Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten
des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere
vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen
Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den
letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste
Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen
noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit
zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar
tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge
meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts
konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl
sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener
amerikanischen Riesenfaultiere.
Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein
interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen
Urwelt als dieses „Großtier“.
Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein
Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab,
ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort.
Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner
wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er
sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen.
Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander
vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen
in der Erscheinung“.
In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar
vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen
Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es
gewiß nicht verleugnet.
Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung
der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie
das Geripp der Faultiere.
Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen
poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht
hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge
denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch
schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe
vierzig Jahre vor Darwin betätigt.
Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier
vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus
ersterem entwickelt.
Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den
Säugetieren besitzt: den Walfisch, -- so möchte es selber sich nach
ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein
Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“.
Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich
ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des
Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper
leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure
Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das
seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und
vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern
zugestehen“.
Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden
Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen
Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt
solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht
beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert,
durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs
trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich
erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt,
das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber
wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so
geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht
verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn
sie, ungeduldig über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit
erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den
Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“
Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch
lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer
endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige --
dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen,
sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das
bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen
gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“
In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege
genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium
war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es
heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade
umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden
Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat.
Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie
vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens
wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden
Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie
in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist
und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei
beiden lebenden Sorten.
Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so
bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.
Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt
gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur
Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier,
und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich
verschiedenen früheren Tieren.
Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt
vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei
nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für Goethe, der in der Welt
nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein
einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.
Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach
Südamerika.
Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche
Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der
alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der
erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.
Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im
Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten
Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges
Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.
Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der
Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche
anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist.
Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da
sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da
sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind
Pferdezähne.
Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest
und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier,
Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit
1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden.
Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit
Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung
mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene
Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene
regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika
sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In
jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes,
landeseigentümliches Pferd besessen haben.
Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.
Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des
Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine
fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies.
Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, als wenn diese alten
Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten,
wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie
starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich
auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute
auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet:
der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im
Sande tief begraben war.
Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin
ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.
Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen
gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das
Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich
vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände
der „_gran secco_“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der
ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln.
In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden
drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und
ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später
eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe
mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas
dürreres Jahr.
Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich
noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren
sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten
offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.
Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt
besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, -- aber in dem
wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse
alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere,
Gürteltiere.
Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen
Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte,
das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte doch auch ihm
gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf
natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer
Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm
auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem
auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas
einfällt.
Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz
bestimmter Seite.
Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in
seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen
Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel
stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden.
Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen,
das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo
gewesen war.
An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers
spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie
an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre
herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie
getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel
durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach,
Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte,
plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine
groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig
gewesen, um der Wahrheit -- oder sagen wir mindestens, der neuen Suche
nach der Wahrheit -- eine Gasse zu bahnen.
Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit
wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten
Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte,
daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere
gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom
echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt.
Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen
Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.
Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein
wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.
Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom
Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern
Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben
mußte.
An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen
der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen
Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere
nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine
außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte
er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des
Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben
und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen.
Kein schlauer Riese offenbar.
Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es
möchte am Ende der +Mensch+ gewesen sein, der dem alten Herrn die
Löcher in den Kopf gehauen hätte.
In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in
unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort
„prähistorische Forschung“ umschließt.
An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig
und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits
aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter
Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen
rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch
nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.
Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war
wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt,
die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft
bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren,
zurückdatiert hatte.
Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des
europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig
gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese letzteren Knochen zeigten
vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande
von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt
zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt,
durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.
Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor
Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch
wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika
Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische
Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das
scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?
Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending
her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen
„Werkzeug“, -- etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch
der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein,
daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen
beherberge, -- eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer
Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.
Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch
sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.
Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes
an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.
Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit
untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen
Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des
Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein
und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in
einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser
auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen.
Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung,
sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom
alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie
ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.
Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich durch
diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da,
wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose
Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe
schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der
Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun
doch eine Art Panzer gebildet haben.
So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine
gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück
gemacht haben muß.
Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine
große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des
Menschen.
Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst
etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr
tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium
gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran
deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche
Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien
saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster
Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale
seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so
etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in
der großen Weltlogik wider Tatsachen.
Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von
Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia
saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth
und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus,
daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein
+mußten+.
Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen
birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber
ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen,
genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen
Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem
und erhaltenem Herdfeuer gebraten worden war. Einmal wusch das
Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch
fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen
regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so
aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem
Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die
Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so
wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.
Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar
bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da
zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen
sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein
kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal
hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein
andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf
deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand,
gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze
Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte
offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.
Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr
einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig.
Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und
Riesenfaultier?
Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen
prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut
ausgerottet worden?
So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben.
Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der
Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren,
die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das
aber mindestens Streitobjekt.
Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in
Deutschland gelebt habe, -- vielleicht irrtümlich. Mindestens aber
zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar:
der noch lebende Wisent (Auerochse) und der wahrscheinlich durch
Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen
Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem
mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied
vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig
widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird
jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet)
gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins
Mittelalter hinein gegeben.
Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so
benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals
rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden
sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und
Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“
gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch
jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger
Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel
bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt
nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende
Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden
kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der
Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der +sehr+
geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen
solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während
andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel
auf Java unlängst gefunden worden ist.
Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und
Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der
Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.