die Wasser des Ozeans frei gegeben.
Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, -- diese waren
ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte
in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als
murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer
noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, -- bis er endlich das
Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe
Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte
Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, -- an der äußersten Stelle,
da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes
mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon
einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten
Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht
aus, -- so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den
bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen.
Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht!
In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig
plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande.
Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich
der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber
hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat und
mußte erwarten, in wieder tausend Jahren -- einer Nachtwache! -- selber
nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein,
der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein
würde.
Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch
Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da
im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch
sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht
gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber
die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen
noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen
lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter.
Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit
+Kalk+.
Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit
jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt,
in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und
wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im
stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken.
Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen,
Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte
in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde
es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung
in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden
Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte.
Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des
Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt.
Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des
fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um
Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber
erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche
Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels.
Sie wirkten nämlich als Totengräber.
Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute.
Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen
Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte
und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem
reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte.
Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus.
Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten
hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen
südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer
oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich
farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt
kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier,
das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte.
Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben.
Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen
Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem
Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund,
den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer
wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz
unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials.
Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die
Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins
Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen
tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein
der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl
schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig,
den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts;
oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt
war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und
Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so
hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die zarten
Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, --
auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden
Kalkschlammes.
Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein
Herbarium, ein Museum.
Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der
kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie
durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der
Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte
doch noch das treueste, das feinste Schattenbild.
Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege
gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch
Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer
Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die
vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als
Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet
wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem
Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie
erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber
wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die
Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein
stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde,
geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer
Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die
Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da.
Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche
Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug,
grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein
schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund,
der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese
armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji.
Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch
sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein.
Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in
dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle,
die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner
ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch
ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der
Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!)
malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht
und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt,
daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf
herauskomme.
Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische
Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus
Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich.
Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf
Kalkblättern wurde, -- es wurde zunächst unabänderlich ein ganz
verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine
Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine
Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein
darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden
so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne
daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben
darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel
noch einmal aufzublättern.
Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große
„Interessen-Wesen“, -- der Mensch.
Und der fehlte noch lange.
Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die
Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das
Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch
Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder
gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz
Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und
es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch
seichtes.
Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete der
alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die
Berghacke als festen Kalkstein aufschlug.
Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher
deutscher Wald.
Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch
urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen
immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander
verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig
jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen,
das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes
baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand.
Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des
Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im
Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des
Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer
Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen
Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe.
Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch
tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der
zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar
wertvolles Glied der Menschheit war, -- nämlich auf den braven Aloys
Senefelder.
Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans.
Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich
in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend
die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den
Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in
seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten
Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen
Dorfe.
Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts
die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch
bestimmte genial vereinigte Methoden von solcher Zeichnung beliebige
Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken.
Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen
Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein
von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen
Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß
die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne
Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse
unglaublich belasten, ohne zu springen, -- kurz, die neue Kunst hätte
besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient,
so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach
hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen
gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz
da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die
ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist
der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen
hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken.
Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder
seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der
Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein
geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an
einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen
werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den
Boden eingraben werde, -- daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften
Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn
Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben:
hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben
allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also
mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten
Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage
kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen
Handschriften -- zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten
Jahrhunderts.
Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch etwa
vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente
alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände
benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und
überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als
sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll.
Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug
zu solchem einseitigen Streich.
Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen
Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig
geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel
den Text.
Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf
eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte,
zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren
Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon
meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten
beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die
Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in
wissenschaftlichen Kreisen verbreiten.
Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit
nicht mehr unterdrücken.
Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst
für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“
aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand
anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich
die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig
wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden:
„Schladenvögel“ und „Stangenreiter“.
Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren
begann!
Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer
so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer
geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden
Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, vergeistigter
Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der
Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser
köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt
uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer
gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte.
Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in
ihrem +ganzen+ Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus
oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen,
und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald
selbst wieder dicke Bände füllte.
Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels
erst möglich wird, -- auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist.
Es war im Jahre 1860.
Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank
gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der
längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger
„wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte
ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen
zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine
flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes
Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war.
Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das
der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist.
Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles
grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm
hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die
flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes
Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein
Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven
Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß
in diesem Juramorast wirklich schon einmal auch ein zierliches
Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl:
Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand
man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten
Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die
recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen.
Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere,
der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der
Rangordnung unseres Systems.
Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß
der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man
unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel
näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut
wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale
mehr sind.
Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte
Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam
noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe
es noch nicht recht gelangt“, -- einerlei nun, wie man sich dieses „es“
damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze
war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die
meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher
Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den
verschiedenen Epochen der Erdgeschichte.
Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl
Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn
nicht gar keine Rolle gespielt hätten.
Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte
Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie
gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und
schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten.
Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes
aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige
Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (+nicht+ in
Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern,
beinahe haushohen Störchen?
Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern
haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir
heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die
nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften.
Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen
setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz
Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von
Solnhofen auftauchte.
Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein
zierliches Federchen.
Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet
ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja
nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse
geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich
angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede
Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine
Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der
Tat außer dem Vogel nicht.
Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas
weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine
umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe,
also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner
Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung
durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht.
Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im
Solnhofener Stein eine echte Feder war.
War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt?
Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen
Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen
nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen.
In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt nahe bei
Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte
zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte.
Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar
deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn!
Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer
der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die
Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding
besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam
als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte
er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit
auswendig und zeichnete es -- eine Prachtleistung -- daheim aus dem
Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu
nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“
einen lateinischen Namen.