Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, über dem Bewußtsein

[Illustration: Umschlagseite]

[Illustration: Signet Die Kultur]

SAMMLUNG ILLUSTRIERTER

EINZELDARSTELLUNGEN

HERAUSGEGEBEN VON

CORNELIUS GURLITT

ZEHNTER BAND

[Illustration: Monogramm]

[Illustration: _Giorgio Barbarelli_:

DIE DREI MORGENLÄNDISCHE WEISEN

_Wien: Kaiserliche Gemäldegalerie_]

[Illustration: Titelseite]

DIE KULTUR

KANT UND

GOETHE

VON

GEORG SIMMEL

_MIT EINER HELIOGRAVÜRE_

_UND ZWÖLF VOLLBILDERN_

_IN TONÄTZUNG_

BARD MARQUARDT & CO. BERLIN

HERAUSGEGEBEN

von

CORNELIUS GURLITT

[Illustration: Signet Die Kultur]

Published November 15. 1906. Privilege of Copyright in the

United States reserved under the act approved March 3. 1905 by

Bard, Marquardt & Co. in Berlin

_AUGUSTE RODIN_

_DEM BILDHAUER_

_ZUGEEIGNET_

[Illustration: Ornament]

In die Zustände der Halbkulturen, aber auch in die Kultur vor der

Herrschaft des Christentums pflegen wir die Einheit von Lebenselementen zu

verlegen, die die spätere Entwicklung auseinandergetrieben und zu

Gegensätzen ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen

Existenzbedingungen, so unbarmherzig die Vergewaltigung des Individuums

durch die gesellschaftlichen Forderungen gewesen sein mag — zu dem Gefühl

einer fundamentalen Spaltung innerhalb des Menschen und innerhalb der

Welt, zwischen dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem Verfall der

klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen zu sein. Das Christentum

erst hat den Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen dem

natürlichen Sein und den Werten, zwischen dem eigenwilligen Ich und dem

Gott, dem Eigenwille Sünde ist, bis in das Letzte der Seele hinein

empfunden. Aber da es eben Religion war, hat es mit derselben Hand, mit

der es die Entzweiung stiftete, die Versöhnung gereicht. Es mußte erst

seine bedingungslose Macht über die Seelen verlieren, seine Lösung des

Problems mußte erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden sein,

ehe das Problem selbst in seiner ganzen Weite auftrat. Daß der Mensch von

Grund aus ein dualistisches Wesen ist, daß Entzweiung und Gegensatz die

Grundform bildet, in die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die

deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung und Lebendigkeit

bedingen — das hat das Bewußtsein erst nach der Renaissance als seine

Ägide erfaßt. Mit diesem Herabreichen des Gegensatzes in die tiefste und

breiteste Schicht unser und unseres Bildes vom Dasein wird die Forderung

seiner Vereinheitlichung umfassender und heftiger; indem sich das innere

und äußere Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es nach einem um so

kräftigeren, um so lückenloseren Bande, das über den Fremdheiten der

Seinselemente ihre trotz allem gefühlte Einheit wieder begreiflich mache.

Zunächst ist es das Gegenüber von Subjekt und Objekt, das die Neuzeit zu

schärfstem Gegensatz herausarbeitet. Das denkende Ich fühlt sich souverän

gegenüber der ganzen, von ihm vorgestellten Welt, das: „ich denke, und

also bin ich“ wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit des

Daseins. Aber andrerseits hat diese objektive Welt doch eine unbarmherzige

Tatsächlichkeit, das Ich erscheint als ihr Produkt, zu der ihre Kräfte

sich nicht anders als zu der Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke

verwebt haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt der Natur, sondern

auch die der Gesellschaft. In ihr fordert der Einzelne das Recht der

Freiheit und Besonderheit, während sie ihn nur als ein Element, das ihren

überpersönlichen Gesetzen untertan ist, anerkennen will. In beiden Fällen

droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder von einer ihm fremden

Objektivität verschlungen zu werden oder in anarchistische Willkür und

Isolierung zu verfallen. Neben oder über diesen Gegensatz stellt die

moderne Entwicklung den zwischen dem natürlichen Mechanismus und dem Sinn

und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft deutet, seit Galilei und

Kopernikus, das Weltbild mit steigender Konsequenz als einen Mechanismus

von strenger, mathematisch ausdrückbarer Kausalität. Mag dies noch

unvollkommen durchgeführt sein, mögen Druck und Stoß, auf die alles

Weltgeschehen schließlich reduzierbar schien, noch anderen Prinzipien

neben sich Raum geben — dieses Geschehen bleibt prinzipiell ein

naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben von Stoffen und

Energien, ein abrollendes Uhrwerk, das aber nicht, wie das von Menschen

konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken dient. Durch das

mechanistisch-naturwissenschaftliche Prinzip scheint die Wirklichkeit in

völligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser Wirklichkeit bis dahin

Sinn zu geben schien: sie hat keinen Raum mehr für Ideen, Werte, Zwecke,

für religiöse Bedeutung und sittliche Freiheit. Aber da der Geist, das

Gemüt, der metaphysische Trieb ihre Ansprüche an das Dasein nicht

aufgeben, so erwächst dem Denken, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, die

große Kulturaufgabe, die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,

Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivität und der

gefühlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer höheren Basis

wiederzugewinnen.

Von zwei prinzipiellen Gesinnungen, die in sehr mannigfaltigen

Ausgestaltungen die Kultur durchziehen, gehen die nächstliegenden

Vereinheitlichungen des Weltbildes aus; von der materialistischen und der

spiritualistischen — jene alles Geistige und Ideelle in seiner

Sonderexistenz leugnend und die Körperwelt mit ihrem äußeren Mechanismus

für das allein Seiende und Absolute erklärend, diese umgekehrt alles

Äußerlich-Anschauliche zu einem nichtigen Schein herabsetzend, und in dem

Geistigen mit seinen Werten und Ordnungen die ausschließliche Substanz des

Daseins erblickend.

Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen gebildet, deren

Einheitsgedanke jenem Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische

und die Goethesche. Es ist die ungeheure Tat Kants, daß er den

Subjektivismus der neueren Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine

Unzurückführbarkeit auf das Materielle zu ihrem Gipfel hob, ohne dabei die

Festigkeit und Bedeutsamkeit der objektiven Welt im geringsten

preiszugeben. Er zeigte, daß zwar alle Gegenstände des Erkennens für uns

in nichts anderem bestehen können, als in den erkennenden Vorstellungen

selbst, und daß alle Dinge für uns nur als Vereinigungen sinnlicher

Eindrücke, also subjektiver, durch unsere Organe bestimmter Vorgänge

existieren. Aber er zeigte zugleich, daß alle Zuverlässigkeit und

Objektivität des Seins gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich

würde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind als unsere Vorstellungen, kann

unser Vorstellen, über das wir niemals hinauskönnen, uns ihrer sicher

machen; nur so können wir unbedingt Notwendiges von ihnen aussagen,

nämlich die Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von ihnen, weil

sie eben unsere Vorstellungen sind, unbedingt gelten müssen. Müßten wir

darauf warten, daß die Dinge, uns wesensfremde Existenzen, in unsern Geist

von außen hineingeschüttet würden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefäß,

so könnte das Erkennen nie über den Einzelfall hinausgehen. Indem nun aber

die vorstellende Tätigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze

unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge selbst. Das Ich, die nicht

weiter erklärliche Einheit des Bewußtseins, bindet die sinnlichen

Eindrücke zu Gegenständen der Erfahrung zusammen, die unsere objektive

Welt restlos ausmachen. Dahinter, jenseits aller Möglichkeit des

Erkennens, mögen wir uns die Dinge-an-sich denken, d. h. also die Dinge,

die nicht mehr _für uns_ da sind; und in ihnen mögen für unsere Phantasie

alle Träume der Vernunft, des Gemüts, der Idealbildung verwirklicht sein,

während sie in der Welt unserer Erfahrungen, die für uns allein Objekt

sein kann, keine Stelle finden.

[Illustration: IMMANUEL KANT

_Nach dem Gemälde von Döbler_

_Königsberg: Totenkopfloge_]

Genauer angesehen, ist die Kantische Lösung des Hauptproblems, des

Dualismus von Subjekt und Objekt, Geistigkeit und Körperlichkeit, die: daß

diesem Gegensatz die Tatsache des Bewußtseins und Erkennens überhaupt

untergebaut wird; die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, daß wir sie

_wissen_. Denn die Bilder, in denen wir uns selbst erkennen und für uns

selbst existieren, sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen

eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen ist. Körper und Geist

sind empirische Phänomene innerhalb eines allgemeinen

Bewußtseinszusammenhangs aneinander gebunden durch das Faktum, daß sie

beide vorgestellt werden und den gleichen Bedingungen des Erkennens

unterliegen. In der Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie

unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander zurückführbar, weder der

Materialismus, der den Geist durch den Körper, noch der Spiritualismus,

der den Körper durch den Geist erklären will, sind zulässig, jedes muß

vielmehr nach den ihm allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber

dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden _eine_

Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden Bewußtsein überhaupt, dem sie

erscheinen, und seiner Einheit zusammengehalten werden, und weil jenseits

beider die zwar nie erkennbaren, aber doch immerhin denkbaren

Dinge-an-sich ruhen; und diese mögen — so können wir _glauben_ — in ihrer

Einheit den Grund jener Erscheinungen bewahren, die nun, von unseren

Erkenntniskräften gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit von Geist und

Körper, von empirischem Subjekt und empirischem Objekt auseinandergehen.

Während also die äußere Natur, als Objekt für uns, keine Spur von Geist

enthalten darf, so daß die vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik

und Mathematik wäre, und während der Geist seinerseits völlig anderen,

immanenten Gesetzen folgt, binden die beiden Gedanken des übergreifenden,

erkennenden Bewußtseins und des Dinges-an-sich, in dem ideale Ahnungen den

gemeinsamen Grund aller Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen

Weltanschauung zusammen. Damit ist die

wissenschaftlich-intellektualistische Deutung des Weltbildes auf ihren

Höhepunkt gekommen: nicht die Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird

für Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung der großen

Zweiheiten: Natur und Geist, Körper und Seele gelingt ihm um den Preis,

nur die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen zu wollen; die

wissenschaftliche Erfahrung mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der

Rahmen, der alle Inhalte des Daseins in _eine_ Form: die der

verstandesmäßigen Begreifbarkeit, zusammenfaßt.

Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe die Elemente, um aus ihnen eine

gleich beruhigende Einheit zu gewinnen. Über Goethes Philosophie kann man

nicht von der trivialen Formel aus sprechen, daß er zwar eine vollständige

Philosophie besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmäßiger

Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das System und die Schultechnik

fehlten ihm, sondern die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:

unser Gefühl vom Wert und Zusammenhang des Weltganzen in die Sphäre

abstrakter Begriffe zu erheben; unser unmittelbares Verhältnis zur Welt,

das innere Anklingen und Mitfühlen ihrer Kräfte und ihres Sinnes spiegelt

sich, wenn wir wissenschaftlich philosophieren, in dem ihm gleichsam

gegenüberstehenden Denken; dieses drückt in der ihm eigenen Sprache jenen

Sachverhalt aus, mit dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich aber

Goethe recht verstehe, handelt es sich bei ihm immer nur um eine

_unmittelbare_ Äußerung seines Weltgefühles; er fängt es nicht erst in dem

Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin zu objektivieren und in

eine ganz neue Existenzart zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes

Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und seines inneren Zusammenhanges

nach Ideen treibt seine „philosophischen“ Äußerungen hervor wie die Wurzel

die Blüte. Mit einem ganz freien Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht

den Lauten, die die Lust- und Schmerzgefühle uns unmittelbar entlocken,

während die wissenschaftliche Philosophie den Worten gleicht, mit denen

man jene Gefühle sprachlich-begrifflich _bezeichnet_. Da er nun aber

zuerst und zuletzt _Künstler_ ist, so wird jenes natürliche Sich-Geben von

selbst zu einem Kunstwerk. Er durfte „singen, wie der Vogel singt“, ohne

daß seine Äußerung ein unförmig zudringlicher Naturalismus wurde, weil die

Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete — gerade wie das

wissenschaftliche Erkennen von vornherein durch bestimmte

Verstandeskategorien geformt wird, die in der sachlich vorliegenden

Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar sind. Es ist deshalb in Hinsicht

auf die letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen richtig, was,

äußerlich genommen, ganz unbegreiflich scheint, wenn er sagt: „Von der

Philosophie habe ich mich immer frei erhalten.“ Darum wird eine

Darstellung der Philosophie Goethes bis zu einem gewissen Grad ganz

unvermeidlich eine Philosophie _über_ Goethe sein. Nicht um

Systematisierung seines Denkens handelt es sich — das wäre ihm gegenüber

ein sehr minderwertiges Unternehmen — sondern darum, die unmittelbare

Fortsetzung und Äußerung des Gefühls für Natur, Welt und Leben bei ihm in

die mittelbare, abgespiegelte, einer ganz anderen Region und Dimension

angehörige Form der abstrakten Begrifflichkeit überzuführen.

Der entscheidende und ihn von Kant absolut scheidende Grundzug seiner

Weltanschauung ist der, daß er die Einheit des subjektiven und des

objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes _innerhalb ihrer

Erscheinung selbst_ sucht. Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor

Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt und Zeugnis geistiger

Mächte, formender Ideen. Sein ganzes inneres Verhältnis zur Welt ruht,

theoretisch ausgedrückt, auf der Geistigkeit der Natur und der

Natürlichkeit des Geistes. Der Künstler lebt in der Erscheinung der Dinge

als in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie und

-Mechanismus, das seinem Hinnehmen und Behandeln der Welt allerdings erst

einen Sinn gibt, muß er in der greifbaren Wirklichkeit selbst suchen, wenn

es für ihn überhaupt bestehen soll. Dies bestimmt seine besondere

Bedeutung für die Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den

abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom Beginn des 19. Jahrhunderts

war der Materialismus der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen nach einer

Synthese, die beide in ihrem Gegensatz überwand, rief in den 70er Jahren

den Ruf: zurück zu Kant! hervor. Aber die _wissenschaftliche_ Lösung, die

dieser allein geben konnte, scheint nun als Ergänzung ihrer Einseitigkeit

die ästhetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten ästhetischen

Interessen bieten eine besondere Form, den Geist wiederum in die Realität

aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den Ruf: zurück zu Goethe! Für

ihn sind die beiden Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen

Dualismus überwindet: er steigt nicht unter die Erscheinungen hinab, um

sie, als bloße Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische Ich

umschließen zu lassen, noch kann er sich, über sie hinweg, mit der Idee

der Dinge an sich und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnügen.

An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit seines geistigen Wesens,

die ihn alles Theoretisieren über das Erkennen perhorreszieren läßt.

„Wie hast du’s denn so weit gebracht?

Sie sagen, du habest es gut vollbracht.“

„Mein Kind, ich habe es klug gemacht:

Ich habe nie über das Denken gedacht.“

Und:

„Ja, das ist das rechte Gleis,

Daß man nicht weiß, was man denkt,

Wenn man denkt:

Alles ist als wie geschenkt.“

[Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.

_Zeichnung von F. Jagemann_

_Weimar: Grossh. Kunstsammlung_]

Seiner im höchsten Sinne praktischen Natur war die Beschäftigung mit den

Vorbedingungen des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst, seinen

Inhalten und Resultaten nach, nicht förderten. „Das Schlimme ist,“ sagt er

zu Eckermann, „daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man muß von Natur

richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor

uns dastehen, und uns zurufen: da sind wir.“ Die Abneigung gegen

Erkenntnistheorie, die aus solchen Gründen der psychologischen Praxis

hervorging, entfernte ihn völlig von dem Kantischen Weg, in den

Bedingungen des Erkennens, in dem Bewußtseinszusammenhang, der die

empirische Welt trägt, die Versöhnung ihrer Diskrepanzen zu suchen. Das

Absolute aber, in dem diese gefunden wird, aus der Erscheinung heraus in

die Dinge-an-sich zu verlegen, würde für ihn die Welt sinnlos machen.

„Vom Absoluten im theoretischen Sinne wag’ ich nicht zu reden; behaupten

aber darf ich: daß, wer es _in der Erscheinung_ anerkannt und immer im

Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren wird.“ Und ein

andermal: „Ich glaube einen Gott. Das ist ein schönes und löbliches Wort;

aber Gott anerkennen, wie und wo er sich _offenbare_, das ist eigentlich

die Seligkeit auf Erden.“ Nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern _in_

ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip des Ich und das des

Objekts zusammen. Dieser anschauende Glaube, ohne den es überhaupt kein

Künstlertum gäbe, hat in ihm sein äußerstes, das ganze Weltfühlen

durchdringende Bewußtsein erlangt, da er, als die höchste Artistennatur,

die wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener Gegensatz die

maximale Spannung und damit das maximale Versöhnungsbedürfnis erreicht

hatte. Goethe, der „Augenmensch“, war seiner Natur nach zu sehr Realist,

um die Wirklichkeit zu ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen

Erscheinung Darstellung der Idee wäre; Kant war zu sehr Idealist, um die

Welt ertragen zu können, wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem

spezifischen Sinn der philosophischen Terminologie) nicht die Wirklichkeit

ausgemacht hätte.

Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen, die doch dem gleichen

Problem gegenüberstehen, tritt in dem Verhältnis hervor, das sie beide zu

dem berühmten Satz Hallers haben, daß „kein erschaffener Geist ins Innere

der Natur dringt“. Beide bekämpfen ihn mit förmlicher Entrüstung, weil er

jenen Abgrund zwischen Subjekt und Objekt verewigen möchte, den es gerade

auszufüllen galt. Aber auf wie verschiedene Motive hin! Für Kant ist der

ganze Ausspruch von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit eines

Objekts beklagt, das es gar nicht gibt. Denn da die Natur überhaupt nur

Erscheinung, d. h. Vorstellung in einem vorstellenden Subjekt ist, so hat

sie überhaupt kein Inneres. Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung

sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Beobachtung und Zergliederung

der Erscheinungen wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf dasjenige

bezieht, was hinter aller Natur liegt, also nicht mehr Natur, weder ihr

Äußeres noch ihr Inneres ist — so ist sie nicht weniger töricht, weil sie

etwas zu erkennen verlangt, was seinem Begriff nach sich den Bedingungen

des Erkennens entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine bloße Idee,

die niemals angeschaut, also auch nicht erkannt werden kann. Goethe

hingegen, solcher erkenntnistheoretischen Überlegung ganz fern, verwirft

jenen Spruch aus dem unmittelbaren Mitfühlen mit dem Wesen der Natur

heraus:

Natur hat weder Kern

Noch Schale,

Alles ist sie mit einem Male.

Und:

Denn das ist der Natur Gestalt,

Daß innen gilt, was außen galt.

Und:

Müsset im Naturbetrachten

Immer eins wie alles achten,

Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,

Denn was innen, das ist außen.

Daß das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste, nach dem man sich sehnen kann,

nicht auch in der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm schlechthin

unerträglich. Der ganze Sinn seiner künstlerischen Existenz wäre ihm

dadurch erschüttert. Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhält:

Ist nicht der Kern der Natur

Menschen im Herzen —

so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht gleich, die die Natur und

ihre Gesetze in das menschliche Erkenntnisvermögen, als dessen Produkte,

hineinverlegt. Denn Goethe will sagen: das Lebensprinzip der Natur ist

zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind

gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend aus der Einheit des Seins,

die die Gleichheit des schöpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit der

Gestaltungen entwickelt; so daß der Mensch in seinem eigenen Herzen das

ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu finden

vermag. Der ganze künstlerische Rausch der Einheit von Innen und Außen,

von Gott und Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher Behauptungen

über die Dinge selbst enthält sich Kant. Er sagt nur das über sie aus, was

sich aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens ergibt. Nicht weil Natur

und Menschenseele ihrem Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann

man das eine aus dem andern ablesen, sondern weil die Natur eine

Vorstellung in der Menschenseele ist, so daß die Form und Bewegung dieser

allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten muß. Man kann den

Gegensatz, um den es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen

Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt man nach dem eigenen Wesen

der Natur, so antwortet Kant: sie ist nur Äußeres, da sie ausschließlich

aus räumlich-mechanischen Beziehungen besteht; und Goethe: sie ist nur

Inneres, da die Idee, das geistige Schöpfungsprinzip, auch ihr ganzes

Leben ausmacht. Fragt man aber nach ihrem Verhältnis zum Menschengeist, so

antwortet Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung in uns ist;

und Goethe: sie ist nur Äußeres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf

der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realität haben muß. Goethe meint

nicht, wie Kant, daß das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;

sondern daß dieses, wie überall so auch im Menschengeist zu finden sei.

Beides sind gleichsam parallele Darstellungen des göttlichen Seins, das

sich in der Natur, dem Äußeren, mit derselben Realität entwickelt, wie in

der Seele, dem Inneren; so daß die Natur ihre unbedingte äußere,

anschauliche Wirklichkeit behält, ohne ihre Wesenseinheit mit dem

Menschenherzen aufzugeben, und dazu nicht erst, wie von Kant, in eine

Vorstellung in diesem verwandelt zu werden braucht. Beide stellen sich

gleichmäßig jenseits des Gegensatzes von Materialismus und Spiritualismus.

Kant, weil sein Prinzip die Materie und den Geist, die beide bloße

Vorstellungen sind, gleichmäßig und gegensatzlos unter sich begreift,

Goethe, weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt, doch unmittelbar

eines bildeten; er meint zu Schiller, die materialistischen Philosophen

kämen nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht zu den Körpern, „und

daß man also immer wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu bleiben

und von seiner ungetrennten Existenz den besten, möglichen Gebrauch zu

machen“.

Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, über dem Bewußtsein gelegene

Einheit des Seins gesucht werden, so könnte sie für Kant nur in Gott

liegen, den er ja auch ausdrücklich heranzieht, wo es sich um die

Vereinigung der divergentesten Lebenselemente, der Sittlichkeit und der

Glückseligkeit handelt: ein transszendenter Gott, ein Ding-an-sich,

jenseits aller Anschaulichkeit des Seins. Für Goethe aber kommt alles

darauf an, daß die Einheit der Dinge nicht jenseits der Dinge selbst

liegt; er verwirft nicht nur den Gott, „der nur von außen stieße“ — das

würde auch Kant tun; sondern, indem er das „Bedrängtsein“ des göttlichen

Prinzips in der Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr wir uns

verkürzen, wenn wir es „in eine vor unserem äußern und innern Sinne

verschwindende Einheit zurückdrängen“. Er kann sich die Einheit der Welt

nur retten, wenn sie nicht in die Einheit eines Wesens projiziert wird,

das, indem es der ihm gegenüberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,

sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen würde.

Bei allen scheinbaren Analogien zwischen Goetheschen und Kantischen

Anschauungen darf diese Grundverschiedenheit nie übersehen werden, daß

Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt von der Seite des Objekts

her löst, Kant aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht des

zufälligen und personal-differenzierten, sondern des Subjekts, das der

überindividuelle Träger der objektiven Erkenntnis ist.

Wenn Goethe also sagt:

„Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,

Wie könnt’ die Sonne es erblicken?

Wär’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?“

so erscheint dies nur als eine Paraphrase der Kantischen Idee, daß wir die

Dinge der Welt nur erkennen, weil und insofern ihre Formen a priori in uns

ruhen. Tatsächlich aber ist es etwas ganz anderes. Goethe greift unter den

Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und gründet die

Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen auf eine Wesensgleichheit zwischen

ihnen, wie es in primitiver Form schon Empedokles getan hatte, als er

lehrte: dadurch, daß die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, können

wir die Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser, das Feuer durch das

Feuer in uns, den Streit in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe

durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die Sonne, und kann sie deshalb

erkennen — wie man jenen Vers Kantisch interpretieren müßte — sondern Auge

und Sonne sind gleichen objektiven Wesens, gleichberechtigte Kinder

göttlicher Natur, und dadurch befähigt, sich miteinander zu verständigen,

sich ineinander aufzunehmen. Die Kantische und die Goethesche Lösung des

Weltproblems, die erkenntnistheoretische und die metaphysische — wobei

Goethe sozusagen keine Metaphysik _hat_, sondern Metaphysik _ist_ —

verhalten sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen, die äußerlich

angesehen den gleichen Inhalt und Bedeutung darbieten, von denen die eine

aber durch die suggestive Aktivität der einen Partei — so daß sie die

andere gleichsam nach ihrem Bilde und ihrem Ideal des Verhältnisses formt

— aufrecht erhalten wird, die andere aber durch die wurzelhafte Einheit

und natürliche Harmonie beider Parteien.

[Illustration: _LEONARDO DA VINCI._

_SELBSTBILDNIS_

_TURIN: PALAZZO REALE._]

An diesem Punkt tritt die persönliche Wesensrichtung Goethes ganz

besonders deutlich als Träger seiner Weltanschauung hervor. Als die

glücklichste Beanlagung des Menschen in seinem Verhältnis zur Natur kann

es wohl gelten, wenn die eigenste, nur den Bedürfnissen und Tendenzen des

Ich folgende Entwicklung zu einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur

führt, als ob die Kräfte beider sich wie in einer prästabilierten Harmonie

äußerten, die einen den Index für die anderen bildeten. Diese

Konstellation traf bei Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er

äußerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persönlichkeit; den ganzen

Umkreis seiner Betrachtung und Deutung des Daseins erfüllte er, weil er

sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck, als ob ihm sein Bild der

Natur, das, bei allen sachlichen Einwänden, immerhin eines von

unvergleichlicher Geschlossenheit, Beobachtungstreue und Hoheit der

Auffassung ist — entstanden wäre, indem er nur die eigene Richtung seiner

mitgebrachten Denk- und Gefühlsenergien entfaltet hätte. _Deshalb_ darf er

vom Künstler fordern — was nachher noch näher zu deuten ist — daß er

„höchst selbstsüchtig“ verfahre. Er schildert sich selbst, wenn er einmal

von Winkelmann sagt: „Findet sich in besonders begabten Menschen jenes

gemeinsame Bedürfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,

noch in der äußern Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch

(!) das Innere völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man

versichert sein, daß ein für Welt und Nachwelt höchst erfreuliches Dasein

sich ausbreiten werde.“ Diese glückliche, zur objektiven Natur harmonische

Richtung seines subjektiven Wesens rechtfertigt es, daß er, obwohl dieses

letztere mit völliger Freiheit entfaltend, überall die Natur zum Spiegel

der eigenen Vergeistigung machend, doch immer behaupten kann: er gäbe sich

der Natur mit der größten Selbstlosigkeit und Treue hin, er spräche nur

aus, was sie ihm diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die die

Unmittelbarkeit ihres Bildes trübte. Wir wissen von vielen der größten

bildenden Künstler, und zwar solcher, die die strengste Stilisierung, die

souveränste Umformung des Gegebenen übten, daß sie sich für Naturalisten

hielten, ausschließlich das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.

Tatsächlich _sehen_ sie von vornherein so, daß es zu dem Gegensatz

innerhalb des unkünstlerischen Lebens: zwischen der inneren Anschauung und

dem äußeren Objekt — bei ihnen nicht kommt. Vermittelst der

geheimnisvollen Verbindung des Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins

ist sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen für ihn — und, im

Maße seiner Genialität, auch für andere — zugleich die Ausschöpfung des

objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war es tatsächlich ein ganz

einheitlicher Prozeß, der sich von der einen Seite als Entwicklung seiner

eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen und Erkennen der

Natur darstellte. Darum muß ihm die Kantische Vorstellung, daß unser

Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze vorschreibt (weil Natur erst

dadurch für uns entstehe, daß der Verstand die Sinneseindrücke in den ihm

eigenen Formen ausgestaltet) — innerlich völlig fremd, ja eigentlich

widrig sein. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muß ihm damit unsäglich

übertrieben erscheinen: jenes viel zu selbständig, statt demütig

aufnehmender Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen in sie;

dieses, mit der letzten Absolutheit seines Wesens dennoch nicht in das

Subjekt aufgehend, der ungeheuren Anstrengung des Subjekts, es in sich

einzuziehen, spottend. Ihm, der sein Ich von vornherein gleichsam in

Parallelität mit der Natur fühlte, mußte es scheinen, als ob die Kantische

Lösung dem Subjekt einerseits zuviel, anderseits zuwenig zuspräche, und

als ob sie dem Objekte einerseits Gewalt antäte, statt sich ihm in Treue

hinzugeben, während es ihr andrerseits doch als ein Unerfaßbares — ein

„Ding _an sich_“ — aus den Händen glitte.

[Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]

In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen auch in bezug auf

die Grenzen des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit bei scheinbarer

Verwandtschaft. Wie Kant fortwährend die Unerkennbarkeit dessen betont,

was die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei, so Goethe, daß hinter

allem Erforschlichen noch ein Unerforschliches liege, daß wir nur „ruhig

verehren“ könnten, ein Letztes, Unsagbares, an dem unsre Weisheit ein Ende

habe. Für Kant bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur unsres

Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben; für Goethe bedeutet es nur

jene Schranke, die aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel des

letzten Weltgrundes hervorgeht — wie auch der Fromme sich bescheidet, Gott

hienieden nicht schauen zu können, aber nicht eigentlich, weil er sich

prinzipiell dem Schauen entzöge, sondern weil unser Schauen dazu erst

einer im Jenseits gewährten Steigerung, Kräftigung, Vertiefung bedürfte.

Darum sagt er:

„Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,

Unverstanden, doch nicht unverständlich.“

Von den letzten Mysterien der Natur trennt uns freilich eine unendliche

Entfernung, aber sie liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit der

erkennbaren Natur, weil es ja nichts als Natur gibt, die zugleich Geist,

Idee, das Göttliche ist. Für Kant aber liegt das Ding an sich in einer

völlig anderen Dimension als die Natur, als das Erkennbare, und man mag in

dieser Region bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf jene

treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller: „Die Natur ist deswegen

unergründlich, weil sie nicht _ein_ Mensch begreifen kann, obgleich die

ganze Menschheit sie wohl begreifen könnte. Weil aber die liebe Menschheit

niemals beisammen ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern Augen

zu verstecken.“ Nach den Kantischen Voraussetzungen aber ist dasjenige

allerdings vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein der Menschheit

vermißt. Jene Formen und Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet, weil

durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt für uns geschaffen wird, sind

nichts Persönliches, sondern sie sind das allgemein Menschliche in jedem

Individuum; in ihnen liegt das Verhältnis restlos beschlossen, das die

Menschheit überhaupt zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im

allgemeinen gegenüber bestehen also nicht jene individuellen

Unzulänglichkeiten, die Goethe erst durch das Beisammensein aller

auszugleichen glaubt. Deshalb ist für Kant die Natur prinzipiell völlig

durchsichtig und nur die Empirie über sie ist unvollständig. Da für Goethe

die Natur selbst von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist, so kommt in

der Natur selbst der Punkt, in dem die Intensität und Tiefe der Vorgänge

uns weiteres Eindringen versagt; für Kant, der das Übersinnliche völlig

aus der Natur hinausverlegt, liegt die Grenze des Erkennens nicht mehr

innerhalb ihrer, sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhört. Für

Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine quantitative, keine prinzipielle

Inkonsequenz, wenn er gelegentlich zu Schiller äußert, die Natur habe kein

Geheimnis, das sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor

die Augen stellte, und ein andermal meint: „Isis zeigt sich ohne Schleier

— nur der Mensch, er hat den Star“ —, während Kant absolut inkonsequent

wird, wenn er uns doch einen Blick in das Reich des Intelligiblen

verstattet; wovon wir übrigens hier nicht untersuchen, ob es ihm mit Recht

oder Unrecht insinuiert wird.

[Illustration: MICHELANGELO.

SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]

Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen dieser beiden Geister nach

ihrem Endziel bezeichnen darf — obgleich solche letzten Ziele nur der

Ausdruck der Wesenskräfte und ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das

selbständig gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die Richtung gäbe — so

ist die Formel des Kantischen Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:

Einheit. Für Kant kam alles darauf an, und so läßt sich seine gesamte

Leistung zusammenfassen, die Kompetenzen der inneren Mächte, die das

Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander abzugrenzen: der

Sinnlichkeit ihre Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die seinige

gegen die Vernunft, der Vernunft die ihrige gegen den

Glückseligkeitstrieb, der Individualität die ihre gegen das

Allgemeingültige zu setzen; damit sind zugleich in der Objektivität von

Welt und Leben die Grenzstriche für die Kräfte, Ansprüche und

Bedeutsamkeiten der Dinge selbst gezogen; es gilt für ihn, das praktische,

wie das theoretische Leben vor den Übergriffen, Ungerechtigkeiten und

Verschwommenheiten zu schützen, die aus dem Mangel genauer Grenzen

zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen den objektiven Faktoren

hervorgehen. Als so grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,

so ist sie ihm doch sozusagen nur die natürliche Tatsache, die er

vorfindet, und an der nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung

zwischen den Elementen des Seins beginnt. Zu jener großen Aufgabe, das

Subjekt mit dem Objekt in ein einheitliches Verhältnis zu setzen, brachte

er, als Werkzeuge seiner Detailarbeit daran, von Natur gleichsam die

Instrumente des Markscheiders mit. Ersichtlich verhält sich der Künstler

den Erscheinungen gegenüber umgekehrt. So sehr er auch zunächst das

verwirrende Ineinander der Qualitäten, Betätigungen und Bedeutungen der

Dinge auseinanderlegen muß, so macht doch seine innere Bewegung erst an

der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenüber alle Grenzsetzungen

Interessen zweiten Ranges sind. Gewiß ist die schließliche Einheit der

Elemente und damit der Weltanschauung auch für Kant das Definitivum. Aber

die persönliche Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin mündenden

Bewegungen bestimmt, ist doch das Interesse an der Grenzsetzung; dies ist

die große Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die inneren

Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung der Elemente ihren letzten

Ausdruck finden: „Trennen und Zählen“, bekennt Goethe, „lag nicht in

meiner Natur“; und ausdrücklich sagt er: „Dich im Unendlichen zu finden,

mußt unterscheiden und dann verbinden“, während Kant die Verbindung

vorfindet, und ihre Scheidung für sein dringlichstes Problem hält.

Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung, so setzt sich bei Goethe das der

Einheit aus der allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten fort.

Indem die Einheit der Natur sich in diesen dokumentiert, muß sich unter

ihnen eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die höchstens einer

Abstufung des Entwicklungsmaßes, aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit

mehr Raum gibt. Ich will nur ein paar Äußerungen hervorheben, die zugleich

das plumpe Mißverständnis: Goethes angebliche, hochmütig-aristokratische

Weltanschauung zurückweisen. Er betont einmal, daß zwischen dem

gewöhnlichen Menschen und dem Genie doch eigentlich nur ein sehr geringer

Unterschied gegenüber dem, was ihnen gemeinsam wäre, bestünde. „Das

poetische Talent,“ sagt er ein anderes Mal, „ist dem Bauer so gut gegeben

wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand ergreife,

und ihn nach Würden behandle.“

„Wollen die Menschen Bestien sein,

So bringt nur Tiere zur Stube herein,

Das Widerwärtige wird sich mindern,

_Wir sind eben alle von Adams Kindern_.“

[Illustration: _ALBRECHT DÜRER_

_HIERONIMUS_

_RADIERUNG._]

Und endlich ganz umfassend: „Auch das Unnatürlichste ist Natur. Auch die

plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben

sieht, sieht sie nirgendwo recht.“ Die Einheit der Natur ergreift für ihn

also auch das, was nach der Skala der Werte aufs äußerste einander

entgegengesetzt scheint. Weil Äußeres und Inneres des gleichen Wesens

sind, und zwischen ihren letzten Gründen keine Grenzsetzung möglich ist,

so kann die Verschiedenheit des Maßes, in dem sie sich zu den einzelnen

Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit dieser begründen.

Und wie zwischen den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen. Er

äußert den „Unmut“, den ihm die Lehre von den unteren und oberen

Seelenkräften erregt habe. In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,

ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einem

gemeinsamen Mittelpunkt, der sein geheimes Dasein eben durch das

Verhältnis aller Teile zu ihm manifestiert. „Alle Streitigkeiten der

älteren und neueren bis zur neuesten Zeit entspringen aus der Trennung

dessen, was Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer nicht

überzeugt ist, daß er alle Manifestationen des menschlichen Wesens,

Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verstand zu einer

entschiedenen Einheit ausbilden müsse, der wird sich in einer

unerfreulichen Beschränkung immerfort abquälen.“ Alles dieses würde Kant

wohl prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser Tatsache hebt sich

die Divergenz der Denkrichtungen am deutlichsten ab. Für Goethe kommt es

auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der Seelenvermögen besteht; für

Kant auf die Grenzen der Seelenvermögen, die trotz ihrer Einheit bestehen.

Die Grenzsetzung ist für ihn das unmittelbare Korrelat der Einheit; er

sagt einmal, nachdem er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten eine

scharfe Grenze gezogen hat: „Diese _Absonderung_ hat noch einen besonderen

Reiz, den die _Einheit_ der Erkenntnis bei sich führt, wenn man verhütet,

daß die Grenzen der Wissenschaft nicht ineinanderlaufen, sondern ihre

gehörig abgeteilten Felder einnehmen.“ Wenn es das Ziel jeder

Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander und Auseinander der

Weltelemente zu einer Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller

überzuführen, so haben Kant und Goethe dieses gemeinsame Ziel, der eine

durch die Gerechtigkeit der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere durch

die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht — und gerade darum auch

befriedigend erreichen können, weil jeder von ihnen die Tatsache des

entgegengesetzten Prinzips anerkennt.

[Illustration: _A. FEUERBACH_

_KONZERT_

_BERLIN: NATIONALGALERIE._]

Für beide wird diese Anerkennung freilich von seiten des letzten Motivs

her begrenzt, aus dem überhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das bei

dem einen ein wissenschaftliches, bei dem andern ein künstlerisches ist.

Die Wissenschaft befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten Einheit

des Weltbegriffes, kann sie aber niemals erreichen; auf welchem Punkte sie

auch stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges in eine andre

Denkweise: religiöser, metaphysischer, moralischer, ästhetischer Art — um

das unvermeidlich Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer völligen

Einheit zu ergänzen und zusammenzuschließen. Das hat Kant sehr gut gewußt,

und er bestimmt deshalb mit großer Entschiedenheit die Schranken nicht nur

_innerhalb_ seines Weltbildes sondern auch dieses Weltbildes selbst,

soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber dem Ideal der

unbedingten Einheit der Dinge. Für Goethe andrerseits wird die Grenze, bis

zu der die Analyse gehen darf, durch ein nicht weniger bestimmtes

Kriterium gegeben; sie ist ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die

_Schönheit_ der Dinge zerstört. Schönheit, so könnte man in Goethes Sinne

sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich

gegenseitig innewohnen. Daß Schönheit da ist, daß wir sie empfinden, dass

wir sie selbst bilden können, ist die Gewähr dafür, daß jene Einheit der

Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung der Zeit suchte, ist die

Gewähr dafür, daß das geistige Subjekt und die objektive Natur sich

begegnet sind; und sie können sich nur begegnen — so darf man ihn weiter

ausdeuten — wenn und weil sie von vornherein identisch sind. Wir müssen

vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt Lionardo da Vincis zurückgehen,

um einen Zweiten zu finden, der die Welt so restlos ästhetisch genossen,

so jede Wirklichkeit zugleich als Schönheit empfunden hat. Weil Schönheit

die Verkörperung ideellen Gehalts im realen Sein ist, so bedeutet die

Durchgängigkeit _ihrer_ Herrschaft die Auflösung jenes fundamentalen

Gegensatzes zwischen dem geistigen und dem natürlichen, dem subjektiven

und dem objektiven Prinzip des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner

Nichtigkeit. Darum findet er in der Schönheit das niemals trügende

Kriterium für die Richtigkeit der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die —

äußere oder intellektuelle — Zergliederung des Objekts die Schönheit

seiner Erscheinung nicht mehr bestehen ließe, wäre die Unwahrheit ihrer

Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreißen der Natur „mit Hebeln und mit

Schrauben“ ist ihm sozusagen theoretisch falsch, weil es ästhetisch falsch

ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt er sich nur schwer ab, da sie

„doch den Eindruck einer schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen des

Geistes zerstückelt“. Daher auch sein Haß gegen die Zerstückelung Homers;

er will ihn „als Ganzes denken“, weil er nur so seine Schönheit bewahre.

Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische Auffassung der

Dinge zerstören, meint er:

„Was wir Dichter ins Enge bringen,

Wird von ihnen ins Weite geklaubt.

Das Wahre klären sie an den Dingen,

Bis niemand mehr dran glaubt.“

In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das kleine Gedicht: „Die

Freude.“ Er entzückt sich an den Farben einer Libelle, will sie in der

Nähe sehen, verfolgt und faßt sie und sieht — ein traurig, dunkles Blau.

„So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!“ Mit der zuweit getriebenen

Zergliederung, die den ästhetischen Genuß zerstört, entschwindet also

nicht etwa eine Illusion, sondern das ganz reale Bild des Gegenstandes.

Ja, seine Abneigung gegen Brillen ist schließlich doch auch nur die gegen

das scharfe Zerfasern der Erscheinungen, gegen das Zerstören des natürlich

schönen Verhältnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden Organ.

Gewiß mit Recht meint Helmholtz, das letzte Motiv für seine unselige

Polemik gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen, wo er über die

durch viele enge Spalten und Gläser hindurchgequälten Spektra spottet, und

die Versuche im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht nur als besonders

ergötzlich, sondern auch als besonders beweisend preist. Die Zerstörung

des ästhetischen Bildes ist ihm zugleich die Zerstörung der Wahrheit. Die

rechnerische Vorstellung der Dinge, wie die mathematische

Naturwissenschaft sie durch Zerlegung in ihre, womöglich qualitätslosen,

Elemente gewinnt, muß ihm wegen ihres Mankos an ästhetisch-anschaulichem

Werte ein ebenso großer Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt für Kant

dieses ästhetische Kriterium ein solcher gegenüber den Gegenständen des

Naturerkennens wäre.

[Illustration: Ornament]

Der großen Zweiheit der Weltelemente, durch deren mannigfaltige

Versöhnungen hin sich die Weltanschauung der neueren Zeit entwickelt,

steht eine andere zur Seite, die sich viel früher als jene aufarbeitet, in

ihrem Bildungsschicksal aber mit ihr verwandt ist: der praktische

Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen Gesamtheit, aus dem

man die Probleme der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch hier

beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand: die Interessen des

Einzelnen und der Gesamtheit haben in primitiven Kulturen überhaupt noch

keine nennenswerte oder bewußte Entgegengesetztheit: der naive Egoismus

hat zwar gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen anderen Inhalt

als der Gruppenegoismus. Sehr bald freilich bildet sich mit der anhebenden

Individualisierung der Persönlichkeiten ein Gegensatz zwischen beiden

heraus, und damit die Forderung an den Einzelnen, sein persönliches

Interesse dem der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt ein Sollen

gegenüber, der natürlichen Subjektivität ein objektives Moralgebot. Und

abermals erhebt sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch

Unterdrückung der einen Seite oder durch gleichmäßige Befriedigung beider

aufzuheben; wobei es sich hier ersichtlich um eine Lösung handelt, die den

Wert des Lebens überhaupt auf sein Maximum bringe.

Kant und Goethe · 第 1 / 3 段