Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte,
kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten.
Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt
damals, endgiltig unterzugehen. Die Nadelholz- wie Laubwälder der
Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am
Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe,
deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von
der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein
Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein
winzigstes Käferlein gekrabbelt.
Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des
Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst.
Der Planet auf diesem ganzen Gebiet -- die gesamte Strecke, die ich
auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im
Riesengebirge durchmaß -- war gemordet.
Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der
Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens
zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können.
So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend,
vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben
muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die
Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den
Bodensee gedrängt worden, -- die Moschusochsen und der andere, der,
unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der
Mensch. Was hatte +ihn+ hierher gebracht? Die Knochen des Wesens,
das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen
Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik
fehlt✹....
Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze.
Auf wessen Gebot?
Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten
begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und
Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der
Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, -- wer
weiß es.
Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat
Alexander nicht wirklich die Welt erobert?
Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst
zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt
in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf
unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit
Grönlandmoosen, -- der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und
Eskimo-Menschen.
Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal
zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen -- nicht
Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im
Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der
heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit
wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten.
Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses
Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An
den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst
ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten
Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie
viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands.
Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen
Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das
Eis herum nach der Nordsee sich wandte.
Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm
ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in
diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee,
sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf
der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der
Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der
Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog
sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee
zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser
Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs
des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere,
heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die
Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa
Eberswalde, Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die
Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl
wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig
von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der
Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte
Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man
rein geographisch seinen Kern erfaßt.
Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt,
steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher
Riesenströme mit Tundrastaffage.
Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer
Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches
nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen
Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die
hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken
wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse
ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin.
Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist.
Denn auch die Tundra schwand.
Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland
und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und
Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher
Landschaftsgeschichte entziffert worden.
Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so
gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des
Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt
der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen
des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit
Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen
gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit.
An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas
hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen,
einst das Walten einer Naturmacht erkannt, die bis dahin in alten wie
neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes
in der freien Steppe.
Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken
gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren
Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen
Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag.
Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit
abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis
die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer
einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne.
Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung,
wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu
lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick
aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der
Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten
Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der
Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem
Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde
unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich
schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub.
Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China
gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst
bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst.
Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen
wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer
gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden
ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur
ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde
Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging.
Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt
dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst
ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns
erfolgt.
Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist
„Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von
„Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll.
Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet,
dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse
von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal
danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer
Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten
deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden.
Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter
deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der
heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht.
Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die
Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und
Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar
wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von
asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig
weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien
geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß
alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige
Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der
sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen
Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann
man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig
dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige
dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen,
immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von
flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener
Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“
Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene
Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an
der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute
erst im europäischen Rußland auftaucht und dann bis zum Altai geht,
jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark
entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen
südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es
lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine
glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten
muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein
und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde
Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem
sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien,
Nordchina versetzt -- nach Deutschland.
Aber wann jetzt war das wieder?
Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine
Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden
kann.
Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete,
sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet,
hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser
sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages
niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt.
Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter
Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine
letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich
besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal
getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder
allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich,
müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen,
mindestens überaus trockenen Zeit.
Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode
erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius.
Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also
zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis
begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug
des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol zu. Trockenes Klima.
Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks,
Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals
vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum
zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie
Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga,
Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem
sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser
zweiten Steppe wäre -- offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der,
wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, --
der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten
Deutschen fanden.
Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den
Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so
ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das
Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter
machen.
Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem
Widerstande gegen den Wald.
Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die
Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter
im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend
denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit,
so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses
Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält,
den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im
Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die
Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der
erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine
solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten,
und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe
der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer
des Uebergangs dazwischen geschmuggelt.
Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder
ging zwischen den anderen Bildern.
Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied
der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen
die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich,
bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte
Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima
feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt?
Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen!
Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon
eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand
voraufgegangen war.
In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall
aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald
so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals
war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund
der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische
Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen
Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz
bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß
zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann,
als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das
einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische
Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit
bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet
hatte.
Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen,
wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen
hätten.
Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen
Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in
Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland
dauernd erobern. Bis wohin?
Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft
von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches
Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen schwindender Steppe
und -- neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra?
Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem
(über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des
Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt.
Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in
einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode
deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden
neuen Eiszeit-Tundra.
Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz
langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten
zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen
den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten.
Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht.
Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre
Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des
Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer
Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft
ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr
Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen
einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu
einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten
der echten Steppe.
In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere
Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer
unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder
periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das
wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art.
So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her
in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer
Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie
die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter
Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die
zunehmende Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings
in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte
ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher
russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt.
So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze
Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo
die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in
phantasierende Gedanken.
Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der
Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele.
Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben
Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz.
Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte,
daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte.
Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund
kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der
Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein
weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue
Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich
werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache
Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in
der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins
vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die
lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer
des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch
die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen
endlosen platten Wiese, -- man träumt, man müsse über den Kirchturm
von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter
Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche
Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in
Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte.
Aber sonst überall Menschenwerk.
Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der Gutsbesitzer
von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald
mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und
weiter treibt.
Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald
und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch.
Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen
Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern
praktischen deutschen Geld-Baum.
Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern
gepflanzt.
Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England
gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt.
In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der
Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach
Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber
und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die
baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche
transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land
jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine
kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine
Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte,
keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach
jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die
große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß
und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue
Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora
im entscheidenden Moment gewirkt.
In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora
vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände
zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit
so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke
mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie
im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte
Amerika. Europa hatte davon aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da
die Landbrücke gerade jetzt fehlte.
Doch seltsamer Schicksalsweg.