um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika
im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den
alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was
die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald,
Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen,
Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue
Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche
Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch✹.....
Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch
der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.
Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich
kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien,
andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen
Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint
es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der
Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt.
Als Nachtigall es am Tsadsee findet, kommt ihm auf einmal hell zum
Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von
Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine
Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders
Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.
Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte
„Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet
worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten
lebend vereinigte.
Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot
in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und
diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein
lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es -- und es ist ein Ereignis für
die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts
übrig hat.
Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter
nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten
Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird
ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht
fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier,
bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem
Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen
kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen.
Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König
erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der
ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.
Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei
Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem
Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge
kennt.
Eigenartiger Zug aber der Dinge.
Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen
Boden setzte, -- es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der
+Heimkehr+.
Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins
Ungemessene zu wandern -- weit hinaus über alles bisher Erzählte.
In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva,
ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der
Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt
nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz
von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig
unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät
thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.
An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die
geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich
nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht:
die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe.
Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag
er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung
Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere
geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie
dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und
zu begraben.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische
Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und
brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London
ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm
aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener
längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als
Tertiärzeit bezeichnet.
Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür
den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor
dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem
Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck.
Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die
Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe
da.
Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort
einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit
besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der
Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen
Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen.
Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine
kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch
in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber
noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja
solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen
Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg
und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten
hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht
nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten
dran.“
Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten
nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen
aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches
Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob,
desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und
Gerölle auf.
Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln,
oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest
zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge
in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch
noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen,
die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und
die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln
darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.
In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der
Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.
Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche
Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser
tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn Riesen und Zwerge wollten
in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.
Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie
es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark
aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger
Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich
duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere -- Gebrüll und
Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in
dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.
Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in
der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung
seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den
unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt
annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander
pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der
Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es
fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen
kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite
und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn
zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare
zackig geschweifte Schaufeln, -- also im ganzen vier Hörner. Mit diesem
wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter
hohen Giraffenbeinen.
Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier,
und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen
Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in
Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich
prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war
ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der
Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem
Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem
Walroß gegeben haben müssen.
Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals neben der
großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig
war, -- dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne
statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, -- Nashörner mit Hörnern
und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, -- endlich
Schweine und Tapire.
In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll
von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen
wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken
und Schimpansen.
Vom Menschen, -- ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber
kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch,
als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich
der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht
gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java
versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.
Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die
Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der
Panzerwölbung hoch wurde, -- ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder
Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß
gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer
kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die
größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!
Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der
uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.
Also doch in Indien!
Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die
Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen
Afrika.
Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne
absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt
lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so
wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.
Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am Sivasumpf
und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm
gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt.
Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich
herausentwickelt haben?
Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, -- der Name, wie wir
ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der
Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst
folgerichtig Nilpferd geworden.
Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen
pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren
wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte
es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie
dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten
Fischschwanz zu, -- dieselbe Phantasie, die entgegen aller
Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd
schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen
konnte wie eine Otter.
Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger
Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein
Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern
dahin.
Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind
sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt
es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros
ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche
Siva-Tier sind welche.
Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas
verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende
Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, --
und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter
sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen
sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.
Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.
Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche
Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft sich kopfüber in
denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich
nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein,
wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant.
Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut,
die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt
ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal
versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man
erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn,
Nilpferd, Tapir und Schwein.
Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die
Sache war ein großer Schnitzer.
Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt,
„ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere
eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen,
eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner.
Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört
geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast
des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen
Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht
nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.
In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten
Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue
Posaune herbei.
Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der
Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen
übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen,
eine Ordnung für sich, -- und noch zu dieser Stunde weiß kein noch
so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der
Entwickelung gekommen ist.
Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck
zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.
Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand
echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese drei Tiere
tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte
uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.
Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen
lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die
fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen
sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab,
sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem
haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt.
Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß
das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen
ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber
diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren
zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen
Säugetiere herausgewachsen sind.
Wie es nun damit sei -- jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle
gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt.
Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den
Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an
allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder,
besser gesagt, Abkürzungen.
Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald
diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, -- sie verkümmerte zu
gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode
aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große
Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und
Mittelfinger zu greifen.
Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter
sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige
Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar
zwei verschiedene Bedürfnisse.
Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.
Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen
irgend ging, über den grünen Teppich, -- im schnellsten Lauf, da der
Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten sie der üppigsten
Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen.
Kurz: Sausen war Trumpf.
Und die Krone dieses Sausens wurde -- das Pferd.
Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier
Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den
ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben
und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr
gerade eben auf den Boden tippt.
Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele,
ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen
Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet
war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten,
natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes
Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln
lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen
Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch
früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch
wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor
Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen
der Zeit auftaucht.
Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man
besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern
sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden
heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese
Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen
kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste
des großen Pferde-Stammbaumes.
Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem
Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz
andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt.
Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten
abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin
der mittelste -- in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal -- schon
etwas stärker entwickelt ist.
Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter zurück,
maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, -- also halb
die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere,
vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft
urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt.
Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten,
so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker
mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen
zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener
in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif
eingeschlafen war.
So die Linie auf der Grasebene.
Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder
wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist,
weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.
Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit
ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht +eine+ hüpfende Zehe, -- sondern
+zwei+ Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar:
der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.
Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, --
Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse,
Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe
langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen
Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich
die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen
Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche,
Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um
ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde
legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das
Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.
Wir sind am Ziel.
Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier
Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an
der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.
Dann aber: -- das Nilpferd.
Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.
Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.
Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im
Rhinozeros die des Pferdestamms.
Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen
Boden Europas, -- nach Griechenland, wo die Marmorklippen des
Pentelikon ragen.
Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue
Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen
ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.
Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von
Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie
gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.
Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer
der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser
als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos
(die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch
eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte
Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes
Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt
durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen
Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.
Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der
Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen,
wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene
Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier
aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere
Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum
Vorschein kam.