Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der

Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel

erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit

Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten.

Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im

System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer

Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst

hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“!

Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu

Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das

Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard

Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft.

Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten

+rechts+ in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das

Original ist heute noch in London.

Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel

weiter.

Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht.

So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern

pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die

zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten

Lithographie zum Ausdruck kamen, -- der Gegenstand selber war diesmal

ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn

deckte.

Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund

der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser,

so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich

den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und

auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie

einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal

weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf,

Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen.

Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein

wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden.

Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten

keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles

glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand

kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch

genug, um sie -- gründlich zu verwirren.

Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s

diesen Vogel +gab+, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher

System-Kunst zusammen.

Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse

eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines

Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet

waren.

Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel

fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und

den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines

großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und

Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner.

Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte nun das

alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so

gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und

auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also

von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als

die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur

mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern

besessen hatte, -- kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte.

Ein Vogel von Krähengröße -- und dieser Vogel Zeitgenosse der

Ichthyosaurier.

Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz

bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter

und zwar ging sie gerade +nicht+ so weiter, wie es jetzt logisch

hätte sein sollen, -- das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von

1861.

Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres

ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser

Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien,

zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat

schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte

auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand

aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An

jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa

das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt

haben muß.

Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen

echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter

sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein

Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form

eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte

Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln.

Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus,

und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz

nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben

Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern

fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in

diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen

Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks.

Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben

gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange,

zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz

einer +Eidechse+ war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen.

Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein

Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht.

Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des

Vogeltieres. Aber sie stecken auch +ganz+ darin und zumal die

Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem

Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den

Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf

getrennten Fingern, -- dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem

Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen

festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine

echteste Eidechsenklaue.

Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war

+entweder+ eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; +oder+ es

war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren

Tierklasse, der Eidechsen.

Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen

Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die

befiederte Eidechse und taufte also _Griphosaurus_, zu deutsch der

Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der

Greif der bekannte Vogel der Sage.

Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte

ihn seiner Urtümlichkeit halber _Archaeopteryx_, das ist: Urvogel.

Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also

korrekt sagen: +die+ Archäopteryx; durch die unwillkürlich

untergelegte Uebersetzung in „+der+ Urvogel“ hat sich freilich in

die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist

heute kaum noch wieder zu verbannen.

Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde

Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig

geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht

getan, der ging jetzt erst recht los.

In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten

Hochflug.

Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die

Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das

war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch

Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der

andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte

uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge

noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum

Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in

Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb

des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die

Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse --, so

war das abermals Wasser auf ihre Mühle: -- der Molch hatte sich eben

über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt.

Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald

im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt.

Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten

des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen

der Federwelt, -- maßen dessen auch er so eine wirkliche

entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige

Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel.

In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in

vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren

aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der

Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert.

Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der

des Doktors Faustus. Das eine Tier haftete noch nach Reptiliums-Art

am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen

an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes

Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe

aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, -- es flog schon als beschwingter

Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin.

Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht

ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz

allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie

hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und

Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich

dartun werde, -- auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe

finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten

„Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die

Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer

daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein

Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist.

Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch.

Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des

Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet

sei.

Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise

erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte.

Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn

Jahren.

Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem

Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener

Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen

Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch

der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis

ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang

bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung

der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt.

Diesmal ist’s eine geradezu +tadellose+ Archäopteryx.

Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben

ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran.

Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die

Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles

Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet,

nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist

ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht

von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er

sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten,

„entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener

Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, -- ein guter

Entwickelungsfortschritt.

Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder

noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in

New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu

bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden.

Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten

sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, --

derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet

hat -- versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz

gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde.

Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit

Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem

Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift

entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine

deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen.

Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt

noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder

Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei.

Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen.

Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche

Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische

Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf

von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen

sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist,

focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, --

umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder

heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche

Fahrwasser ein.

Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals

der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück

ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber

schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens,

daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach.

Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der

Radikalstreich eines deutschen Idealisten.

Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung

untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so

verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung

gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den

bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück

wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt,

aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei

sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein

Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf

daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im

April 1880 -- nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es

keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art

liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle

Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen

Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden,

wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines

Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean schwebte. Frühere Fälle

haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der

einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei

Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit

schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern

zertrümmert worden.

In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser

Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage

noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche.

Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel

wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem

Häberlein die ganze geforderte Summe -- es waren jetzt schon nur mehr

20000 Mark -- bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des

Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen

Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach

einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die

Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den

Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum

für Naturkunde.

So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an

irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das

weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem

blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.

Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen

Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der

Naturforschung ihren Schlachtruf.

Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu

dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte

zum ersten Male den +Kopf+ der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf

-- oder ein Eidechsenkopf?

Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen

Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die

Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß

ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz und gar nur Vogel schien.

Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der

Knochennähte, -- alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte

den Vogelschnabel, -- war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der

Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem

Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen

zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten

Vogelschnabel, sondern er trug +Zähne+ im Ober- wie Unterkiefer.

Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!

Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.

Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von

1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln

urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb,

Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln

gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein

großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb --

auf lateinisch: _Hesperornis regalis_, das ist: der königliche

Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen

Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz

und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter

Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte

Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, -- noch in viel späteren Tagen

als der Jura-Zeit.

Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein

„Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.

Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und

Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren

offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen,

die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.

Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.

Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee

wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich

dünner. Dafür gab es aber +innerhalb+ eines allgemeinen und

vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige

Meinungsverschiedenheiten.

Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte

sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht

Fleisch sein +könne+, weil er wirklich im natürlichen Werden

der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich

+verknüpfe+: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über

die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache

war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten,

was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen

Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum

Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und

der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.

Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch

auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War

sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse -- oder schon näher zum

Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.

Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der

„revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von

Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der

alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte

der Befiederung sich dem Vogel nähere.

In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die

Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch

heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt

noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel)

und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, -- mit

dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die

Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei

der Eidechse stehe.

Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen +innerhalb+

des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider

vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx

sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames sollte sie entwertet

haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht

mehr um die +Leiter+ -- die stand ein- für allemal fest -- sondern

um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der +Sprosse+,

die gerade Frau Archäopteryx vertritt.

Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des

Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.

Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien

stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher -- als Vogel -- vor

eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das

Problem vom Fliegen.

In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte

Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als

erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des

festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, -- dieser Vogel ist uns

nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten --

ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu

teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung

im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.

Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des

Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift,

eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins

Symbolische rückt.

Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den

Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck

heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime

ausgegangen war.

Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen

ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.

Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich

das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.

Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde --

und eine leidende.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 13 / 37 段