Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno

dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den Menschen erst

herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden?

In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu +alles+ möglich, -- wer

da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur-

und Kulturgeschichte durcheinander rühren.

Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch

auch damals schon -- und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch.

Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals

längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So

kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako.

Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher

der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach

dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach

selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle.

Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien,

den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, -- und

auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen

aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt

niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene

radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der

nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten

Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre!

Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen

lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument

vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein

ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und

hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht

zurück.

Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier,

dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt.

Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich

so erdacht sein kann: nämlich +Jemisch+, zu deutsch das Tier, das

kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf

jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut.

Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre

Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig

unberührten Mistboden geschöpft haben sollten.

Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt

viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute

besitzen, -- und warum dann nicht vom lebenden Tier?

Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte

des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein

Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein

Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser

(also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage

seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die

Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich

aus dem Fell Mäntel zu fertigen.

Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier

Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch.

Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein

grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener

Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen

ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat.

Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag

werden, +Su+ genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den

Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer

spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden

sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist

Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet.

Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den

Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit

einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen

und mit pfeilen erschossen.“

Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der

südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine

Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während die

Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein

sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es

sonst sein sollte.

Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten

sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal

sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem

Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden

Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und

angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den

Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges

großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im

vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen

wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle

einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen

Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte.

Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien

gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht

herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen

Streifereien zu beobachten.

So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen

Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch

noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine

Ausweispapiere streng geprüft werden könnte.

Wenn nicht, -- dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat

uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über

den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt.

Gönnen wir ihm seinen Platz in der Kulturgeschichte.

Und wenn es auf der Messerschneide jener letzten paar Jahrhunderte, bis

zu denen es sicherlich +heranreicht+, wirklich nicht mehr leben

sollte, so gehört es erst recht hinein.

Denn was ist die menschliche Kulturgeschichte anders als die liebe,

lustige Geschichte menschlicher Hoffnungen, Träume -- und Irrtümer.

Der erste Vogel.

Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere

Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich

der bösen Kobolde verschlagen zu sein.

Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der

Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen

des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen

Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor

betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze

Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt,

wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der

List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier

Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen

von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird

vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten

Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold

führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses

Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die

auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus

von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren

Kultur-Triumphzug feiert, -- aber leider ohne Arme. Der kühnste

Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche

über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach

anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter

anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode

ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch noch auszuwickeln und

lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie.

Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der

Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte

und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen

Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius -- oder gar dem

Ur-Evangelium.

Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute

Kobolde glauben, wie im Märchen.

Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah

komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“

durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens

fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes

Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die

Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei

die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt.

Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in

Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er

einer „verlorenen Handschrift“ nach, -- der Handschrift der Erde.

Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier

und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt,

die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde,

losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf,

bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie

eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene

von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses

Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen.

Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie.

In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde,

ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der

Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister.

Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im

wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn es nur in seinen

öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der

Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer,

die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt

mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der

Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art

und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird,

ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet,

ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich

der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte

treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken:

ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber

dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem

großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und

so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich

die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“.

In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters

für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so

wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes

zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine

köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, -- mit allen

Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher

Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die

Tausende nähren können, sind da, -- aber die Tausende fehlen. Mir ist

das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, -- wohin man

sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit

änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden.

Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere

Fleck, den ich meine.

Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend.

Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut

oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden

Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes

Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel

mehr sagt, als das etwas hellere vom lebenden Nilpferd im Lichthofe

nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren,

die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt

verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen

unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher

Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen,

wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche

gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens

nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im

Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters

Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke.

Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne

jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den

Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in

seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt.

Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten

Schutzgeistes der ganzen Geologie.

Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache

Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung

ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht

gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, -- mit

jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die

„Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile

vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt.

Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht

ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte

habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen

Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den

Glaskasten.

Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun

wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines

denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist

eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und

Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem Morast abgedrückt. Der

Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault

zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen

selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist

nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der

Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte

Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen!

In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des

Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst.

Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein

Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées

Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon,

der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt.

Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges

stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch,

der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will

auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug --

und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen

Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern

Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem

er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und

roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des

Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt

der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den

Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel

geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache

durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das

Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie

die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz

Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt?

Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen

Stein.

Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das

wir im Werkzeug überbieten möchten.

Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar

Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind

der schattenhafte Abdruck des +ältesten Vogels+, den wir kennen,

-- des „Ur-Vogels“.

Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich

vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, -- das Leben in der

blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros.

Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere.

Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er

wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues

eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit

setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der

Werkzeugerfindung, -- das Gehirn.

Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung

des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer

Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung

nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten

zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade

Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor

Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten

daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz

jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar

Unwahrscheinlichste war.

Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die

Jura-Zeit nennt, -- also in der Zeit noch des Ichthyosaurus.

Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher

Erde von damals rasch noch einmal umkneten, -- Berge glätten, Land

unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche

Noäh hineinstülpen.

Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind

die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das

Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und Franken

liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem

Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und

es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des

wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen

unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in

unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte

Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen

vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen

aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche

massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die

Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere

sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der

Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien

-- Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem

wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben -- geheimnisvolle Wälder. Auch

ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne

Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an

Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus

dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen

Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe

eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von

der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean

in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine

feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese

nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der

Tiefe.

Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über

deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort

und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und

Kleinsten im feuchten Schoß.

Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von

München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so.

Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“.

Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt

denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche

Wandlung.

Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem

Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder.

Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen

der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht

sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit

voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das

Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen,

als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch

viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan.

Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf

und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte

Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank

langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab.

Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den

Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile

weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den

nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke

Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte

seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt.

So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten,

nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht.

Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die

zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen

Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der

kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen.

Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche

Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu

wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von

diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von

weißem Kalkstaub, zu dem jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel.

Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem,

älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem

Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein,

fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit

eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen

Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den

Ichthyosaurus beherbergte.

Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und

Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher

Vorgang vollzogen.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 11 / 37 段