Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden

Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam

zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig

„Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei

Weimar oder unsere Renntier-Menschen von Schussenried. Tatsache aber

ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in

Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die

bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von

Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere

Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom

Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische

Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.

Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der

zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas

durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent +kein+

Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein

Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein

Megatherium oder Mylodon.

Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die

Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste

Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere

+lebe+ noch -- das Riesenfaultier.

Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.

Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch

das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus

Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht

langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine

Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel,

daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen

Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen -- oder wenigstens

gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte

und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa

worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm,

der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen

worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom

„lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.

Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh,

ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener

Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. Das seltsamste

an ihm sei aber -- seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als

wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer

erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen.

Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch

von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr.

Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.

Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr

angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des

Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch

Mord untergegangen.

Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine

selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes

Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier

aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug.

Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt

wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam

es dem Jäger.

Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter

Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere

sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in

Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie

dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie

aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten

Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis

schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das

fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens

irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch

teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren.

Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben,

so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz

kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin

als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte

doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin

seltsam.

Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.

Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz.

Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten

Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.

Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese

Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge,

-- außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.

Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!

Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten

Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel

aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es

Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.

Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als -- allerdings nur

hypothetischen -- Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898.

Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe

unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen

worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem

bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten

auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.

Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen

so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die

Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine

außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher

Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.

Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?

Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten

frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr

oder minder lange ausgestorben sind.

In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des

Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet

ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit,

da diese Museen bestehen, im neunzehnten Jahrhundert ausgestorben.

Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener

Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum

aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel

da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen

worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her

als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel

heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls

merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer

Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung

nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene

Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich

aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck

mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht

mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen

Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute

noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die

Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund

je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von

einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß

gescheckten Pelz besaß.

Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in

Betracht zu ziehen.

Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu

beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in

gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen

Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß

Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen

oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und

daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher

und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals

auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land

hingegangen.

Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder

sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte gleich

jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer

Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren

gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so

hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein.

Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative

„Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, -- wir Kulturmenschen wären dann

gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu

spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, -- das Riesenfaultier

bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und

Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, --

kein Urweltstier.

An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich

alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert.

Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die

Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren

Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben,

den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue

Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu

neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden.

Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit

Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895.

In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere

Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle.

Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so

breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz

oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von

dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht.

Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse

konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle.

Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum

überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere

Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer

Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und

veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. Zuerst Eimar Nordenskjöld

von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums

in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch

schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich

die rätselhafte Sache wie folgt.

Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert

Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal.

Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren

Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift.

Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe

von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der

Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan.

Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von

etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal

herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter

nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem,

frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer

mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal

wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem

Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden

und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste.

Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich

selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und

hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht

liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas -- alles

wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten.

Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten,

neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens

mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, -- nämlich von

Mist.

Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach

Gürteltier, -- also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade

jener alten Wundertiere.

Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder.

Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen

auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal

hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund

geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne,

Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch

Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer

dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen,

einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel

kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener

einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der

Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also

mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr

lebenden Tierarten.

Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit

des Menschen.

An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von

einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war

ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument

zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war

also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher

gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel

waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich

menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die

Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl

auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen

zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der

ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch

vorhanden gewesen sein.

Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter

Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie

aufgestellt.

Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen

Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich

befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, -- das Tier sei kein

Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten

Mylodon-Gattung an, die man längst +Grypotherium+ getauft hatte.

Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine

Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im

ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als

Ochsen-Größe.

Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses

Grypotherium soll nämlich das Beiwort _domesticum_ erhalten. Das

heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“.

Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht

mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von

den Indianern in Westpatagonien als +Haustier+ gehalten worden.

Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in

dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang

„Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie

der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle

mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein

nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, -- endlich

einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren.

So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht

finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als

Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und

Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen

entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das

ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen

Detailangaben noch nicht vor.

Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die

ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle +zeitweise sowohl+ von

Menschen, +als+ von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die

Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft.

Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere

zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, -- es müssen ja

geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei

kann aber genau dasselbe +Nacheinander+ obgewaltet haben, das uns

bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, in deren Lehmboden

die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, --

sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd

+bald+ dem Bären und +bald+ dem Menschen als Versteck gedient

haben.

Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein

Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt

wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer

folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der

Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die

jetzt die Menschenspuren wieder begrub.

Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken

Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im

Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu

begreifen.

Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem

Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als

lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine

Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst

des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten

Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl

das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen.

Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der

schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner

Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme,

plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus

guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht.

Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier

dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig

ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das

Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen

Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen

die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht

mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war,

dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich

aneignen wollte, so ließe sich begreifen, daß es schließlich den

Nachstellungen ganz erlag, -- zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war,

das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen

nicht.

Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das

Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben +ist+.

Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist.

Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden

Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von

einem frischen Kadaver abgezogen sind -- und das ist in gewissem Sinne

etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung.

Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren

Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert

Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache

scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und

in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit

abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren

behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos

erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint

mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit

derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die

Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder

die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres

Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich

hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr

Einstürze erfolgten und +diesen+ altbewährten Boden denn doch

+zu+ ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig

fortleben.

Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz

jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute

bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte

Zeitgenossen der Grypotherien -- und sollen diese heute noch leben, --

wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben?

Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist

günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche

hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado gelangt zu sein. Ein

einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen

Nachrichten zufolge damals +nicht+ im Lande. Die Pferdezähne

der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern

einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die

also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder

ausgestorben sein müßte.

Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die

Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde

europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen

sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft

eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber

doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die

Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, -- und wie

das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung

ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller

Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das

Zeitliche gesegnet haben.

Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz,

ist noch immer durchaus kein reines Argument.

Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander

ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen

des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder

aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen

Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die

Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt.

Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend

die sorgsamste Archäologen-Weisheit.

Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte,

hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde

entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch

allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie

irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen

hatte?

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 10 / 37 段