Apis sucht einen Ruheplatz, doch das Haus dünkt ihr unpassend, drum

geht es hinüber zur Linde. Ein glatter Ast kommt aus dem dicken

Lindenstamme dort, wo er sich zum ersten Male teilt. Fast wagrecht

ragt der Ast in die Luft, nur seine Zweige hängen etwas nach unten.

Hier gefällt es Frau Apis, die Sonne brennt nicht zu heiß hierher,

aber der Schatten ist auch nicht zu dicht. Die Königin setzt sich auf

den erwählten Platz, sofort haben sich neben ihr eine Schar Getreue

niedergelassen, neue kommen dazu und krallen sich mit ihren sechs

Beinchen an die glatte Rinde, die nächsten setzen sich auf die Rücken

ihrer Schwestern, um wieder andern als Ruhesitz zu dienen. Größer

und größer wird die Traube aus Bienenleibern, immer weniger Insekten

schwärmen noch umher, bis schließlich fast alle Platz gefunden haben.

Doch dauernd ist natürlich die Ruhe beim Bienenvölkchen nicht. Da löst

sich ein faustgroßer Ballen vom Schwarme, entwirrt sich im Fallen,

und die emsigen Honigsucher fliegen hinauf zur Bienentraube, die sich

schon wieder abgerundet hat, und setzen sich darauf nieder. Der Abend

kommt, und über den Wiesen braut der Nebel, die Bienen summen, fallen

nieder und steigen auf; die kühle Nacht senkt sich auf die Erde, und

das Käuzchen schreit in den Weiden an der Mühle, der Bienenschwarm

summt immer noch. Der Morgenhimmel rötet sich, und die Sonne guckt mit

rotverschlafenem Auge aus dem Wolkenbette, die Bienen brummen noch

immer rastlos am Lindenast.

Höher und höher steigt das Tageslicht, seine warmen Strahlen trinken

durstig die glitzernden Tauperlen von Blatt und Gras. Nun werden die

Bienen noch lebhafter. Eine nach der andern löst sich von der Traube

los und summt tanzend auf und nieder, schwärmt hin und her und fliegt

dann weiter herum im Garten und Dorfe. Bald hier am Hausgiebel,

bald dort am hohlen Apfelbaume sieht man sie suchend umherirren,

hineinfliegen in Baumlöcher und dann wieder weiter eilen. Die größte

Zahl ist aber an der Linde geblieben und untersucht die zahlreichen

Höhlungen ihres Stammes.

Zu zweien, dreien fliegen sie ein und aus, bis schließlich die große

Höhle am Stamme, die halb unter Efeuranken versteckt liegt, von vielen

umflogen wird. Hin und her geht es zwischen dem Schwarm und dem Loch im

Stamme, bis schließlich alles nur ein Hin- und Herfluten ist. Und dann

zieht Bienlein auf Bienlein unter lautem Summen hinein in den hohlen

Stamm; wie wenn rieselnde Erbsen aus dem Sack ins Maß rollen, so ist’s

anzusehen. Apis und ihr Volk haben eine Wohnung gefunden, sie bleiben

in der Linde.

Schimpfend sehen die Sperlinge, wie die schöne, große Höhle von den

kleinen Summern bezogen wird, aber eine dunkle Ahnung sagt ihnen, daß

hier Zanken und Beißen nichts hilft, und Star und Rotschwanz, die vom

Schelten der erbosten Gassenvögel angelockt werden, wissen auch nur den

einen Rat, sich mit den Kleinen nicht zu verfeinden. So wird es denn

weiter getragen von Schnabel zu Schnabel, was für Gäste jetzt in der

Linde wohnen, und auch die Menschen sehen es und sprechen einige Tage

darüber; dann ist die Sache nichts Neues mehr.

Doch beim halbvergessenen Bienenvolke wird gearbeitet mit

Bienenemsigkeit, und gar mannigfach ist die Arbeit, die zu tun ist.

Da sitzt eine Schar aus dem Volke der Apis dicht geknäult. Sie sind

gut genährt, und man könnte glauben, sie täten nichts, als ein

Mittagschläfchen halten. Doch haben sie eine wichtige Beschäftigung,

sie -- schwitzen. Eine wärmt sich an der andern, so daß zwischen den

Ringen ihres verschnürten Körpers Wachs hervorquillt. Spurwenig ist

es natürlich, was eine Biene täglich an Wachs hervorbringen kann, und

doch sieht man an den Waben, die aus dem Wachse gebaut werden, daß die

Gesamtmasse gar nicht so gering ist.

Und wenn die einen schwitzen, dann kommen andre, putzen ihnen das Wachs

ab, kauen es mit kräftigen Kiefern und kleben den winzigen Ballen an

das Bauwerk, das andre begonnen haben, noch andre fertig machen werden.

Keine fragt, was nun zu tun ist, jede weiß es von selbst. Mit den

geknickten Fühlern messen und tasten sie, kneten und kleben mit den

Kiefern, und bald reiht sich eine sechseckige Zelle an die andre. Und

in der ganzen Wabe ist ein Kämmerchen so groß wie das andre, alle sind

gleich hoch und breit, alle haben die gleiche Tiefe.

Zwischen den bauenden Bienen läuft die Königin umher, als wollte sie

sich überzeugen, daß ordentlich gearbeitet wird. Doch das scheint nur

so, sie versteht ja von der Arbeit herzlich wenig und läßt ihr Volk

tun und treiben, was es will. Doch wenn eine Anzahl neuer Kammern

fertig ist, dann legt sie ein Ei in jede Zelle. Das ist ihre einzige

Arbeit, aber man darf nicht denken, es wäre eine leichte Aufgabe, mehr

als dreitausend kann sie an einem einzigen Tage legen. Dafür wird

sie aber auch von ihrem Volke gepflegt und beschützt, gefüttert und

gewärmt, jede Biene ist bemüht, ihr den leisesten Wunsch an den Fühlern

abzulesen. Und während die einen kleben und bauen, andre die Königin

geleiten und bedienen, summt die größte Zahl der Bienen im Freien

umher. Geschäftig eilen sie von Blüte zu Blüte, stecken den Rüssel

ganz tief hinein zwischen Staubfäden und Griffel und schlecken und

trinken das winzige Tröpfchen Nektar, das dort geboten wird. Und dabei

stäuben und pudern die Staubfäden die emsigen Insekten über und über

mit gelbem Pollen ein, der zwischen dem Pelz hängen bleibt. Ein kleiner

Teil wird davon in den nächsten Blüten wieder abgestreift, bleibt an

den Blütenblättern hängen, um zugrunde zu gehen, oder an der Narbe des

Griffels, um seinen Zweck zu erfüllen und die Eizellen zu befruchten.

Doch in jeder neuen Blüte kommt neuer Staub in den Pelz der Biene und

macht ihr das Fliegen schwer. Darum setzt sie sich auf ein Blatt und

kämmt und bürstet den gelben Puder von Rücken und Bauch und packt ihn

in das Haarkörbchen am Hinterbein, bis sie dicke falsche Waden hat wie

ein Hochtourist.

Ist dann das Kröpfchen voll von süßem Nektar, sind die gelben Höschen

so dick, daß nichts mehr hineingeht in das Körbchen, dann summt das

Bienlein in schwerem Fluge zum Stock zurück. Es wandert über die Waben

dahin, und wo eine junge Bienenlarve steckt, dort stopft die Arbeiterin

etwas von ihren Vorräten in die Zelle, Blütenstaub und etwas Nektar

wird der Brut als Nahrung angeboten.

Wenn dann die weißen Madenlarven erwachsen sind und sich verpuppen

wollen, dann decken die Bienen einen Wachsdeckel auf ihre Zelle; sie

machen das kleine Kämmerlein zu, damit die weiße Mumie ungestört ihrer

Auferstehung als fertige Biene entgegenschlummern kann. Wenn dann

zwanzig Tage seit der Ablage des Eies verflossen sind, dann regt sichs

unter dem Deckel und die junge Arbeiterin schlüpft aus. Noch ist sie

in ein weißes, weiches Morgenkleid gehüllt, aber das wird bald hart

und färbt sich dunkel, und dann fängt die junge Biene an, sich an

den Arbeiten am Stock zu beteiligen, als hätte sie schon monatelang

gelernt. Gleich weiß sie überall Bescheid, weiß wie Zellen gebaut, wie

Honig gesammelt, der Stock rein gehalten wird. Woher weiß sie das? Sie

hat ihre Kenntnisse geerbt von ihrer Mutter, der Königin, obgleich die

wieder ganz andre Instinkte besitzt als die Arbeiter, von Arbeiten

nichts versteht, nur Eier legt und sich von ihren Töchtern füttern und

pflegen läßt. Ein Wunder ist es, wer vermag es zu +erklären+, nicht nur

zu +beschreiben+?

Der Herbst kommt heran, der Bienenschwarm wird stiller von Tag zu Tag.

Nur wenige Brutwaben hängen im Stocke, die meisten sind angefüllt mit

goldklarem, süßem Honig, dem Wintervorrat. Kälter werden die Tage. Die

Bienen kleben das Flugloch unter der Efeuranke enger, sie kriechen

dicht zusammen und wärmen sich, verschlafen gehen sie, um etwas Honig

zu naschen, nur leises Knistern, kein Brummen und Summen tönt aus dem

Lindenstamme. So träumen und dämmern die Bienen den ganzen Winter

hindurch.

Doch wenn im März die Sonne warm ans Flugloch scheint, dann kommt

Bienlein auf Bienlein herausgekrochen ans warme Licht. Sie putzen sich

und streichen sich über die Fühler, wischen über die großen Netzaugen,

reiben die drei Punktaugen auf der Stirn und fliegen ein Stückchen

umher, um die Glieder zu üben und um einem monatelang unterdrückten

Geschäft obzuliegen. Und nach dem ersten, dem Reinigungsausflug,

beginnt die Arbeit dort, wo sie im Vorjahre liegen gelassen wurde. Die

Königin legt Eier, die Arbeiter reinigen den Stock, tragen die Leichen

der im Winter Verstorbenen aus dem Stocke und fliegen umher, zu sehen,

ob Blauveilchen schon das Wirtshaus offen hat und die Weide den Honig

in Strömen fließen läßt.

Dann geht es ans Ausbessern der alten und an das Bauen neuer Waben,

doch dann, wenn es wärmer wird, dann scheint es, als ob die Bienen

mitunter das rechte Maß für die Wabenzellen vergessen hätten. Mitten

zwischen den gleichmäßigen Sechsecken der normalen Kämmerchen bauen

sie große Zimmer ein und am Rande der Brutwabe lassen sie noch größere

Zellen entstehen. Und die Königin kommt und legt in die gewöhnlichen

Kämmerchen Eier und in die größeren dann auch.

Doch die bevorzugten Larven in den großen Kinderstuben müssen etwas

besonderes vorstellen, sie werden viel reichlicher und besser gefüttert

als ihre Schwestern in den engen Kammern. Und wirklich, ganz dicke,

rundköpfige Bienen mit breiten Hinterleibern schlüpfen aus den Kammern.

Sie arbeiten nicht, stehen immer im Wege, betteln fortwährend um

Honig, kurz, recht unnütze Geschöpfe sind es. Wenn die Sonne recht

warm scheint, dann spielen sie unter lautem Gebrumm vor dem Flugloch,

aber die erste trübe Wolke jagt sie wieder in den Stock. Bienenmänner,

Drohnen sind es.

Wieder vergehen einige Tage, da regt sich’s und bewegt sich’s in einer

der großen Zellen am Rande der Brutwabe. Ein heißer, sonniger Tag

ist’s, und die Bienen sind aufgeregt und stechlustig wie nie. Wie eine

Wolke tanzen sie vor dem Flugloche auf und nieder, immer mehr kommen

dazu, keine denkt an Arbeit, keine an Honigsammeln. Da kommt Apis aus

dem Stocke, tastet mit den Fühlern, brummt mit den Flügeln und fliegt

dann auf und davon. Und hinter ihr brummt und summt ihr Bienenvolk.

Die Bienen schwärmen; sie ziehen aus, denn im Stocke will eine junge

Königin herrschen.

Aus der dicken Zelle am Wabenrande, der Weiselwiege, schlüpft am

nächsten Tage eine schöne große, schlanke Biene. Kaum sind ihre Flügel

fest und die Ringe ihres Leibes verhärtet, da fliegt sie hinaus zum

Flugloch, schwingt sich hoch in weicher, warmer Luft, und hinter ihr

brummt und summt ein wildes Heer stürmischer Freier. Hoch oben im

Äther wird Hochzeit gehalten. Nach kurzem Liebestaumel stirbt der

Prinzgemahl, die junge Königin kehrt zurück zum Stock.

Zwar soll sie künftigen Generationen das Leben geben, doch ihr erstes

Werk ist Mord. Sie läuft von Weiselwiege zu Weiselwiege und tötet ihre

königlichen Geschwister, sich so die Herrschaft über alle Arbeiterinnen

sichernd. Und die Bienen setzen das Blutbad fort, das die Königin

begonnen. Sie stürzen sich auf die dicken Fresser, die unnützen

Schmarotzer, die Drohnen, stechen und beißen sie im Stocke oder vor dem

Flugloche, so daß sie todkrank zu Boden taumeln, eine leichte Beute für

Rotschwanz und Fliegenschnäpper.

Unnütz sind die Bienenmänner, sobald die Königin ihren Hochzeitsausflug

gemacht hat; nur einmal im Leben begattet sie sich, um dann Tausende

von Eiern zu legen, befruchtete in die Arbeiterzellen und Weiselwiegen,

unbefruchtete in die Drohnenkammern. Man hat beobachtet, daß sich die

unbefruchteten Eier trotz reichlicher Nahrung sehr langsam entwickeln,

es fehlt ihnen ja der männliche Teil Zeugungsmaterial, vierundzwanzig

Tage vergehen während der Entwicklung. Die Weiseleier brauchen dagegen

nur sechszehn Tage, während die Kümmerweibchen, die Arbeiterinnen, bei

ihrer geringen Nahrung zwanzig Tage nach Ablage des Eies ausschlüpfen.

Forscher haben genau nachgeprüft, welche Umstände die Königin

veranlassen, immer die richtige Art Eier in die Zellen zu legen,

welche Sinneseindrücke die Bienen zum Suchen von Honig, zum Pflegen

der Brut veranlassen; man hat die Nervenapparate der Bienen ins

feinste untersucht und ist beim Lösen alter Fragen auf immer noch neue

gestoßen. Der Mensch kann ja nicht über die Grenzen seiner Erkenntnis

hinaus, er ist schon stolz, wenn er sie um ein Kleines weiter geschoben

hat.

Hüttenjagd

Mit einem Sack voll Mais und Weizenspreu auf dem Rücken geht der alte

Förster hinaus in die Fasanerie, um die bunten Vögel aus Kleinasien

zu füttern, damit sie nicht in Nachbarreviere auswandern auf der

Suche nach Nahrung. Treff, der Hühnerhund, durfte nicht mit, um die

Fasanen nicht zu stören, sogar die Doppelflinte blieb zu Haus, weil

das Körnerfutter gerade schwer genug zu tragen war. Vornübergebeugt

unter der Last schreitet der alte Graubart durch den Mischwald, wo

die Bäume weitläufig stehen, um dem Unterholze Licht genug zu üppigem

Wachstum zukommen zu lassen. Nun nähert er sich der langgezogenen

Fichtendickung, dem Futterplatze. Da ertönt ein tiefer, rauher

Warnlaut, und eine Schar Krähen schwingt sich eiligst aus der dichten

Deckung, um unter lautem Gekrächz das Weite zu suchen. Sie haben sich

gütlich getan an dem Getreide, das die Fasanen übrig gelassen haben.

„Na warte“, knurrt der Förster, „euch will ich’s zeigen, daß der Mais

nicht für euch bestimmt ist. Hundert Fasanen durch den Winter füttern

und auch noch Hunderte fremder, ungeladener Gäste, das wird zu teuer.

Gleich morgen will ich mit dem Uhu einmal mein Glück versuchen und euch

schwarzem Gesindel das Handwerk legen.“

Noch vor Tagesanbruch zieht er denn auch wirklich hinaus mit Jockel,

dem Uhu. Langsam schreitet er vorwärts, um nicht warm zu werden in der

dicken Kleidung, wie sie für den langen Ansitz nötig ist. „Trüb und

neblig, dabei Südwestwind; sollte mich wundern, wenn ich heute keine

Geschäfte machen würde“, murmelt er. Die braungetigerte Dine umkreist

in weiten Sätzen ihren Herrn und freut sich, daß sie auch einmal mit

ins Revier genommen wird. Wenn sie wüßte, daß sie heute Stillsitzen

lernen soll, wenn’s knallt, und dann die unangenehm riechenden Krähen

artig herbeibringen muß, würde doch vielleicht ihr jugendlicher Übermut

bedeutend gedämpft werden. Jetzt macht der Herr schon Halt und

schließt die Türe zur Erdhütte auf. Dann nimmt er den Jockel aus seinem

Korbe und bindet die Leine, die an den dicken Fängen (Beinen) des Uhu

befestigt ist, an eine Sitzstange, die etwa zwanzig Schritt von der

Hütte für die große Eule errichtet ist. So, nun ist alles fertig, der

Förster geht in die Hütte und ruft auch den Hund herein, der auf einer

Schütte Stroh kuschen muß. Dann öffnet er das Schußloch, durch das man

stehend das Sitzholz des Uhus gerade noch sehen kann, und das hoch

genug ist, um einen Schuß steil nach oben zu gestatten. Auch die kleine

Klappe, die seitlich angebracht ist und auf eine Birke hinausgeht, wird

geöffnet, falls sie etwa klemmen oder nur unter lautem Kreischen sich

bewegen lassen sollte. Dann lädt der Förster sein Gewehr und stopft

sich eine Pfeife.

Bis jetzt hat der Uhu verdutzt am Boden gesessen, jetzt blickt er

eine Weile sein Sitzholz starr an und fliegt schließlich hinauf. Dann

schüttelt er sein Gefieder, plustert sich stark auf, schüttelt sich

noch einmal, knappt mit dem Schnabel, reißt die feurigen Augen auf und

gibt sich schließlich mit seiner Umgebung zufrieden. Nach einer Weile

sperrt er seinen Schnabel weit auf, drückt die Augen krampfhaft zu,

dreht und wendet den Kopf, als wenn ihm was im Halse stecken geblieben

wäre, würgt und würgt, bis schließlich sein Gewöll (ein Ballen

unverdaulicher Nahrungsüberreste, Haare von Kaninchen und Federn einer

Krähe) ausgeworfen wird. Dann ist er sichtlich erleichtert und blinzelt

in die eben aufgehende Sonne.

Auch der Förster steht am kleinen Guckloch in der Hüttentür und

betrachtet das Erscheinen des Tagesgestirns. Ein schmaler, rotgoldener

Streifen begrenzt die Wolkenwand, die den Horizont verhüllt. Langsam

wird er breiter, färbt sich purpurn und bedeckt den östlichen Himmel.

Der Wolkensaum beginnt kräftiger zu glühen und zu strahlen, und

pechschwarz mit goldigen Rändern erscheinen die Umrisse der Eichen

und Erlen gegen den Morgenhimmel. Jetzt blitzt es hell am Wolkenrande

auf, langsam erscheint die feurige Scheibe. Im Nu sind alle Farben

verändert, ein goldiger Schimmer liegt über dem Purpur der Wolken, und

in reinem Blau erstrahlt der Himmel. Höher und höher rückt der rote

Feuerball, blässer werden die Farben am Himmel, lebhafter die der Bäume

und Saaten. Jetzt steht die Sonne frei und leuchtend über dem Horizont,

und geblendet schließt der Förster seine Augen und wendet sich ab. Er

sieht nach dem Uhu hinaus, aber seine Augen sind überreizt, ein blauer

Sonnenball tanzt über dem Auf (Uhu). Eine Weile muß der Förster mit

geschlossenen Augen sitzen, um die lästige Sehstörung zu überwinden.

Da tönt ein tiefes, rauhes „Ga, ga“ in der Luft über der Hütte, zögernd

und ängstlich klingt es. Saatkrähen haben ihren Erbfeind erblickt und

kreisen hoch in der Luft, als wollten sie Mut fassen zum Angriff auf

die Eule. Immer mehr kommen dazu, dreißig mögen es schon sein, noch

immer aber trauen sie sich nicht in die Nähe. Da mit einem Schlage

fangen sie alle an zu schreien, krah, krah, zornig und angriffslustig,

und nun saust eine in wildem Schwunge dicht am Kopfe des Uhu vorüber.

Eine zweite und dritte macht es nach, und bald macht die ganze Schar

gleichzeitig einen Angriff. Vorsichtig hat der alte Grünrock nach

der Birke geguckt, aber Saatkrähen setzen sich selten, das weiß er.

Noch einmal winkt er dem Hunde gebieterisch Ruhe zu, dann fliegt seine

Doppelflinte an die Backe. Gerade im Schwenken ist der Krähenschwarm,

da kracht der Schuß, und bumms, hat auch das zweite Rohr gesprochen.

Zwei Krähen hat der erste Schuß zu Boden geworfen, und der andre hat

noch einer dritten das Leben gekostet. Geschwind ist wieder geladen,

und dann darf der Hund hinaus. Faß apporte, Dine! Gleich packt er die

eine, die noch mit den Flügeln schlägt, und bringt sie herein und schon

ist er wieder draußen, um eine zweite zu holen.

Stumm und hoch haben die Krähen gekreist, nachdem ihre Genossen

gefallen; der Doppelschuß hat sie erschreckt, aber woher er gekommen

ist, wissen sie nicht. Nun sehen sie den Hund ihre Freunde fassen,

und wütend über den nicht gefürchteten Gehilfen des Menschen stoßen

sie unter wildem Geschrei auf die verdutzte Dine. Darauf hatte der

Förster gerechnet. Wiederum knallen zwei Schüsse, doch nur eine Krähe

ist tödlich getroffen, die andre läßt beide Ständer (Beine) hängen und

fliegt und fliegt mit langsamen, matten Flügelschlägen der Fasanerie

zu. Dann schwebt sie im Bogen zur Erde nieder, schlägt auf und ist

tot. Die Schrote hatten sie weidwund getroffen. Der Förster zieht

ein grimmiges Gesicht. Daß die Krähe noch auf freiem Felde gefallen

ist, paßt ihm gar nicht, sogar ein Fehlschuß wäre ihm lieber gewesen.

Natürlich sammelt sich bald der Krähenschwarm um die gefallene

Genossin, und krächzend stoßen die Krähen nach der toten Freundin.

Wetternd muß sich schließlich der Förster bequemen, die „Schwarze“

herbeizuholen, sonst würde wahrscheinlich überhaupt keine wieder über

den Uhu kommen.

Und richtig, auch das hatte er vorausgesehen. Kaum hat er die Krähe

aufgenommen und blickt nach der Hütte zurück, da sitzt ein Vogel auf

der Birke. Er hat den Kopf nach vorn gebeugt und glotzt nach dem Uhu.

Die kräftigen Flügel lassen den Vogel oben ziemlich breit erscheinen;

wie ein Keil sitzt er auf dem dürren Wipfel. Daß ein Wanderfalke auf

der Birke sitzt, das wird dem vogelkundigen Graubart bald klar. Es

bleibt ihm nichts übrig, als das zu tun, was jeder Jäger in solchen

Lagen tut, nämlich, einen kernigen Ausdruck zwischen den Zähnen zu

murmeln und sich mit den unabänderlichen Tatsachen abzufinden.

Jahr für Jahr kommt nun der Falke in sein Revier, Jahr für Jahr

liegt unter der großen Eiche auf der Wiese ein geschlagener Vogel,

bald Rebhuhn, bald Fasan, Jahr für Jahr paßt der Förster auf den

prächtigen Räuber, immer ohne Erfolg. Und heute verscherzt sich er

alter Esel selber den kinderleichten Schuß, einiger lumpiger Krähen

willen, da soll doch gleich ... Lange hat der Förster Zeit zu seinen

Selbstgesprächen, wie angewachsen sitzt der Wanderfalke auf der Birke.

Jetzt rückt er zusammen, und jetzt schwingt er sich abwärts nach dem

Uhu, der zur dicken Kugel aufgeblasen seinen Angreifer erwartet. Dicht

über den Kopf der zusammenfahrenden Eule hinweg streicht der Falke,

dann eilt er mit hastig zuckenden Flügelschlägen davon, wird kleiner

und kleiner, um schließlich als Punkt am Horizont zu verschwinden.

Na, der ist fort, denkt der Jäger und geht mißmutig zur Hütte. Immer

starrt er nach jenem Punkte, wo der Wanderfalke verschwunden ist, immer

regt sich noch die Hoffnung, er könnte vielleicht wiederkommen. Da geht

es „krah, krah“, hell und zornig tönt der Schrei einer hassenden Krähe.

„Krähen mag ich nun nicht mehr, es muß schon etwas Besseres kommen“,

denkt der Förster, und ungehindert stoßen die Krähen auf den Uhu.

Schließlich wird es dem Jäger aber doch zu bunt. Es sind Rabenkrähen,

der Stimme nach, da ist es schade um jede verpaßte Gelegenheit, einer

die Räuberseele auszutreiben. Jetzt setzt sich gar eine auf einen

Maulwurfshaufen, so recht günstig in schönster Schußentfernung.

„Bumm“ raus ist der Schuß und -- fort die Krähe. Der Schuß war so

kinderleicht, Zielen erschien überflüssig, und deshalb ging der Schuß

in den Acker. Ein Glück, daß der Förster allein in der Hütte ist.

So wütend war er gewiß nie. Er ist sprachlos vor Zorn, und sinnend

überlegt er genau, ob ihm nicht eine alte Frau über den Weg gelaufen

sein könnte oder ob ihm jemand „viel Glück!“ nachgerufen hat. Denn

mit rechten Dingen geht doch so ein Mordspech nicht zu. Am liebsten

würde er heimgehen, einen tüchtigen Grog trinken und auf dem Sofa von

glücklicherer Jagd träumen. Aber der Wanderfalke läßt ihm keine Ruh,

der könnte doch vielleicht wiederkommen, und gerade zur rechten Zeit,

daß er ihm beim Hereinholen des Uhu zugucken würde. Nein, das soll

nicht vorkommen, lieber will er noch eine Stunde vergeblich sitzen.

Und gar so langweilig ist das nicht, wie es immer erscheinen mag, zumal

für einen Forstschutzbeamten. Was kann man nicht alles beobachten,

wenn man in einem guten Versteck sitzt, von dem niemand weiß, daß

es besetzt ist. Da schreitet der Windmüller auf der Landstraße, und

sein Dackel ist dabei. Sonst tun die beiden immer so harmlos, als

wenn sie nicht wüßten, was ein Hase oder ein Reh ist, heute springt

der Dackel von Steinbrücke zu Steinbrücke und prüft mit der Nase, ob

es sich lohnt, hindurchzukriechen. Jetzt springt sein Herr in den

Graben und steht ein Weilchen ruhig da, dann bückt er sich und hebt

etwas auf. Aha, denkt der Förster, ein Kaninchen. -- Der Dackel ist

mit Passion eingefahren in den Durchschlupf, sein Herr hat auf der

andern Seite eiligst den Ausweg mit seinen Beinen versperrt, und dann

hat der Hund das Wild erfaßt und zu des Müllers Füßen totgebissen. --

Jetzt durchsucht der Müller seine Taschen. „Der sucht ein Sackband“,

denkt der Förster, und hat recht. Der Müller bindet das Band an die

Hinterläufe des Kaninchens und schnürt sich dann den Nager um den Leib.

„Na warte, Krause, ich treffe dich schon einmal, wenn du einen dicken

Magen hast, vielleicht ist es dann ein Hase“, knurrt der Förster und

stopft sich eine neue Pfeife.

Lange Zeit ist nichts zu sehen, und das Schmauchen der Pfeife und

das Pappen der Lippen das einzige Geräusch. Da tönt es wieder „Arr,

arr, kräh, kräh“, und ein paar Krähen stoßen wie rasend auf den Uhu.

Der Stimme nach könnten es Rabenkrähen sein, die Saatkrähen haben

tiefere Laute, aber die graue Weste, die die Vögel tragen, verrät die

Nebelkrähen. Die bäumen oft auf, das weiß der Förster, und deshalb

spart er zunächst seine Patrone. Nicht lange dauert es, dann läßt die

Wut nach, und mit den Flügeln balancierend sitzt eine auf der Birke.

Eine zweite, dann dritte macht es nach, und bald schaukeln alle fünf

auf den schwanken Zweigen. Sorgsam zielt der Förster, diesmal muß er

die böse Schlappe wieder auswetzen, zwei müssen mindestens fallen

auf den ersten Schuß, und vielleicht bringt auch der zweite noch

einen Treffer. Bumms, kracht der Schuß, wirres Flattern und Stürzen

folgt, und ehe es möglich war, noch einmal Dampf zu machen, sind

die Überlebenden aus dem Schußfeld entschwunden. Zwei Nebelkrähen

liegen tot am Boden, und da läuft wahrhaftig noch eine dritte mit

zerschossenem Flügel; die darf Dine holen.

Seltsame Käuze · 第 8 / 11 段