noch in Eiszeit-Tagen, wie man trennendes Wasser künstlich überwindet.
Und auf dieser Schiffsplanke des Menschen, diesem schwimmenden
Pflanzenleib selber hat sich dann doch eines Tages die große
transatlantische Brücke, die der Erdball versagte, gerade für die Flora
wiedergefunden.
Der tote Baum, vom Menschen vergeistigt durch die Zweckmäßigkeitsidee
des Werkzeugs, trug den lebendigen zurück.
Ueber den blauen Ozean sah ich sie im Geiste so anschwimmen: die
Geretteten vor der Eiszeit in Nordamerika, die die alte deutsche Erde,
die losgelöste Ecke des Europaamerika von ehemals, neu begrüßten.
Gleich jene Weymouths-Kiefer war ein Beispiel: sie war in der
Tertiär-Zeit über ganz Europa weit verbreitet gewesen.
Im Schloßgarten meines Freundes ragte aber ein anderes, noch viel
prächtigeres. Da stand auf der einen Seite eine ungeheure, ehrwürdige
Linde, also einer der schönsten deutschen Bäume, die mit dem Walde
überhaupt vor alters schon zu uns zurückgekommen sind. Gärtnerhand
hatte freilich auch dieses Riesenexemplar von früh auf in die
seltsamste Kunstform gezwungen, -- also doch schon halbes Menschenwerk.
Auf der anderen Seite aber wurde als zweite Merkwürdigkeit mir ein
lichtgrüner Tulpenbaum gezeigt.
Auch er hatte hier schon förmliche Altersrechte. Und doch sind
alle Tulpenbäume unserer Gärten erst durch Menschenhand wieder
herüberverpflanzt aus Nordamerika in den vierhundert Jahren seit
Columbus. In der Kreide-Zeit, als zuerst Laubbäume überhaupt
auftauchten, wuchs der Tulpenbaum schon ganz nahe dieser Stätte, in
Böhmen, wild. In der Tertiär-Zeit ging er bis Island und Grönland
hinauf und war über ganz Europa verbreitet. Aber kein lebendiger Stamm
überdauerte bei uns die Eiszeit, auch in Südeuropa nicht. Gestrichen
war er als deutscher Baum aus dem Buch des Lebendigen, bis die
Nachfolger des Columbus ihn in Nordamerika neu auffanden -- und als
fremdländische Seltenheit wieder heimbrachten und unter anderem auch
hier in der Lausitz zur deutschen Linde in den Schloßpark pflanzten.
Mein Freund, der ja nicht nur Landwirt, sondern der treffliche, weit
bekannte Dichter ist, wird vielleicht einmal einen Baum daneben setzen,
der eben so lichtes, lustiges Smaragdlaub hat und dabei geweiht ist
durch liebliche Verse Goethes: den Gingko. Der hat nun noch einen
verwickelteren Roman.
Zunächst ist er, was ihm freilich kein Laie ansieht, ein echtes
Nadelholz, das sich aber erlaubt, statt Nadeln die zierlichsten
grünen Blätter zu tragen, doppelt gelappte Blätter, deren jedes wie
aus einem Zwillingspaar verwachsen erscheint. Die Eigenart erklärt
sich, wenn man hört, daß der Gingko bis in die Zeit der Erdgeschichte
zurückreicht, da die Grenze zwischen Farrnkraut und Bärlapp einerseits
und den Nadelhölzern überhaupt noch schwankte. Sein Blattwerk steht
sozusagen auf der Kippe zwischen Farrnblatt- und Nadelholzmerkmalen.
Solcher Gestalt begann er schon in der Steinkohlenzeit. Als der
Ichthyosaurus schwamm, grünte er als deutscher Baum bei Bayreuth. In
der Kreide-Periode wuchs er in der Schweiz, in der Tertiär-Zeit von
Italien bis Grönland. Dann ist es, als habe eine Hand ihn fortgewischt
von der Tafel der Erde. Auch Amerika, das treue, hat ihn nicht mehr. Da
plötzlich wird er vor zweihundert Jahren in Japan als „heiliger Baum“
in Tempelhainen entdeckt. Wie er dahin gekommen und wo er wild wächst,
weiß an Ort und Stelle niemand. Und unsere Botaniker wissen es heute
noch nicht. Der importierte Zierbaum ist im Garten aber so wetterhart,
daß man ihn ohne Gefahr unserm kältesten deutschen Winter aussetzen
kann.
So kommt aus Winkeln der Erde durch Menschenschlauheit unser ältester
Heimatsbesitz Stück um Stück wieder zusammen.
Sie hat ja auch gelegentlich ganz neues hinzugeliefert, diese
„überseeische“ Epoche unserer Landschaftsgeschichte. Ich erinnere nur
an unsere südamerikanische Kartoffel, die für uns Charakterpflanze
geworden ist wie nur irgend eine.
Es ist mit ihr gegangen wie am Mittelmeer mit der Agave und dem
Feigenkaktus. Beide sind waschechte Amerikaner. Aber sie beherrschen
heute einfach das Landschaftsbild. Preller, als er seine odysseischen
Landschaften malte, hat den Dulder Odysseus und die schöne Circe naiv
zwischen hohe Agavenblüten und Kaktushecken gestellt, als hätte es
nie anders sein können. Wenn dazu am italischen Meer australische
Eukalyptus-Bäume ihre Säulenstämme zum blauen Himmel recken, so
empfindet man, was das Wort heißt: der Mensch Herr der Erde.
An dem gleichen Bahndamm meines Heimatortes Friedrichshagen, über den
ich alljährlich die Keilgeschwader der Wildgänse dahinziehen sehe,
freut mich ebenso jährlich die gelbe Blütenpracht der _Oenothera_,
-- der Nachtkerze. Weithin überzieht sie den ganzen Bahnabhang, --
Ideen weckend beim stillen Wanderer, der den Fragen der modernen
Biologie folgt. Denn es ist der Gattung nach die Wunderpflanze, aus
der De Vries eine ganze neue geistvolle Variante der Darwinschen
Entwickelungstheorie herausgelesen hat. Wer würde sie nicht für eine
Charakterpflanze ersten Ranges unserer märkischen Landschaft halten?
Und doch ist auch sie aus Nordamerika erst eingeführt und dann
verwildert. Die erste Art kam 1614 aus Virginien zu uns.
Europa ist heute zahm wie wild ein Garten des Menschen. Und ein Beet
nur mehr dieses Gartens ist die deutsche Landschaft.
Wird der Mensch bei allem überwältigenden Reichtum seiner Mittel aber
immer ein umsichtiger Gärtner sein?
Durch meinen Sinn, wie ich so in die Nacht hineinfuhr, zogen auch trübe
Stimmungen.
Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit.
Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher
Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der
gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch
gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr
eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren
Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um
das Aergernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche
Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben läßt.
Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein
Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in
Jahrtausenden schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht
zu spät. Aber „Heimatschutz“ muß eine Tat werden, eine Gewalt, -- nicht
bloß ein Wort.
Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein +Kunstwerk+,
aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen
Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt.
Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand.
Und wir, die wir uns unserer „bewußten Kunst“ so stolz zu rühmen
pflegen, -- sollten wir uns nicht auch hier bewähren? Bewähren, --
indem wir vor allem begreifen, daß in solcher Landschaft wirklich
ein großes Kunstwerk uns anvertraut ist, das wir wohl organisch
weiterentwickeln, aber nicht plump zerstören sollen.
Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.
Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung
Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da,
wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land
einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem
vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza.
An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig
harmlosen Namen Eberhard.
Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der
Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell.
Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter
dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen
steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren
bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr
und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen
davon zum „Andenken“ mit.
Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten
doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des
Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich
hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man
schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache.
Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern
gerieten.
Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat
der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher aus
seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete
und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen
frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen.
An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell
eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an
erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten
Riesenfaultiers.
Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes
Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell.
Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten
Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das
Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller
vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In
offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches
im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, -- bloß unsere
Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem
Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten
Jahrhunderts!
Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens
ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der
Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte
die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die
wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem
nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika.
In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem
Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden
Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu
bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, -- zu jener Stunde
hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits
mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten
naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen.
Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die
scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei
der Reihe nach geritten.
Voran kein geringerer als Altmeister Goethe.
Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele
mehr.
Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung
von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher
weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht
bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der
„alten Welt“ entdeckt worden.
Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem.
Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens.
Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete
er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln,
soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst
schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als
dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen
Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich
„amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer
die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium
verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt
schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor
Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf.
Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas
Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt
bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie
ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine
einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten,
Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen
durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter.
Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon
alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter
diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders
merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch
dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten.
Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh
schon in Ruf gekommen -- das Faultier.
Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze
gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf
bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige,
schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner
„Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich
geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die
beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen.
Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige
Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist.
Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter
Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier
anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen
Blätterversteck, -- die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf
mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt.
Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem
Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos
zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner
schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener
köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh
entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet
mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im
Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts.
Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den
Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne
wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends
zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als
ein verzauberter Strohwisch.
Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen
Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller
Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein
Kunstwerk.
Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben im
ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen
Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein
Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen
Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe
besitzt, -- die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere
heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau
so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen
Kleiderhakens.
Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner
seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie
Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen
schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat
es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der
Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden
Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in
einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst
gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen
das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht
nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere
Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese
ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch
Blutstockung bewahren.
Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem
so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige
denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte.
Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun
freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade
damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz
besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne
jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten
Tierformen.
Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der
damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen
von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon,
der die geistreichen Antithesen liebte, hatte sich so recht satt
schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der
tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins
Aschgraue rednerisch ausgemalt.
In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers
zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche
Tage den Gnadenstoß gibt.
Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr
sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich
immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche
Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune
Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen
Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die
wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose
nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der
feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas,
Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan;
seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt
und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht
haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen.
In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms -- sei
es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß
der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft --: überall
da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft +Knochen+
dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen
vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe.
Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal
sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt
der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel
aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem
Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt.
Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene
Eskimohütten.
Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm ein Volk
ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und
lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier
früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich
die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter
wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder
Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine
dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet,
gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer
Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer
Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein,
Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an
die profane Sonne wirft.
Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789.
Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas
mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei
Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen
Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß
Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten,
das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die
Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des
stärksten Elefanten.
Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig
Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in
Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im
Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den
ersten offiziellen Bericht.
Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die
Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der
Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an.
Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes
Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine
Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er
bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes nichts anderes
sei, als ein ins Kolossale übersetztes -- Faultier.
Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers.
Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise
dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen
gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so
hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab
bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein
Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere
getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das
Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus.
Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder
Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es
recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf
flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich
bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum
Frühstück aus der Erde.
Das alles natürlich in längst verschollener Zeit.
Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“
Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte
keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz
unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu
den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei.
In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei,
taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung
von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert,
obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre.
Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher
gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend
eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte
sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut
angeschwemmt, begraben haben.
Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm
wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das
vollbracht hätte.