Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe in fast genauem

Parallelismus mit dem Verhältnis ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei

Kant durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen besonderen

Interesses steht, aber in der Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe

durch eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen

Lebenselemente, durch eine die Gegensätze einschließende Natur des

Menschen und der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier auf der

völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert

erhielte das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter

Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ausschließlich der letzteren

gehorchte. Diese aber enthält zwei Momente: einmal die Selbständigkeit des

Menschen, die verneint ist, sobald sinnliche Motive uns bestimmen, deren

Anregung und Befriedigung von außen, von der Gegenwart bestimmter Objekte

abhängig ist; zweitens die völlige Objektivität des Sittengesetzes, das

mit allen individuellen Reserven, Besonderheiten und Velleitäten

schonungslos aufräumt und den ganzen Wert des Menschen ausschließlich

darauf gründet, daß er seine Pflicht erfüllt, und zwar nicht nur äußerlich

erfüllt, sondern auch um der Pflicht willen; sobald sich irgend ein

anderes Motiv als dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen Wert mehr.

Ist diese Bedingung aber erfüllt, so ist der Mensch in eine höhere,

über-empirische Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein Handeln

einen Wert, eine absolute Bedeutung, hinter der all sein bloßes Denken und

Erkennen, das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht, weit

zurücksteht.

[Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.

MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.]

An diesem letzteren, äußerst charakteristischen Punkte der Kantischen

Lehre, dem „Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen“ ist

Goethe mit ihm völlig einverstanden. Unaufhörlich betont er, wie Handeln

im sittlichen Sinne unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es als

der Weisheit letzten Schluß erklärt, daß man sich das Leben täglich

praktisch erobre, wie er den Begriff des Menschen mit dem des Kämpfers

identifiziert, so erklärt er, daß er überhaupt nur _handelnd_ denken

könne, und daß ihm alle bloße Belehrung direkt verhaßt wäre, wenn sie

nicht zugleich seine Tätigkeit belebte. Der Primat der

sittlich-praktischen Tüchtigkeit vor aller bloßen Intellektualität und

Theorie steht ihm ebenso fest wie Kant.

Für ihre ethische Anschauung bedeutet dies die gleiche Übereinstimmung wie

für ihre allgemeine Weltanschauung die Überwindung des oberflächlichen

Dualismus der inneren und der äußeren Natur. Aber sogleich trennen sich,

hier wie dort, die Wege oberhalb — oder unterhalb — dieser gleichsam nur

punktuellen Gemeinsamkeit. Wie für Kant das Unerkennbare des Daseins ein

absolutes Jenseits ist, von allem Gegebenen brückenlos geschieden, für

Goethe aber nur die in das Mystische sich verlierende Tiefe der

Anschauungswelt, in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar, so doch

ohne Sprung führt — so liegt für Kant der sittliche Wert in einer dem

Wesen nach anderen Welt, als alles andere Dasein und seine Bedeutungen,

von diesen aus nur durch eine radikale Wendung und „Revolution“ zu

erreichen. In der Goetheschen Anschauung aber ist der sittliche Wert mit

den übrigen Lebensinhalten in einer einheitlichen, kontinuierlich

aufsteigenden Reihe verbunden, und sein auch für ihn unbezweifelbarer

Primat ist jenen gegenüber der Rang des primus inter pares. Jener

fundamentale und unversöhnliche _Wertunterschied_ zwischen der sinnlichen

und der vernünftigen Seite unseres Wesens, auf dem die ganze Kantische

Ethik steht, muß Goethe ein Horror sein — wie überhaupt sein eigentlicher

Todfeind der christliche Dualismus ist, der die Sichtbarkeit der Welt und

ihren Wert auseinanderreißt. Die metaphysische Einheit der Lebenselemente

muß sich für ihn unmittelbar in eine Werteinheit derselben umsetzen. Daß

er, wie wir sahen, das Innere und das Äußere nicht trennen kann, daß er

statt der „oberen und unteren Seelenkräfte“ einen gemeinsamen Mittelpunkt

des psychischen Daseins fordert — das entstammt doch wohl der in die

letzten Tiefen seiner Persönlichkeit hineinreichenden und allem Beweisen

und Widerlegen unzugänglichen Empfindung einer Gleichheit und Harmonie

aller unserer Wesensseiten in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie

für ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein, flüchtig oder

abseitliegend ist, daß sich nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf

richten könnte, und daß es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum

Repräsentanten der Gesamtheit des Alls würde, so läßt es in der

subjektiven Welt die gewaltige Einheit seines Lebensgefühles nicht zu

einem prinzipiellen Wertunterschiede seiner einzelnen Energien kommen.

Goethes Existenz wird durch das glücklichste Gleichgewicht der drei

Richtungen unserer Kräfte charakterisiert, deren mannigfaltige

Proportionen die Grundform jedes Lebens abgeben: der aufnehmenden, der

verarbeitenden, der sich äußernden. In diesem dreifachen Verhältnis steht

der Mensch zur Welt: zentripetale Strömungen, das Äußere dem Inneren

vermittelnd, führen die Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale

Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem geistigen Leben und lassen das

Äußere zu einem Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Tätigkeiten

entladen die Kräfte und Inhalte des Ich wieder in die Welt hinein.

Wahrscheinlich hat dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare

physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit seiner

harmonischen Erfüllung entspricht eine gewisse Verteilung der Nervenkraft

auf diese drei Wege ihrer Betätigung. Beachtet man nun, wie sehr das

Übergewicht eines derselben die anderen und die Gesamtheit des Lebens

irritiert, so möchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in Goethes

Natur als den physisch-psychischen Ausdruck für deren Schönheit und Kraft

ansehen. Er hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt, sondern

seine geistige Tätigkeit war fortwährend von der rezeptiven Hinwendung zur

Wirklichkeit und allem, was sie bot, genährt; seine inneren Bewegungen

haben sich nie gegenseitig aufgerieben, sondern seine ungeheure Fähigkeit,

sich nach außen hin handelnd und redend auszudrücken, verschaffte jeder

die Entladung, in der sie sich völlig ausleben konnte: in diesem Sinne hat

er es so dankbar hervorgehoben, daß ihm ein Gott gegeben hat, zu _sagen_,

was er leidet. So könnte man in seiner Denkrichtung sagen, daß, wenn

irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen untergeordnet ist, so

sei sie eben dadurch, daß sie diese ihr zukommende Stelle ausfüllt, gerade

so wertvoll wie die höhere, die auch nichts kann, als ihre Funktion

ausüben, und das eben erst im Zusammenwirken mit der ersten kann; so daß

jene antiaristokratische Meinung über die annähernde Gleichwertigkeit der

Menschen — vor der er übrigens selbstverständlich im Empirischen und nach

dem einmal rezipierten Maßstab den Unterschied zwischen der blöden Menge

und den großen Menschen nie übersieht — ihre Analogie innerhalb des

einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine Wesenselemente findet. Wenn ich

vorhin die Einheit des Inneren und des Äußeren, des Subjektiven und des

Objektiven, des Ideellen und des Realen als die Voraussetzung der

künstlerischen Weltanschauung hervorhob, so kommen wir hier vielleicht auf

die noch tiefere Fundamentierung dieses Fundaments; jenes In- und

Miteinander der Weltelemente ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man

könnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung ihrer _Wert_gleichheit, die

er empfindet. Das mag auch der Grund sein, weshalb das antike

Unverhülltsein seiner sinnlichen Derbheiten immer künstlerisch wirkt, weil

es jene Gleichberechtigung der Wesensseiten aufs schärfste verdeutlicht,

die, zu einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die Metaphysik aller

Kunst ausmacht.

Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche Glück gerichtete Ideal mit

dem Vernunftideal eine Einheit bildet, erhebt er sich ganz über den

Gegensatz zwischen eudämonistischer und rationalistischer Moral, auf dem

die Kantische Ethik ruht. Vielen Mißverständnissen gegenüber muß durchaus

betont werden, daß seine Fremdheit gegen die logische Strenge der

Vernunftethik absolut nicht bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen

und Genußideal untertan machen wollen. Ja, um seinen Abstand hiervon zu

begreifen: er kann es direkt aussprechen (1818), es sei Kants

unsterbliches Verdienst, daß er die Moral „dem schwankenden Kalkul einer

bloßen Glückseligkeitstheorie entgegengestellt“ und sie in ihrer höchsten

übersinnlichen Bedeutung erfaßt habe. Das widerstreitet gar nicht dem

Ausruf in den Lehrjahren: „O der unnötigen Strenge der Moral, da die Natur

uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen.“ Denn

die Übersinnlichkeit, die er dort meint, ist eben nicht die Kantische, die

einerseits eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits unsere

Einstellung in eine transszendente Ordnung der Dinge bedeutet. Goethes

Übersinnliches will hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich

ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige Vernünftigkeit. Das

spricht er ganz unzweideutig einige Jahre später in einem Briefe an

Carlyle aus: „Einige haben den Eigennutz als Triebfeder aller sittlichen

Handlungen angenommen; andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen, nach

Glückseligkeit als einzig wirksam finden; _wieder andere setzten das

apodiktische Pflichtgebot obenan_: und keine dieser Voraussetzungen konnte

allgemein anerkannt werden, man mußte es zuletzt am geratensten finden,

aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur das Sittliche sowie

das Schöne zu entwickeln.“ Die eigentliche Großartigkeit des Kantischen

Moralismus, die immer wieder über seine Verengerung und Vereinseitigung

der Wertsphären triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfaßt. Das

sittliche Sollen ist für Kant die eine Karte, auf die der ganze Wert des

Lebens gesetzt ist; und daran mußte Goethe vor allem die ungeheure

Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fühlen. „Alles Sollen ist

despotisch,“ sagt er, und ihm, dem aus der tiefen Einheitlichkeit des

Seins die gleichberechtigte Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien

dies unerträglich, weil er nicht in die Tiefe der Kantischen Lehre drang,

in der dieses Sollen sich als die äußerste und unbedingte Freiheit des Ich

offenbarte. Denn den „Despotismus“ jenes Sollens kann nach der Kantischen

Deutung weder ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch eine Sitte

uns auferlegen, sondern allein wir selbst. Die ganze Peripherie des Lebens

erscheint Kant von Mächten mindestens mitbestimmt, die außerhalb des

tiefsten Ich liegen, und nur an dem Punkte der sittlichen Freiheit, d. h.

an dem Gesetze, das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses hervor — in

unversöhnlichem Gegensatz freilich zu dem Künstler, dem alles scheinbar

Äußerliche der Ort für die Bewährung seiner tiefsten Persönlichkeitskräfte

ist.

Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die Natur überhaupt es ist, so

zeigt sich damit der ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, sondern

auch außerhalb unser als nichtig. Sie muß das Ich und seine Interessen mit

der sozialen Gesamtheit ebenso versöhnen, wie die Sinnlichkeit mit der

Vernunft. Daraus erklärt sich, daß Goethe den eigentlich sozialen

Problemen auch in ihren allgemeinsten Formen ganz fremd gegenübersteht.

Denn immer handelt es sich in diesen darum, das unzulängliche oder

verschobene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seinem sozialen

Kreise herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden seiner Zeit, die

von dem Einzelnen als Sozialwesen nur zu fordern pflegte, daß er seine

persönliche Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewähre. Völlig im

Tone des landläufigen Liberalismus bemerkt er gegen die Saint-Simonisten,

daß jeder bei sich anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen müsse,

woraus denn zuletzt das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies

mag für ihn auch ästhetisch begründet sein. Er verlangt einmal vom

Künstler, er solle „höchst selbstsüchtig“ verfahren, nur das tun, was ihm

Freude und Wert ist. Für die Kunst ist dieser Liberalismus auch völlig

angebracht, weil hier tatsächlich ein Maximum von Gesamtwert entsteht,

wenn jeder Künstler _seinem_ individuellen Ideale nachgeht; und weil das

objektiv Wertvolle der Kunst, das jenseits des Gegensatzes von Ich und Du

steht, sich dem Künstler allerdings in der Form eines persönlich

leidenschaftlichen Begehrens darstellt. Für geringwertige ästhetisch

angelegte Naturen droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,

der die ästhetischen Werte ausschließlich ihrer subjektiven Genußseite

wegen kultiviert, unter dem Selbstbetrug, daß sie, als ästhetische, an

sich selbst etwas Überindividuelles, objektiv Wertvolles seien. Solche

Tendenz auf den Genuß als das Letztentscheidende lag Goethe völlig fern,

wenn er das egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewußt, nur seine

einheitliche Persönlichkeit zu entwickeln — und dasselbe von andern zu

verlangen — die freilich eine subjektive und eine objektive Seite hatte;

wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage war, welche von beiden

gelegentlich die Führung übernahm. Der künstlerische, der Produktion

objektiver Werte sich bewußte Egoismus verhält sich deshalb durchaus kühl

den Aufgaben gegenüber, die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen

und deren Versöhnung nun gerade durch den Verzicht auf allen Egoismus

gewinnen wollen. Statt der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der

Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn zu überwinden, interessiert

Goethe vielmehr das „Allgemein-Menschliche“ als der unmittelbare Ausdruck,

sozusagen als die menschliche Form der metaphysischen Einheit der Natur;

die menschliche Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren, sondern

nur zu entwickeln, wie unsere Theorie sie sich nicht durch künstliche, ihr

Wesen alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige Beobachtung ihrer

freiwilligen Entfaltung nahe zu bringen habe. „In jedem Besonderen,“ so

hofft er, „wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes

Allgemeine immer mehr durchleuchten sehen.“ In ähnlicher Gesinnung hat

jetzt Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen Interesses für

den Menschen und die Gesamtentwicklung der Menschheit, eine absolute

Gleichgültigkeit gegen alle sozialen Fragen an den Tag gelegt. Dagegen ist

für den Sozialforscher oder -politiker _der Mensch_ überhaupt kein

Problem, sondern nur _die Menschen_. Kants Moralgesetz ist, wie

Schleiermacher sagte, „nur ein politisches“: es gibt die präzise und

erschöpfende Formel für den Menschen, der seinen sozialen Pflichten

gleichsam von Natur feindlich gegenübersteht und ein Verhalten sucht, mit

dem dennoch ein Zusammenleben aller möglich ist. Der äußere wie der innere

Dualismus des Menschen bleibt für Kant, im Praktischen nicht weniger als

im Theoretischen, im Vordergrund des Bewußtseins, und seine Lösung ist

gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand des Konflikts

rechnet. Wenn Goethe aber es als sein Ideal bezeichnet, „eine gewisse

sittlich-freisinnige _Übereinstimmung durch die Welt_ zu verbreiten“, so

ist die Voraussetzung davon die Negation eben jener Scheidung und

Entgegengesetztheit zwischen Individuum und Gruppe und zwischen Gruppen

untereinander, aus der die sozialen Probleme entspringen. Das

kosmopolitische Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen

Menschennatur, deren Wesensseiten sich gleichberechtigt durchdringen und

so sehr der Ausdruck _eines_ metaphysischen Sinnes sind, wie die Elemente

der menschlichen Gesellschaft und der Welt überhaupt.

[Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER

_Glasgow: Gallery. Photographie Hanfstängel._

THOMAS CARLYLE.]

Da nun aber die Moral in dem landläufigen Sinne des Wortes sich auf jener

von Kant akzeptierten Spaltung _innerhalb_ des Menschen und _zwischen_ den

Menschen erhebt, so kann die Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne

keine moralische heißen; selbstverständlich ist sie darum keine

unmoralische, sondern steht jenseits dieses Gegensatzes. Da die Natur an

sich schon Ort und Darstellung der Idee ist, so ist das Höchste, wozu

Menschen gelangen, der Inhalt der höchsten Forderung an sie, daß sie das,

was die Natur in sie gelegt hat, aufs vollständigste und reinste

ausbilden. Das Moralische im engeren Sinne ist wohl auch eine Seite davon,

aber weil es eben nur eine _Seite_ ist, kann sie gelegentlich hinter einer

anders gerichteten zurücktreten müssen, wenn dadurch eine vollständigere

Entwicklung der Natur oder der Idee der Person erreicht wird. Von

Klopstock sagt er einmal, er wäre, „von der sinnlichen wie von der

sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jüngling“ gewesen. Daß er so die

sinnliche Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet, zeigt einen

Sittlichkeitsbegriff, der über die Moral im engeren Sinne weit hinausgeht:

er deutet damit an, daß die sinnliche Reinheit noch lange keine sittliche

vielleicht sogar, daß die sittliche noch keine sinnliche zu sein braucht.

So sind auch seine Vorstellungen über das Verhältnis der Geschlechter oder

über die Taten Napoleons oder über die Verbindung des Einzelnen mit seiner

Nation sicher den gewöhnlichen ethischen Idealen keineswegs adäquat; sie

werden eben ganz von dem darüber gelegenen Ideal der Natur beherrscht: daß

der Mensch — so könnte man in Goethes Sinne sagen — seine Triebe und

Anlagen in der Art und mit der Auswahl zu entwickeln habe, daß ein Maximum

von Gesamtentwicklung herauskommt. Da das Sein und der Wert nichts

Getrenntes sind — „am Sein erhalte dich beglückt!“ — so ist die höchste

Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren tiefsten Ausdruck scheint

mir diese übermoralische Moral in dem folgenden merkwürdigen Satz zu

gewinnen: „Was die Menschen gesetzt haben (nämlich als Gesetze), das will

nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen,

das ist immer am Platz, recht oder unrecht.“ Über den Gegensatz von Recht

und Unrecht, also über den am Kriterium der Moral entstandenen, stellt er

hier einen höheren Begriff: das „Passen“, d. h. die Fähigkeit der

Einzelheit, sich in den letzten, höchsten Zusammenhang und Harmonie der

Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste bezeichnet, wie weit

er über den Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in dem sittlichen

Menschen den Endzweck der Welt, den alleinigen, absoluten Wert. Der

sittliche Mensch hat für ihn etwas Unendliches, weil er die Lösung eines

eigentlich unlösbaren Konflikts ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt

es für Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht sein Absolutes und

Letztes sein, sondern nur eines der Lebensprobleme und andern koordiniert

— während sie bei Kant die schlechthin einzige Stellung einnimmt: allein

aus der Welt des Lebens in die transszendente hinaufzureichen. Indem er

mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage übereinstimmt, und beide

die Glücksempfindung als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,

bleibt Kant an dem Gegenteil haften, während Goethe sich über den ganzen

Gegensatz erhebt und die harmonische Einheit des Seins, in der Glück und

Unglück, Sittlichkeit und Unsittlichkeit nur einzelne Momente sind, als

den letzten Sinn, das absolute Maß alles Lebens erkennt. Ich stehe nicht

an, den angeführten Satz für eine der tiefsten und größten Deutungen vom

Sinn des Daseins zu halten; er läßt uns einen fundamentalen Zusammenhang,

eine gegenseitige Beziehung aller Dinge ahnen, in dem die Einheit der

Natur besteht oder sich offenbart und dem gegenüber es ein kleinlicher

Anthropomorphismus ist, in dem zufälligen Ausschnitt, den wir als Moral

bezeichnen, den Höhepunkt des Seins zu erblicken. Und hier kann auch

darauf hingedeutet werden, daß Goethes Weltanschauung in letzter Instanz

nicht nur über dem Moralismus, sondern auch über dem Ästhetizismus stehen

dürfte. Gewiß überragt das ästhetische Motiv bei ihm an Wirksamkeit alle

in dem gleichen Niveau stehenden, und man kann es, wie wir es getan haben,

überall zur Interpretation seines Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten

führen darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein dennoch liegt

unterhalb seiner eine noch tiefere, sozusagen elementarere Beschaffenheit,

sein eigentlichstes Sein, von dem auch das künstlerische Motiv nur die

Erscheinung und Darstellung in empirischem Material ist. Wenn sich nämlich

das Goethesche Existenzbild so darbietet, daß die Identität von Natur und

Geist, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem — als Konsequenz

seiner ästhetischen Grundtendenz auftritt, so kann sehr wohl im letzten

Fundamente der Zusammenhang der umgekehrte sein: die tiefste Schicht

seiner Natur, jenes ganz Primäre und Absolute, in dem alles eigentlich

Benennbare des Wesens erst wurzelt, mag eben ein Gefühl von dem

elementaren und ihn selbst einschließenden Zusammenhang alles Seins

gewesen sein. Mehr als irgend jemand, von dem wir wissen — auch Spinoza

nicht ausgeschlossen — scheint jene geheimnisvolle Einheit aller Existenz,

an der die Philosophie von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt des

Lebensgefühls selbst ausgemacht zu haben. Gerade wie man von religiös

begeisterten Menschen sagt, daß der Gott in ihnen lebt, so war offenbar in

seinem subjektiven Existenzgefühl dasjenige lebendig, was man, um irgend

einen Ausdruck dafür zu haben, nur die metaphysische Einheit der Dinge

nennen kann; ja, daß sie so in ihm lebt, das machte ihn eben aus, das war

er. Dieser Bestimmtheit seines Seins überhaupt gegenüber, die sich im

Selbstbewußtsein erst _spiegelt_, erscheint seine künstlerische Anschauung

und Betätigung doch nur als das Verhältnis, das eine so qualifizierte

Natur zu der besonderen Richtung ihrer Talente, zu ihrer kulturell und

historisch bestimmten Umgebung, zu äußeren Anregungen und

Betätigungsmöglichkeiten gewinnt, als ein _Ausdruck_ seines eigentlichen

Wesens, aber nicht als das Wesen selbst. Als Existenz überhaupt, gleichsam

als Substanz, mit der er in die Formen und Bewegungen der Welt eintritt,

steht er jenseits des Ästhetischen, das sich vielmehr erst im

Zusammenschlage jener mit diesen Formen und Bewegungen ergab und sein

empirisches Bild gestaltete. Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des

Lebens, auf die man schließlich nur von einer unüberwindlichen Distanz her

hindeuten, die man aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen kann,

muß der merkwürdigen Äußerung zugrunde liegen, die er zu Eckermann tut,

als von seiner Theaterleitung und den vielen für sein künstlerisches

Schaffen dadurch verlorenen Jahre die Rede ist. Im Grunde gereue ihn

dieser Verlust doch nicht, sagt er. „Ich habe all mein Wirken und Leisten

immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich

gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“ So erscheint

ihm selbst also sein künstlerisches Tun als ein bloßes Sich-Ausprägen,

Sich-Umsetzen einer tiefer gelegenen Realität, statt dieses Letzte,

eigentlich Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von hier aus verstehen

wir nun noch gründlicher sein fortwährendes Drängen auf praktische

Betätigung, sein Fühlen und Werten seiner selbst als handelnden Wesens.

Denn das Handeln ist die Form, durch die jener absolute Urgrund des

persönlichen Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die deshalb im

allerumfassendsten Sinn die Einheit des Subjektiven und Objektiven

ausmacht, das in der bloßen Theorie getrennt, einander gegenübergestellt

erscheint.

[Illustration: HANS HOLBEIN D.J.

_Paris: Louvre_

ERASMUS VON ROTTERDAM.]

Kant und Goethe · 第 2 / 3 段