal.
Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie
zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz
gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden
Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los,
ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von
1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch
sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel
machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der
Griechen vom Untergang der Atlantis, -- eine Sage, die wahrscheinlich
erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden
ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden.
Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine
höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben.
Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das
Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam,
als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in
ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame
Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern
stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz
Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten
bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig
anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“
träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun
scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine
gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf
die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in
Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei
Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere
und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen Behemot,
denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den
Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie
der Nilriese.
Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen
Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die
Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird
vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen
und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und
(in der kleinsten Art) sogar nur +einem+ Meter Höhe ergeben, also
Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß.
Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste
eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten
Festlandes an dieser Stelle +verkümmerten+, als das Festland
sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als
letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn
und immer dünner, -- und so entstand in einer Art zwangsweiser
Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und
Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die
Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von
andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt
unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten
und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als
die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber
verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen
Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta
ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im
Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd
zuerst in Aegypten auf.
Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf
dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind.
Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der
Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische
Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern
Wegen erreicht hatte.
Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See.
Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein
stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets.
Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug,
vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser
Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen
und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe
Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste
Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten
Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar
keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große
Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem.
Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine
Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf
Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen
und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber
auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz
eingegangen.
Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es
wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von
Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen.
Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird
in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber
altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der
wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der
Zeit verrinnen sieht -- ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub,
wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es
erzeugt hat, sein wird.
Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der
Gedanke lebt, -- der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und
der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, -- -- du
Stück Weltgeschichte -- Nilpferd.
Die Wunderwelt der Radiolarien.
Ein Blick in die Tiefsee.
Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“.
Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten
Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf.
Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom
zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von
versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich
einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar
abspiegeln muß und läge sie noch so tief.
Alte Schnurren -- die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als
das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger
Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen
liest.
Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten
Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch
mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort.