Zwei kleine Aale haben sich zu ihm gesellt. Sie umspielen ihn und

schmiegen sich an ihn; Männchen sind es, die um die Gunst des Weibchens

werben. Und das hat gegen die Annäherung nichts einzuwenden. Tagelang

wandern die drei vereint über den Boden der Nordsee dahin. Immer

dicker und rundlicher wird der Leib des Weibchens. Der Laich beginnt

zu reifen. Aber noch immer finden die Fische nicht die geeignete

Stelle zum Ablegen der Eier, noch immer ist ihnen das Wasser zu flach.

Endlich haben sie gefunden, was sie suchen. Eine Wassermasse von mehr

als tausend Meter Höhe lastet auf ihnen, weit entfernt sind sie vom

heimischen Gestade. Da legt das Aalweibchen seine Eier ab, und die

Männchen schwimmen darüber hin und befruchten sie.

Langsam beginnt sich Leben zu zeigen in den Eiern, die dort am

Meeresgrunde liegen. Schließlich schlüpfen die Jungen aus. Aber was

für sonderbare Tiere sind das, sind es wirklich junge Aale, die aus

den Eiern kommen? Glashell sind sie und schmal wie ein Band. Sie leben

auch nicht wie ihre Eltern. Sie treiben sich schwimmend hoch über dem

Boden umher und vermeiden es, im Schlamme zu wühlen, sie führen ein

pelagisches Leben. Bei der guten Ernährung im Ozean wachsen sie rasch

heran, bald haben sie die Länge eines Fingers erreicht. Da geht auf

einmal eine sonderbare Veränderung mit ihnen vor. Sie werden wieder

kleiner, sie werden kürzer und bekommen eine runde Gestalt. Noch

sind sie glashell, aber allmählich beginnt ihre Haut sich dunkler zu

färben. Sie wandern den Küsten zu, und die Weibchen fangen an, in den

Flußläufen aufwärts zu steigen. Es sind jetzt richtige kleine Aale

geworden. Ihr Leib ist dünn und rund wie eine Stricknadel, ihre Haut

schwärzlich. Aus den Flüssen wandern sie in die Bäche, aus den Bächen

in die Teiche. Schließlich leben sie, wie ihre Mütter lebten, bis sie

ziemlich geschlechtsreif sind, um dann wieder dem Meere zuzuwandern.

Haselmaus

Dick aufgeplustert sitzt Goldschnabel, der kohlschwarze Amselhahn mit

den goldigen Ringen um die braunen Augen auf dem Ebereschenbaum und

verdaut. Er hat die Beine ins Bauchgefieder gesteckt, denn der November

läßt sich schon recht kalt an. Na, aber solange noch korallenrote

Beeren auf den Bäumen hängen und es leicht ist, eine dicke Fettschicht

um den Körper zu erhalten, da hat’s keine Not. Und obendrein ist ja

der Boden noch offen, und die Würmer sind noch nicht so tief unter der

Erde, da gibt’s auch noch Fleischkost.

So weit ist eben Goldschnabel mit seinen Gedanken gekommen, da hat er

auch schon Appetit auf Wurm. Faul schlägt er die Flügel und fliegt

durch’s Unterholz. Dort, wo der Wind das dürre Laub von Eiche und

Linde, von Birke und Ahorn unter den Haselbüschen zusammengefegt

hat, dort weiß der Amselhahn den Tisch gedeckt. Er setzt sich aufs

raschelnde Laub, hüpft rechts und links, wirft mit wilder Hast die

dürren Blätter auseinander, trippelt einige Schrittchen vor, hält

den Kopf schief und lauscht, fährt dann zu und ruckt und zerrt den

erschreckten Wurm aus der Erde, schüttelt und stößt ihn auf den Boden

und schluckt ihn dann hinter. Und weiter sucht er schon nach einem

andern Bissen. Er räumt das Laub vom Wurzelstock des Haselstrauchs und

schluckt, was er findet.

Und wie er so die Blätter umherwirft, da kommt er auf eine Kugel,

die eingefügt ist zwischen die Haselwurzeln und fest und glatt aus

Eichenblättern gefertigt. Goldschnabel guckt mit dem rechten Auge,

dann mit dem linken, springt einen Satz zurück und dann wieder vor.

Dann rupft er an den Blättern, denn vielleicht ist etwas zu essen da

versteckt. Und wie er so reißt, da tönt ein feines, hohes Pfeifen aus

der Blattkugel; als wenn ein Goldhähnchen da mitten drin säße, so

klingt’s. Erschrocken ist die Amsel zurückgeprallt, aber die Neugier

treibt sie wieder vor. Lange lauscht sie, dann rupft sie wieder, und

wieder pfeift’s Sssiii. „Dack dack dack, das ist unheimlich,“ denkt

Goldschnabel, „giggiggigg, komme doch mal jemand her, hier ist was,“

ruft er.

Und nicht lange dauerts, da kommt auch wer. Markwart, der Holzschreier,

hat das Zetern der Amsel gehört, und gleich fliegt er herbei, zu sehen,

was los ist. Laut kreischend meldet er sein Kommen, sieht sich von der

Steineiche aus erst mal um, ob alles sicher ist, und gleich darauf

sitzt er neben dem Amselhahne. „Ga--he freut mich, daß ihr mich gerufen

habt, ga--he, freut mich,“ schwätzt Markwart, und er sträubt die schöne

Holle auf dem Kopfe und wippt mit dem Schwanze, daß der weiße Bürzel

aufblitzt. Und dann reißt er Blatt für Blatt von der Laubkugel ab, dann

kommt er auf Grashalme, die alle sauber nach einer Seite gedreht sind

wie die Haare auf einem Zylinderhutdeckel. Aber auf die ordentliche

Verpackung achtet der Eichelhäher nicht, ihm ist es um die Sache selber

zu tun. Er faßt hinein in das saubere Nest und langt eine ockerfarbene

Wollkugel heraus. Rechts und links wendet er sie mit dem Schnabel,

ehe er unterscheiden kann, was das für ein Wollknäuel ist. Und dann

plötzlich sieht er mit Verständnis die Lösung des Vexierbildes.

Da ist der Kopf mit den fest zugekniffenen Augen, da das zierliche

Schnuppernäschen mit den langen, zuckenden Schnurrhaaren. Die winzigen

Ballen sind die krampfhaft geschlossenen Vorderpfoten, die dicht an die

Backen gedrückt sind. Und der lange, wollige Schwanz ist über das ganze

Tier gedeckt. Leise hebt sich die Brust des kleinen Schläfers, ein

Atemzug füllt die Lungen mit Luft, dann liegt er wieder da wie tot. Nur

wenn Markwart mit dem Schnabel zwickt, dann hebt sich die Brust wieder

und leise ertönt das ärgerliche Pfeifen.

Doch was kehrt sich der Holzschreier daran, ob seine Beute ärgerlich

ist oder nicht. Er zwickt und kneipt mit dem Schnabel so oft, daß die

Atemzüge immer rascher sich wiederholen, das braune Tierchen munter

wird. Es dehnt sich und streckt sich und macht dann blinzelnd die Augen

auf. Groß und erschrocken gucken sie in die Welt; als wären schwarze

Siegellacktropfen auf den Pelz gefallen, so sehen sie aus. Und dann

stellt sich die Haselmaus mit leisem Pfeifen auf die zitternden Beine

und macht einige träge, verschlafene Schritte.

Staunend hat die Amsel der Entwicklung der Dinge zugesehen, jetzt

hüpft sie näher heran, das reizende Tierchen zu betrachten. Doch

entsetzt fährt sie wieder zurück. Die Pupillen in den weißen Augen

des Eichelhähers wechseln rasch ihre Größe, werden enger und weiter,

dazu legt der Holzschreier seine Holle glatt und öffnet den Schnabel

ein wenig; er ist böse, das sieht Goldschnabel sofort. Nun holt er

aus und haut mit kräftigen Schnabelhieben auf die arme, verschlafene

Haselmaus ein, daß sie nur einmal noch laut und klagend pfeifen kann

und dann alle viere von sich streckt. Laut zetert die Amsel und schilt

den Häher einen Mordgesellen, einen Räuber, einen Wegelagerer. Aber

der läßt sich nicht stören, sondern verzehrt die Haselmaus mit Haut

und Haar. Dann wischt er sich zierlich den Schnabel am Boden ab, putzt

und wetzt ihn am Haselzweige und fliegt mit höhnischem Hiäh, das er

dem Bussard abgelauscht, dem Fichtenwalde zu. Die Amsel aber fliegt

zum Ebereschenbaume und erzählt der staunenden Wacholderdrossel, was

Markwart getan, und sie kann sich kaum genug tun in Schimpfnamen wie

Mörder und Schinder, während noch der letztverschluckte Wurm sich in

ihrem Magen windet.

Wochen sind vergangen und der Amselhahn hat sein Erlebnis längst

vergessen. Es hat hoher Schnee gelegen einige Tage, der ist dann wieder

weggetaut, der Sperber hat die Wacholderdrossel gefressen und eine

Meise, die Ebereschenbeeren werden schon recht knapp. Und wer alle

Tage etwas Neues erlebt, denkt nicht mehr ans Vergangene. Doch eines

Tages findet Goldschnabel wieder eine Laubkugel unter Birkenwurzeln

versteckt. Wieder zupft er an den dürren Blättern, doch dann erinnert

er sich plötzlich, was darin steckt, als das feine Pfeifen ertönt. Da

nimmt er sich vor, niemand etwas zu sagen von seinem Funde. Nur von

Zeit zu Zeit einmal sieht er danach und zupft an den Blättern, bis das

ärgerliche Sssiii ertönt, dann weiß er, daß sein Schützling noch lebt

im Winterneste.

Mit Eis und Schnee kommt der gestrenge Herr Winter, macht den Erdboden

erstarren bis tief hinein und schließt so der Amsel Speisekammer ab,

daß sie sich im Dorfe mit Küchenabfällen behelfen muß. Schlecht und

recht schlägt sie sich durch die magere Zeit, bis sie sich auf ihre

Stimme besinnt und von der nebelnassen Birke ihr Kirchenlied flötet.

Noch klingt es schwach und zaghaft, doch von Tag zu Tag wird es voller

und lauter.

Heute hat’s die Sonne wirklich gut gemeint und hat mancher schlafenden

Blumenknospe Lebenslust eingestrahlt. Nun steigt sie mit müdem,

rotem Gesicht ins Wolkenbette, während Goldschnabel sein schönstes

Lied als Nachtgesang anstimmt. Dann fliegt er herunter in’s Gebüsch,

einen Wurm als Abendbrot zu verspeisen. Und wie er wühlt und sucht

im dürren Laube, da raschelt es leise und verloren am Birkenstamme.

Langsam hebt sich ein Blatt und ein gelbes, schnupperndes Näschen, von

zuckenden Schnurrhaaren wie von einem Glorienschein umgeben, schiebt

sich vor. Dann kommen zwei große schwarze Augen, dann niedliche

Ohren, dann huscht auf winzigen Beinen die Haselmaus ganz hervor. Auf

zitternden Füßchen trippelt sie einher, tastet mit den Schnurrhaaren,

schnuppert mit dem Näschen und guckt mit strahlenden Augenperlen in

die Runde. Und dann putzt und leckt sie den Wollpelz glatt. Wer ein

halbes Jahr lang mit dem Pelz im Bette träumt, der verdrückt ihn.

Aber die emsig kratzenden und reibenden Händchen bringen bald Ordnung

in die Haartoilette, und wie aus Watte gezupft trippelt das winzige

Eichhörnchen über den Boden.

Arg hungrig ist es nach der langen Ruhe; wer sechs Monate nichts ißt,

der behält nicht viel Fett auf den Rippen. Auch wenn er nur ganz

langsam und sparsam atmet, ganz unterbrochen ist der Stoffwechsel

nicht, wenn er auch auf das denkbar kleinste Maß zusammengedrückt ist.

Was mag Haselmäuschen nur suchen auf dem kahlen Boden, dort scheint

doch wahrlich nichts Genießbares zu liegen. Doch da hält es schon

irgendeinen Bissen zwischen den Pfötchen, setzt sich artig auf die

Keulen und stützt sich auf den wolligen Schwanz. Rapp, rapp, rapp,

knappern die Nagezähne am Birkennüßchen, das Zeisig oder Blaumeise

zu Boden warf. Da sitzt ein Falter und bewegt langsam seine lahm

gewordenen Flügel. Den hat sie gleich beim Wickel und knappert und

mummelt ihn hinter. Dann schleckt sie einen Nebeltropfen, dann nagt sie

wieder einen Birkensamen hinter. Und dann kommt der Festschmaus. Eine

Haselnuß liegt vergessen am Boden. Die Feuchtigkeit des Frühjahrs hat

ihren Keim schwellen lassen, daß er die Schale sprengte und mit rotem

Arm nach dem Boden greift, um Wurzel zu schlagen. Den packt die kleine

Fresserin und nimmt ihn zwischen die Zähne, und hopp, hopp, hopp, sitzt

sie vor ihrem Nest, raspelt und nagt die Hülle vom Nußkern und nascht

vom zarten, süßen Fleische. Ganz vertieft ist sie in ihre Beschäftigung

und denkt nicht an ihre Umgebung, sieht Goldschnabel nicht, der ganz

glücklich seinem Schützling zusieht, nur den leckeren Nußkern sieht sie

und schwelgt nach der langen Fastenzeit.

Da schreit scharf und gellend der Warnruf der Amsel, und in wilder

Flucht eilt sie durch’s Unterholz, daß die Ohreule bald absieht von

ihrer Verfolgung und abschwenkt. Aber sie mag die Birke umkreisen,

immer und immer wieder, wo sie so deutlich das Knappern von

Mäusezähnen hörte, sie hört nichts vom Lieblingswilde und sieht nichts.

Heute kommt die Haselmaus sicher nicht wieder aus ihrem Verstecke und

wenn morgen die Sonne nicht warm scheint, verschläft sie wieder einige

Tage. Doch so fest wie zur kalten Winterszeit, wo sie niemand munter

kriegte, schläft sie jetzt nicht mehr. Sonst wäre sie auch verloren

gewesen, als eines Abends der Igel ihr Nest fand und zerkratzte, weil

er warmes Fleisch darin roch. Da war sie eilend herausgefahren, am

verblüfften Stachelhelden vorüber und am nächsten Haselzweige in die

Höhe, von da zum Rüsterstamm und von dem zur hohlen Eiche. Dort bleibt

sie einige Wochen wohnen, bis der Haselstrauch Blätter kriegt und die

Brombeersträucher auch, dann zieht sie wieder aus. Sie schwärmt einige

Tage umher, bleibt tags bald im hohlen Weidenstamme, bald im leeren

Mäuseloche, bis sie eines Tages mit einer andern Haselmaus wieder

zurückkehrt an ihren Heimatsort.

Nach einigen Tagen, wenn die Fremde die Gegend richtig durchstreift

hat, dann kann man nicht sagen, welches die Einheimische, welches

die Zugezogene ist. Genau so wenig wie man sagen kann, welches das

Männchen, welches das Weibchen ist, wenn man auch am verliebten Treiben

beider erkennt, daß es ein Pärchen ist. Im Stammausschlag der Rüster,

der so dicht und struppig aussieht wie ein ungepflegter Vollbart, dort

bauen die Haselmäuse aus dünnen, geschmeidigen Grashalmen und Blättern

ein großes, lockeres Nest, dort, wo es vom zarten Grün der jungen

Rüsterblätter völlig versteckt ist. Ein günstiges Plätzchen haben sie

sich ausgesucht, die Haselgerten neigen sich zum Rüsterstamme, so daß

man nicht zum Boden braucht, wenn man weiter will, zur Buche ist’s auch

nicht weit und auch die Eiche kann man kletternd erreichen. Da braucht

es den beiden wirklich nicht angst zu werden, wenn eines Tages so drei

oder vier kleine, nackte Kinder im Neste liegen und mit leisem, hohem

Piepen nach der Mutterbrust verlangen. Wer so im Vollen sitzt und so

nahe hat von einem schönen Vorratsplatz zum andern, braucht keine

Nahrungssorgen zu haben.

Goldschnabel hat den ganzen Sommer nicht Zeit, sich um seine

Schützlinge zu kümmern. Er würde sie wohl auch nicht zu sehen bekommen,

wenn er sie besuchen wollte. Denn wenn die Haselmäuse aufstehen, ist

die Sonne längst untergegangen und auch die Amsel schläft schon.

Aber im Winter, als der Amselhahn so nach und nach fünf Winternester

seiner Freunde bloßscharrt, da sieht er, daß es seinen Schützlingen

gut gegangen ist. Von Zeit zu Zeit rupft er mal an den Blättern, um am

Pfeifen zu sehen, ob alle noch leben und freut sich, wenn’s der Fall

ist.

Nur einmal muß er trauern, die eine Kugel, die so frei im scharfen

Ostwind gelegen hat, die pfeift nicht, wenn man sie rupft. Da warnt

Goldschnabel wieder, bis Markwart kommt und den Fund auspackt. Eine

kleine, zusammengetrocknete Mumie kommt zum Vorschein, die sogar dem

Häher zu zähe ist, wenn sie auch kein bißchen riecht.

Und so kommt die kleine, erfrorene Haselmaus sogar zu einem

ordentlichen Begräbnis. Denn Goldschnabel läßt es sich nicht nehmen,

Laub und Erde auf sie zu häufen, und wenn er im Frühjahr wieder bei

Stimme ist, singt er sein schönstes Lied über ihrer letzten Ruhestätte.

Frau Duftig und ihre Kinder

Mitten zwischen den großen Feldschlägen des Ritterguts Z. liegt in

einer kleinen Talsenkung ein Hölzchen. Fichten sind dort angepflanzt

und Dorngestrüpp, und wenn das Wetter rauh und windig ist, suchen

Rebhühner, Hasen und Rehe dort einen Unterschlupf. Der Boden ist sandig

und nicht zu feucht, und deshalb sind auch gar viele Kaninchenbaue

in der Remise. Ein Mensch kommt selten hierher, desto öfter aber der

Fuchs; denn der hat hier oft schon erfolgreiche Jagd gemacht. Und ist

nichts zu fangen, dann liegt doch das veraaste Reh im Graben, auf dem

er sich mit wohligem Knurren wälzt, um sich mit einem mehr eigenartigen

als lieblichen Dufte zu versehen.

Vor ein paar Jahren ließ der Förster die Dornbüsche wegschlagen, da sie

zu hoch und sperrig gewachsen waren und nicht dicht genug, um Deckung

zu geben. Zwar bot er dann den Dornhaufen jedermann zum Geschenk an,

aber niemand wollte ihn haben, und da blieb er liegen. „Schließlich

brütet einmal ein Fasan oder eine Rebhenne darunter“, dachte der

Grünrock, sonst hätte er den sperrigen und stachligen Haufen an Ort und

Stelle verfeuert. Wenn er gewußt hätte, wem er dadurch Unterschlupf

bieten würde, dann hätte er die Dornen sicher nicht liegen lassen.

Im April mag es gewesen sein, da humpelte und hüpfte ein Tier von

Kaninchengröße in dem Graben hin, der zur Remise führt. Von Zeit zu

Zeit erklimmt es die Grabenböschung, um einmal die Gegend nach allen

Richtungen hin zu durchspähen, dann setzt es seinen Weg fort. Aber

rasch kommt es nicht vom Fleck, wahrscheinlich erwartet es in den

nächsten Tagen Junge, der Leib ist stark angeschwollen. Bald setzt es

sich wieder hin, läßt die dunkeln, blaugrünlich schimmernden Augen die

Runde machen, streicht sich mit der dunkeln Pfote über die feuchte, von

weißem Fell umgebene Nase, spitzt die Ohren und humpelt weiter. Was

für ein sonderbares Tier mag es nur sein, das dort im Graben hinhüpft?

Sein dichter Pelz hat oben gelblichbraune Unterwolle und die dichten

Grannenhaare ragen wie schwarze Striche darüber hinaus, unten sieht das

Kerlchen dunkelbraun aus, beinahe schwarz. Dunkel ist auch der buschige

Schwanz, und ebenso die Kehle. Ein Marder kann es also nicht sein, die

haben weiße oder gelbe Vorhemdchen, aber die Bewegung ist wieder ganz

marderartig, nur unbeholfener.

Ein trächtiges +Iltis+weibchen ist es, das ein Wochenbett sucht.

Bald kommt es in der Remise an. Natürlich untersucht es erst einmal

oberflächlich das Hölzchen, um zu wissen, was eigentlich ihre Nachbarn

für Leute sind. „Aha, ein Kaninchenbau, und auch befahren, na, da

geht es ja an, bei denen müssen nächstens auch Kinder kommen, wenn

noch keine da sind.“ Weiter schnuppert Frau Iltis. Frisches „Geläufe“

von Rebhuhn und Fasan findet sie und Fährten von Reh und Hase. Nach

Kleinvögeln riecht es hier auch und Mäuselöcher, die warm nach

Fleisch duften, sind vorhanden. „In ein ganz armes Land bist du sicher

nicht gekommen, hier dürfte es nicht zu schwer sein, eine zahlreiche

Kinderschar groß zu ziehen, Konkurrenz ist noch nicht vorhanden, und

wenn welche kommt, dann bin ich auch noch da“, denkt Frau Iltis. Dann

sucht sie sich ein Versteck.

Zwar sind Kaninchenhöhlen zur Genüge vorhanden, aber mit denen hat Frau

Iltis einmal schlechte Erfahrungen gemacht. In einem weitverzweigten

Bau hatte sie sich niedergelassen, da tönte eines Tages ein sonderbarer

Laut durch die Röhren ihrer Wohnung. Und ehe sie noch recht wußte was

los war, kam ein weißes Tier, dessen Augen rot leuchteten und das

beinahe roch wie ein Genosse der eigenen Sippe. Am Hals des sonderbaren

Wesens hing ein gelbes Ding, das ganz hell immerwährend bimmelte. Da

war Frau Iltis geflohen und wollte mit einem Satz zur nächsten Röhre

hinaus; da sah sie noch zur rechten Zeit, daß das nicht ging. Ein Netz

war darüber gedeckt, das roch nach Mensch und nach Kaninchen. Also

rasch zurück, im wilden Anprall am weißen Tier vorbei und durch eine

lange Röhre, die in einen Brombeerbusch mündete! Da hörte Frau Iltis

gerade, wie ein Jäger zu seinem Gehilfen sprach: „Der Bau scheint

unbefahren zu sein, dort ist das Frettchen. Nehmen Sie es auf, daß

er nicht in eine andre Röhre fährt und vielleicht ausreißt!“ Und

wieder hatte das Glöckchen geklingelt. Da hatte sich die Mama Iltis

schleunigst aus dem Staube gemacht und war glücklich entkommen. Seit

der Zeit mochte sie am Tage nicht mehr in Kaninchenhöhlen bleiben,

geschweige denn darin ihr Lager aufschlagen, der Schreck lag ihr immer

noch in den Gliedern, sobald sie daran dachte.

Hier in der Remise braucht sie nach einem andern Versteck nicht lange

zu suchen, der Reisighaufen kommt ihr ganz wundervoll passend vor für

ein Wochenbett. Einmal umkreist sie ihn und prüft mit der Nase, ob

etwas Verdächtiges darin stecken könnte. Da riecht sie, daß schon ein

andrer hier heimisch ist, der auch am liebsten ungestört lebt, ein

Igel. Der kann ihr und auch ihren Kleinen nichts tun, sie kann ihn aber

auch nicht vertreiben, also steht einer nachbarlichen Duldung nichts

im Wege. Daher schlüpft sie auf dem Pfade, den der Igel getreten hat,

hinein in den Dornhaufen. Der rechtmäßige Eigentümer dieser Wohnung

ist zwar nicht sonderlich erbaut über die fremde Dame, die in seine

Behausung eindringt, aber als Mann von Bildung stellt er sich gleich

vor. „Mein Name ist Borstig, mit wem habe ich die Ehre.“ „Ich bin Frau

Iltis und möchte hier in so ehrenwerter Nachbarschaft meine Kinder

groß ziehen.“ Schnüffelnd hat der Igel die Luft durch die Nase gezogen

und die Stirne in krause Falten gelegt; dann aber erklärt er, nichts

dagegen zu haben, denn er würde nächstens auswandern, etwa im Mai,

wenn die Nächte warm würden, um den Sommer in den Getreidefeldern

zuzubringen. „Bis dahin getreue Nachbarschaft! Doch verzeihen Sie,

Ihren Namen habe ich schon wieder vergessen, haben Sie etwas dagegen,

wenn ich Sie Frau „Duftig“ nenne, denn ein bißchen einen eigenartigen

Geruch strömen Sie schon aus, Rose und Veilchen duften anders.“

„Ja, in einem sonderbaren Geruch steht unsre ganze Sippe“, wird ihm

zur Antwort, „deshalb bin ich mit Ihrer Namensgebung einverstanden.

Sie halten vielleicht unsern Duft für eine schwache Seite unsrer

Persönlichkeit, aber er ist im Gegenteil unsre Stärke. Sie werden sich

vielleicht noch davon überzeugen können, wenn ich es auch nicht hoffe!“

Damit war die Freundschaft geschlossen. Dann machte sich Frau Duftig

daran, ihre neue Wohnung genau zu besichtigen. Eine alte Fichte mochte

an der Stelle gestanden haben, wo der Dornhaufen liegt, die hat dann

der Wind umgebrochen. Eine ganze Tafel von Erde hat das Wurzelwerk

losgebrochen, und jetzt ist unter der Riesenscholle eine geräumige

Höhle, in deren einer Ecke Borstig sich eingerichtet hat. Frau Iltis

bezieht den hinteren Teil und nimmt einige zweckmäßige Änderungen vor.

Sie räumt die losgebrochene Erde weg und hat bald eine schöne runde

Wölbung freigemacht, die das Nest aufnehmen soll. In den nächsten Tagen

wird dann die Kinderstube fein ausgepolstert. Weit braucht die Frau

Duftig nach Baumaterial nicht zu suchen, der Igel hat zum Bau seines

Winternests im vorigen Herbst viel zu reichlich Laub und dürres Gras

eingetragen und gibt gern seiner Nachbarin etwas davon ab. Aber auf den

Bau eines warmen Nestes beschränkt sich die Vorsorge der Frau Iltis

nicht. Die ersten Tage nach dem Werfen läßt sie die Jungen am liebsten

keinen Augenblick allein, deshalb muß für genügend Proviant gesorgt

werden.

Mit ihren schwerfällig aussehenden humpelnden Sätzen stöbert sie

vom Einbruche der Dunkelheit bis gegen Morgen umher. Zur Erlangung

größerer Beute ist sie jetzt etwas zu schwerfällig. Deshalb gilt

allabendlich ihr erster Ausgang der Feldscheune. Dort wimmelt es

förmlich von Mäusen. Die langgeschwänzte braunrote Brandmaus, die so

nett aussieht mit ihrem dunklen Streifen auf der Rückenmitte, die

Feldmaus mit dem kurzen Schwänzchen, sogar die großäugige Waldmaus ist

dort anzutreffen. Da gibt es eine fröhliche Jagd. Sorgsam beobachtet

Frau Iltis das Rascheln im Stroh. Ganz langsam und vorsichtig schleicht

sie näher. Da schiebt sich ein schnupperndes Näschen aus dem Stroh,

die ganze Maus kriecht hervor und knappert und raschelt. Nur einen

schwarzen Schatten sieht sie noch in der Luft, noch einen leisen

Pieps kann sie ausstoßen, und da ist sie schon zwischen den scharfen

Iltiszähnen zerdrückt. Zweien oder dreien geht es ebenso, aber nur

eine wird gefressen, die andern werden als Vorrat in die Wochenstube

getragen.

Dann geht es im Graben entlang hinunter auf die feuchten Wiesen am

Teiche. Mit trippelnden Sätzen hüpft hier Frau Iltis dahin. Sie nimmt

sich nicht die Mühe, vorsichtig zu schleichen, denn die Beute, der

es gilt, ist zu stumpfsinnig, rechtzeitig zu fliehen. Jetzt hat Mama

Duftig erspäht, was sie sucht, sie hüpft zu und zwischen ihren Zähnen

quäkt ein Frosch gar erbärmlich. Und er wird zwar raffiniert, aber gar

grausam behandelt. Der Stinkmarder zerbeißt ihm das Rückgrad oder die

Hinterbeine, so daß er nicht entfliehen kann. Einen ganzen Vorrat von

solch armen halb- oder ganz toten Beutetieren trägt Frau Iltis ein.

Seltsame Käuze · 第 10 / 11 段