Aber nun ist wieder Ruhe. Nirgends eine Krähe oder ein Raubvogel zu

sehen. Gedankenlos raucht der Förster seine Pfeife und blickt dem

Rauche nach. Dann tritt er wieder einmal von einem Beine auf das

andre und macht einige trippelnde Schritte am Orte, um warme Füße zu

bekommen. Dann guckt und starrt er wieder in die Ferne. Plötzlich fährt

er vom Schußloch zurück und greift nach seinem Gewehr. Aber er kann

sich bücken und drehen und durch alle Luken spähen, einen Raubvogel

sieht er nirgends. Wieder tritt er ans Schußloch, und wieder hat er die

Empfindung, als wäre oben grade noch sichtbar ein Vogel vorübergezogen.

Und nun merkt er auch, daß es eine Mücke ist, die ihren Winterschlaf

in der Hütte des ungewohnten Lichtes wegen unterbrochen hat und am

Schußloche auf und niedertanzt und hin und her. Wie oft hat sich der

Förster schon täuschen lassen, auch früher schon, als seine Augen auch

für die Nähe gut waren. Aber klug geworden ist er nicht, immer wieder

fällt er auf den gleichen Scherz hinein, mag nun eine Fliege an seinen

Augen vorüberfliegen, oder eine Spinne sich an einem Faden schaukeln.

Jetzt merkt der Förster auch, daß er Hunger hat, mit Pfeifenrauch

läßt sich sein Magen nicht besänftigen. Da packt er denn seine Sachen

zusammen. Er steckt die Krähen bis auf eine in den Rucksack, um sie an

der Fasanenfütterung als abschreckendes Beispiel aufzuhängen, holt den

Uhu herein und pflockt ihn in der Hütte an, nimmt sein Gewehr und geht.

Am Nachmittage will er noch einmal sein Heil versuchen, Krähen hat er

zwar genug, und die stoßen auch nachmittags schlecht, aber Raubvögel

will er schießen, vielleicht kommt der Wanderfalke wieder.

* * * * *

„Ach was, lumpige Krähen, einen Wanderfalken will ich schießen, Frau!

Ich bin ja warm angezogen, und Jockel friert auch nicht. Rasch noch

eine Tasse Kaffee!“

Wieder wandert der Förster an der Fasanerie entlang über die Wiese

nach der Hütte. Der Himmel hat sich umzogen, und der Südwest weht kalt

und feucht, lange wird es nicht mehr dauern, dann setzt es Schnee. Der

Hüttenjäger ist noch nicht ganz bis zur Krähenhütte gekommen, da tanzen

schon einige weiße Flocken zur Erde nieder, wirbeln wieder hoch und

senken sich, bis sie schließlich als nasse Tropfen am Grase hängen. So

ein Schneegestöber stört nicht sehr bei der Hüttenjagd. Auch der alte

Grünrock läßt sich durch die fallenden Schneesterne nicht beirren, er

holt den Uhu aus der Hütte und setzt ihn auf die Jule (Sitzholz für den

Uhu vor der Krähenhütte). Dann macht er sich zum warmen Empfang der

gefiederten Räuber fertig.

Zwei Uhr schlägt es vom Dorfe her. Es ist nichts zu sehen als fallende

Flocken, nichts zu hören als das leise Tropfen von Tauwasser, das

vom Hüttendache ins Stroh hinabfällt. Dann wieder tönt das Knallen

einer Peitsche von der Landstraße herüber, der Pfiff des Dampfwagens

unterbricht einmal die Stille, das ist alles.

Aber eintönig ist das Warten für den Förster nicht, Langweile kennt er

überhaupt nicht. Jetzt kann er ja ganz ungestört die wundervollsten

Jagden in seiner Phantasie mitmachen, Jagden, auf denen er keinen

Fehlschuß tut, wo seine Hunde den Neid aller Mitjäger erwecken und wo

der dicke Bäckermeister Schulze durch ganze Serien von Fehlschüssen die

Spottlust der Jäger herausfordert. -- Oder er geht pürschen im Geiste.

Am Bachufer schreitet er hin und schaut bald da, bald dort hinaus aus

den Büschen auf die Wiese und den Klee nach dem roten Rehbock. Da sieht

er ihn stehen mit den hohen dicken Stangen, er sieht ihre weißen Enden

blitzen und den Dampf vor dem feuchten Geäse des Bockes. Dann malt er

sich die Wirkung seines abgezirkelten Blattschusses aus, wie der Bock

aufspringt in einer jähen Flucht und dann verendend zusammenbricht.

Drei Uhr schlägt es vom Dorfe herüber. Das Schneewetter hat

nachgelassen, die Bäume der Landstraße werden durch die spärlicher

fallenden Flocken hindurch sichtbar. Wie ein riesiges, weißgeflecktes

Fell liegt die Erde da, der Himmel spannt sich grau und grießelig

darüber aus. Jockel schüttelt sich die Flocken aus den Federn und tritt

ein wenig auf dem Sitzholze hin und her, um dann wieder das eine Auge

halb zu schließen und zu duseln und träumen, wie sein Herr.

Die Stimmen von Kleinvögeln ertönen aus der Luft, und der Förster

sieht nach der Birke hinaus. Ein Flug Feldsperlinge läßt sich eben

nieder. Hell und silbern klingt ihr Schilpen, und terrerrerr zetern sie

dazwischen. Prachtvoll rotbraun glänzt ihr Scheitel, und schmuck sehen

die weißen, schwarz gesäumten Backenflecken aus, weiß strahlt auch der

Halsring. Eilig sucht der Förster eine Patrone mit feinen Schroten.

Die Frettchen haben ihre Semmelmilch und Tag für Tag nichts als

Semmelmilch satt, denen kann einmal etwas zartes Vogelfleisch nichts

schaden. Wie ein Spreuhaufen stieben die kleinen Kerle auseinander

beim Knall des Schusses, wie fallende Blätter stürzen viele aus der

dichtgedrängten Schar zu Boden. Scharf guckt der Förster nach dem Fuß

der Birke, immer und immer wieder nimmt er jeden der gefallenen Spatzen

in Augenschein. Endlich hat er sich überzeugt, daß keiner mehr lebt,

daß kein angeschossener sich aus dem Staube machen kann, um elend und

qualvoll umzukommen. Dann lacht der Förster auf. Einen Wanderfalken

wollte er schießen, und nun ist er befriedigt, wenn er sechs oder

sieben armselige Spatzen mit einem Schusse erlegt.

Wieder guckt er zum Schußloch hinaus. Halb vier muß es schon sein, und

nicht ein einziger Raubvogel hat sich sehen lassen. Zwar kann jeder Tag

ein Jagdtag sein, ein Fangtag ist er deshalb noch lange nicht, sagt

eine alte Jägerweisheit. „Ich glaube, das meiste habe ich,“ knurrt der

Alte. Da huscht ihm ein Schatten über die Augen. Mücke oder Raubvogel?

Er weiß es nicht und guckt zunächst nach der Mücke. Doch nein, diesmal

war’s wirklich ein Räuber, mit elegantem Schwunge stößt er auf den

gehaßten Uhu. Doch der Jäger läßt sein Gewehr in Ruhe. Schon an der

Art des Angriffs und am gellenden Kampfrufe „ki ki ki“ hat er den

Turmfalken erkannt. Er hat seine Freude an dem munteren Falken. Ein

Männchen ist es, denn Blaugrau ziert Kopf und Schwanz und Bürzel. Mit

angelegten Flügeln saust es in jähem Schwunge über die Eule hinweg,

wendet kurz und im Nu stößt es wieder. Dann schwenkt es ab, rüttelt,

als wenn es ganz genau zielen wollte und neckt den Feind aufs neue.

Vielemale erneuert es seinen Angriff, aber schließlich verliert es doch

seinen Reiz für den Falken, der Uhu kennt den Spaß von früher und tut

nicht, als wenn ihm das Necken lästig wäre. Fälkchen schwenkt deshalb

ab und setzt sich auf die Birke, um von oben aus die Welt zu besehen.

Zunächst gilt seine Aufmerksamkeit noch dem Uhu, dann aber beginnt es,

in den Federn zu nesteln und sich zu putzen. Auf einmal hört es mit

seiner Tätigkeit auf, dreht das runde Köpfchen nach unten und guckt

mit den dunkelbraunen Augen nach den Sperlingen. Dann schwenkt es um

die Baumzweige herum und greift mit seinen weit ausgestreckten gelben

Fängen einen der kleinen Spatzen, dann braucht es wieder die braunen

Flügel und eilt davon mit seiner Beute, um sie in Ruhe zu verzehren.

Freudig und neidlos hat der Förster dem kleinen Diebe zugesehen, das

seltene Schauspiel, einen Räuber so nahe und so ungestört beobachten

zu können, hat ihn gar nicht daran denken lassen, daß seine Frettchen

nun mit einem Sperling weniger sich begnügen müssen. Für ihn hätte es

des gesetzlichen Schutzes nicht bedurft, die Turmfalken waren seine

Lieblinge von je, und drei Pärchen durften unter seiner Aufsicht in

diesem Sommer ihre zahlreichen Jungen auffüttern.

Mit dem Stoßen des Turmfalken scheint überhaupt das Erscheinen von

Raubvögeln begonnen zu haben. Über der Fasanerie kreist ein Räuber.

Fast ohne Flügelschlag zieht er seine Kreise, schwebt hin und her an

dem Wäldchen und blockt schließlich auf der Spitze einer Eiche. „Na ja,

sitze nur, bis es finster ist, Lump, feiger!“ schimpft der Förster,

aber er tut dem Vogel unrecht. „Hiäh, hiäh“ pfeift er und dann kommt

er. Bald kräftig mit den Flügeln schlagend, bald schwimmend in der

Luft nähert sich der Räuber, dann -- schwenkt er ab und kehrt nach dem

Walde zurück. Aber auf dem Wege dahin überlegt er sich’s wieder anders

und kommt wieder näher. So geht es hin und her, hinauf und herunter,

gerade als sollte der Jäger zum Narren gehalten werden. Dann fängt der

Mäusebussard an zu kreisen, schraubt sich hoch und höher und fliegt

schließlich aufs freie Feld, um Mäuse zu fangen.

Zwar ist der Bussard vom Gesetz als nützlicher Vogel geschont, aber

der Förster hat einen Groll auf seine Sippe, weil einer ihm mal einen

eben geschossenen Fasan vor der Nase weggenommen hatte. Das war in dem

mäusearmen Jahre 18.. gewesen, und der arme Mausfänger hatte gewiß nur

in der höchsten Not nach dem bunten Vogel gegriffen, denn Hunger tut

weh. Er brachte damals sein Leben in Sicherheit. Ehe der Förster sich

von seiner Verblüffung erholt hatte, war er längst außer Schußweite

gewesen. Nun aber muß jeder Bussard sterben, der dem Grünrock nahe

genug kommt; denn es könnte doch vielleicht der Fasanendieb sein. Auch

der, der sich jetzt nicht an den Uhu herantraut, hat gewiß schon einmal

Feuer bekommen, sonst würde er wohl die gehaßte Eule nicht ungeneckt

lassen.

Aufmerksam guckt der Förster bald hier, bald da hinaus, um ja keinen

nahenden Raubvogel zu verpassen. Wenn auch gewöhnlich Jockel, der

Uhu, durch sonderbare Bücklinge und Grimassen das Nahen eines Räubers

angezeigt, manchmal sitzt er auch stockstill, wenn einer seiner

Quälgeister vorüberfliegt. Jetzt blickt er scharf nach einem Punkte des

Horizonts, wackelt eigenartig mit dem Kopfe und zieht die Flügelbuge

hoch. Kein Zweifel, seine scharfen Augen haben einen Feind entdeckt.

Nun sieht ihn der Jäger auch. Er hat erst an einer falschen Stelle

gesucht, sonst hätten seine weitsichtigen Augen den schwarzen Punkt am

Himmel nicht übersehen. Langsam wird der Vogel größer, und bald ist er

nahe genug, so daß der Förster mit dem Glase den Vogel ansprechen kann.

Die Flügel sind spitz, also ist es ein Falke. Der Stoß (Schwanz) ist

kurz. Der Vogel fliegt sehr rasch und fast in gerader Linie, er scheint

auch bedeutend größer zu sein als ein Turmfalke. Des Jägers Herz klopft

rascher und das Gefühl, das er als Knabe hatte, als er heimlich seinen

ersten Sperling schoß, beschleicht ihn, denn nun ist kein Zweifel mehr,

der Wanderfalke, das Hochwild des Hüttenjägers, zieht heran.

Wird er auf den Uhu stoßen, wird er gut genug kommen, daß der Schuß

aus dem engen Loch auf den vorbeisausenden Räuber auch nicht fehlgeht?

Die Spannung, die Erwartung und Ungewißheit, dazu der Anblick des

nahenden Vogels und des schnabelknappenden Uhus, das alles wirkt

mächtig auf die Nerven. Der höchste Genuß des Weidmanns ist dieser

Reiz, das Jagdfieber vor dem Schusse. Mag mancher auch noch so oft

diese Aufregung verwünscht haben, wenn die Büchse wankte in seiner Hand

und das Ziel zu verschwimmen begann, er muß doch zugeben, daß ein Schuß

ohne Spannung und Erwartung viel reizloser ist, wie der Schuß auf eine

Scheibe beinahe.

Hundert Schritt etwa mag der Wanderfalke noch entfernt sein, noch

immer kümmert er sich nicht um den Uhu, geradeswegs auf die Fasanerie

steuert er zu. Doch jetzt biegt er ab und saust schnurgerade auf den

schnabelknappenden Jockel zu. Dicht über den Kopf der Eule stößt er

hinweg und biegt steil nach oben ab. Dann wendet er, um seinen Angriff

zu erneuern. Wieder schwingt er sich nach oben und verschwindet schon

beinahe am Rande des Schußlochs, da dröhnt der Schuß. -- Da liegt er

nun, der stolze Räuber der Lüfte, der die Taube einholte im rasenden

Fluge und der die streichende Ente fing, noch ehe sie sich ins

schützende Schilf werfen konnte. Krampfhaft schließt er die mächtigen

Fänge mit den nadelspitzen Krallen, einmal noch schlägt er mit den

blaugrauen Schwingen, dann sinkt sein Kopf zurück, der Beherrscher der

Lüfte ist verendet.

Stolz und mit freudestrahlenden Augen tritt der glückliche Schütze an

seine Beute heran. Tastend fährt seine Hand über den dunkeln Scheitel

des prachtvoll ausgefärbten Wanderfalken. Freudig betrachtet er den

schwarzen Bartstreifen unter dem dunkelbraunen Auge, das Weiß auf

Wangen, Kehle und Hals, die Brust, die auf rostfarbenem Grunde schwarze

Querbänder zeigt, die zartgrauen, dunkelgewellten „Hosen“. Prüfend

versucht er die Schärfe der Krallen an den gelben Fängen, dann breitet

er die Schwingen aus, einen Meter etwa klaftern sie.

Bei einem berühmten Meister will der Förster seine Trophäe präparieren

lassen, in möglichst lebendiger und naturgetreuer Stellung. Auf dem

vorteilhaftesten Platze in der guten Stube soll sie prangen, für

gewöhnlich verhüllt von einem Schutzmantel aus Glaspapier. Nur wenn

Ehrengäste kommen, soll der Wanderfalke frei in seiner ganzen Schönheit

an der Wand prangen. Dann können fünfzig und mehr Jahre vergehen, ehe

Staub und Licht das Präparat unscheinbar gemacht haben.

Kühn stößt unterdessen ein Turmfälkchen auf den Uhu. Zornig ertönt sein

Schrei, und heftig sind seine Angriffe. Voll Wohlgefallen betrachtet

der Förster das Flugbild, die Gewandtheit und Lebendigkeit des kleinen

Räubers. Dabei muß er an den Wanderfalken denken, der noch mutiger,

noch gewandter und kühner war. -- Und dabei kommt ein ungeahntes

Gefühl in seine Brust. Fast ist es ihm leid, daß er das Ziel seiner

jahrelangen Sehnsucht erreicht hat. Gewiß wird er mit Freude auf seinen

Wanderfalken blicken jederzeit, aber immer wird er den leisen Vorwurf

in sich spüren, daß er doch die ganze Schönheit dieses Vogels beinahe

völlig zerstört hat. Denn was bedeutet die armselige Trophäe an der

Wand gegen das Schauspiel, das ein Wanderfalke im Leben bietet. Wie

kann der Verlust von einigen Rebhühnern oder Tauben überhaupt in Frage

kommen, wenn man das herrliche Schauspiel eines jagenden Falken damit

erkauft.

Die Freude an der Hüttenjagd ist dem Graubart mit einem Male verleidet.

Lange wird es zwar nicht dauern, dann sitzt er doch wieder draußen mit

dem Uhu, um Raubvögel zu erlegen, aber er nimmt sich fest vor, seltene

Vögel zu schonen. Dann packt er den Uhu in seinen Korb, nimmt sein

Gewehr und seine Beute und wandert heimwärts.

Vom Aal

Oktober ist es. Warm scheint noch die Sonne am Tage, den letzten Äpfeln

rote Bäckchen zu malen. Kalt sind die Morgen, daß das Laub zittert und

locker wird am Gezweig und rote und gelbe Sterbegewänder anlegt. Das

vergilbende Schilf am Teiche rauscht und lispelt. Aber aus dem Teiche

plätschern ihm die Wellen nicht Antwort. Trüb und schlammig steht noch

ein wenig Wasser an der tiefsten Stelle, gurgelnd drängt sich ein

schlammig trübes Bächlein unter dem Schützen hindurch. Der Teich ist

abgelassen zum Fischen.

Mit dicken runden Rücken furchen die Karpfen die Lache, Hechte

plätschern, und Barsche arbeiten heftig mit den Kiemen, um etwas von

dem spärlichen Sauerstoff der Schlammflut für sich zu haben. Am Abend

flackern mächtige Holzfeuer auf und beleuchten die zappelnden Fische,

einige Männer stehen dabei und wachen. Sie schließen bald den Schützen,

um das Wasser wieder anzustauen, damit die Fische nicht ganz trocken

liegen, bald lassen sie wieder etwas ab, damit am Morgen das Wasser

nicht mehr zu tief ist. Vor allem aber geben sie Obacht, daß nicht

Diebe hier leichte Ernte halten.

Endlich brennen die Feuer bleicher, der Himmel rötet sich, der Fangtag

bricht an. Große Fässer mit frischem Wasser werden bereit gestellt,

und auf schlittenartigen Fahrzeugen ziehen Pferde Wasserbütten über

den knirschenden Sand zum Teiche. Dann kommen Männer mit hohen

Wasserstiefeln und Lederschürzen. Sonderbare Netze mit zwei Handgriffen

und Weidenkörbe tragen sie. Dann waten sie hinein in den gurgelnden

und schmatzenden Schlamm, fangen die Fische und legen sie in die

Körbe. Wohl zucken und schnellen die schuppigen Karpfen, wohl springen

die glatten Hechte hin und wieder aus dem Korbe. Aber immer wieder

werden sie eingefangen und schließlich in die Butten geschüttet und

fortgefahren. Am Forsthause werden sie wieder ausgeladen, gezählt und

in die Heller geworfen, in deren klaren, schlammfreien Fluten sie

einige Zeit bleiben, bis sie den Schlammgeruch verloren haben und

wirklich schmackhaft geworden sind.

Weniger und weniger wird das Zappeln und Springen im Teiche. Die

Karpfen sind schließlich eingefangen, noch einige Hechte werden aus

dem Schlamm gezogen, dann ist das eigentliche Fischen beendet. Die

Nachfischerei beginnt. Alles, was nun gefangen wird, ist Eigentum der

Arbeiter, die beim Fischen geholfen haben. Meist sind es Barsche, die

noch im Wasser zappeln, aber auch kleine Schleien und Hechte werden

gefunden, denn jetzt wird noch gründlicher gesucht als vorher. Ein

wahres Wunder muß man es fast nennen, wenn ein Krebs oder ein noch

genießbares Fischchen übersehen wird.

Aber einer hat es doch verstanden, sich zu verbergen. Wohl eine

Spanne tief hat er sich in den Schlamm eingewühlt mit seinem langen,

schlangenähnlichen Körper, kein Wunder, daß der +Aal+ nicht aufgefunden

wird. Ganz ruhig liegt er da und regt sich nicht. Erst am Abend,

wenn alles ruhig ist, dann schlängelt er sich hervor und wühlt sich

durch den Schlamm, der tiefsten Stelle zu. Unruhig durchfurcht er

das Wasser, das von den Leichen der abgestorbenen und zertretenen

Kleinfische verdorben ist und sucht nach einem Ausweg. Schließlich

findet er den Abfluß und untersucht gewissenhaft die Weite des Gitters

an allen Stellen. Schon ist seine spitze Schnauze beinahe wund, da

endlich findet er eine Stelle, wo die spülenden Wasser einen kleinen

Stein losgearbeitet haben. Weit ist die Öffnung nicht, ein starker

Männerdaumen würde gerade hindurchgehen, aber ein Aal hat eine schlanke

Figur, und so zwingt und drängt er seinen schwärzlichen Körper durch

die Öffnung und ist frei.

Das frische Wasser des Abzugsgrabens umspült seine Kiemen und

frischt seine Lebenslust auf, und munter schlängelnd wandert der Aal

bachabwärts, bis aufs neue ein Eisengitter ihm den Weg versperrt. Doch

er kennt nun schon die Weise, wie man um eiserne Rechen herumkommt, er

benutzt die Fahrt der Wasserratte und badet bald seinen schlanken Leib

in den weiten Fluten eines andern Teichs. Weicher, schwarzer Schlamm

bildet den Boden, Erlen und Pappeln stehen am Ufer und bilden mit ihrem

Wurzelwerke dunkle Verstecke, Schnecken und Würmer sind auch zur Genüge

da, deshalb gefällt es dem Aale hier und er bleibt da.

Allabendlich beginnt er seinen Jagdzug und wandert an den Ufern

entlang, um Genießbares zu finden, Bekanntschaften mit andern Fischen

zu schließen und ein bißchen Unterhaltung zu suchen. Einige Barsche

findet er wieder, die gleich ihm einen Ausweg aus dem abgelassenen

Teiche gefunden haben, einige Hechte, die etwas kleiner sind als er

und ihm deshalb nichts tun können. Aber die meisten Teichbewohner

sind doch Karpfen, fette, träge Tiere, die keinen Verkehr mit ihm

mögen, weil sie zu stolz oder zu dumm sind. Die neue Umgebung, die

neuen Bekanntschaften lassen den Aal ganz vergessen, wie rasch die

Tage vergehen, und nur am Nachlassen des Hungers und großer Müdigkeit

und Schläfrigkeit merkt er, daß es kalt, daß es Winter geworden ist.

Tag für Tag liegt er nun im Schlamme. Zu fressen gibt es nichts, und

er mag auch nichts haben, er spürt keinen Hunger, er schläft und

schläft. Endlich wird er wach und spürt, daß er jetzt einen Wurm nicht

verschmähen würde oder eine Mückenlarve.

Gleich macht er am Abend einen kleinen Rundgang. Aber auf dem

Schlammgrund findet er nichts und wendet sich deshalb dem schilfigen

Ufer zu. Da kommt mit wilder Hast ein Fisch auf ihn losgeschwommen,

stößt ihn mit der Schnauze und beißt gar nach seiner Schwanzflosse, so

daß er sich eiligst davonschlängelt. Als seinen Freund, den Hecht, muß

der Aal den ungeschliffenen Patron erkennen. Betrübt gleitet er durchs

Wasser, den nächsten Barsch hält er an und fragt, was in den Hecht

gefahren wäre. Der Gefragte zieht ein höhnisches Maul. „Das wißt Ihr

nicht, die Hechte laichen doch jetzt, und das Männchen verjagt jeden,

der in seine Nähe kommt!“ Aber Fortpflanzungsgeschäft, Eifersucht und

was der Barsch noch alles nennt, das sind neue Ausdrücke für den Aal,

er weiß nicht einmal, ob er Männchen oder Weibchen ist. Nicht die

mindeste Lust hat er, Eier zu legen oder Männchen zu spielen, und er

macht sich über das sonderbare Tun und Treiben lustig. Aber innerlich

fühlt er sich doch unglücklich, daß er nicht einmal weiß, ob er zum

Eierlegen oder Eierbefruchten geboren ist. Er fängt an zu grübeln und

zu denken, ja, er wird ganz tiefsinnig dabei. Aber für seinen Leib zu

sorgen vergißt er auch nicht, den ganzen Sommer über faßt er zu und

schluckt, wenn er etwas Genießbares sieht. Aber je länger und feister

er wird, desto unruhiger wird er. Was es ist, weiß er nicht, aber eine

unwiderstehliche Macht juckt in seinem Körper und zuckt in jeder Faser.

Unruhig schlängelt er sich in seinem Teiche umher, aber er findet

keine Ruhe. Und eines Tages faßt er den Entschluß, auszuwandern.

Wo das Wasser aus dem Teiche fließt, versucht er, sich durch den

Eisenrechen zu zwängen. Aber er ist viel zu dick dazu. Auch ist

nirgends eine Lücke, nirgends ein Ausweg. Zwei Tage sucht der Aal

vergeblich. Aber am dritten wird er kühn, wagt sich hinaus aus den

heimischen Fluten und schlängelt sich durchs nasse Gras in den

Abzugsgraben. Eilig geht es weiter bachabwärts. Da teilt sich das

Wasser, ein schmales Bächlein springt über ein Wehr und eilt dann

weiter talwärts, die größere Wassermasse aber stürzt sich tosend über

ein großes, stampfendes Wasserrad zu Tale. Der Aal vertraut sich dem

schmalen Wässerchen an, kommt unverletzt über das Wehr und eilt weiter.

Da kommt ein zweiter Wasserlauf und vereinigt sich mit dem Bache, und

siehe da, auch ein Artgenosse des Aals findet sich, der ebenfalls von

innerer Unruhe erfaßt mit dem Wasser reist. Ein Fluß nimmt den Bach

auf und führt Wasser und Aale dem Meere zu. Immer neue Artgenossen

finden sich, alle wandern mit dem Wasserstrome. Neue, unbekannte

Fische schwimmen an ihnen vorüber, Scharen von Weißfischen am Tage,

einige Neunaugen des Nachts. Aber die Aale haben keine Zeit, mit ihnen

Bekanntschaft zu schließen, es treibt sie unwiderstehlich flußabwärts.

Ein kleines, stinkendes Bächlein wälzt bunte, farbige Fabrikabwässer

dem Flusse zu. Unaufhaltsam schwimmen die Aale hindurch. Aber wehe,

der eine, der sich aus dem abgelassenen Teiche gerettet hatte, findet

sich nicht rasch genug heraus aus den giftigen Fluten. Schon ist er

am Ersticken, da umspülen ihn frische Wasser, die ein Wiesenbach dem

Flusse zugeführt hat. Erschöpft macht er Halt. Da sieht er einen großen

Raubfisch, der gleich ihm in dem reinen Wasser sich erholt. Ein Lachs

ist es. Es treibt ihn auch zum Wandern, aber er muß stromaufwärts. Zum

zweitenmal macht er schon den Weg. Im kalten Winter des vorigen Jahres

hat er schon gelaicht im seichten sandigen Flußoberlauf, und jetzt ist

er wieder auf der Wanderung dahin. Er weiß auch zu sagen, daß alle

wandernden Aale Weibchen sind. Am Meeresufer warten die Aalmännchen auf

ihre Schönen, der Lachs hat sie gesehen und soll ihre Grüße bringen.

Und er hat recht gesprochen. Noch einige Tage dauert die angestrengte

Wanderung. Schon vermag unser Aal nicht mehr zu sagen, wie breit der

Strom ist, in dem er wandert. Da fängt das Wasser an, fremdartig zu

schmecken. Langsam gewöhnt sich der weitgereiste Fisch an das neue

Wasser, dann aber wandert er kühn hinein in die salzige Flut. Und siehe

da, er kann sie ohne Schaden ertragen.

Seltsame Käuze · 第 9 / 11 段