Wirkung aus als das Ghuk des Männchens. Er erinnert ihn immer aufs neue
an den unüberwindlichen Aberglauben der Bauern, die das arme, gutmütige
Käuzchen als Leichenvogel verschreien und seinen Ruf mit: „Komm mit,
komm mit nach dem Kirchhof“ übersetzen. Erst im vorigen Jahre, als
die Frau vom Ortsschulzen so krank war, haben die Bauern drei der
unschuldigen Mäusejäger getötet, um den gefürchteten Ruf nicht hören zu
müssen. Natürlich hatte dann das einzige überlebende Weibchen auf der
Suche nach dem gemordeten Gatten Nacht für Nacht vor den erleuchteten
Fenstern geschrien, so daß sinnlose Todesfurcht den Zustand der Kranken
bedenklich verschlimmerte und schließlich ihren Tod verursachte. Da
hatte man wieder deutlich gesehen, was der Ruf des „Kommitchen“ zu
bedeuten hat, und daß alles nichts hilft, wenn einmal sein Todesruf vor
den Fenstern erschallt ist.
Es ist nur ein Glück, daß das Käuzchen nicht auf die hohen Apfelbäume
im Dorfe angewiesen ist, wenn es Anstalten zur Brut treffen will, sonst
würde es wohl noch weit häufiger der Nachstellungswut abergläubischer
Leute zum Opfer fallen. Wird aber die kleine, zutrauliche Eule
im Dorfe gestört, dann versucht sie in einer Weide am Bache ihre
Brut aufzuziehen; geht das nicht, nun, dann ist vielleicht eine
Kaninchenhöhle in der steilen Sandwand geeignet dazu. Am liebsten ist
ihr aber doch der alte morsche Obstbaum im Schulgarten. Dicht an den
Stamm gedrückt verbringt hier das Männchen den Tag, während die Gattin
brütend auf den vier reinweißen Eiern sitzt.
Aber oft ist Herr Steinkauz genötigt, seinen Platz zu wechseln.
Da schlüpft eine Kohlmeise durch die Obstbäume auf der Suche nach
Nahrung. Bald hängt sie kopfunter an dünnen Zweigen, bald klammert sie
sich an die Rinde, um Räupchen und Käfer aus den Ritzen zu ziehen.
Ganz vertieft ist sie in ihre Beschäftigung. Jetzt hüpft sie auf dem
Apfelbaum von Ast zu Ast und klammert sich am Stamme fest, um plötzlich
wenige Spannen von sich die gehaßte Eule sitzen zu sehen. Erschreckt
fliegt sie zum nächsten Zweige. Zidä, Zidädädä, zetert sie und schnarrt
tärrrärrrr so laut und wütend, daß gleich eine Blaumeise dazukommt und
unter Zerr zerr zerr mitschimpfend hilft. Nun wird auch die Bachstelze
aufmerksam und stößt unter lautem Zilli-Zilli auf das Käuzchen. Schon
ist auch der Hausrotschwanz dabei und geht schnabelklappernd dem
Nachtvogel zu Leibe, einige Feldsperlinge glauben, auch mittun zu
müssen, so daß das Gewirr der zankenden Kleinvogelstimmen schließlich
dem Käuzchen zu toll wird. Quer durch die zeternde Vogelschar fliegt es
und eilt schleunigst dem nahen Friedhofe zu mit seinen Lebensbäumen, um
dort ein Versteck zu suchen.
Ganz eigenartig und gar nicht wie andere Eulen fliegt der Steinkauz.
Im hüpfenden Bogenflug erinnert er sehr stark an einen Specht oder
eine Haubenlerche; niemals würde ein Unkundiger vermuten, eine Eule
vor sich zu haben. Die zankenden Kleinvögel sind dem Käuzchen ein
Stück nachgeflogen, aber bald bleiben sie zurück, so daß es ihm
leicht wird, ungestört ein verschwiegenes Plätzchen auf einer dicken
Linde zu finden. Wird es dort wieder aufgestört von den Staren, die
in den Höhlungen nisten, dann fliegt es wieder hinunter auf seinen
Lieblingsfleck auf dem Apfelbaum, um dort bis zum Abend zu träumen. Die
Dämmerung begrüßt es dann mit seinem Ghuk, während das Weibchen in der
Nisthöhle mit Kuwiff antwortet.
Doch eines Abends ertönen ganz andre, zankende Stimmen im Obstgarten.
Ein dicker, schwarzer Kater hat ein leises Rascheln im Apfelbaum
vernommen und eiligst klimmt er am Stamme in die Höhe, um zu sehen,
was es gibt. Tastend steckt er seine Pfote in die Höhle, um vielleicht
einen Jungvogel herauszuhäkeln. Doch mit einem Male fährt er
aufkreischend zurück. Vier Krallen, schärfer und spitzer noch als
seine, haben ihm ins Fleisch gegriffen. Im Nu ist auch das Kauzmännchen
da und stößt mit lautem käfkäfkäf auf den Störenfried, der sich eiligst
aus dem Staube macht. Lange dauert es, ehe sich die Käuzchen wieder
beruhigt haben und wieder ihr gemütliches Ghuk ertönen lassen.
Auch die andere Eule des Dorfes, die Schleiereule, die im Balkenwerke
des Kirchturmes ihr Quartier aufgeschlagen hat, darf sich nicht in der
Nähe von Käuzchens Nistplatz sehen lassen, sie wird sofort unter laut
zankendem Kläffen angegriffen und vertrieben. Dabei tut sie gewiß den
Kleinen nichts zuleide, aber sie hat nun einmal im Obstgarten nichts
zu suchen und wird also vertrieben. Gewöhnlich wartet sie aber gar
nicht erst den Angriff des kleinen, mutigen Artgenossen ab, sondern
macht sich schleunigst aus dem Staube, sobald die Käuzchen ihr zu nahe
kommen. Dann läßt sie ihre halb fauchende, halb kreischende Stimme
hören und fliegt zum nächsten Scheunengiebel. Von dorther tönt von Zeit
zu Zeit ihr Chchvaaihch, wie gedämpfter Katzenschrei anzuhören. Bald
lauter, bald leiser, bald länger, bald kürzer wird der Ruf ausgestoßen,
aber immer nur der gleiche unmelodische Schrei.
„Je schöner der Vogel, desto häßlicher die Stimme“, sagt das Volk und
denkt dabei an Pfau und Nachtigall. Wenn man aus dem Eulengeschlecht
Beispiele für den Volksausspruch sucht und als besten Sänger den
Waldkauz oder auch den Steinkauz ansieht und mit dem musikalischen
Stümper, dem Schleierkauz vergleicht, dann findet man das Wort wieder
bestätigt. Unscheinbar erscheint der kleine graue Steinkauz mit
seinen weißen Tropfflecken, nicht viel schöner der graue Waldkauz,
schöner schon die rotbraune Varietät des großen Kauzes, sie alle können
sich aber mit einer Schleiereule nicht messen. Der seidig glänzende
Gesichtsschleier mit seiner sonderbaren Herzform und dem dunklen
Saum, und mitten drin die beiden schwarzen funkelnden Augen, schon
das würde genügen, den Schleierkauz zur schönsten Eule zu machen. Es
bedürfte gar nicht der aschigen Oberseite mit den weißen Sprenkeln,
der isabellfarbigen Unterseite mit den dunkeln Makeln. Zart und fein
ist die Seide, mit der ein Mensch seine Geliebte schmückt, um ihre
Schönheit zu heben, aber grob und derb ist das feinste Gespinst von
Menschenhand gegen das Federkleid, das die Natur ihrem Stiefkind, der
Schleiereule, verlieh. Wollte sie es damit wieder gut machen, daß sie
dem armen Vogel das gräßlichste Geschick nicht ersparte, nämlich dem
Aberglauben des Volkes verfallen zu sein?
Gehe nur hinaus aufs Dorf und mustere die Bauernhöfe und sieh, wie
Dummheit und Aberglauben ihre Blüten treiben! Die treueste Verbündete
im Kampfe gegen die gehaßten Mäuse und Ratten, die Schleiereule, die
fängt oder schießt der Bauer und nagelt sie als Wahrzeichen seines
Bildungsgrades an die Scheunentür, „weil sie das Feuer vertreibt“.
Man hat wohl bei Bränden gesehen, wie Mutterliebe den Vogel immer und
immer wieder antrieb, durch Qualm und Rauch einen Zugang zu suchen zu
den kleinen Dunenjungen, die auf dem Balkenwerke der Scheune kläglich
kreischten in ihrer Todesangst. So entstand zunächst die Sage, der
nächtliche Vogel sei feuerfest, bis man ihn schließlich als Vertreiber
des Feuers ansah und durch Kreuzigen der Eule an der Scheunentür das
Feuer verbannen zu können glaubte. Zwar wird heute kaum jemand noch
ernstlich dieses Ammenmärchen für wahr halten, aber der „alte, gute
Brauch“ der Väter erbt sich fort, und schließlich hört man einen zur
Rede gestellten Alten sagen: „Äh, hilft’s nicht, na, dann schad’s auch
nicht.“ -- Die „Aufgeklärten“ aber werfen dem Schleierkauz vor, er habe
ihre Tauben gefressen, Taubeneier ausgetrunken und ähnliches. Dabei
beachten aber die Tauben die Eule gar nicht und umgekehrt. Oft findet
man beide friedlich nebeneinander brüten und die Jungen großziehen,
ohne daß auch nur den unbeholfenen Dunenjungen der Tauben das geringste
Leid geschähe; setzt man einer gefangenen Eule Eier vor, dann stirbt
sie eher am Hungertode, als daß sie ein Ei, ganz oder angeknickt,
anrührte.
Und wenn wirklich eine Schleiereule ihren Hunger mit Tauben zu stillen
sich angewöhnt hat, dann kann doch abends der Taubenschlag geschlossen
werden! Aber wegen einer gemutmaßten Übertretung einer einzelnen wird
die ganze Sippe mit dem Tode bestraft. Die Folge ist schon jetzt recht
fühlbar geworden. Die Schleiereulen werden seltener und seltener,
man muß in manchen Gegenden unseres Vaterlandes, z. B. bei Leipzig,
lange vergeblich suchen, ehe man ein Dorf findet, in dem der schönsten
deutschen Eule noch eine Freistatt gewährt wird. Sollen wirklich die
Tage gezählt sein, da sie noch in unsrer Heimat zu finden ist? Ein gut
Stück Poesie ginge mit ihr zu Grabe.
Vom Pionier im Samtrock
Kein Garten hat mir je wieder so gut gefallen wie der Schulgarten in
Z. Erscheint er mir nur so schön, weil ich so manche Stunde meiner
Kindheit dort verträumt habe? Das mag sein. Aber so viel steht fest,
nicht leicht kann ein zweiter Garten von so winzigem Umfang eine
solche Fülle von Vogelarten beherbergen wie eben unser alter Garten.
In der Hecke und in den dichten Beerensträuchern nisten Müllerchen und
Plattmönch, Hänfling und Gelbspötter. Vom Dach herab grüßt das ruhige
Hausrotschwänzchen mit seinem gepreßten Liedchen, wenn es nicht mit
Vetter Baumrötel einen kleinen Streit ausficht um den Nistplatz im
Taubenschlag, den die weiße Bachstelze aber auch gern haben möchte.
Eine mächtige Linde beschattet einen Teil des Gartens. Sie stand wohl
schon, als der eckige Kirchturm noch als Kapelle diente und weite
Teiche sich um das alte Wendendörfchen streckten. Nun ist sie etwas
altersschwach geworden. Manchen Ast hat der Sturm abgerissen, der Stamm
ist durchhöhlt, unsre Linde ist schon ein etwas baufälliges Haus. Aber
Jahr um Jahr treibt sie neue Blätter, duftet mit Tausenden von Blüten
und streut tausend Samennüßchen in alle Winde. Jahr um Jahr bietet
sie mit ihren zahlreichen Spalten und Löchern der Vogelwelt aufs neue
sichere Brutstätten. Hier und da zwängen sich Spatzen und Stare durch
eine Ritze zu der hungrigen Brut, Blaumeischen hat ein enges Astloch
gefunden, das ihr kein grober Spatz streitig machen kann, und der
Kleiber hat ein Loch so eng geklebt, daß er eben noch hinein kann
in die Bruthöhle. Oben in der Krone baut der Wildtauber mit seiner
Gattin die Kinderwiege, und unten in den Ranken des Efeus, der mit
zäher Umarmung den alten Lindenstamm umschlingt, flicht und pappt die
Amsel ihr halbkugliges Nest. In das dichte Gewirr der Efeuranken am
Boden schleppt der Igel Laub und Halme; dort führt er ein stilles und
beschauliches Dasein, wenn ihn die Flöhe nicht gerade zu sehr jucken
und die Holzböcke zwicken.
Viel weiter noch, als die Krone in blauer Luft sich breitet, ist der
Erdboden durchzogen von den Wurzeln der alten Linde. Hier haust der
sonderbarste Geselle, der sich des Schutzes des Baums erfreut. Mag der
Igel auch prachtvoll geschützt sein durch sein Stachelkleid, mögen
seine Gesichtszüge noch so spaßig erscheinen, wenn er sich aufrollt,
mit dem Wühler im schwarzen Samtpelz, dem +Maulwurf+, kann er sich
nicht messen in bezug auf glückliche Anpassung an die Lebensbedingungen.
Im Mai war’s, da machte ich seine Bekanntschaft. Ich sah einem
Starenvater zu, der mit einem Schnabel voll Käfer an die Nisthöhle
flog, dann hurtig der schreienden Brut das Futter in den Schnabel
stopfte. Eben war der Vogel wieder abgeflogen mit einem weißen
Kotballen im Schnabel, da ertönte am Fuße der Linde ein eigenartiges
Rascheln. Es klang wie Wispern einer Maus, die an dürrem Laube
knappert, und doch ein wenig anders. Da ist es wieder. Langsam und
vorsichtig schnuppernd erscheint ein spitzer, rosiger Rüssel aus der
Tiefe, ein samtiger Kopf kommt nach und dann ein Paar fleischfarbiger
Hände; breite, muskulöse Arbeitshände mit scharfen Krallen sind es.
Prüfend arbeitet die Nase und erforscht die Umgebung. Alles erscheint
sicher. Da arbeitet sich der dicke Walzenleib des Maulwurfs ganz ans
Licht empor. Wie der Samtpelz glänzt in der Sonne! Am Kopfe schimmert
rechts und links ein Punkt gläsern durch die Samthaare, wie schwarze
Stecknadelkuppen sehen sie aus: die Augen des Maulwurfs. Von Ohren
kann man gar nichts sehen, die stecken unter dem Pelz. Emsig rutscht
der schwarze Kerl über den Boden dahin. Jetzt packt er ein dürres
Lindenblatt, das noch vom Herbst daliegt, rutscht zurück zu seiner
Röhre und verschwindet eilig unter dem Boden. Aber bald ist er wieder
da und holt ein andres Blatt oder einen dürren Grashalm und schleppt
ihn in die Tiefe. Immer und immer wieder erscheint der Pionier an
der Erdoberfläche, trabt mit seinen Hinterbeinen und krakelt mit den
Grabschaufeln seiner Hände über den Boden dahin und trägt dürres Laub
hinunter in die Röhre.
Ein Maikäfer sitzt auf dem Rosenbäumchen vor mir und „plumpt“; eben
will er fortfliegen, da greife ich ihn. Dann werfe ich ihn unter den
Lindenstamm an das Loch des Maulwurfs. Gut getroffen! Gerade vor dem
Loche liegt er auf dem Rücken, krabbelt und arbeitet, bis er endlich
seine Fußkrallen einhakt in einen dürren Zweig und sich herumdreht.
Dann regt er eilig seine sechs Beine und wandert fort. Zwei Spannen
weit ist er schon weggekommen, da taucht der Maulwurfsrüssel wieder
in der Röhre auf. „Maikäfer, mach dein Testament, jetzt bist du
geliefert!“ Ein Weilchen schnuppert der Schwarzrock umher, dann kriegt
er den Käfer in die Nase. Noch höher als sonst stellt er vor Eifer sein
kleines Schwänzchen auf und drückt es gegen den Rücken. Dabei läuft
er gar rasch auf den Käfer zu, packt ihn mit den spitzen Zähnchen,
beißt und kaut, daß das Skelett des Käfers kracht und mummelt ihn dann
hinter. Im Handumdrehen ist er verschwunden, nicht eine Spur mehr zu
sehen. Hierhin, dorthin schnuppert der Maulwurf, packt schließlich
wieder einen dürren Grasbüschel und verschwindet in seinem Loche.
Ist er mit dürrem Gras zufrieden, wenn kein Käfer zur Stillung des
Hungers aufzutreiben ist? Wer einmal einem Kaninchen zugesehen hat, wie
es einen dicken Büschel von dürrem Gras ins Maul genommen hat, immer
und immer noch einen Halm dazupackend, bis es mit einem borstigen Bart
in seiner Höhle verschwand, der wird unwillkürlich die Ähnlichkeit
in dem Gebaren von Maulwurf und Nager herausfühlen. In beiden Fällen
handelt es sich um das Eintragen von weichem Material zum Bauen des
Nests, zum Auspolstern der Kinderwiege. Unser Maulwurf unter der Linde
ist ein Weibchen, sein dicker Leib läßt sogar auf interessante Umstände
schließen. Jetzt scheint Mama Maulwurf zufrieden zu sein mit der
Menge des eingetragenen Laubs, sie erscheint nicht wieder. Vielleicht
verarbeitet sie erst einmal ihre Beute und baut und polstert am Nest,
vielleicht geht sie auch jagen, wer weiß.
Am Wiesenrand entlang schlendert ein Schulknabe. Er hat einen großen
Drahtring um den Hals gehängt, an dem sonderbare Stahlgeräte baumeln.
Maulwurfsfallen sind es. Von der Kunst zunftmäßiger Maulwurfsjäger,
aus einer elastischen Weidengerte und einigen Stellhölzchen einen
Schnellgalgen zu stellen für den armen, schwarzen Wühler, davon
versteht der Junge nichts. Der hat seine zangenartigen Fallen, die
durch einen Drahtring aufgehalten und fängisch gestellt werden. Wühlt
ein schwarzer Pionier in seinem Laufgang und arbeitet, um den Gang
passierbar zu machen, dann drückt er den Stellring weg, die Zange
schnappt zu und quetscht ihm den Brustkasten zusammen. Armer Maulwurf,
der du dich in den Schutz unsrer Linde geflüchtet hast. Der Knabe
hat den Erdhügel gesehen, den du aus deinem Laufgang herausgeschafft
hast. Nun sucht und drückt er mit dem Spaten, bis er glücklich die
„Fahrt“ entdeckt hat. Dann sticht er ein viereckiges Stück Rasen los
und schiebt die gräßlichen Zangen in die Röhren. Dann deckt er das
Rasenstück wieder darauf, ebnet den Boden und geht weiter.
Soll ich es zulassen, daß du ahnungslos in dein Verderben rennst,
Freund Maulwurf? Nein, du stehst unter dem Schutz unsrer Linde, unter
meinem Schutz! Soll ich die Zangen zuschnappen lassen? Dann stellt
sie der Junge morgen wieder fängisch, dann ist nichts gewonnen,
einmal erwischt er dich doch, denn er hat Engelsgeduld. Doch halt,
Petroleum! Ganz weit hinein in jede Röhre wird ein Lappen, mit dem
stinkenden Öl getränkt, geschoben, da geht der Maulwurf sicher nicht
darüber hinweg. Und siehe da, am nächsten Morgen sind die Fallen noch
unberührt, am Abend auch, am nächsten Tage sind sie verschwunden. Der
Maulwurfsjäger hat wahrscheinlich doch die Röhre trotz des frischen
Hügels für unbewohnt gehalten, da nicht ein einziges Mal die geringste
Spur der Anwesenheit eines Maulwurfs zu finden war. Mein Schützling ist
gerettet.
Nach einigen Tagen sehe ich ihn wieder unter der Linde. Er ist recht
schlank geworden, wahrscheinlich liegen die Jungen im Nest unter den
Lindenwurzeln. Was hat der nur hier oben herumzuschnüffeln? Er krabbelt
auf die Efeuranken zu, hinter denen der Igel sein Nest gebaut hat.
Aha, eine junge Goldammer hat der Stachelheld erwischt und sie bis
vor seine Haustür getragen. Dort hat er sie liegen lassen, weil er
satt gewesen ist. Nun ist aber der Braten dem Maulwurf in die Nase
gekommen, und er holt ihn schleunigst weg, ohne daß der rechtmäßige
Besitzer etwas davon merkt. Wie komisch das aussieht, wenn der schwarze
Walzenleib des unterirdischen Wühlers sich krümmt und anstrengt, um die
steif gewordene Goldammer durch die Efeuranken hindurchzuzerren. Immer
wieder bleibt sie hängen und will sich nicht bewegen lassen, dann ruckt
und zerrt der Maulwurf wie ein junger Hund, der in die Leine beißt.
Schließlich ist der leckere Bissen doch ins Freie geschleppt, und nun
geht es hurtig dem Loch zu und hinunter in die Tiefe.
Am nächsten Abend verunglückte eine Feldmaus im Maulwurfsloch. Der Igel
hat sie abgeschnitten von ihrem Schlupfloch und saust hinter ihr her.
In ihrer Angst fährt sie hinein in die schützende Höhle des Maulwurfs.
Aber o weh! Gerettet ist sie nicht deswegen. Ganz fein klingt ihr
erschrecktes Piepen aus der Tiefe, sie ist dem rechtmäßigen Bewohner
geradeswegs vor die Nase gelaufen. Da hilft keine Flucht. Eine Maus ist
flink, aber in seinen Röhren ist der Maulwurf noch rascher, wie ein
Bolzen saust er durch seine wohlgeglätteten Gänge, und gar bald ist
auch die behendeste Maus eingeholt und von den nadelspitzen Zähnen
verwundet und getötet. Unsre Petersilie ist gerächt.
Eine Salatpflanzung in unserm Garten macht von Tag zu Tag einen
erbärmlicheren Eindruck. Einige Pflänzchen fallen um, andre kränkeln
und werden welk. Was ist da nur los? Zieht man eine Pflanze heraus,
dann fehlen die Wurzeln, gewöhnlich kann man auch noch einen
bleistiftstarken Gang erkennen, der in die Erde führt. Durch den muß
der Wurzelfeind gekommen und gegangen sein. Am nächsten Tage sieht es
wüst aus auf unserm Salatbeet. Alles ist zerwühlt, die Pflanzen sind
halb aus dem Boden geworfen, Erdhügel sind aufgetürmt. Freund Maulwurf,
du ungestümer Gast, das ist dein Werk. Eilig wird alles wieder geebnet,
die Pflanzen festgedrückt, die Hügel mit dem Rechen breitgezogen,
damit Mutter nichts sieht und nicht den Maulwurf wegfangen läßt. Aber
sonderbar, die Pflanzen gedeihen jetzt ganz anders, keine wird welk,
keine fällt um. Das hat der Wühler im Samtpelz getan. Die Engerlinge,
die die Wurzeln vom Salat fraßen, die haben ihn hergelockt, überall
hat er sie aufgespürt, und nicht einer ist mehr zu finden. Nun ist
natürlich der Maulwurf glänzend gerechtfertigt.
Einige Wochen sind vergangen. Der Garten ist erfüllt von dem würzigen
Duft reifender Monatserdbeeren. Die Sonne ist eben untergegangen, im
Dorfe ist es schon still geworden. Da raschelt es unter dem Buchsbaum,
und unser Maulwurf wird sichtbar. Schnüffelnd trippelt er zwischen
den Erdbeerpflanzen umher, wendet sich rechts und links und hat
immer etwas zu schmatzen und zu kauen. Haben’s ihm die Erdbeeren
angetan? Scheinbar nicht, denn eben ist er an einer glühend roten
Frucht vorbeigewandert; aber die andre dort scheint er verzehren zu
wollen. Er hebt sie mit dem rosigen Rüssel und frißt und kaut an einer
Schnecke. Der Erdboden scheint ihm jetzt zu hart zu sein zum Wühlen
und Suchen. Tagelang hat es nicht geregnet, die Regenwürmer haben sich
zusammengerollt und eingekapselt, deshalb sucht Freund Maulwurf über
der Erde.
Nun wart einmal, darf ich dich vielleicht zu einem kleinen Abendessen
einladen? Dort auf dem Gange steht die große Kiste mit weicher Erde, in
der die Gurkenpflanzen gezogen sind, dort will ich dir was auftafeln.
Zwei leise Schritte, ein schneller Satz, ein kräftiger Griff, da habe
ich dich. Aber nicht so strampeln, Kleiner, ich kann dich ja kaum
halten! Unmöglich ist es, deine Vorderbeine zusammenzudrücken, man muß
nachlassen. Dann nehme ich dich lieber beim Fell. Das willst du auch
wieder nicht leiden? Gar beißen willst du, so unangenehm ist dir mein
Griff? Na, dann rein mit dir in die Kiste. Im Nu ist er verschwunden,
förmlich untergetaucht in der lockeren Erde. Eine junge Amsel ist
ertrunken in unsrer Regentonne, die hole ich herbei, schneide kleine
Stückchen Fleisch ab und lege sie oben auf die Erde in der Kiste. Nun
heißt es mäuschenstill sein, damit der Maulwurf sich sicher fühlt.
Nur wenige Minuten dauert es, dann hebt sich die lockere Erde in der
Kiste, gerade neben einem Stückchen Fleisch. Da erscheint auch der
emsig windende Rüssel, aber gleich ist er wieder weg und das Fleisch
auch. Ein Bissen nach dem andern wird so in die Tiefe gezogen, bald ist
nichts mehr von dem Vogel übrig.
Was wird der Gefangene nun tun, wird er hervorkommen aus der Erde und
über den niedrigen Rand der Kiste klettern! Es knackt verdächtig. Da
hat Herkules schon einen Ausweg gefunden. Zwei Bretter schließen nicht
ganz dicht, der Maulwurf kann die Grabschaufel einstemmen und drückt
und preßt, bis das morsche Holz nachgibt. Dann ist er seinem Gefängnis
entronnen, er bohrt und wühlt sofort auf dem Beet mit dem Rüssel,
kratzt mit den Vorderpfoten und gräbt und arbeitet, bis er unter dem
Erdboden verschwunden ist. Leb wohl und freu dich deines Lebens,
schwarzer Kobold; möge der Schutzengel der Maulwürfe dich bewahren
vor Galgen und Zange, vor den Krallen des Bussards und des Iltis
Raubtierzähnen!
Königin Apis
Juli war es, und ein besonders heißer Tag dazu. Die Sonne sengte und
strahlte, sie kochte den Honig aus den letzten Blüten der Linde im
Garten, so daß der süße Duft mit dem leisen Lufthauch davonzog. Ein
paar Fliegen saßen plattgedrückt im Weinlaube und ließen sich die Hitze
gut sein, unter der Fetthenne am Boden dehnte eine grüne Zauneidechse
den Leib im Sonnenschein, träge flog ein Kohlweißling durch den
Garten und setzte sein Eihäufchen an ein Kohlrabiblatt. Sonst war von
Lebewesen fast nichts zu entdecken. Nur ab und zu klang die plärrende
Stimme junger Stare aus den Höhlungen der Linde, verträumt drang der
Laut durch die heiße Stille.
Ein leises, fernes Summen klingt in der zitternden Luft, ganz fein
vertönt’s, wie wenn die Kirchenglocke summt, die ein fallendes Sandkorn
anschlug. Was ist es? Täuscht nur der hämmernde Pulsschlag das ferne
Summen ins Ohr? Doch nein, es wird stärker und lauter. Ist es der
Wind, den die weiße Wetterwolke am Westhimmel ausschickt, der so
drohende Töne erzeugt? Doch es regt sich kein Blatt am Baume, kein
Windhauch stört die winzigen Mücken, die als flimmernde Punkte einen
verschlungenen Reigen tanzen. Näher und drohender braust es, wie wenn
fern hinter dem Berge prasselnde Schloßenschauer herniederstürzten, und
doch ist der Himmel blau und die weiße Wetterwolke fern.
Und nun zieht unter Summen und Brummen eine Wolke über den Garten,
jetzt langsam, jetzt rasch, jetzt hoch und dann niedrig, eben war sie
rund, nun ist sie lang und schmal. Apis, die +Bienenkönigin+, und ihr
Volk brummt über den Garten. Sie fliegt in weitem Bogen um die Linde
herum, ihre Getreuen tun’s ihr nach, sie stürzt sich zehn Meter hinab,
und ohne Kommando folgen ihre Vasallen, sie schwärmt im Zickzackfluge,
und hinter ihr wogt der Schwarm, wie von Geisterhand geleitet. Am
Hausgiebel zieht die Königin langsam hinauf bis zum First und dann
wieder hinab bis zum Dachrand, und mit ihr steigen die Bienen und
senken sich.