Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am
Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen
und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den
langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel
war mit ihm da, unwiderruflich.
Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern
aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle
Wassersäule für sich gewann.
Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen
hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe.
Werden wir Menschen den Vogel überbieten, -- das letzte abstreifen, was
an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist?
Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug
alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen
hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige
Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht
auch bezwungen werden!
Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre
Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der
Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten
abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich --
der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen?
Die Weltgeschichte des Nilpferdes.
Die Wasser brausen -- und nun kommt etwas Ungeheures.
Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher
Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei
kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als
seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element
zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun
hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die
Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul
spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten.
Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art
von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern
derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu
oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich
hineingebissen und zerkaut.
Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis
kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose,
fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das
Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche
von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze
nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast
verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen
hat, deren jedes vier Hufe trägt.
Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen
breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam
einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als
sei in einem _D_-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle
Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.
Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen
Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.
Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch!
Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau -- und in diesen
Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem
Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das
bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.
Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher
eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“
mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.
Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern
taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.
Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen
Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch
viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.
Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der
großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten
Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, -- der Sanduhr, die mit
rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe
von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden
Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch
wieder abgetragen hat.
Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in
recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, --
wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen
Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der
Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt
war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter
der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.
Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes,
dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern
glotzt.
Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt
eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten
Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist
nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet.
Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche
Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich
als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine
cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von
Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem
Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe
handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser
schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil
allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.
Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die
der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit
rechnet.
Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest
der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von
Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte
sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung,
das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich
jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng
trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte
das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und
die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu
dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.
Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.
Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten
sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst
Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe
der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und
mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie
existiert hat, reizte.
Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf den spaßhaften
Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich
ging noch ganz wo anders hin.
Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der
Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.
Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen
Beinen dahin -- und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel,
hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein
Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder
Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges
Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des
zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern
sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen,
Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe
nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden -- und
in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen.
Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, -- Neuigkeiten der
jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die
alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit
einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk
gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der
fletschende Fleischklotz im trüben Becken, -- das ist Patriarchenzeit,
unverfälschte, vormenschliche Urwelt.
Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines
Nilpferd an Unhandlichkeit, -- aus den guten alten Zeiten, da man im
Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch
Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten
Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins
heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, -- es ist
jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu
lesen.
Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen
_Historia animalium_, der Tiergeschichte des Konrad Gesner,
gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.
Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der
Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein genialer
Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte
es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von
Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie
war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und
den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen
Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles.
Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares
Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere
Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der
(wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um
des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs
willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.
In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck
und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für
das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.
Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser
sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger
Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem,
was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen
und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das
Nilpferd folgerichtig auf.
Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen
anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des
römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch
einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen
im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar
Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.),
erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt,
hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen.
Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er
umspann auch ihre Tiere.
Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig
aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich eine
deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte -- da
war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit
allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es,
wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es
sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben
und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen
ozeanischen Gestade traten.
Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare
Zeitung.
Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel
gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort
ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der
deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt
oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich
außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß
in iren Rachen als in ein sack würfft.“
Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte
selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten
wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf
Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus,
von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war
das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß
auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese
Quellen wiesen -- höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh,
also einem echten Seesäugetier -- allerdings auch nach Indien, --
immerhin in ferne, heiße Länder.
Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft
froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg
lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf
den Gefrierpunkt zu bringen.
Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne
des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese
entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder
oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?
Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter
Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel,
sondern frisch, wie er ihn gefunden, -- -- aus einem Bachbett bei
Zürich!
Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn
(also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die
Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt
zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.
Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners
Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man
in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser
oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung
resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen
grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die
Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu
schwierig für 1558.
Fünfzig Jahre gingen hin, -- da kam eine neue Nachricht über das
lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten.
Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das
Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen
Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.
Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht,
einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute
am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen,
und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem
Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die
Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch.
Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir
gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse
von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der
Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen
als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf
ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein
Männchen und ein Weibchen. Die Häute wurden eingesalzen und mit
Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch
einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich
aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann
nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor
Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den
Hippopotamus.“
Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten.
Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft
klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert,
in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im
ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt
in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt
in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum
erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß
eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen
wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr
anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.
Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese
umgetriebenen Menagerie-Riesen.
Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine
tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings
aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen
Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich
zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger,
unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen
übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren
Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten
beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten
muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu
führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er
bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller,
entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird
furchtbar, -- bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die
ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den
Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab,
wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen
Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner
Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt
er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung
derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer
Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß
der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei
erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln:
er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel.
Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit
dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug
und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’
Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.
Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.
Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons,
des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten,
also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest,
daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst
in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei.
Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte
wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein.
Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein
verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte
seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten
Fallgruben gebracht.
Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten
Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle
Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller
wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung
gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende ägyptologische
Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung
eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem
Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.
Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode
des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit
entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe
gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen
Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich
unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich,
wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk
dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine
Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.
Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus
hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine
Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob
über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der
schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht,
der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken;
wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle
Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.
Aber was nützte das.
Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf
Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des
Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.
Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es
zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der
Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im
Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den
Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist
der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und
schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine
kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere und anderes
mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf.
Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem
Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne
eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern
gesehen, beschrieben -- und mangels besserer Verproviantierung
aufgegessen worden sind.
Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein
recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht.
Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine
Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben.
Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen
ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der
ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens
die Kulturgeschichte zurückreichte.