wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der
schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues
Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn
dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so
viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren
nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die
Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives
Feld, wie jeder sofort merkt.
So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können
und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch
diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte
Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war
das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die
lebende Wesen einfach _nolens volens_ mitreißen konnte, -- und
andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit,
daß sie sich’s gefallen lassen mußten.
Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt
sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten
offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch
ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich
oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung
in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen
äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken
von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den
wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je
gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so
ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren
konnte.
Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.
Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und
leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch
jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder
Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht
werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche
leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich durchweg unserm unbewaffneten
Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr
zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste
Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser
Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um
die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen
auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten
Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus
der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig
sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im
Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten
auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug
dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.
Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den
allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.
Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer
einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus
Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen.
Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.
Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst
in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, -- nun
so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine
ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils
entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber
wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das
einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser
ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken
können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen
Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug.
Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich
in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend
das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal
gleichsam in den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück.
Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer
einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich
leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze
gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt
es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige
Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen
Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die
Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern
stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt
dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das
ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie
Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in
der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große
Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen
es ja noch heute gar nicht anders.
Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die
Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese
Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen.
Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium
hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und
doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden
-- zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser
Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften
Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen,
das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung
vorwärtsbewegte.
Es waren Tiere, -- diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten
Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen
ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des
gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen,
im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren
es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch
von Solnhofen so reichlich vertreten ist, -- Verwandte der kuriosen
Schladenvögel oder Stangenreiter, die nichts anderes sind als
Wasserjungfern oder Libellen, -- also Insekten.
Fliegende Insekten.
Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen,
mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den
Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den
Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog
das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte,
ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab.
Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der
_postillon d’amour_ der Pflanze in einer Weise, die entschieden
sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind.
Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem
Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan.
Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte -- und alle unsere
bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig
auf diese „Insekten-Befruchtung“ --, so war der Umschwung selber doch
entschieden ganz und gar Werk des Tieres.
Wie war das zugegangen?
Das Tier kam aus dem Wasser.
Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser.
Die chemische Formel _H₂O_, die Wasser bedeutet, ist ein
wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl
zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze
ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt
und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden
Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser
zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser
ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden
in sich selbst über den Wassern.
Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie
Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich gar nicht herauswagte,
hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste
Entwickelungsschule ging.
Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und
Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es
war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier
sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb
widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium
oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm,
der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie
entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung
des Wassers.
Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu
einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die
Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das
Tier hat diese Neigung überwunden.
Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren
Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen
Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich
zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser
Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin.
Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als
Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die
ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß,
mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es
gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu
erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen
stellte sich das aktive Schwimmen.
Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen
schon ein +erster Flug+. Der Flug in einem dickeren, zäheren
Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt
ein Flug.
Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich
dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie
zu schwimmen begannen.
Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden
grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der
Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers,
die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine
kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte
Fliegen als Leitmotive beherrscht haben.
Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder.
Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der
„Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon
des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende
Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen
entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper
die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh.
Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen,
also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese
Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen
aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen
Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon
durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen
Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft
vollgepumpt wird.
Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die
eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall
aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist
ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des
Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul
verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm
getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar
von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist
die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser
noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons
erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend
ausgestaltet, daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers
eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er
will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, -- sein
spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so
wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt.
Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt
wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene
zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem
Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese
Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten
Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde
noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der
Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der
riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element,
daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde
bis acht Meter weit vorwärts.
Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der
Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so
weiter auch in die Luft hinaufsteigen?
Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich
eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit
den Flossen auch die Luft peitschen?
Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische
das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit
einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes
Stück weit -- bis zu hundert Metern -- allen Ernstes auf seinen Flossen.
Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht
glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten,
um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß,
Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die
hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende
Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere
einem schwebenden märchenhaft bunten Orchideenzweig geglichen haben
müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der
fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form.
Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem
Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter
abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft
nicht, denn er würde ersticken.
So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender
Wichtigkeit in der Flugfrage.
Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan
schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen
Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam.
Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen
aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso
scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten
blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des
Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben,
die beim Schwimmen helfen.
Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart
selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere
Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von
der Atmung her fest erobert.
Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die
Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden
sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich.
Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten,
schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine
zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf
dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr
gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die
hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß
sie seinen Körper wirklich dahintrugen, -- wobei die Kleinheit und die
durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der
Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, ist der Schmetterling
entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von
Solnhofen.
Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch.
Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu
werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf
dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern,
die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das
nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte.
Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch -- oder wie er jetzt
genannt werden muß -- der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und
schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen,
Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten.
So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das
Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des
Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner
rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine
Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind
mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der
ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte
und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt.
Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg
größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht
so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem
Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch
auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten.
Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden
erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem
Beutegelüst.
Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja
die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber
noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute
trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln
(_Rhacophorus_) sich zum „fliegenden Frosch“ bilden. Will er
von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren
riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts.
Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen
Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern.
Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse,
der sogenannte Flugdrache (_Draco volans_). Ihr stehen jederseits
ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und
darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm.
Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben
ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte:
der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche
flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den
Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar
nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen
saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf
dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie
Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen
Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber
nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel
gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu
dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen.
Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut.
Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und
springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise
Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der
Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung
dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein
mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere
Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen
und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche
Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte
Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine
Hautfäserchen zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers
ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich
die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares
Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt
der +Feder+. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und
Gliedmaßen mit dichtem Federkleid.
Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste
Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu
sausen.
Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug
von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog
schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte
Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung.
Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit
war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt
worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon
Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und
mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen
Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen
können.
Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue
Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu
durchdringen.
Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen
eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte
Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen
Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips.
Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast
zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als
Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme
also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag,
die Arme ruderten. Und da ein Triumph.
An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie auf, --
auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, -- ein altes wahres
Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle
Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte
Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil.
In dieser Kette der Dinge +ist der Vogel entstanden+.
Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des
Menschen fertig gebracht hat.