kleines Weilchen, dann fällt er mit hochgehobenen Flügeln nieder,
packt den erspähten Laufkäfer und fliegt mit ihm zum nächsten Baume.
Dort sitzt er in der Sonne. Wie sein aschgrauer Scheitel leuchtet, wie
schmuck der schwarze Bartstreifen aussieht! Kastanienbraun schimmert
der Rücken, weißlich mit rosigem Anflug Brust und Bauch. Jetzt nimmt
der kleine Räuber seine Beute zwischen die Zehen und beißt und reißt
mit dem schwarzen, zahnbewehrten Schnabel und schluckt die genießbaren
Teile seiner Beute hinunter. Den Rest läßt er fallen. Ein Maikäfer
brummt vorüber, dem ist er gleich auf den Socken. Schnapp hat er ihn
und verzehrt ihn dann auf dem gleichen Flecke wie den ersten Fang.
Wieder schwebt er zum Boden. Diesmal hat er eine Grille gefangen,
danach wieder eine Heuschreckenlarve. Aber nun ist er satt. Er putzt
sich zunächst ein wenig, knabbert in den Flügelfedern, ordnet in den
Bürzeldecken und zieht die Schwanzfedern einzeln durch den Schnabel.
Aber dabei hat er seine Augen überall, sein Ohr ist jederzeit bereit,
etwas Auffälliges zu melden. Jetzt fährt der Kopf herum. Lauschend
sitzt der Würger. Dann fliegt er ein Stückchen an der Straße entlang
und stößt dann heftig nach unten. Es scheint etwas Großes zu sein,
was er gefangen hat. Er fliegt auf und läßt sich mitten auf die
Straße nieder. Vor ihm zappelt ein graues Ding, das mit kräftigen
Schnabelhieben bearbeitet wird. Eine Feldmaus hat er gehascht, die
beinahe so groß ist wie er. Sie piept und zappelt und will fort, aber
Hieb auf Hieb saust nieder auf ihren Kopf, daß sie bald ruhig wird,
noch einige Male mit den Hinterbeinen zuckt und dann still liegt.
Nun, Würger, du Strauchdieb, was willst du denn mit so großer Beute
machen? Der Dorndreher zerrt sie hin und her, kneipt hier ins Fell
und da, hebt die Maus prüfend in die Höhe, und dann schlägt er mit
doppelter Kraft seine Flügel und fliegt auf zum Kirschbaum. Frohlockend
schlägt er mit dem Schwanz, er ist sicher zufrieden mit seiner
Leistung. Dann geht’s zum nächsten Baum und nach einer Ruhepause wieder
weiter. Nun fliegt er gar mit seiner Beute ganz hinauf auf die Spitze
des Kirschbaums. Dann kommt eine lange, lange Pause. Der Räuber will
die dreißig Schritt bis zum Nixloch fliegen, er sammelt Kräfte. Und nun
geht’s munter los. Zwanzig Schritt wagrecht sind zurückgelegt, jetzt
geht es schräg abwärts, aber bis zum Busche langts noch. Sieh, da sitzt
Freund Neuntöter auf dem Schlehbusch und hat die Maus noch im Schnabel!
Nun fliegt er zu seinem Lieblingssitz, dem dürren Dornbusch, der alle
andern überragt. Wie ein spitzer Nagel, so spießt aus dem Sitzast des
Würgers ein Dorn heraus. Der Dorndreher schwenkt seine Beute in die
Höhe, läßt sie niederfallen auf die Dornspitze und gibt ihr zuletzt
einen kräftigen Ruck, daß sie festgespießt am Dorne sitzt. Dann zupft
der Würger und rupft am Mausefelle, bis er hinzukann zum saftigen
Fleisch. Einige kleine Stückchen reißt er ab und schluckt sie hinter,
das Gehirn und einige kleine Knöchelchen wandern in den Kropf, dann ist
der schmucke Kerl gesättigt. Nun sitzt er faul und dick in der Sonne,
dreht den Kopf rechts und links und verdaut.
Neuntöter, wo hast du denn deine Frau? Sie ist wohl noch nicht
eingetroffen, bummelt noch ein wenig an der Riviera umher oder sonstwo
in Italien? Du bist mir ein schöner Kerl, läßt deine Frau allein durch
die Welt reisen, wie nun, wenn sie unterwegs andre Bekanntschaften
anknüpft und irgendwo anders einen Ehebund eingeht?
Doch sieh, wir haben dein treues Weib umsonst verdächtigt, nach einigen
Tagen kommt sie an. Zwar ist ein hübscher, schmucker Würgerjunggeselle
bei ihr, aber dem hat sie wohl nur „für unvorhergesehene Fälle“
erlaubt, sie zu begleiten. Nun sie sieht, daß du noch heil und munter
bist, daß kein Schlagnetz deiner Freiheit, kein gelber Sperberfang
deinem Leben ein Ende gemacht hat, ist sie die treue Gattin wieder und
hilft dir den Reisebegleiter aus dem Revier hinausbeißen. Und der arme
Kerl, der sich so in seinen schönsten Träumen betrogen sieht, macht nur
einen schüchternen Versuch, das zarte Verhältnis, das er auf der Reise
knüpfte, fortzuspinnen. Dann hat er die eifersüchtigen Schnabelhiebe
des rechten Ehemanns satt, er mag auch das abwehrende Beißen seiner
Schönen nicht mehr erdulden und sucht deshalb das Weite, um anderswo
vielleicht doch noch Liebesfreuden zu finden.
Nun heißt es aber, eilig ein Nest bauen, durch die Streitereien mit
dem Nebenbuhler ist schon Zeit verloren worden. Nun schleppt Frau
Würger Halme und Würzelchen in den Dornbusch. Eine Unterlage bieten
die quirligen Schlehenäste. Das viele Ab- und Zufliegen strengt an,
deshalb versucht Frau Würger eine schüchterne Bitte beim Eheliebsten,
er solle doch ein bißchen mit zutragen helfen. Aber da kommt sie
schön an. Er sollte sich wohl seinen schönen, bunten Hochzeitsrock
verderben, wenn er am Boden umherkröche. Sie hätte doch nun einmal das
einfarbige braune Arbeitskleid, und wenn auf die gewellte Brust noch
einige Schmutzspritzer kämen, dann täte das doch auch weiter nichts.
Und fort fliegt er zur Landstraße, um in dicken Mistkäfern und grünen
Grashüpfern zu schwelgen und der Frau die Arbeit zu überlassen. Na,
schließlich wird sie doch beendet und eines Morgens liegt das erste
grauweiße Ei mit einem Kranz von Flecken am stumpfen Ende im Nest.
Nun ist Herr Würger wieder der liebenswürdigste Gatte von der Welt.
Voll Stolz betrachtet er das gelegte Ei, dann steigt er in den Dornen
in die Höhe, um seiner Gattin ein Lied vorzusingen. Er erinnert
sich an die Gesänge der Lerche und der Grasmücke, des Rohrsängers
und der Schwalbe, stiehlt aus allen einige Laute und komponiert ein
allerliebstes Potpourri, das er mit leiser, etwas belegter Stimme
singt. Er scheint zu fürchten, daß ihm die Zugluft den Sang ganz
verderben und ihn heiser machen könnte, deshalb macht er den Schnabel
nur wenig auf und singt gedämpft. Seine Gattin hört’s schon und freut
sich darüber.
Mit Freude und Gesang vergehen so die nächsten Tage, und immer liegt
ein Ei mehr im Neste. Bald sind’s sechs, und nun ist’s genug. Den
Dorndreher macht die Freude über das vollendete Gelege weich, und er
läßt sich sogar herbei zu dem Versprechen, auch ein wenig mit brüten zu
helfen.
Da auf einmal ist die freudige Stimmung verflogen, ein grauer Vogel,
der beinahe wie ein Sperber aussieht, nur daß er schwache Füße und
einen Drosselschnabel hat, der kommt herbeigeflogen und guckt in das
Würgernest hinein. Da packt das Dorndreherpaar die Wut. Sie stürzen
sich unter laut zeterndem Gäckgäckgäck auf den Fremdling, zausen ihm
die Federn und zwicken ihn, so sehr sie können. Da fliegt er auf und
davon, noch ein Stück verfolgt von den Würgern.
Heute abend soll das Brüten beginnen, da macht sich Frau Dorndreher
noch einmal auf mit ihrem Mann, und beide unternehmen einen kleinen
Jagdflug, die Landstraße entlang. Mancher Käfer wird erbeutet, manche
Fliege muß sterben, dann eine kleine Eidechse, und auch die dicke Raupe
eines Weidenbohrers, die aus dem Stamme der Pappel herausguckt, wird
gefangen, ein Mäuschen auch. Dann kehrt das Würgerpaar wieder zum Neste
zurück. Die Eidechse und die Maus haben sie mitgebracht und spießen sie
auf die Dornen. Dann sehen sie sich die Kinderwiege an.
Doch was ist denn das? Das Nest sieht so unordentlich aus, einige Halme
spießen heraus, der Rand ist niedergedrückt, weiß der Kuckuck, wer
hier sein Spiel getrieben hat. Und dort liegt gar ein zerschlagenes Ei
am Boden. Aber es scheint auch keins zu fehlen, nur eins sieht etwas
kleiner aus als die andern, ist auch mehr grünlich gefärbt.
Lange betrachten die Vögel die Veränderung, jeder wirft dem andern
vor, er hätte besser aufpassen sollen, beinahe wäre es zum Streit
gekommen. Doch noch zur rechten Zeit gibt die Gattin das Keifen auf und
setzt sich aufs Nest zum Brüten. Zehn Tage sitzt das Weibchen fest. Da
piept und pickt es unter ihrem Brustgefieder, am elften kriecht ein
Junges aus. Ihr kommt die Zeit etwas kurz vor, sie bleibt deshalb noch
sitzen, der Gatte muß das ausgeschlüpfte Junge einstweilen füttern.
Zwei Tage dauert es noch, dann kommen auch die andern Kleinen zur Welt.
Ihr Bruder ist unterdessen schon recht gewachsen, unaufhörlich schreit
er nach Futter. Kommen die Alten herbei, dann springt er ungestüm
empor und reißt den gelben Rachen auf, und dabei fällt dann eins der
Spätgeschlüpften nach dem andern aus dem Neste. Schließlich ist der
kleine Nimmersatt allein übrig und schlingt und wächst. Nach einiger
Zeit ist er schon größer als die Eltern.
Nun wird denen aber die Sache unheimlich, sie fliegen zur
Sperbergrasmücke, die am andern Ende des Dornbuschs ihr Nest hat.
Und siehe da, die klagt über das gleiche Übel: alle Kinder tot bis
auf eins, das gar nicht satt werden will und immer weiter wächst.
Der Kleine im Sperbergrasmückennest sieht ihrem eigenen Kinde zum
Verwechseln ähnlich, aber von Familienähnlichkeit ist keine Spur zu
entdecken. Immer weiter wächst das Junge, es ruft mit seinem Piepen
unausgesetzt nach Nahrung. Schließlich fliegt es hinaus aus dem Neste
und klammert sich auf einem Zweige fest. Verwundert begucken die Würger
ihr Kind. Es sieht so dunkel aus mit grauen Binden auf dem Rücken, der
Bauch ist weißgrau mit dunklen Binden. Und dann die Füße, zwei Zehen
nach vorn, zwei nach hinten gedreht. Das ist nicht von mir, zetert der
Würgervater; ich bin seine Mutter nicht, zankt die Würgerfrau. Aber wir
haben es aufgezogen, da wollen wir es nur auch vollends auffüttern.
Und der Dank? Im nächsten Jahre legt vielleicht der kleine Kuckuck sein
Ei in ihr Nest und verdirbt ihnen ihre Brut, weil sie ihn so selbstlos
ausgebrütet und aufgepäppelt haben.
Zwergreiher
Mai war es. Der Flieder blühte und duftete im Garten, und der Goldregen
prahlte mit seinen herrlichen Giftblüten. Die Kastanien, die den Weg
am Teiche überschatten, hatten sich mit Blütenkerzen geschmückt, die
Wiesen waren bunt von gelben und roten Blüten. Zwischen dem alten,
gelben Schilfe schossen die saftig grünen Hellebarden des jungen Rohrs
empor, und die Schwertlilie wickelte ihre gelben Blüten auseinander.
Im dichten Walde der Rohrhalme herrschte reges Vogelleben. Der große
Rohrsänger lärmte und schrie sein Karre kiet von früh bis spät, und die
kleineren Verwandten sangen dazwischen. Mit leisem Piepen umschwammen
junge Stockenten die Mutter, fingen Mücken vom Wasserspiegel und paßten
auf jedes Würmchen auf, das die Alte durch Wassertreten vom schlammigen
Boden aufwirbelte. Auf dem Wasserspiegel jagten sich die zänkischen
Blässen, der Rothalstaucher brüllte sein Liebeslied, von der seichten
Bucht im Rohre klang das Trillern des Zwergtauchers, das hohe Kurr des
Teichhühnchens.
Am Abend wird das vielstimmige Konzert etwas leiser. Da tönt ein
sonderbarer Laut über das Wasser. Ist es die Stimme eines Kettenhunds,
die vom fernen Dorfe herüberklingt, man könnte es fast meinen. Und doch
ist der Sänger nicht so weit entfernt. Dort, wo das vorjährige Schilf
ganz dicht steht, dort rauschen und zittern die Halme, ein Tier scheint
sich zwischen ihnen zu bewegen. Jetzt ertönt der sonderbare Laut
wieder, aber in der Nähe klingt es doch ganz anders als Hundegebell.
Rur, rur, tönt es, ganz ähnlich, wie es die Haustauben hören lassen,
wenn sie im Schlage gestört werden, nur lauter. Die Halme bewegen sich
wieder. Und nun erscheint der sonderbare Sänger über dem Rohre. Aber
leicht ist er nicht zu sehen. Genau so fahl wie das verwitterte alte
Schilf ist das Kleid der kleinen Rohrdommel, nur der Scheitel ist
schwarz und der größte Teil der Flügel. Aufmerksam spähen die gelben
Augen in die Runde, schnell wird der Kopf mit dem gelben Dolchschnabel
nach allen Seiten gedreht.
Nichts Verdächtiges ist zu entdecken. Drum wandert der Zwergreiher
weiter. Die langen, grünen Zehen an den runden, grünen Beinen umfassen
drei oder vier Rohrhalme zu gleicher Zeit, am liebsten da, wo sie sich
schon zusammenneigen, so daß sie fast gar nicht rauschen und zittern,
wenn die Rohrdommel an ihnen klettert. Dazu kommt noch, daß der kleine
Reiher sehr leicht ist. Er erscheint zwar ziemlich groß, aber das macht
das lockere Gefieder, in Wirklichkeit ist er nicht schwerer als das
zierliche Turteltäubchen. Kein Wunder, daß sich das Schilf nur leise
bewegt, wenn der Zwergreiher seinen schmalen Körper hindurchschiebt.
Vom nahen Fichtenhorst löst sich ein Schatten, schaukelt hierhin und
dorthin und naht sich dann dem Teiche. Eine Waldohreule ist es, die
an den Teichdämmen nach Fahrmäusen suchen will. Tief schwebt sie über
den nassen Wiesen und schwingt sich dann übers Schilf, um den Teich zu
überfliegen. Was wird die Rohrdommel zu ihr sagen? Vergebens suchen wir
jetzt nach ihr. Leise bewegen die Schilfhalme ihre dunkeln Wedel hin
und her im Abendwinde. Dort, wo die drei Halme geknickt sind, saß sie,
ehe unsre Aufmerksamkeit durch die Eule abgelenkt wurde. Und was ist
das für ein dunkler Fleck, der sich dort findet und langsamer im Winde
schaukelt als die Rohrwedel? Ein gutes Glas zeichnet die verschwommenen
Umrisse schärfer. Es ist wirklich der Zwergreiher. Er hockt auf den
Fersen und hat den Kopf mit dem Schnabel steil auf dem eingezogenen
Halse nach oben gereckt. Wahrlich, eine bessere Schutzstellung gibt
es für den rohrfarbigen Vogel nicht, er verschwindet völlig in seiner
Umgebung, und da er still sitzt wie aus Stein gemeißelt, ist er beinahe
unsichtbar.
Eine Viertelstunde mag verflossen sein, die Eule ist längst außer Sicht
und alles still und ruhig rings. Da endlich wagt der kleine Angsthase
auf seiner Rohrwarte, sich zu bewegen. Langsam rückt er den Kopf höher,
reckt den Hals gerade und schaut sich lange nach allen Seiten um. Alles
erscheint sicher. Da streckt die Rohrdommel die Beine, greift sich noch
vorsichtiger als vorher an den Halmen weiter und zieht sich ins dichte
Röhricht zurück. Dort, wo sie sich sicher fühlt, läßt sie auch wieder
ihre Stimme erschallen: rur, rur, rur.
Nacht ist es, und unsere Freundin ist hungrig geworden. Sie steigt
im Rohre in die Höhe und fliegt auf. Gewandt weiß sie die Flügel zu
gebrauchen, wie eine Dohle sieht sie beinahe aus, da sie den Hals ganz
eingezogen trägt im Fluge und die Kehle auf der Gurgel ruhen läßt. Sie
fliegt über das Rohr dahin, schwenkt um die alten Weiden und strebt der
seichten Bucht zu, wo die Fischer bisweilen den Kahn an einem dicken
Pfahle anbinden, wenn sie Reusen gelegt haben. Dort, in dem seichten
Wasser tummeln sich Scharen kleiner Fischchen, die Bucht ist schön
versteckt zwischen den hohen Schilfbeständen, dort jagt die Rohrdommel
am liebsten. Sie fällt zunächst in das Rohr ein und sichert lange
nach allen Seiten. Dann fliegt sie zur Schlammbank. Hochauf schürzt
sie ihr Federkleid und watet langsam und bedächtig ins Wasser. Jetzt
sieht der kleine Reiher beinahe wie ein Teichhühnchen aus, er trägt den
Körper wagrecht, ja, er wippt sogar mit dem kleinen Schwänzchen nach
Teichhuhnart.
Ein kleiner Gründling schwimmt langsam durchs Wasser und schnappt
nach den dicken, roten Wasserflöhen, die taktmäßig auf und nieder
hüpfen. Ganz vertieft ist er in seine Beschäftigung und ahnt nicht,
wie nahe sein Todfeind steht. Arglos macht er eine Wendung und kommt
der Rohrdommel noch näher. Da zuckt wie ein Blitz der gelbe Schnabel
vor, das Fischchen ist erfaßt und rutscht durch den weiten Schlund des
Zwergreihers. Frohlockend wippt und zuckt der glückliche Jäger mit dem
Schwänzchen, schüttelt die Wasserperlen aus dem weichen Halsgefieder
und watet weiter.
Die dicke Larve des Taufroschs, die mit ihrem Hornschnabel den
Algenüberzug vom Rohrstengel abgenagt hat, schwänzelt sich zur
Wasseroberfläche, um Luft zu schnappen. Doch wie sie auftaucht,
ist sie auch schon vom spitzen Schnabel erfaßt und ohne Umstände
verschlungen. Einer Libellenlarve, die das Atemrohr aus dem Wasser
hebt, geht es gerade so. Dann kommt eine kleine Schleie daran und dann
noch eine. Nun der Zwergreiher Schleien gefressen hat, mag er für
heute nichts anderes. Die schmecken ihm besonders gut und dann lassen
sie sich auch so leicht verschlingen, sie haben gar nichts Kratziges
an sich wie der Barsch mit seiner stachligen Rückenflosse und den
sperrigen Kiemendeckeln oder gar der kleine, dürre Stichling mit seinen
feststehenden Rückenspießen. Eine Weile watet der kleine Reiher noch
im Wasser umher, guckt eine Kaulquappe verächtlich an und läßt sie
schwimmen und macht es mit einem Gelbrand geradeso. Schleien will er
haben. Aber es kommen keine mehr. Deshalb rührt die Rohrdommel die
Flügel und sucht einen andern Fischplatz.
Quer über den Teich fliegt sie, dem Rittergute zu. Dort, wo die
Hausenten sich am Tage umhertreiben, wimmelt es von Wasserflöhen, und
deshalb ziehen die Jungfische gern hierher. Dort fischt und jagt der
Zwergreiher bis gegen Morgen, bis der Himmel sich rötet und im Dorfe
die Hähne krähen. Dann eilt er wieder seinem Versteck im Rohr zu. Der
Förster aber wundert sich über die sonderbaren Spuren, die er im
seichten Wasser neben Abdrücken von Entenbeinen findet. Er weiß ja gar
nichts von dem heimlichen Gast im Rohr, da er dessen Stimme nicht kennt
und ihn am Tage nicht zu sehen kriegt.
Der August ist gekommen. Die Felder stehen kahl, die Ernte ist beinahe
beendet. „Die schönste Zeit des Jahres ist vorüber, die Hirsche
fegen!“ sagt der Förster, als er auf seinem Reviergange einige
übel zugerichtete Fichtenbäumchen findet. Der Teich scheint völlig
ausgestorben zu sein. Selten nur treibt sich eine Blässe oder ein
junger Taucher am Schilfrande herum. Aber das scheint nur so. Die Enten
sind noch in der Mauser, die meisten können überhaupt nicht fliegen,
da ihnen die Schwungfedern alle auf einmal ausgefallen sind. Doch
schon streichen am Abend die jungen ausgefiederten umher. Die Zeit der
Entenjagd ist gekommen, man darf nicht mehr zögern, wenn nicht alle
fortstreichen sollen. Die Vorbereitungen sind schon in den letzten
Wochen getroffen. Allenthalben unterbrechen breite Schneisen den
Rohrwald.
Und eines Morgens nahen sich die Grünröcke, ein Dutzend Jäger, jeder
mit einem oder zwei Hunden, wandern rauchend und plaudernd dem Teiche
zu. Still verfügt sich dann jeder auf den Platz an der Schneise, der
ihm angewiesen wird, der Förster aber steigt mit seinem Hunde und einem
bevorzugten Schützen in den Kahn, um an den Schilfrändern hinzufahren
und die Enten aufzustöbern. Ein Hornsignal ertönt, langsam schiebt
der Förster den Kahn am Saume des Rohrbestandes hin, während der
Hund plätschernd und prustend im Schilfe stöbert. Die Enten suchen
der Störung auszuweichen, sie fliegen auf oder, wenn sie das nicht
können, schwimmen sie vom Kahne fort oder suchen sich durch Tauchen
und Verstecken zu retten. An der Schneise fällt ein Schuß, einige
Enten stieben auf und werden vom Hagel getroffen oder -- öfter noch
gefehlt; die Jagd ist im Gange. Der Schütze im Kahn macht die reichste
Beute. Manche Ente steht nahe genug auf, daß sie, von den Schroten
ereilt, ins Schilf stürzt, und der Hund sie apportieren kann. Aber nur
die steintot heruntergeplumpsten findet er, die geflügelten tauchen
sofort, schwimmen unter Wasser weg und stecken dann nur den Schnabel
zum Atemholen über den Spiegel. „Die beißen sich am Grunde fest,“ sagen
die meisten Jäger, während es den Vögeln gar nicht einfällt, auf diese
Weise Selbstmord zu verüben. Im Gegenteil retten sie sich durch ihr
Versteckenspiel, denn der angeschossene Flügel heilt wieder und wird
auch oft wieder zum Fliegen tauglich.
Ruhig und gleichmäßig schiebt der Förster den Kahn vorwärts, und der
Hund plantscht im Wasser, da fliegt ein Vogel hoch. Erst glaubt der
Schütze im Kahn, es wäre eine junge Ente, aber der Flug ist ganz
anders. Ehe er sich soweit besonnen hat, daß er eigentlich hätte
schießen sollen, ist der Vogel weit weg. Nun erkennt der Jäger auch,
daß es ein gelbbrauner Vogel mit schwarzen Flügeln und einem großen,
hellen Fleck auf den Schwingen war. Aber weder er noch der Förster
können sagen, was es war. Allzu weit flog der Vogel nicht, etwa hundert
Schritte entfernt ist er wieder eingefallen. Nun, dann wird er einfach
wieder hochgejagt. Der Hund sucht, der Förster schiebt den Kahn ins
Schilf, so schwer auch das zähe Rohr das Eindringen macht. Ein altes,
halbverfaultes Nest eines Bläßhuhns finden sie, aber den gesuchten
Vogel können sie nicht aufstöbern. „Er muß raus“, sagt der Ehrengast im
Kahn. „Aber er will nicht“, denkt die Rohrdommel, die kaum zwei Meter
neben ihm in Schreckstellung an den Schilfstengeln sitzt.
Immer weiter schiebt der Förster seinen Kahn ins dichte Schilf.
Da findet er auf umgeknickten Schilfstengeln einen Haufen von
Schilfblättern und andern dürren Pflanzenteilen aufgetürmt mit einer
Mulde oben drauf. Ein altes Nest ist es, das sehen die beiden im Kahn,
aber daß es von der gesuchten Rohrdommel erbaut wurde und daß die
Verschwundene hier ihre vier Kinder groß zog, das wissen sie nicht.
Ärgerlich müssen die beiden schließlich abstehen von ihrem Suchen nach
dem Vogel, sie trösten sich, daß er doch vielleicht wieder abgeflogen
sein könnte. Weiter geht die Jagd, und gar manche Patrone verschießt
der Schütze im Kahn. Aber er schießt jetzt merklich schlechter, er
zögert stets, wenn Enten hochgehen, und sieht sich erst um, ob nicht
der Unbekannte mit aufgehen könnte. Aber die Jagd geht vorbei, ohne
daß der gesuchte Vogel wieder erschienen wäre. Schließlich macht
man Strecke. Eine Anzahl Stockenten, einige Tafelenten, auch eine
Löffelente sind erlegt. Der letzte Schütze kommt heran, aber keine
Ente hat er. Mit einem gewissen Stolz bringt er dann hinter dem Rücken
einen schilfbraunen Vogel hervor mit dunkleren Flecken, mit grüngelben,
langen Beinen, einem langen Hals und einem gelbgrünen Reiherschnabel.
Eine junge Rohrdommel ist über eine Schneise geflogen und hat sich auf
der andern Seite gleich am Rande niedergelassen, so daß sie der Schütze
bequem herunterholen konnte.
Die drei Geschwister und die beiden Eltern sind diesmal mit heiler Haut
davongekommen. Im nächsten Jahre werden sie wieder hier brüten oder
in den Schilfbeständen der Ziegeleilachen oder im Rohr eines kleinen
Tümpels hinter dem Dorfe. Wenn nur viel Deckung da ist, dann sind
ja die Zwergreiher nicht wählerisch in der Wahl ihres Brutplatzes.
Wer ihre Stimme kennt, wird sie in unserm Vaterlande wohl nirgends
vergeblich suchen, er wird sie an warmen Juniabenden sicher hören, wer
sie sehen will, muß -- Glück haben und Geduld.
Käuze im Dorfe
Pfingsten ist es und Mitte Mai, dazu warm und mild wie im Juni. Die
springenden Knospen duften durch das offene Fenster, Frühlingshauch
zieht hinein zu dem Manne, der vor der Lampe über ein Buch gebeugt
sitzt und liest. Aber nicht eine Spur von Frühlingsfreude spiegelt sich
auf dem Gesicht des Studierenden, Groll und Erbitterung scheint es
vielmehr auszudrücken; gewiß ist er zornig über das Buch vor ihm, das
mit seinen Vorurteilen und Unwahrheiten ihm die Laune vergällt.
Doch mit einem Schlage sind die Falten von seiner Stirn verschwunden,
und freundlich, ja beinahe zärtlich blickt er hinaus zu dem Vogel,
der soeben auf dem Birnbaumast vor dem Fenster sich niedergelassen
hat. Zwei helle, gelbe Augen blicken zutraulich aus dem runden
Köpfchen, komisch nickt und knixt der kleine Nachtvogel, winkt mit den
Augenlidern und knappt mit dem Schnabel, richtet den Gesichtsschleier
auf, daß sein Kopf kugelrund ist, legt dann wieder alle Federn knapp an
und sieht dünn und schlank aus, kurz, er macht hundert Grimassen. Dann
ruft der +Kauz+ gedämpft und melodisch Ghuk und macht aufs neue ein
Komikergesicht. Da macht der Beobachter eine unvorsichtige Bewegung,
im Nu ist das Käuzchen lang und dünn; wie ein dürrer Aststumpf sieht
es aus; dann macht es zwei tiefe Bücklinge und ist verschwunden. Nach
dem Obstgarten ist es hinübergestrichen und läßt von dort sein Ghuk
erschallen. Jetzt läßt sich sein Weibchen zu einem Duett verleiten, es
antwortet auf den sanften Ruf des Gatten mit höherem Kuwiff, Kuwiff,
wohl zehnmal hintereinander den gleichen Ton ausstoßend.