Fast haben sie schon das schützende Holz erreicht, da hören sie die

Flügelschläge des Verfolgers dicht hinter sich. Ein prachtvolles

Männchen mit aschblauem Kopf und Bürzel ist schon längst als Opfer

erkoren. Mit angstbeschleunigten Flügelschlägen saust es dahin, dicht

hinter ihm der Sperber. Jetzt bietet die dichtbelaubte Krone der

Steineiche etwas Aussicht auf Rettung, ein enger Durchschlupf bietet

sich der Drossel, doch auch der Räuber schwingt sich hindurch, er

schleudert sich förmlich mit seinem lange Stoße vorwärts, die kühnsten

Schwünge, die schärfsten Kurven führt er ebenso gewandt aus, wie der

verfolgte Singvogel. Jetzt geht die tolle Jagd durch das Stangenholz;

zwar stehen die Erlen dicht, kaum scheint ein rascher Flug hindurch

möglich, in rasender Eile schießt die Drossel dahin, doch dicht hinter

ihr eilt der Tod. Jetzt lockt der dichte Fichtenhorst. Mit letzter

Kraft wirft sich das gehetzte Opfer hinein in eine dichte Krone, doch

zu spät. Mit weitvorgestreckten Fängen saust auch der Sperber in die

Zweige hinein. Hier, wo sie sich geborgen glaubte, fassen die langen

Krallen die Drossel, in krampfhaftem Drucke schließen sich die langen

Sperberzehen, und ein kleines Herz hört auf zu schlagen. Ein hastiges

Mahl beginnt. Die rostgelben Brustfedern mit dem dunklen Schaftstriche,

die weißen Bauchfedern werden über den Boden verstreut, ein paar

rostbraune Flügelfedern kommen dazu, und dann wandern große Bissen

in den leeren Kropf, bis er strotzt, und nur kärgliche Reste bleiben

zurück für Igel und Spitzmaus.

Doch was ist unterdessen mit den Finkenüberresten geworden, die Herr

Sperber am Raine zurückließ? -- Quer über die Felder fliegt ein Vogel

der Feldscheune zu. Sollte das Sperbermännchen nach erfolgloser Jagd

zurückkehren zu den früher verschmähten Resten seiner Beute? Doch

nein, ein Sperber ist das nicht, der dort fliegt; viel weicher und

weniger kraftvoll sind die Flügelschläge, die Flügel sind schmal

und spitz, keine Lerche oder Ammer verrät Angst und Besorgnis vor

diesem Raubvogel. Doch jetzt unterbricht er seinen Flug, mit raschen

gleichmäßigen Flügelschlägen hält er sich an einem Punkte, sanft

schwebt er nieder und fußt. Ein +Turmfalk+ ist es, der zur Mäusejagd

auszog und jetzt sich bei den verschmähten Überresten vom Sperbermahle

niederläßt, um sich daran gütlich zu tun. Sieh dich vor, harmloser

Vogel, daß dich kein Forstmann bei deinem Tun belauscht. Er weiß

nicht, daß du nur nahmst, was ein ärgrer Räuber übrig ließ, und

fällt dann das Todesurteil über dich und deine Sippe. Zwar würdest

du sicher gern dann und wann auch mal Vogelfleisch essen, wenn --

nur die Trauben nicht so hoch hingen. Aber mit deinen Flugtalenten

braucht dich kein Singvogel zu scheuen, du mußt wohl oder übel mit

Mäusen zufrieden sein, wenn du nicht mal einen Maulwurf ertappst, oder

ein junges Kaninchen sich fürwitzig am Tage aus dem Baue wagt, so

daß du es haschen kannst. Kein einsichtsvoller Weidmann wird dir so

einen Gelegenheitsdiebstahl übel nehmen, belebst du doch mit deinem

anmutigen Flugbild die Landschaft, ob du nun im Freien rüttelnd den

lästigen Nagern und brummigen Mistkäfern nachstellst oder hoch über

dem Hasten der Großstadt deine Flugspiele ausführst um die Spitze

der Peterskirche. Deine Paarungsrufe, so unschön sie auch einem

musikalischen Ohre erscheinen mögen, bringen Abwechslung in das

Knattern der Benzinfahrzeuge und das Klingeln der Straßenbahnen. Und

was für einen prachtvollen Anblick bietest du dar, wenn du dich aus der

Nähe belauschen läßt. Wie anmutig drehst du dein aschgraues Köpfchen

mit den dunklen Augen, wie fein stimmt das Rostbraun der Flügel zu dem

Aschgrau des Schwanzes, den die schwarze Endbinde ziert. Geh! Tummle

dich mit deinem rostbraunen Weibchen, jagt euch und wiegt euch im

blauen Äther, voller Freude wird das Auge des Naturfreundes auf euch

ruhen. Grüßt den Wald von mir und Wiese und Bach und Feld, der ich euch

nur mit dem Auge folgen kann. Grüßt auch euren großen Vetter von mir,

den +Bussard+, dessen Leumund womöglich noch schlechter ist als eurer.

Er ist ja viel zu groß, um als harmloser Mäusevertilger angesehen zu

werden. Auf seinen langsamen, fast plumpen Flug gibt niemand acht,

auch die stumpfen Krallen, die er zum Mäusefangen, aber niemals zur

Hasenjagd verwenden kann, vermögen vielen Jägern seine Harmlosigkeit

nicht zu beweisen. Dort kreist er über dem Felde, schwerfällig rüttelnd

macht er Halt und stößt. Doch die Maus ist rascher, eilig ist sie im

Loche verschwunden. Doch bald guckt sie wieder hervor, rasch fährt

sie ein paarmal aus dem Loche heraus und sofort wieder zurück. Dann

hält sie die Umgebung für sicher, der große braune Fleck auf dem

Maulwurfshaufen stört sie nicht mehr, hastig beginnt sie an der jungen

Saat zu knabbern. Da ist plötzlich ein Schatten über ihr, sie quiekt

noch einmal auf und ist erfaßt und verschlungen.

„Der Posten war günstig“, denkt der Mauser und wackelt in komischen

Schritten auf seinen Maulwurfshaufen zurück. Vorsichtig dreht er den

runden Kopf mit den braunen Augen bald nach rechts, bald nach links;

da huscht wieder eine Maus in einer „Fahrt“ dahin. In großen Sätzen

eilt er ihr nach, immer mit den Flügeln schlagend und balanzierend. Ein

sicherer Griff, die Schädelknochen brechen unter dem Schnabeldrucke

des großen Räubers, und auch diese Maus ist besorgt und aufgehoben.

Während der Bussard noch schluckt und schlingt, beginnt auf einmal

seine bisherige Warte sich zu bewegen: der Maulwurfshaufen hebt sich,

und Erdbrocken rollen von ihm herab. Mit vorsichtigen Schritten nähert

sich der Raubvogel dem wachsenden Hügel. Da schiebt sich plötzlich

das kleine Stummelschwänzchen des emsigen Maulwurfes ein klein wenig

aus der Erde hervor, und schnell springt der Bussard zu. Doch es ist

zu spät, nur ein Erdballen zerkrümelt unter dem Griffe; erschreckt

flüchtet der schwarze Pionier in seine tiefsten Gänge, der erfolglose

Jäger aber breitet ärgerlich seine Schwingen und schwebt dem Walde zu.

Auf dem höchsten Zacken der uralten Eiche blockt er und übersieht sein

Jagdrevier. Er sieht dem Sperber zu auf seinen Beutezügen, er folgt dem

rüttelnden Turmfalken mit den Augen; die Jagd der beiden interessiert

ihn nicht. Der Turmfalk macht nur kleine Beute wie er, und dem Sperber

etwas wegnehmen zu wollen, ist eine etwas gefährliche Sache, da er

auch zu Fuß ein geschickter Fechter ist. Aber wenn ein Wanderfalk in

sausendem Fluge der Taube nachstürmt oder der Wildente, dann heißt es

aufpassen. Ein Leichtes ist es, dem raschen Jäger die Beute abzunehmen;

denn gewandt ist er nur in der Luft, am Boden kann oder will er nicht

einmal mit einem Mauser streiten. Oft läßt er sein Opfer fallen, sobald

Krähen oder ein Bussard ihm nur nacheilen und sucht eine andre Beute zu

schlagen. Doch heute zeigt sich kein Wanderfalk.

Vor dem wartenden Räuber tummeln sich furchtlos die Meisen in der

Birke. Die Schwanzmeise schaukelt kopfunter an dem dünnen Zweige,

die Blaumeise trillert ihr Frühlingslied, und die Sumpfmeise zetert

„zie-tä-tä tä“, weil ihr der Wind einen leckeren Bissen fortgeblasen

hat. Allzeit munter und fidel ist dieses Völkchen. Ob gestern der

Sperber ein unvorsichtiges Mitglied der Bande schlug, ob ein Wiesel im

Sprunge eine badende Freundin erwischte, „heute wieder lustig!“ lautet

die Parole. Und der denkende Mensch, er handelt nicht anders; wenn auch

ein Erdbeben Tausende vernichtet und die Mitwelt bei dem entsetzlichen

Unglück schaudert -- nach wenigen Wochen herrscht doch der Karneval mit

seinem Freudentaumel, als sei nichts vorgefallen.

Fasan

Seit Wochen schon weckt und lockt die Frühlingssonne die schlafenden

Pflanzenkinder, langsam und verschlafen tut eins nach dem andern die

Blütenaugen auf. Dem Krokuschen ist es schon zu warm geworden, das

hat schon seine Blüten welk zu Boden fallen lassen. Aber eine Fülle

andrer Pflanzen hat dafür jetzt das Schmücken der Natur übernommen. Das

Buschwindröschen läßt seine weißen Blüten im Winde schaukeln, goldig

leuchten die Sterne des Scharbockskrauts, Veilchen und Himmelschlüssel

prangen und duften. Mit Farbenpracht und Wohlgeruch locken sie alle die

brummenden, borstigen Insekten zu Gaste. Und während die Leckermäuler

noch süßen Nektar schlemmen, pudern sie die Staubfäden ein mit Pollen,

dem Pfand der Liebe, damit er hinübergelangt auf die Narbe der

Nachbarblüte, die schon gierig die Äste breit gemacht oder klebrigen

Saft ausgeschieden hat zum Auffangen und Festhalten des Blütenstaubs.

Buhlen um die Gunst der Insekten, ihrer Liebesboten, bei den Blüten

der Pflanzen, heißes Liebeswerben in der Vogelwelt, das ist des

Frühlings Werk.

Da schmettert auf einem Baumstumpf der Zaunkönig sein Liebeslied mit

einer Fülle und Kraft, als wolle er die winzige Brust zersprengen.

Ganz steil stellt er sein kleines Schwänzchen, dick plustert er die

Federn auf und zwischen dem dünnen Schnäbelchen läßt er Strophe auf

Strophe seines Liebesliedes hervorperlen. Der Buchfink wieder legt

alle Federn knapp an, er zieht die schwarzen Stirnfedern zurück und

legt den blauen Scheitel an, der Schwanz hängt unter dem grünen Bürzel

fast ganz senkrecht herab. Nur die rotbraunen Federn der Kehle sind

gesträubt, wenn der Fink sein stereotypes Lied singt, wenn er schlägt.

Hoch auf der Spitze des Baumes sitzt der Amselhahn und flötet ernst und

feierlich sein Orgellied. Die Zeit stürmischen Werbens, die eigentliche

Minne, ist für ihn schon vorüber, vorbei die Poesie der Brautzeit,

das Weibchen sitzt ja schon im halbkugeligen Neste auf fünf Eiern:

Prosa der Brütezeit. Das Amselpärchen hat es immer sehr eilig mit dem

Brutgeschäft, zu Pfingsten möchte es am liebsten schon zur zweiten Brut

schreiten, wenn Pirol und Gartensänger just mit der ersten beginnen.

Doch zurück zu unserm Frühjahrskonzert im Walde. Meisen, Rotkehlchen,

Amseln und Drosseln, sie alle singen und flöten jetzt beinahe den

ganzen Tag, aber am lebhaftesten doch bei Sonnenuntergang und

Aufgang. Dann ist ein Zwitschern und Rufen durcheinander, daß alles

zu einem einzigen Tongewirr verschwimmt und man kaum die einzelnen

Sänger erkennt. Nur einige Künstler im Waldkonzert lassen sich nicht

übertönen. Laut schallt das flötende Lachen des Grünspechts, rasselnd

das knarrende Trommeln seines bunten Verwandten, scharf erklingt das

Schirken des Turmfalken über den Baumwipfeln.

Dort, wo das kleine Fichtendickicht an undurchdringliche Wildnis

krallender Brombeerranken stößt, ertönt von Zeit zu Zeit ein Schrei,

der gar wenig hineinpassen will in das melodische Tongewirr der

deutschen Vogelstimmen. Es mahnt eher an Hühnerhof oder Zoologischen

Garten, das laute, krähende Gack gack, das dort erklingt. Was mag das

für ein sonderbarer Sänger sein, der dort den Schrei ausstößt? Ganz

langsam, ganz leise und vorsichtig schleichen wir näher, daß kein

Ästchen unter dem Fuße knackt, kein dürres Laubblatt raschelt. Schon

haben wir die Fichtengruppe erreicht, ganz in der Nähe erscholl der

Ruf. Ganz versteckt unter den hängenden Zweigen der Fichte stellen wir

uns an und warten. Eine Singdrossel schwingt sich auf die Spitze der

Fichte, die uns verbirgt, sitzt ein Weilchen still und beginnt dann

ihr Lied. David David tilit tilit tilit tönts munter bald pfeifend,

bald schwätzend über uns. Ein Goldhähnchen schlüpft nahe vor uns durchs

Nadelgezweig, ganz dünn und fein klingt sein pfeifendes Locken. Bald

dreht es uns den olivgrünlichen Rücken, bald den goldig glänzenden

schwarzen Scheitel zu, denn es kann ja keinen Augenblick still sitzen.

Es pickt hier etwas vom Zweig, rüttelt am Baumstamm und erhascht ein

winziges Insekt und ist dann im Nadelmeer verschwunden.

Da raschelt es leise vor uns im Brombeergesträuch. Ganz langsam und

ruckweise schiebt es sich hervor. Ein Hühnervogel im prächtigsten

Kleide steht da und strahlt in der Sonne. Hoch richtet er den Kopf mit

der lichtgrauen Platte auf dem smaragdgrün blitzenden Halse in die

Höhe, daß der weiße Halsring leuchtet. Aufmerksam sichert der Vogel

rechts und links. Nichts Verdächtiges in der Runde! Jetzt verändert

sich sein Gesicht. Der nackte Korallenfleck um seine Augen dehnt sich

aus und schwillt, eine große rote Rose leuchtet an Stelle der Wangen

grell wie Siegellack auf. Gack gack ruft der +Ringfasan+ und schlägt

dann mit den harten Fittichen einen trommelnden Wirbel. Kupfern

leuchtet die Brust, golden die Bauchseiten, grüngolden der Bürzel des

balzenden Hahnes. Wieder schreit und schwirrt der bunte Vogel mit den

Flügeln, aber keine Henne zeigt sich.

Doch jetzt raschelt es leise. Sollte es eine Henne sein? Dort schiebt

sich der Ankömmling aus dem Gesträuch. Auch sein Hals glänzt grün,

aber kein Halsring ziert ihn. Das Gefieder ist weit düsterer gefärbt,

wie poliertes Kupfer glänzen Brust und Rücken. Jetzt haben sich die

beiden Vögel veräugt. Jäh schwillt auch dem dunklen +Kupferfasan+ die

rote Rose am Kopf, die Augen fangen an zu funkeln und mit trommelnden

Kehllauten schreiten beide einander näher, um schließlich wie Bolzen

zuzufahren. Ein hitziger Kampf entspinnt sich. Hochauf springen und

fliegen die Kämpen, die Flügel schwirren, die Rosen glühen. Mit hartem

Schnabel und spitzem Sporn sucht jeder den andern zu verletzen. Immer

und immer wieder stehen sie einander gegenüber, senken und heben den

Kopf, als wollten sie eine Blöße beim andern erspähen, und immer wieder

springen sie hoch auf und hauen aufeinander los. Immer deutlicher

zeigt sich der Ringfasan überlegen. Stets springt er höher als sein

Rivale, hitziger ist sein Angriff, gewandter sein Ausweichen. Eine

dunkle, kupferrote Feder wirbelt zu Boden, ein roter Tropfen perlt von

der Rose des Kupferfasans, da weicht er zurück, und mit prasselndem

Fluge streicht er gackernd ab. Der Sieger aber glüht und funkelt im

Siegestaumel, laut tönt sein Balzschrei, rasselnd sein Flügelwirbel.

Ganz leise und verschämt tönt aus dem Brombeergewirr ein Lockruf, du

du dudu. Mit langsam schleichenden Schritten tritt eine Henne auf den

Balzplatz. Zwar vermag sie an Farbenpracht mit dem Gatten nicht zu

wetteifern. In die schlichten Farben dürren Laubes ist sie gekleidet

und nur über dem Brustgefieder liegt ein leichter Hauch wie ein Abglanz

japanischer Bronze. Aber für den Fasan ist sie doch in das schönste

Kleid gehüllt. Eilig läuft er hinzu, entfaltet die Rosen zur höchsten

Glut und spreizt die Flügel und prangt mit seiner Farbenpracht, kein

Wunder, daß er bald Gehör findet.

Weiter balzt der Hahn. Eine zweite, dritte Henne kommt zu ihm.

Schließlich ist es zu warm geworden, und Hahn und Hennen verschwinden

vom Balzplatz. Sie gehen hinaus auf die Saatfelder, um keimende Körner,

grüne Halmspitzen oder fette Schnecken zu äsen. Erst gegen Abend kommen

sie zurück zum Balzplatz. Einigemale tönt das Gagack, dann ist die

Schlafenszeit gekommen. Mit prasselnden Flügelschlägen und lautem

Gegacker baumen die bunten Vögel auf, um an windgeschützter Stelle, in

der Fichtenkrone oder auch auf kahlem Laubholz die Nacht zu verbringen.

Ein paar Wochen sind vergangen. Die Saaten sind so aufgeschossen, daß

ein alter Hase sich gut darin verstecken kann, und die Kleefelder

harren der Sense, ja stellenweise ist das saftige Futter schon

geschnitten. Der alte Förster geht mit seinem Hunde durch die Felder.

Die Flinte blieb heute zu Hause, heute trägt der Grünrock einen Korb,

in dem weiche, wollene Lappen liegen. Den Rain zwischen Korn und

Klee geht der Förster entlang, während Treff, der Hund steifbeinig

durch den Klee stelzt. Der weiß genau, worum es sich handelt, dem

herausrutschenden Hasen sieht er kaum nach, hin und her galoppiert

er und sucht. Mit einemmal geht er langsam, vorsichtig rückt er

Schritt vor Schritt auf und steht dann fest vor. Sein Herr watet

durch den hohen Klee, geht der Hundenase nach und sucht im Klee. Mit

lautem „pips“ steht eine Fasanenhenne auf und streicht mit surrendem

Flügelschlag dem Walde zu. Der Förster aber bückt sich und nimmt die

acht Eier aus dem Neste, packt sie sorglich in die wollenen Lappen in

seinem Korbe, und dann geht die Suche weiter. Wieder steht der Hund,

und diesmal sind es dreizehn Eier, die der Förster aufhebt, dann wird

ein Nest mit neun gefunden. Dreißig Eier sind so vor dem Untergang

gerettet durch Kahlmähen des Nestes.

In der Försterei sitzen Glucken (brütende Haushühner) auf Toneiern,

denen werden die gefundenen Fasaneneier untergelegt. Willig nehmen die

Brütelustigen die zehn untergelegten Stiefkeime an und wärmen sie, als

wären es die eignen Kinder, denen sie Leben einbrüten. 25 Tage lang

müssen die Hühner still sitzen, ehe leises Picken und Piepen unter der

grünlichen Schale verrät, daß die Jungen ausfallen wollen. Endlich

zeigt eins oder das andre der Eier kleine Pusteln und strampelnd und

zappelnd arbeitet sich ein niedlicher kleiner Federball mit dunklen

und hellen braunen Längsstreifen ans Licht. Eins nach dem andern der

kleinen Küken tut den ersten Schritt ins Leben und bald hocken sieben

oder acht kleine, wärmebedürftige Geschöpfe piepend unter dem dichten

Federkleid der Glucke. Aber lange wollen sie nicht ruhig sitzen. Bald

lugt hier oder da eins unter den Flügeln der Stiefmutter hervor und

dann traut sich gar eins ganz weg und bald umtrippeln die Dunenjungen

die scharrende Henne. Hirsekörner und vor allem Ameiseneier werden

ihnen hingestreut und unsicher zuerst und besser von Mal zu Mal lernen

die Kleinen picken und fressen. Und wie sonderbar, die ganz ungewohnte

Stimme der Glucke, das Locken und Warnen, sie verstehen es und folgen.

Ganz unmerklich wachsen sie heran. Das niedliche, wollige Dunenkleid

wird struppig, Federn wachsen und eines Tages können die kleinen

wachtelgroßen Dinger schon ein bißchen fliegen. Nun werden sie

selbständiger von Tag zu Tag. Der August kommt heran und die Fasanen

haben die Größe von Rebhühnern erreicht. Da fangen die Geschlechter an,

sich zu unterscheiden. Die jungen Hähne beginnen, ein gesprenkeltes

Kleid anzulegen, die einzelnen metallfarbenen Federn wachsen verstreut

durch das Jugendgefieder. Der Stiefmutter folgen sie schon längst nicht

mehr, abends baumen sie auf, wie ihre Ahnen, und die jungen Hähne

machen die ersten Versuche, ihre Stimme hören zu lassen. Das klingt

freilich noch sehr nach „Stimmbruch“.

Näher und näher kommt der Herbst. Die Fasanen halten sich nicht mehr

am Forsthause auf. Sie streichen umher, über den Teich, um im Schilfe

Schnecken und Käfer zu suchen, hinaus auf die Felder, um ausgefallene

Weizenkörner zu naschen. Der Oktober naht, die Jagdzeit der Fasanen.

Aber hier im Heimatsrevier wird so früh mit dem Abschuß nicht

begonnen. Schade um die kleinen, scheckigen Dinger, es ist ja noch

gar nichts daran, mögen bis zum November bleiben, sagt der Jagdherr

und läßt täglich Futter streuen, damit die bunten Gesellen nicht nach

Nachbarrevieren auswandern auf der Nahrungssuche.

Endlich ist der große Tag gekommen, der letzte für manchen bunten

Hahn, der Tag der Fasanenjagd. Schon vom frühen Morgen an sind die

Fasanen durch Wachen gehindert worden, in die Felder zu bummeln, sie

halten sich alle in der „Fasanerie“ mit ihren Brennesseldickichten,

den Schilf- und Rohrbeständen auf. Gegen zehn Uhr begeben sich die

wenigen Schützen auf ihre Stände an den Schneisen. Die Treiber sind

schon angestellt und auf das Hornsignal des Jagdherrn setzen sie

sich in Bewegung. Langsam treiben sie auf die Schützen zu, schlagen

auf jeden Busch mit dem Stock, und treten jeden Grasbüschel nieder.

Lärm darf nicht gemacht werden. Sonderbar, wo sich sonst Fasanen in

Hülle und Fülle umhertrieben, da ist heute noch keiner zu sehen. Sie

laufen vor den Treibern, ohne aufzufliegen. Der junge Treiber wird

schon ungeduldig. Da endlich steht mit lautem Pips und Flügelschlag

eine Henne auf und streicht über die Treiber zurück. Und jetzt geht

gackernd der erste Hahn hoch. Rasch und rascher fliegt er vorwärts.

Jetzt ist er im Zuge und streicht ohne Flügelschlag und doch gar rasch

über die Schützen. Bumm, fällt der erste Schuß, aber nur eine Feder im

langen Stoß (Schwanz) des Hahns ist geknickt. Bumm, der war besser.

Wie ein nasser Sack fällt der fette Vogel zu Boden und schlägt auf,

daß die bunten Federn stieben. Ein Hahn nach dem andern fliegt hoch,

passiert die Schützenkette und fällt zu Boden. Schon sind die Treiber

ziemlich nahe an die Schützen heran, da fliegen auf einmal zwanzig, ja

dreißig Fasanen auf. Jetzt fordert es ein scharfes Auge, rasch Hahn

und Henne zu unterscheiden. „Langsam treiben, laden lassen, langsam,

langsam,“ mahnt der Förster die Treiber. Jetzt stiebt es förmlich von

Fasanen. Gackernd fliegen die Hähne hoch. Der wird schon im Auffliegen

von den Schroten ereilt, der wieder gerade über den Schützen, ein

andrer ist schon ziemlich zwischen den Stämmen des nächsten Bestandes

verschwunden, da wirft ihn der nachgesandte Schuß zu Boden. Wahrlich,

man versteht, daß früher Fasanenjagd zur Hohen Jagd gerechnet wurde!

Ein bunteres Bild ist nicht zu denken. Allenthalben rasseln und

prasseln die Vögel auf, wie Salven knallen die Schüsse. Dazwischen

huschen Kaninchen über die Schneise und schlagen Rad oder laufen weiter

auf den Schuß. Der sicherste Schütze steht am Graben und schießt wie

jedes Jahr so auch diesmal den Fuchs, der Fasanenbraten über alles

schätzt. Geängstigt stieben Rehe in rasender Flucht über die Schneise.

Endlich ist der Trieb zu Ende. Von allen Seiten schleppen die Treiber

das Wild herbei. Kupfer- und Ringfasanhähne, wohl an die sechzig,

keiner reinrassig, jeder mit etwas Blut vom andern, einige Hennen, die

ein „Frauenmörder“ versehentlich erlegt, ein paar Kaninchen und Hasen

und ein Fuchs, das ist die Strecke vom ersten Triebe.

Wie Bronze, Gold und Smaragd, so flimmert es über den Vögeln, die

friedlich auf dem grünen Rasen ruhen neben dem Fuchs, ihrem Todfeind

im roten Rocke. Dazu der Wald im herbstlichen Gewande und die Jäger in

ihren oft humorvollen Trachten, die Treiber in ihren ältesten Kleidern

-- denn beim Durchkriechen der Fichtendickichte und Brombeergestrüppe

ist gutes Zeug nichts nütze --, wie Räuber beinahe anzuschauen, ein

herrliches, buntes, unvergeßliches Bild.

Neuntöter

Das Nixloch ist ein kleiner Steinbruch, in dem ein Wassertümpel steht.

Schon jahrzehntelang hat man dort keinen Stein mehr geholt, denn viel

taugen die alten Tonschiefer nicht, höchstens zum Beschottern der

Straßen lassen sie sich verwenden. Nun haben sich Pappeln und Weiden

darin angesiedelt, einige Birken auch, und der Holunder, den die

Amsel hier säte, sprießt und wuchert. Auf den sandigen Lehm, den die

Kaninchen durchwühlt haben mit einem Labyrinth von Gängen, hat sich

Schwarzdorn eingenistet und bildet einen kleinen Urwald für sich.

Kein Weg führt bis ans Nixloch heran, von der Landstraße sieht man nur

die Bäume und Sträucher über das Getreide weggucken, ung und ong tönt

der Unkenruf am Abend herüber; eine verzauberte Welt meint man hinter

dem Halmenwalde versteckt. Und wahrlich, wie ein Zaubergarten mutet

auch der alte Steinbruch an. Wie Silberglocken tönt das Fallen der

Wassertropfen, die vom übermoosten Steine ins Wasser hinuntertränen.

Dazu das Trillern der Wechselkröte, das Plärren des Laubfrosches, der

Märchenlaut der rotbauchigen Unke, das Wispern von Schilf und Rohr,

das Klappern der Espenblätter, eine träumerische Stimmung herrscht

im Nixloch. Kein Wunder ist es, daß hier gern die Fasane unter

Brombeerranken ihr Gelege bergen, daß das kleine, grünbestrumpfte

Teichhuhn mit dem roten Strumpfband hier die Kinderschar groß

zieht, daß der starke Rehbock, der immer über der Grenze steht,

sein Mittagsschläfchen gern hier abhält. Kein Wunder auch, daß der

+Neuntöter+ nun schon seit vielen Jahren hier seinen Erbsitz hat.

Im Mai kommt er an aus dem Süden, wenn die meisten Vögel schon Junge

füttern. Dann setzt er sich auf die Kirschbäume an der Landstraße,

dreht langsam mit dem langen Schwanz, daß man die weißen Federhälften

und ihre schwarzen Enden deutlich sehen kann. Im Bogenfluge geht es

weiter, wenn man ihm nahe kommt; dann zankt er gedämpft mit ga, ga.

Immer sitzt er auf den äußeren Zweigen des Baums, ganz oben auf der

Spitze oder an der Seite, denn freie Umschau will er haben.

Seltsame Käuze · 第 5 / 11 段