Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf

der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt

hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer

Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von

einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute

unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans

hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns,

die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen.

Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu

Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen.

In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht

vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde

nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere.

Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er

ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er

sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von

Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein

Bruchmaterial weit verschleppt.

Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter

Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in

die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes

ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu

acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst

jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten

über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da

unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische

Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig

gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie

kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den

Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten

Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort

und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse

winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich

häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke

werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide.

Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große

Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die

blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst

aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder

mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der

sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist

nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht

von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der

böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes

Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein

die Alpen nach Holland schleppt.

Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich

zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß,

ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und

auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine

Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich

beschieden hat: der Umdrehung der Kugel, den Schwankungen und

Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit

dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los.

Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der

Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen.

Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme

erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die

selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog

sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben

vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann

wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren

Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht

gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die

Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während

jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter

nach den Polen trieb.

Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht

bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch

betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren

Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade

damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen

und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen.

Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen

Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt

das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen

bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah,

aber schon hinter ihr.

Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter

uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines

Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von

unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den

gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit

nach Thüringen und Sachsen zurückbringt.

Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten.

Mich faßte ein neues Bild.

Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches

Land im Fernrohr schaute.

Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland.

Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus

dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das

Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen:

kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders

reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte.

Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen

Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium

wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so

faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten

Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation

an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars

(und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche

Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs

gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll.

Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß

verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart.

Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer

solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit

Abendhintergrund.

Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen

vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden

Qualmes hinein.

Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen,

glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen -- Urwaldbäumen,

jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu

unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel

nähere Etage über der Ebene bildend.

Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine

Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die

zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch

damals bestand?

Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser

Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als

„Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle

des heutigen Lebens.

Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für

diese Geisterstunde noch einmal empor.

Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz

Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte

bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie

jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, -- ein mystisches Schattenbild

der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die

menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den

Menschengeist selbst.

War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der

sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe

der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden

Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften

Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten?

Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne,

einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit

Deutschlands geglüht hatte✹.....

Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos

eilende Zug schon die Scene jäh geändert.

Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die

letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende

Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von

Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser

Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde

vor: der Farrnkräuter.

In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische

Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes oder je

nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche

Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen.

Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste

dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte

Steinkohlen-Urwald selbst.

Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder

kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben,

aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das

Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp

und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen,

auch die oberste.

Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne

niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der

heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe.

Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin

Raum zum Herbergen.

Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit

grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten

Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen

hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als

schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der

Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern

Stammdicke sich wälzten.

Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende

bei uns genommen.

Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem

Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland,

das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die

Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller

aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, -- so

empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit

über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch

ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der

Individuen.

Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht

unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst wir

mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein

Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen

unserer Heimat geworden.

Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der

Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist

heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, -- der eine

sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen,

-- der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung

zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone

vorkommen. Da kann man nun wählen.

Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur

umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten,

die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener

Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer

Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen!

In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut,

-- ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher

Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit.

Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im

ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist.

Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die

Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus

dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute

keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt

zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der

reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom

Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das

hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern.

Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und

oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene

Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt.

Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die

deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich zweifelhaft

sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in

Kiefer, Fichte und Tanne -- oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder

Birke.

Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen

zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner

Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu

ertragen.

Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden,

wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als

„Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden.

Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür

kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein

echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das

Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des

Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß

gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen.

Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur

nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch

geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas.

Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da

das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil

ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit

Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne

durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut

der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre

Regsamkeit, ihre Daseinsenergie.

Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte

des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau

auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der

großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch

herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von

denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß

gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen

Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste

Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale beste Anpassung sich vom

Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als

dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie

dem standgehalten haben.

In der noch späteren Tertiär-Zeit besteht kein Zweifel, daß Deutschland

ein geradezu heißes Klima wirklich hatte, prachtvolle Fächerpalmen,

Drachenbäume und Bananen grünten bei uns, in denen Affen kletterten

und zu denen die Giraffe ihren langen Hals aufstreckte. In deutschen

Braunkohlenlagern der mittleren Tertiär-Zeit ragen riesige Stämme,

die das Nadelholz in Gestalt der schönen Sumpfcypresse zeigen, wie

sie heute nur noch in Amerika vorkommt. Bei Groß-Reschen in der

Niederlausitz ist die bekannteste Fundstelle, dort stehen die ganzen

Stümpfe noch in der Tiefe, als sei eben erst ein tausendjähriger Forst

abgehackt worden. Auch unser Bernstein ist nichts anderes als das

versteinerte Harz einer tertiären deutschen Fichte, -- wie unglaublich

groß müssen aber diese Nadelholzwälder damals gewesen sein, wenn man

der Bernsteinmassen gedenkt, die das Meer seit Plinius’ Tagen an die

Küsten treibt und die aus dieser Küste gegraben werden.

Dieser Wärmeanpassung des Weihnachtswaldes hat erst wieder die Eiszeit

ein Ende gemacht. Als sie ganz Norddeutschland unter Grönlandeis

warf, mußte dort wenigstens auch der Fichtenwald fliehen. Als sie

wich, kam er aber erst recht zurück, denn es kehrte ja für ihn gerade

die Temperatur wieder, die vielleicht sein Ausgangspunkt war: die

gemäßigte. Und nur eins machte ihm vorübergehend noch einmal Not, --

doch davon gleich.

Blieb so die Flora der deutschen Reptilien-Groß-Zeit in gewissem Sinne

durch ihre Zähigkeit uns bis heute treu, so ist das Tiervolk von damals

dafür um so gründlicher gesunken. Die elefantengroßen, hausgroßen

Saurier sind verschwunden, das traf aber Deutschland nicht allein,

sondern die ganze Erde. Nur in zwei urweltlich kolossalen Gruppen ist

diese Hochblüte der Reptilien ja überhaupt lebend auf uns gekommen:

als Krokodil und als Riesenschildkröte. Beide waren Deutschland noch

in jener Tertiär-Zeit, als es mit allen Ichthyosauriern und Iguanodons

längst alle war, treu: bei Ulm krochen Landschildkröten mit zolldicken

Panzerplatten, zwischen Mainz und Darmstadt schwamm der Alligator.

Dann aber hat die Eiszeit hier eine Aufräumearbeit von unerbittlicher

Gründlichkeit besorgt.

Im ganzen und auch für die allerkleinsten Formen hat sie unsere

Eidechsen-, Schlangen- und Schildkrötenwelt auf einen Nullpunkt

gebracht (ihr Nullpunkt im Klima wurde für diese armen wechselwarmen

Sonnenkinder ja auch Nullpunkt jeglicher Blut- und Lebenswärme), von

dem diese sich bis heute nicht eigentlich erholt hat.

Das Reptil als auffälliges Charaktertier der Landschaft existiert für

ganz Deutschland nicht mehr.

Wenn man über die Alpenmauer nach Italien wandert, so ist ein erstes

charakteristisches Anzeichen der zum Mittelmeer sich wendenden

italienischen Landschaft das emsige Geschwänzel der Eidechslein auf

jeder Bruchsteinmauer. Es sind keine Lindwurm-Saurier mehr, aber

man empfindet doch, daß man in einer Gegend ist, die wenigstens ihr

kleines Reptilvolk nie verloren hat. Ich bin persönlich (vielleicht

im Gegensatz zu vielen Lesern) ein großer Freund der Eidechsen und

empfinde einen ästhetischen Verlust der Landschaft da, wo sie spärlich

werden.

Radikal herausgewalzt aus unserer Heimat durch die große Frostwalze

der Mammutzeit, ist das Reptilvolk erst in der folgenden wieder

milderen Epoche, sozusagen innerhalb also schon unserer „deutschen

Geschichte“, ganz langsam und hier und da von Süden her wieder zu uns

hereingekrochen. An einer größeren Rückwanderung hat freilich die

Alpenmauer gehemmt. Wo eine solche ostwestliche Barriere nicht bestand,

wie in Nordamerika, das zu großen Teilen doch auch seine Eiszeit

durchgemacht hat, ist der Norden wieder ohne viel Mühe reptilienreich

geworden. Bei uns kann man noch jetzt ziemlich genau beobachten, wie

die großen südnördlichen Flußtäler nicht bloß den Wanderungen der

Menschen, sondern auch denen der Schlangen und Eidechsen noch am

ehesten geholfen haben, -- vor allem das Rheintal, an dem sich Schritt

für Schritt noch gegenwärtig fortbestehende Stationen der südnördlichen

Einwanderung von Schlangen und Eidechsen nachweisen lassen.

Was sonst noch Fremdartigeres im Nadelwalde der Saurierzeit bei uns

räuberte, ist so gut wie ganz verschollen.

Der Ur-Vogel Archäopteryx liegt nur noch im zierlichen Stein-Abdruck

vor.

Selbst der famose _Ceratites nodosus_ hat uns für immer verlassen

und mit uns die Welt überhaupt. Es war ein großer Tintenfisch, der

in einer hübschen gedrehten Schale saß wie heute der Nautilus auf

Amboina. Er lebte im Meer, und Meer mußte die deutsche Scholle decken,

wenn er hinkommen und seine Gehäuse auf ihr ablagern sollte. Aber es

ist drollig, wie dieser alte Krake sich dabei mit der auffälligsten

Konsequenz wirklich immer nur auf solchem Boden gehalten hat, der

später einmal deutsch werden sollte, -- mit Ausnahme eines ganz kleinen

Streifchens Frankreich, von dem er jedenfalls annahm, es würde noch

einmal annektiert werden. Auf diesem Deutschboden vermehrte er sich

mit Glück in wahrhaft biblischer Weise und hinterließ ungeheuerliche

Schalenmassen, -- sonst bekam ihn kein Erdenfleck zu sehen. Schon

Leopold von Buch hat den guten Witz von ihm gemacht, daß er um seiner

prophetischen Treue willen verdiene, ins deutsche Wappen aufgenommen zu

werden.

Durch das offene Fenster meines Coupés träumte ich in die milde

Frühlingsnacht hinein von Primeln und Anemonen in den dunklen

Wiesengründen.

Dann stieg der Mond höher und tauchte die Zweige am Bahndamm in ein

Silberlicht, als ginge die Fahrt durch eitel blühende Kirschbäume.

Wunderliche Vorstellung, daß unsere Landschaft einmal keine Blumen

hatte!

Die Primelwiese, der Veilchengrund, die rote Heide und der goldene

Caltha-palustris-Sumpf, Dornröschen und der Lenzschnee der süddeutschen

Obstgärten: sie alle sind eine späte, eine verhältnismäßig junge

Erfindung der Natur, gegen die das Farrnkraut und die Kiefer ehrwürdige

Patriarchen sind.

Abermals ist es eine höhere geologische Schicht, die durch dieses bunte

Blütenparadies der deutschen Landschaft schneidet. Sie geht nur mehr

bis auf die zweite Hälfte der sogenannten Kreide-Zeit zurück.

Weite Gebiete Deutschlands waren damals Tiefsee. Aber aus dem Ozean

hoben sich gegen Schlesien und Böhmen zu Länder mit reichem Waldstand.

Und wieder hatte in diesem Waldstand sich ein Ruck vollzogen. Da war

zuerst aus dem Nadelholz ein Laubbaum geworden. Die Palme, die Magnolie

war „erfunden“ worden, und -- uns für heute interessanter -- die Eiche,

die Buche, die Kirsche. Neben die Nadel stellte sich das grüne Blatt,

doch ein anderes als das ehemalige des Farrnkrauts, das Eichenblatt und

Haselnußblatt, das Blatt des echten Laubbaumes.

In jenem Bericht des Plinius erscheinen die deutschen Urwald-Eichen

wie die Türhüter der Ewigkeit am ersten Schöpfungstage in die Welt

gestellt und nun ewig fortgrünend. Auf einer Esche, also ebenfalls

einem Laubbaume, ruhte dem alten Deutschen selber die Welt. Der Blick

aber des Geologen sucht in der größten Eiche und Esche doch immer

nur das Kind, die Jugend dieser Landschaft, neben dem der blaugraue

Nadel-Wacholder ein Greis und gar Bärlapp und Farrnkraut gespenstische

Urahnen sind.

Aber wiederum die Eiche selbst und der Haselstrauch in ihrem Schatten

sind alt gegen das Maiglöckchen, das verborgen im Schatten dieses

Haselstrauches blüht. Das Maiglöckchen und die Dornrose und der

weiße Flieder, so viel alter romantischer Zauber sie nun wieder

umspinnen mag, sind erst recht ganz die Jungen und die Neuen in dieser

geologischen Schichtung unserer Landesvegetation.

Eine Liebesgeschichte mischt sich hier ein.

Der Haselbusch macht es noch genau so wie die Kiefer: er streut seinen

goldenen Blütenstaub vom Kätzchen dem Wind in die Arme und läßt ihn

so zur weiblichen Blüte tragen. So hatten es die ersten Laubbäume

der Kreidezeit alle noch gelernt. Aber diese Kreidezeit war lang,

endlos lang. Und so glückte noch in ihr vor Schluß eine zweite, für

das Landschaftsbild reichlich ebenso wichtige „Erfindung“ wie die des

grünen Laub-Blattes.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 5 / 37 段