Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen,

würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer

kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes,

in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen

dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale

schließen, -- niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße

für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im

Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten,

durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse

müßte durchsetzt sein mit tiefen Röhren und, -- abgesehen von dieser

Verschiebung schon des ganzen Bildes, -- wie sollte man sich das im

Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß

er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur

schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt✹.....

Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das

alte liebe Silberband.

Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde

überwallt.

Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, -- oder

wirklich hier?

Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere

Milchstraße✹.....

Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort

wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle

Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz

gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen.

Schon das schlichte Auge sieht das, -- einem Kinde kann man es

zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In

wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, --

dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh

in den schwarzen Raum.

So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der

Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten.

Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige

Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in

seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem

Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen.

Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls.

Kant hat unrecht -- und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem

des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas

lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt,

unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse,

sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure

Spirale aus Millionen Fixsternsonnen umwindet. Und unsere Schau in die

Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich

teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander.

Ein in seiner Größe fast grausiges Bild.

Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen

ergießt, wird nicht ruhen.

Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion

fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich

auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger.

Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein

unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der

Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder

Traum✹.....

Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über

mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen.

Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt.

Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister

meines Hirns.

Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich.

Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren

Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen

Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich.

Warum bangt dir vor dir selbst?

Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten

finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste

moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und

Höllenwelt des Dante war.

Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine

Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie

wieder -- als Schönheitslinie.

Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit.

Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale

Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden

schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es

liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses Armes

noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er:

Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs.

Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese

Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich

selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer,

weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt

sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu

verfallen.

Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das

gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese

jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie

schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt,

nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell.

Warum das alles?

Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die

Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume✹.....

Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit.

Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens,

in dieser ungeheuren Natur, -- vom Andromeda-Nebel bis zum

prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir?

Ein Narr fragt viel.

Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des

menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen,

denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit

irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder

den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr

abbog, höheren Sternen und Ideen zu.

Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und

fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform

hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns.

Die Entstehung der deutschen Landschaft.

Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt.

Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde

beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne

Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge.

Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne

Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was

frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit

vergleichenden Landschaftsstudiums.

Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende

einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt

lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche

Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während

das Auge den Totaleindruck erlebt.

In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden

Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis

zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt.

Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz

hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten

Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher,

denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen

des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich

Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen.

Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger

Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen Birkenalleen:

die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins

deutsche Land.

Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen

wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern.

Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die

blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die

Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens

auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist.

Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit

ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil

wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform,

die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee

Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar

zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang

der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes

Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten,

wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales

Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als

ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist

die _Linnaea borealis_, das eigene Patenkind des großen Linné

bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern

ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des

Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien

findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede.

Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach

werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft.

Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen

rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen

deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif

war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen.

Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu.

Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere

Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als

Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr

wußte.

Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem

stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine

starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen

Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam

gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben

enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine

Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden

den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden

Bernstein.

Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des

Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das

packend.

Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die

Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die

Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder

reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im

Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln

sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie

mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es

ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt,

wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen

Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los.

Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die

Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den

Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“

Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, -- sagen wir

heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem

Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig

Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt

ein ewiges Streitgebiet der Natur, von dem man nicht weiß, ist es

noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln

oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie,

Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei

der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit

dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die

Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt,

denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse

flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen

ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und

die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der

Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke

überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“

In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk

von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu

zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend

Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren

Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen

feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur.

Das ist das hergebrachte Geschichtsbild.

Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen

nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie

viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren.

Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen.

Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu

sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer

mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge

schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um

Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen,

planetengroßen Weltgeschichte, -- nicht als ledern begrifflicher

Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren

Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine

Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da,

sonst wüßten wir es nicht. Nur um feine Schleier handelt es sich, die

aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein

der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen

Schleiern.

Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr

Grund.

Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den

Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten

Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne

folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine

Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block

Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser

Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen

den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald.

Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich

das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken.

Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl.

Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist

als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld.

Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter

Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der

Weltentwickelung an als wir selbst.

Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer

faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben

und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen

+Zusammensturzes+. Und doch zielen alle neueren geologischen

Gedanken mehr oder minder dahin.

Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte,

sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit

Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig

gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt

Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr

man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe,

bis endlich in der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen

war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau

umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen.

Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden

Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern

etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese

und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen

entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter

dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie

Pfeiler und Berge darüberragen.

Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war

aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien

Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im

Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete

sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der

Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden

Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen

Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen

Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche

dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue

Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde

mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu

den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu

haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem

Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über

die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle

der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar.

Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue

Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung

zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus

ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet,

und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die

nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld.

In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus

geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde.

Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der

Erdgeschichte sich vollzogen haben, -- nicht ruckweise natürlich als

wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung

und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal

glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen

auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren

solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier

sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler

stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher

Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen,

sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und

Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben.

Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein

geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor,

eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten.

Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich

mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder

abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem

Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels

war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und

Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem

Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene

hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung.

Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das

in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als

Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und

zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in

den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe

lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch

das Tiefland kam, bis das Meer voll war.

Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte

schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich

herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und

so viel Meter +unter+ der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig

dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten

längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so

und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß.

Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie

der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt.

Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter

Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd

wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer

Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich

notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt.

Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen

Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den

Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe.

Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein

dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station,

daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus

schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das

Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die _Linnaea

borealis_ blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu

den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand,

das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen

lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel

am Tiberstrand.

Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle

um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet

als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund.

Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche,

wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken

Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, --

hier das dumpfe Deuten von der Tiefe her. Das Deuten, das meldet:

alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die

Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die

Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie

vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, -- der

flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher

Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“

sein, -- Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten,

wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in

Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck.

Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner

Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und

Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten.

Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen

Birkenebene.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 4 / 37 段