entstanden. Während die Saurier zu Goliaths wuchsen, blieben sie immer
relativ klein, aber dafür wurden sie beweglich, klug wie keine zweite
Tiergruppe der Urwelt. An diese Insekten paßte sich die Pflanze an. Sie
bepuderte die Fliege, die Biene mit ihrem Lebensstaub und ließ ihn
so zur weiblichen Blüte tragen. Das war unvergleichlich viel sicherer
als die Fahrt auf gut Glück mit dem Winde. Um das Insekt zu locken,
wurde das stäubende Kätzchen, das unscheinbare weibliche Blütlein zur
„Blume“, zum bunten, auffälligen Gebilde, das über seinen Honig ein
weithin prangendes Wirtshausschild hing, bald blau, bald rot, bald in
sinnreichster Reklame-Verbindung verschiedener Farben.
Die Blätter hatten nach uraltem Pflanzenbrauch die grüne Farbe
mitübernommen, -- so machte es die Blume, um sich dagegen von fern
schon dem Insekt kenntlich zu machen, ausgesucht in möglichst
anderen Farben, als da sind Feuerlilien-Rot, Vergißmeinnicht-Blau,
Kirschen-Weiß und Löwenzahn-Gelb.
Aus diesem Wettbewerb um immer wirksamere Reklameschilder des
Insekten-Wirtshauses mit dem Hintergedanken eines Briefstellers für
Liebende erwuchs der herrliche Blutteppich der „Heide“, der Erika,
in dem Westfalen glüht, -- es erwuchs der tiefblaue Kristallbecher
des Enzians am Riesengebirge, das Caltha-Gold von Worpswede und das
liebliche Gewebe blauer Anemonen und gelber Primeln an den Jura-Hängen
der schwäbischen Alb, unter deren Hut der Ichthyosaurus schläft.
Das alles, wie gesagt, geschah noch im letzten Kapitel jener
tatenreichen Kreidezeit. Als im Tertiär die Bernsteinfichte ihre
goldenen Tränen weinte (sie träumte damals noch nicht von der Palme im
Süden, denn die stand noch in prangender Fülle neben ihr, eingewurzelt
wie sie im deutschen Lande), da rann dieses Harz schon um beide: die
Fliege als Liebespostillon und die Blume als Animierkneipe, -- beide
begegnen uns heute im Bernstein, zu dem das Fichtenharz sich verhärtet
hat.
Einsam rasselte mein Zug durch die Nacht.
Walpurgisschauer mochten durch den mondhellen Wald ziehen. Die Eulen
riefen ihr altes Wodanslied. Wodan und die Eisenbahn, -- mir war, als
stürze der Blick wieder durch Aeonen vom Aeltesten ins Jüngste ab. Und
doch ist auch diese Eule als Vogel ganz oben erst im Reigen. Den Vogel,
das Säugetier des heutigen Deutschland hat uns erst eben jene Zeit der
weinenden Bernstein-Fichte, die Tertiär-Zeit, geschenkt.
Als der Alligator noch in den Sümpfen bei Mainz schwamm, da fielen
schon Scharen echter Enten dort auf dem Wasserspiegel ein. Um dieselbe
Zeit war am heutigen Hahnenberg bei Nördlingen im bayrischen Schwaben
ein Brutplatz des Pelikans. Längst offenbar war der Vogel vom
eidechsenschwänzigen Urgreif Archäopteryx damals also schlicht zu Ente
und Pelikan geworden. Heute kann der Pelikan selbst freilich nicht mehr
als deutscher Vogel gelten. Er verfliegt sich ab und zu noch einmal zu
uns, aber er brütet nirgendwo mehr.
Der Verwandtschaft nach vielleicht unser altertümlichster deutscher
Vogel, den wir noch massenhaft haben (z.✹B. als wahren Nationalvogel
auf dem Müggelsee bei Friedrichshagen) ist der Haubensteißfuß.
Denn eng an diese Taucher schließt sich ein geheimnisvolles Wesen,
dessen Knochenreste in Nordamerika in Gestein noch der Kreidezeit
gefunden worden sind, der „königliche Westvogel“ (_Hesperornis
regalis_), der, ein ganz flügelloser Haubensteißfuß von Gestalt,
doch im Schnabel noch eine Rinne hat, in der oben 28 und unten 66 echte
Zähne wurzelten -- eine Eigenschaft, die also noch deutlich an die
ebenfalls bezahnte Archäopteryx erinnerte.
Umgekehrt unser ältester noch lebender Säuger ist ziemlich sicher kein
anderer als der Igel.
Die überhaupt urweltlichste Säugetierform der Erde ist das australische
Schnabeltier, dessen sehr igelähnliche Landsorte (es gibt auch eine
im Wasser) heute im Herzen Deutschlands nur in einem lustigen Pärchen
des Berliner Zoologischen Gartens lebt. Dieses Schnabeltier legt noch
Eier wie die Eidechse, von der es (in allerdings noch sehr dunklem
Zusammenhang) zwischen dem Ende der Steinkohlenzeit und der Blüte der
Riesenreptile irgendwann und irgendwo entsprungen sein muß. Die nächst
höhere Stufe war dann das Beuteltier.
In der ganzen Ichthyosaurus-Epoche war das Beuteltier das
Charaktersäugetier Europas, also ziemlich sicher auch Deutschlands; die
beweisendsten Knochenfunde sind zufällig in England gemacht worden, das
aber durchaus mit dem Kontinente sonst übereinstimmte. Nach heutigem
Maß muß es der Landschaft einen australischen Charakter verliehen
haben. Noch in der Tertiärzeit hatten wir die echte Beutelratte, das
heutige Opossum der Nordamerikaner, in Weisenau bei Mainz und in
Eckingen bei Ulm. Möglicherweise haben dem letzten deutschen Beutler
auch erst die Vorwehen der Eiszeit den Garaus gemacht.
Im heutigen deutschen Klima würde allerdings ein Grund auf keinen Fall
stecken, daß wir nicht Känguruhs in der deutschen Heide haben sollten
so gut wie Kaninchen. Zweimal ist nämlich in den letzten Jahrzehnten
versucht worden, an dieser Stelle durch Menschenkunst das Rädlein der
Dinge noch einmal rückwärts zu drehen und dieses Stück Urwelt bei uns
leibhaftig wieder auferstehen zu lassen. Zuerst hat 1887 der Freiherr
von Böselager auf Heimerzheim im Rheinland Känguruhs frei in seinen
Wald gesetzt, und sie sind sofort wirklich „wild“ geworden wie die
Hasen, ohne sich durch den nordischen Winter irgendwie anfechten zu
lassen.
In noch größerem Stil ist das dann seit 1889 dem Grafen Witzleben
im Buschwalde von Altdöbern in der Niederlausitz geglückt. Die
Känguruhs haben sich dort nicht nur regelrecht als freies Jagdtier
eingebürgert und fortgepflanzt, sondern sie haben sich auch mit dem
übrigen echtdeutschen Wild aufs beste vertragen. Witzleben preist
die Schmackhaftigkeit des Wildprets und besonders die Suppe aus
Känguruh-Schwanz.
Wie die Dinge liegen, würde solche Verpflanzung übrigens mehr sein als
ein bißchen menschliches Hineinpfuschen in den Lauf der Erdgeschichte
nach rückwärts. Das Känguruh, eine der possierlichsten, malerisch
merkwürdigsten Tiergestalten der Erde, könnte nur so überhaupt auf
unsere Enkel gerettet werden, da es in Australien selbst hoffnungslos
der Ausrottung verfällt, ja in großen Gebieten schon verfallen ist.
Als dritte Säugergruppe haben nun offenbar ganz früh schon unter
die Schnabler und Beutler der Saurierzeit sich die sogenannten
„Insektenfresser“ gemischt. Drei von denen sind uns treu geblieben:
der Igel, der Maulwurf und die Spitzmaus. Den Igel kennzeichnet sein
altertümliches, schnabeltierhaftes Stachelkleid als die urweltlichste
Form. Sehr wahrscheinlich gehört auch die Fledermaus noch eng hierher.
Ganz früh, fast an der Wende noch der Saurierepoche zur Tertiärzeit,
drei Millionen Jahre mindestens vor der Eiszeit, tritt sie völlig
unvermittelt fix und fertig auf, recht ein Rätseltier, dessen Ableitung
von den Ur-Säugetieren noch völlig dunkel ist. Ihre fruchtfressenden
tropischen Verwandten, die sogenannten „Fliegenden Hunde“, sind
möglicherweise sogar noch viel älter.
So spiegelt sich in diesen ganz Harmlosen, Stillen, Verkannten und in
ihrer Insektenjagd doch so Nützlichen unserer Landschaft wieder eine
weit tiefere Schicht Urwelt als etwa im großen Hirsch oder im Pferde
und vollends als im Menschen, den heute die tosende Eisenbahn durch die
rote Heide und den stillen Hochwald führt.
Sie raste in die Mondnacht hinein, meine Bahn.
Gespenstisch fahl ragten jetzt die jungen Birken aus der Ebene draußen,
-- ich träumte weiter.
Auf der Schwelle der Erdperiode, der wir angehören, ringen drei
Gewalten um die deutsche Landschaft.
Wenn die Sagen der deutschen Stämme so weit zurückgingen, müßten sie
als drei Riesen darin erscheinen, mit einer ungeheuren Axt, einer
Schaufel, einer Keule in der Hand.
Der eine rollt Eisblöcke.
Der andere pustet Sand.
Der dritte häuft Urwaldstämme.
Lange Jahrtausende ist die deutsche Erde in ihre Faust gegeben. Zwar
den Grund des Gesteins, den längst gefestigten Stamm des Gebirges
müssen sie stehen lassen. Aber die Oberfläche dürfen sie verwandeln,
verwüsten, neu bauen nach ihrer Lust.
Ein Faustschlag des einen -- und die Zinnen Skandinaviens zerbrechen
zu Scherben und diese Scherben rollen über ganz Norddeutschland. Wie
ein Gärtner Wasseradern durch seine Wiese zieht, so drängt er ganze
Stromsysteme vor sich auf, windet Ströme ineinander, schiebt ihre
gestauten Wasser stufenweise hin und her. Was der eine nackt gerodet,
überzieht der andere mit Wald. Auf den Wald aber stürzt jener den
Sandsturm der Steppe. Und doch geht aus dem Todeskampf dieser ringenden
Elementargeister zuletzt, wie so oft im Märchen, ein Segensreiches
hervor: eine Erde, die zwar längst kein Paradies mehr ist mit Bananen
und Brotfruchtbäumen, deren Boden aber jederzeit sich als Schatz
heben läßt für die strenge Kulturarbeit; der fruchtbare Kornboden
Deutschlands geht daraus hervor.
Tundra, Gras-Steppe und Sumpfwald lassen die drei Riesen sich botanisch
benennen.
Geologisch knüpft die Tundra an die Eiszeit an. Die Gras-Steppe an den
eigentümlichen Lehm weiter deutscher Gebiete, den sogenannten Löß. Der
Sumpfwald endlich an eine Zwischen- und Nachstufe beider mit feuchtem
Klima ohne Vergletscherung, aber auch ohne Wüstenglut.
Es ist die große Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, daß wir
auch diese drei Gestalter unseres Landes jetzt wenigstens alle drei
als historische Figuren kennen, -- als die letzten Naturriesen, die an
unserer Heimat gebaut haben, ehe der deutsche Mensch selber das Heft
in die Hand nahm und den Landschaftscharakter in den Grenzen seines
Könnens nach dem Bilde seiner Sehnsucht modelte. Wer ihr Antlitz nicht
auch noch durchleuchten sieht, der versteht nichts vom feinen Gewebe
heutiger deutscher Landschaft trotz aller Kenntnis vom Heraufgang
dieser nachfolgenden Menschenkultur.
Geheimnisvoll verschleiert sich nur auch unserm geologisch
vorgeschrittenen Schauen das zeitliche Verwandtschaftsverhältnis
jener drei Ur-Bauer und Ur-Verwüster diesseits der paradiesischen
Tertiär-Zeit. Wer war der Vater, der Sohn, der Enkel? Oder waren sie zu
ihrer Zeit gleichaltrige Brüder, die nur um die Oberherrschaft stritten?
Der noch urweltlich riesige, feuchte, mit Moorgrund abwechselnde,
mangels jeder Forstkultur unwegsame deutsche Stammwald mit stofflich
ähnlicher Zusammensetzung wie heute: das ist das vertrauteste, das
plausibelste Bild zunächst von den dreien. So fing ja die deutsche
Landschaft bei Plinius geschichtlich im Sinne von Kulturüberlieferung
an. Rückwärts haben wir gesehen, wie in solchem Urwalde die Farrn-Flora
sank, wie die Nadelhölzer ihn in Ichthyosaurus-Tagen eroberten, wie
zwischen das Nadelholz sich dann Laubbäume mischten. Diese deutschen
Laubbäume waren in der heißen Tertiärzeit noch Eichen und Palmen. Von
jenen Plinius-Tagen herauf bis zu uns gestattet das deutsche Klima
keinen Palmenwuchs mehr. Wir haben Anzeichen, daß dieses Klima-Sinken
noch gegen Ende der Tertiär-Zeit selber eintrat. So wäre damals
schon das letzte für uns Fremdartige ausgemerzt worden: ein Rest
südländischer Formen in unserm Walde. Damit aber schlösse sich glatt
das Bild: die Urwelt einmündend in den germanischen Forst des Plinius.
In diesen Forst bricht +von da ab+ dann die Kultur ein. Hier rodet
sie ihn ganz, um Raum zu gewinnen für die Ausnutzung des schlummernden
Korn-Bodens. Dort nimmt sie ihm wenigstens seine sumpfig-unhandliche
Ur-Form. Die Forstkultur kommandiert mehr und mehr den rohen Genossen
der alten Bären und Elentiere in eine Art Baumkaserne um mit strammer
Militärhaltung und einem Zug auf ein „Normalschema“. Schließlich greift
sie aber auch in die Art des Waldbestandes ein. Sie begünstigt Bäume,
die der Mensch in ihrer Lebensart und Leistung besser gebrauchen kann,
und wirft so in hundert Jahren mehr Abwechselung und Neuerung in die
deutsche Waldlandschaft, als ganze Perioden der Erdgeschichte kaum
vermocht haben.
So weit wäre alles so glatt wie möglich, -- von einer beruhigenden
Einfachheit. Die Natur tut uns aber leider nicht den Gefallen, es dabei
zu lassen.
Seit fünfzig Jahren hat sie uns mit einem ganzen Arsenal von Tatsachen
bombardiert, um uns aufzurütteln aus dem Gedanken, es lasse sich der
Sumpfwald des Plinius ohne Bruch und Ruck angliedern an den schon
palmenfreien deutschen Wald der spätesten Tertiär-Zeit.
Zwei deutsche Landschaften schieben sich da mit der größten Energie
noch dazwischen, und es sind ausgespart die unmöglichsten für eine
glatte Entwickelung.
Die eine entspricht dem, was wir heute auf der Erde „Tundra“ nennen.
Und die andere etwa nach asiatischem Bilde der echten „Steppe“.
Die Wälder des Plinius verstehen wir noch, wenn wir auch kaum hier und
dort mehr ein winziges Restchen davon haben. Was aber eine Tundra ist,
weiß der Durchschnittsdeutsche höchstens aus dem Konversations-Lexikon.
Wer das Glück hat, wie ich, seit Jahren an einem unserer großen
märkischen Seen zu wohnen, dem ist ein Vogel lieb geworden, der zu
Zeiten dort das Landschaftsbild geradezu aufdringlich beherrscht: die
Wildgans.
Schnurgerade geht der Bahndamm durch den brausenden Kiefernwald,
mit der letzten blassen Rainflora oder am Wärterhäuschen ein paar
welkenden Sonnenblumen. Hinter den Kiefern liegt auf der einen Seite
der blaue See. Dahin wandern sie, endlose, schnatternde Keilstreifen
dieser Gänse. Lange schon hört man ihr Geplapper, ehe noch der
Kronenrand der schwarzen Bäume sie entläßt. Dann sind sie da, Schatten
werfend wie eine Wolke, endlos. Oft ist die Spitze des Keils mit
ihrer ewig wechselnden Vorfliegerin schon jenseits hinter die Kiefern
hinabgetaucht und hier rinnt und rinnt noch immer der Doppelarm der
beiden Gabeln nach.
Nun denn: die meisten dieser Wildgänse kennen die Tundra ganz genau.
Alljährlich wandert die Saatgans im Sommer dorthin, um zu brüten. Im
Herbst kommt sie dann in ungezählten Geschwadern zu uns zurück, um im
Winter oft noch viel weiter nach Süden zu gehen, vielfach bis nach
Afrika. In der rauhen Zeit des Jahres ist es ihr in der Tundra zu kalt.
Denn diese Tundra ist heute hoch, hoch im Norden: die Mooswüste des
Polargebietes.
Die Tundra umgürtet den Nordpol, ein letzter Kümmerversuch des Lebens.
Wer die Schneekoppe besteigt, der sieht die Waldgrenze unter sich
schwinden und endlich auch den steppenartigen Grasteppich mit seinen
blauweißen Anemonen und roten Primeln. Zuletzt klebt nur noch an den
grauen Verwitterungsflächen des Glimmerschiefers die Flechte, hier
goldgelb, hier bräunlich, das letzte, selber schon beinah steinhaft
erstarrte Leben, das sich anklammert.
Ein solcher nackter Fels aber, endlich von ewigen Eismassen bedeckt,
ragt der Pol des ganzen Erdballs, einem ungeheuren Hochgebirgsgipfel
vergleichbar, in den kalten Raum. Auch gegen ihn hin schwindet,
weit nördlich allerdings erst vom deutschen Gebiet, nahezu auf der
Breite des Nordkaps, wo Europa im ganzen endet, der Baumwuchs. Jene
Liliputanergestalt kryptogamischer Gewächse, die schon in unserm
Walde merkbar wird, wird noch ein Stück weiter dort zur vollkommenen
Herrscherin. Moose und Flechten überziehen unermeßliche Wüsteneien als
Charakterpflanze. Die Birke kriecht noch hier und da dazwischen, aber
auch sie ist ein Zwerg geworden, ein armer verkrüppelter Eskimo, dessen
„Krone“ kaum ein paar Zentimeter über den Boden ragt, während der
„Stamm“ die Dicke eines Zündhölzchens weist.
Sieht man auf diesen Pflanzenwuchs, der längst nicht mehr ein Kleid,
sondern kaum noch ein färbender Bodenanstrich dieser Oede ist, so
sollte man das Tierleben dort völlig erloschen wähnen.
Gerade umgekehrt aber ist es, als hefte sich eine uralte, eine
unverwüstliche Liebe ungezählter Tiere an diesen unwirtlichen Fleck.
Wie Dampfsäulen schießen die Mückenschwärme auf, wenn der steinhart
gefrorene Boden im kurzen Sommer oberflächlich eine kleine Schicht weit
taut. Nagetiere kriechen in Scharen hervor. Stellenweise wandern wilde
Ochsen in Herden an und äsen sich an den elenden paar Blättchen der
Zwergbirken. Ganz unerschöpflich aber ist der sommerliche Reichtum der
Vögel, die ausgesucht in diese Polarwüste den Höhepunkt ihres Daseins
verlegen, hier ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen.
Seltsam fürwahr, der Geschmack einer solchen Wildgans.
Ihre strammen Flugmuskeln geben die Welt von der Nordgrenze Sibiriens,
wo Nordenskjöld gesegelt ist, über ganz Europa, über das lachende
Mittelmeer hinweg bis ins heiße Afrika hinein in ihren Willen.
Alljährlich überschauen sie das, -- und suchen doch die Tundra, um ihr
Nest dort zu bauen.
Diese ausgesprochenen Heimatsgefühle der Wandervögel -- ausgesprochen
in einem Maße, daß unser Kulturvolk-„Patriotismus“ fast beschämt
daneben steht -- haben aber nicht nur für das Gemüt etwas Rührendes,
sondern sie sind auch wissenschaftlich gerade für unsere Fragen
vom allergrößten Interesse. Der Vogel, der heute in der Tundra
nistet, bewährt vielleicht nicht nur Patriotismus im einfachen
Sinne der Anhänglichkeit an eine bestimmte Landschaft. Er ist
möglicherweise dieser Landschaft +nachgezogen+, als sie sich durch
geschichtliches Verhängnis selber von der Stelle bewegte.
Wenn die Saatgans heute in Deutschland nur durchreisender Zugvogel
ist, der uns nicht der Ehre würdigt, seine Nestfreuden zu erleben,
so ist sehr wohl denkbar, daß sie es tut, nicht obgleich, sondern
+weil+ sie ein ursprünglich deutscher Vogel ist.
Ihr ist etwas passiert, dem ihr Gänseverstand in höherem Ueberschauen
nicht nachkommen konnte: das Vaterland ist ihr vor Zeiten sozusagen auf
der Landkarte ins Rutschen geraten, -- es hat sich ihr verschoben nach
Norden zu. Ihre Tundra, an die sie sich gewöhnt hatte, lag einst statt
in Sibirien quer durch Deutschland. Sie war im übrigen Tundra genau wie
heute. Auch sie fror und schneite im Winter zur absoluten Hungerkammer
ein, aus der es dem Vogelvolk nur einen Ausweg gab: bis über die Alpen
hinaus nach dem warmen Afrika wandern. Lange Zeiten, viele Jahrtausende
lang, paukte sich diesen Gänsegenerationen ein: Heimat ist die Tundra,
aber im Winter geht’s nach Afrika, denn am vollkommen hereinbrechenden
Nordpol mit Weltraumkälte scheitert auch der wärmste Patriotismus.
Aber diesen Generationen schmuggelte sich eins unter der Hand dazu.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert schob sich ihnen die liebe Tundra
immer ein paar Meilchen weiter nach Norden. Das Vaterland hatte sich
als vom Klima bedingte „Landschaft“ unmerklich in Bewegung gesetzt
wie ein Flechtenüberzug, der an einem sinkenden Gebirge Schritt für
Schritt höher kriecht, um die alten Höhenverhältnisse beizubehalten.
Die Tundra kroch so nordwärts an dem Polargipfel der Erde -- bildlich
gesprochen -- höher. Da die Sache langsam einstudiert wurde, machte
es den Enkel-Gänsen nicht viel, daß sie etwas länger heimflogen, als
ihre Ahnen. Und schließlich flogen sie mit alter Treue über das ganze
alte Deutschland weg bis nach Lappland und Nordsibirien, der wandernden
Tundra nach. Einigen scheint ja die Riesenstrecke von dort bis Afrika
schließlich doch zu viel geworden zu sein: so hat die andere Wildgans,
die Graugans, heute doch gelernt, vielfach wieder auf deutscher Erde zu
nisten.
Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von
einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte
immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat.
Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen
Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des
Schussen reguliert wurde.
Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage:
ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten
durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden
alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der
echten deutschen Tundra.
Gletscherschutt lag da, -- in dieser Gegend, die heute weit und breit
nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich
der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den
Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos
überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen
konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte
in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen
Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen
versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch
einmal in unsere Zeit hinein.
Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die
Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir
Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in
unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen
Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches
Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der
grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum
allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen
mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar
kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung
der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei
all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit
unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der
deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden
an eine deutsche Tundra-Zeit.
Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum
sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte.
Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte
Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im
Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den
das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber
bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar
erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch
über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz
Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht.
Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man
sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich
von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa
das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche
geraten wäre.
Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge
in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis
und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes
niederkollern ließ, -- erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war
die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich
schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes
Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand,
wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die
Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß
die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein
Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb.
Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da
brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen.