Doch der schmerzhafte Stich ist jetzt nicht die einzige

Unannehmlichkeit der Hornissen. Sie schwärmen weithin über die Felder

bis hinüber zum Dorfe. Dort schwelgen sie in den zartschaligen

Gartenfrüchten, schroten die süßen Pflaumen und saftigen Birnen und

verwüsten vor allem eine große Menge Weintrauben. Die schlechtesten

Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen, und die Hornissen

sind gerade solche Schleckermäuler, wie ihre kleineren Vettern. Doch

ihre Gier nach Süßigkeiten ist auch ihr Verderb. Überall in den

heimgesuchten Weinspalieren werden weithalsige Flaschen aufgehängt, in

die verdünnter Sirup und Fruchtsaft geschüttet worden ist. Nun gärt das

Gemisch, und der süßalkoholische Duft lockt die Hornissen an. Wenn sie

dann in den Flaschenhals kriechen, werden sie von der Kohlensäure, die

sich bei der Gärung bildet, betäubt, sie fallen hinein in den lockenden

Saft und ertrinken.

Je mehr die kühlere Jahreszeit heranrückt, um so ruhiger wird es in der

Papierburg. Zwar bis weit hinein in den Oktober trotzen die Hornissen

der Kühle der Nächte. Junge, große Weibchen schlüpfen noch aus den

Zellen und dickleibige Männchen. Sie schwärmen aus zum Hochzeitsfluge,

doch je kühler es wird, desto seltener kommen die befruchteten Weibchen

zum Neste zurück. Sie verkriechen sich in hohle Baumstämme, in Ställe

und Scheunen, legen die Fühler an den Kopf und verfallen in den

scheintoten Zustand des Winterschlafs.

Im Mutternest wird die Zahl der Bewohner immer kleiner. Die alte Mutter

des Stocks stirbt, die Männchen fliegen fort und verenden draußen, und

auch von den Arbeitern, den unfruchtbaren Weibchen, bleibt eine nach

der andern weg. Wenn dann die ersten starken Fröste kommen, leben nur

noch wenige, und auch von denen sieht keine den kommenden Frühling.

Öde und verlassen hängt die große Glocke im Winter am Balken in der

Walkmühle. Eine Anzahl tote Arbeiter liegen noch drinnen, in den

Waben sind beinahe schlupfreife Larven erfroren, die Papierburg ist

ausgestorben.

Doch wenn der Frühling kommt, dann lockt er die überwinterten

Königinnen aus ihren Verstecken, und bald entstehen in hohlen Bäumen,

in verlassenen Gebäuden neue Kolonien, neue Burgen der gelben

Wegelagerer.

Hermännchen

Am Waldrande liegt eine alte Ruine, das „wüste Schloß“ heißt sie bei

den Landleuten. Nur einige hohe, dicke Mauern stehen noch, einige

Fensternischen sind noch erhalten, alles andre bildet einen großen

Trümmerhaufen. Und jährlich geht die Zerstörung weiter. Da füllt

tauender Schnee die Ritzen zwischen den Steinen mit Schmelzwasser, der

Frost in der nächsten Nacht läßt das Wasser erstarren, und das Eis

drängt und sprengt die Steine voneinander. Zwischen den Rissen sprießen

die Holundersträucher hervor und Birken. Weit hinein senden sie ihre

zarten Würzelchen in die Risse des Gemäuers. Aber die erstarkenden

Wurzeln stemmen sich mit Titanengewalt gegen die fesselnde Enge der

Gesteinsspalten, und der Mörtel, den Jahrhunderte gehärtet haben, muß

nachgeben und bröckelt in die Tiefe.

Es ist nicht recht geheuer beim wüsten Schloß. Am Tage drohen fallende

Steine den Wanderer zu verletzen, die eine geheimnisvolle Kraft von den

Mauern loswuchtet und nach dem vorwitzigen Menschenkind hinunterwirft.

Am Abend kann man deutlich wilde Schreie hören, Jauchzen und tiefes

Pfeifen; dann wieder dumpfes Seufzen, hu, hu, hu, tönts aus dem alten

Gemäuer. Schon am Tage kommt selten ein Mensch hierher und scheucht

die zahlreichen Ringelnattern, die ein beschaulich ungestörtes Dasein

führen. Am Abend sucht erst recht hier niemand einzudringen in das

gruselige Geheimnis der alten Ruine. Deshalb spuken balzende Waldkäuze

gern hier, und die Ohreule seufzt ihr schauerliches Liebeslied.

Hier treffen sich im Winter die verliebten Füchse und lassen ihr

heiseres Bellen erschallen, hier hört man im März das Fauchen und

Kreischen liebestoller Stinkmarder, die durch einen schmalen Spalt

hinuntersteigen in ihre Schlupfwinkel in den alten, verfallenen

Kellern, sobald der Morgen graut. Von dem kleinen, schlanken Vetter,

der etwas abseits unter einem großen Steinhaufen haust, hört man selten

einen Ton. Das +Hermelin+ ist ein stilles, heimliches Tier.

März ist’s, und das Getreide beginnt zu schießen. Mit leisem Rauschen

fährt der Abendwind durch das Gemäuer der alten Ruine. Da schlüpft

ein schlankes Tier hervor unter dem Geröll, prüft mit den blauschwarz

glimmenden Augen die Umgebung, schnuppert mit dem feuchten Näschen,

setzt sich zierlich auf die Keulen und macht ein Männchen, um weitere

Umschau zu haben, Hermännchen sichert und macht sich zum Jagdzug

fertig. Mit zierlichen Sätzen geht’s durch den Wald auf einem glatten

Wechsel, den es selbst ausgetreten hat, dann auf dem Fahrweg in dem

Gleis, das die schweren Holzwagen ausgefahren haben, hinaus aufs Feld.

Auf dem Grenzstein sitzt Hermännchen wieder ein Weilchen als langer

Pfahl und späht nach etwas Genießbarem. Nichts ist zu sehen. Nun

eilt das Wiesel in der Ackerfurche entlang, immer in weiten, eiligen

Sätzen, denn hier ist keine Deckung und der Waldkauz wird bald auf Raub

ausfliegen, vor dem muß man sich in acht nehmen, der hat gar spitze

Krallen. Dem Bache eilt der kleine, braune Räuber zu. Schon ist er in

den Büschen, die das Ufer säumen, angekommen und schlüpft durch das

Gezweig, um eilig in einem alten Kaninchenbau zu verschwinden. Bewohnt

ist er nicht, das weiß auch das Wiesel, aber es schlüpft stets in die

alte Höhle hinein, wenn es übers Feld gekommen ist. Hier erst fühlt es

sich wieder sicher nach dem unangenehmen Springen über den offenen und

kahlen Acker.

Da guckt es wieder unter einer Wurzel hervor, nun steckt es Kopf und

Hals weit hervor und sichert in alle Winde. Dann schlüpft es heraus,

macht zum Überfluß noch ein Männchen, und dann geht es wieder am

Bache entlang. Das Wasser hat die Ufer unterhöhlt und einen schmalen,

halbverdeckten Pfad unter dem Ufer ausgespült. Den kennt Hermännchen

und hüpft auf ihm dahin. Fast armstarke Höhlen führen von hier aus

in den Bachdamm, in die schnuppert der kleine Räuber immer hinein.

Das Loch ist leer, das dort auch. Weiter geht es. Da ist wieder eine

Höhlung. Hier hält sich das Wiesel nicht lange mit Schnuppern und

Spüren auf. Es ist wie umgewandelt und im Nu verschwunden in dem

glatten, runden Loch. Einige Schritt weiter bachaufwärts ist noch eine

Ausfahrt. Dort saust ein braunes Etwas heraus, plumpst ins Wasser und

ist verschwunden. Gleich danach erscheint das Wiesel an der gleichen

Stelle, stutzt einen Augenblick, und geht dann auch ins Wasser und

schwimmt eifrig schnuppernd gegen die Strömung.

Zehn Schritt vor ihm taucht ein andrer Schwimmer auf. Eine Wanderratte,

größer und dicker als das Wiesel, rudert dort aus Leibeskräften, denn

sie weiß den Todfeind hinter sich. Kaum hat der kleine Räuber sein

Wild erblickt, da ist er auch schon heraus aus dem Wasser und eilt in

mächtigen Sätzen am Ufer hin. Schon ist er neben der Ratte und springt

nach ihr. Das Wasser spritzt hoch auf, und dann sieht man von dem

Räuber und auch von seinem gehetzten Wild nichts mehr.

Noch einmal ist es der Ratte gelungen, dem Verfolger zu entkommen.

Schwer atmend sitzt sie unter dem Wurzelwerk der Erle und glotzt

angstvoll nach dem Wasserspiegel. Naß kleben ihr die braunen Haare am

Körper und lassen sie häßlich und abstoßend erscheinen. Nun endlich

taucht auch Wieselchen wieder auf und schwimmt einigemal suchend und

schnuppernd hin und her. Jetzt haben die scharfen Augen die zitternde

Ratte erspäht und schnurstracks strebt das Hermelin auf sein Wild zu.

Der Ratte ist der Weg zum Wasser abgeschnitten. Sie setzt sich auf die

Keulen, hebt die zierlichen Vorderpfoten zur Abwehr und bewegt die

Oberlippe zuckend auf und nieder, daß die meißelscharfen Nagezähne

drohend aufblitzen.

Jetzt ist der Todfeind am Ufer, noch ein Satz und noch einer, dann

wälzt sich ein quiekender und strampelnder Knäuel auf dem Schlamme,

rollt hin und her, plumpst ins Wasser, aber löst sich nicht, kommt

wieder aufs Trockne, wird ruhiger und stumm. Dann zerrt das Wiesel sein

Opfer ganz aufs Ufer und kaut und zupft am Rattenhalse, bis es rot

sprudelt und fließt, und dann leckt es und zupft wieder und kaut, bis

kein Tropfen Blut mehr hervorsickert. Wiesel, mordgieriger Teufel, wie

siehst du jetzt aus! Naß kleben die Haare am Körper, das Näschen und

Mäulchen sind rot vom Blut, auch das weiße Vorhemdchen ist besudelt,

und der weiße Bauch ist schwarz vom Schlamm!

Nur wenige Bissen reißt der kleine Räuber los von seiner erkaltenden

Beute und kaut sie hinter, dann läßt er alles liegen, schwimmt durch

den Bach und setzt sich drüben auf den umwachsenen Stumpf der Pappel,

um sich ein wenig zu trocknen. Er schüttelt sich, daß die Haare

starr nach allen Seiten stehen, dann beginnt er nach Katzenart sich

zu säubern. Wieselchen leckt das weiße Vorhemdchen glatt, aber der

rote Fleck will nicht verschwinden, immer und immer wieder taucht er

hervor und wird breiter. Dort hatte wohl die Ratte gefaßt und eine

Schmarre geschlagen. Unter stetem Lecken bringt das Hermelin das Blut

schließlich doch zum Stehen, dann fährt es sich mit der Zunge noch

einigemal über den Balg, juckt und kratzt sich, sträubt das Haar und

schüttelt sich und ist beinahe wieder trocken.

Husch, ist es herunter vom Pappelstumpf und eilt in langen Sätzen dem

Walde zu, aber diesmal oben, im Gestrüpp, nicht mehr am Wasserrande.

Dort steht eine alte, hohle Weide. In Meterhöhe über dem Boden hat sie

ein rundes Loch, das in den hohlen Stamm hineinführt. Das Wiesel reckt

sich am Stamm in die Höhe, schnuppert und lauscht, dann krümmt es den

geschmeidigen Rücken. Wie eine Feder schnellt der schlanke Räuber hoch

am Stamm in die Höhe, klammert sich fest mit spitzen Krallen und steckt

den Kopf in das Baumloch. Darin flattert es wild und zetert ängstlich,

aber der Räuber läßt sich nicht bange machen. Bald hat er zugefaßt und

springt mit dem erhaschten Feldsperling auf den Boden herab. Dann rupft

und kaut das Wiesel, zermalmt den Schädel und frißt das Gehirn, leckt

jedes Tröpfchen Blut auf, verzehrt etwas vom Muskelfleisch der Brust,

dann leckt sich’s das Mäulchen und ist gesättigt. Dann schüttelt es

sich einige Tautröpfchen aus dem Pelz und macht ein Männchen, um sich

umzuschauen.

Der Wind scheint ihm eine interessante Witterung zugetragen zu haben,

Hermännchen hüpft in zögernden Sätzen am Bachufer hin und macht öfter

Halt, um prüfend die Luft einzuziehen. Dann bückt es sich zum Boden,

tupft leise mit dem Näschen auf eine feuchte Stelle und zieht durch

die gefitzte Nase den süßen Duft ein. Dann nimmt es die gefundene

Fährte auf und folgt ihr auf allen Widergängen und Haken am Bache

entlang, durch die Roggensaat, den jungen Klee, am Rain entlang in

einen Steinhaufen, von da zur Steinbrücke am Feldweg, unter der es

verschwindet. Da kommt es schon auf der andern Seite wieder hervor

und rennt den Feldweg entlang. Doch nein, das ist unser Freund ja gar

nicht, ein zweites, etwas kleineres, schlankeres Hermelin ist es, und

unser Bekannter saust auf der Fährte des Weibchens dahin. Das aber

scheint sich noch spröde der Werbung zu widersetzen, lange jedoch wird

es nicht mehr dauern, da findet der stürmische Liebhaber Gehör.

Und richtig. Im Juli spielen fünf halberwachsene Wiesel mit der Mama

in den Trümmern des wüsten Schlosses. Bald hier, bald da gucken die

kleinen Schelmengesichter unter den Steinen hervor, hier und da huscht

eins der geschmeidigen Kerlchen durch die Steinwüste. Und wie man

den besetzten Fuchsbau schon in einiger Entfernung am Raubtiergeruch

erkennt, so ist jetzt das ganze wüste Schloß durchduftet von dem

süßlichen Parfüm der Hermelinfamilie. Sogar der Geruch der Speisereste,

der Mäusefelle, Kaninchen- und Junghasenknochen wird verschleiert von

diesem Duft.

Und die Zahl der Überbleibsel ist nicht gering. Eine so zahlreiche

Familie will viel haben, ehe jeder satt ist. Da heißt es tüchtig

arbeiten, hier ein Jungkaninchen hetzen durch dick und dünn, bis es in

den Bau fährt und dort in einer Sackgasse nicht weiter kann oder bis

es sich drückt, so daß es mit einem Sprung erreicht werden kann, dort

einem Hasen auflauern und ihm an den Rücken springen. Und wenn ein

Wiesel einmal gefaßt hat, wenn es die nadelspitzen Zähne eingehauen hat

in die Nackenmuskeln, dann hilft kein Bäumen und Rennen, dann sitzt es

fest, läßt sich hierhin und dorthin schleudern und macht einen Ritt mit

auf dem Opfer. Und die spitzen Zähnchen arbeiten und reißen, bis eine

Schlagader aufgebissen ist und der rote Lebenssaft rinnt. Dann ist der

Widerstand der Beute gebrochen, seine Lebensgeister schwinden, und das

Wiesel sitzt und trinkt, bis es vom Blut förmlich berauscht ist. Dann

schleppt es die Beute den Kleinen zum Fraße zu.

Später begleiten die Sprößlinge die Mutter auch auf ihren Streifzügen,

bis sie allmählich selbständiger werden und gegen den Herbst hin sich

in die Umgegend verstreuen. Sie beginnen umherzustreifen, messen sich

bald auf den Stoppelfeldern mit jungen Hamstern, bald fangen sie die

braune Wühlmaus im Walde. Sie kehren auch zu Zeiten mal wieder in den

Trümmerhaufen des wüsten Schlosses zurück, aber bestimmt kann man sie

nirgendwo antreffen, unstet betreiben sie bald hier, bald da ihre

Jagd. So kommt es, daß hier eins vom Jagdhund gewürgt wird bei der

Hühnersuche, dort eins im Stall des Bauern erschlagen wird, weil es

sein Interesse für Kaninchenbraten allzu unverblümt gezeigt hat.

Mögen auch einige einen frühen Tod sterben, die Mehrzahl schlägt sich

doch durchs Leben, ihre Vorsicht und Schlauheit bewahrt sie doch

meist vor einem Unglück. Und wenn dann der Winter kommt und mit

weißen Flocken Mutter Erde einhüllt, dann zieht auch das Hermelin

eine weiße Jacke an, und die schwarze Schwanzspitze guckt noch

darunter hervor. Gegen den Frühling, wenn es wieder wärmer wird, dann

legt es auch stückweise den alten Rock wieder an, ist eine Zeitlang

weißbraun gefleckt, bis es wieder den braunen Sommerflaus trägt, der

es verschwinden läßt auf dem braunen Acker, auf dem laubbedeckten

Waldboden.

Ein Räuber ist das Wiesel, ein blutgieriger sogar, aber kein

Naturfreund kann ihm dauernd gram sein, dazu ist es viel zu hübsch, man

verzeiht ihm immer wieder auch die blutigste Übeltat.

Raubritter

Eine milde Märznacht beginnt zu weichen. Noch läßt der Waldkauz seine

jauchzende Balzarie hören, noch tönt das „Guuk“ des Käuzchens aus den

Kopfweiden am Bachufer. Doch bald verstummt das nächtliche Konzert.

Im Dorfe kräht ein Hahn, bald antwortet ein zweiter, der östliche

Himmel schmückt sich mit rosigen Tinten. Vom Kirchendache begrüßt der

Hausrötel den erwachenden Tag mit seinem komischen Liede, am Bachufer

erwacht das Rotkehlchen und schnickst traumverloren. Jetzt erwacht

auch der Frühwind und fährt flüsternd durch das Laub der Steineiche,

dann knarrt er ein wenig mit ihrem losen Aste, bläst in den Kobel

des Eichhorns, verkündet ihm einen neuen Tag und eilt weiter, andre

Schläfer zu wecken. Zum Spechtloch bläst er hinein, aber die Meise

will noch nichts vom Aufstehen wissen, auch der Feldspatz im hohlen

Apfelbaume plustert sich nur noch etwas mehr auf beim Morgengruß des

Windes und schilt leise über die Störung. Und weiter eilt der lose

Geselle. Dort nimmt er der Waldmaus das dürre Eichenblatt weg, unter

dem sie eben eine keimende Nuß zerknabbern wollte, dann wirbelt er ein

wenig im Stangenholze und verdirbt Langschwanz, dem Fuchs, die Jagd.

Stampfend schlüpft das Kaninchen in den Bau, das noch rechtzeitig

die Witterung des Schleichers in das wachsame Näschen bekam. Rastlos

weiter eilt der Wind hinaus auf die Wiese, jagt die Nebelschwaden

durcheinander, kost der jungen Magd des Försters die Wangen und spielt

mit ihren Löckchen, dann geht es zum Feldgehölz. In den Fichten

schlafen die Goldhähnchen und wollen geweckt sein, einer Elster ist

eine wichtige Botschaft auszurichten, und vor allem der Herr Baron muß

begrüßt werden, der dort seine Wohnung hat.

Ärgerlich über den dummen Wind, der ihm so unzart die Nackenfedern

zaust, öffnet der +Sperber+ seine gelben Augen. „Wahrhaftig, es ist

schon ganz hell, die Sonne geht schon auf“, so denkt er. Er schüttelt

sein Gefieder, reckt die runden Fittiche, fächert den gebänderten

Stoß, ordnet die rostbraunen Federn der Brust, juckt in den blaugrauen

Schulterfedern und bringt einige quälende Federläuse zur Ruhe, -- der

Herr Baron macht Toilette. Jetzt wäre eigentlich ein kleines Frühstück

am Platze, aber wo ist das am leichtesten zu holen? Die Lerche, die

sich soeben singend von der Scholle aufschwingt, wäre ja ein ganz

guter Bissen, aber sie ist zu schnell in den Wolken verschwunden, und

man muß sich mächtig anstrengen, um sie zu fangen. Meisen wieder sind

leicht zu fangen, wenn sie über freies Feld fliegen, aber das tun sie

selten; die Sperlinge im Dorfe sitzen noch im Weinspalier an der Pfarre

und machen Frühkonzert, sehr fraglich, ob man da einen kriegt. Aber

halt, an der Feldscheune waren gestern Ammern und Finken, dort ist es

nicht allzu schwer, einen plumpen Finken zu fangen. Zur Not wimmelt

es dort von Feldmäusen, sie schmecken zwar nicht besonders, aber sie

machen auch satt. Also auf zur Feldscheune!

Mit einem raschen Schwunge wirft sich der Sperber von seinem Aste, und

tief am Boden streicht er dahin, quer über die Felder zunächst, dann

am Raine entlang. Gedeckt durch einen Rosenstrauch, kommt er ungesehen

in die Nähe, aber als er sich in jähem Bogen unter die vermeintlichen

Opfer stürzen will, findet er sich in seiner Berechnung betrogen:

keine Ammer, kein Fink, nicht einmal eine lumpige Maus ist zu sehen.

Geduldiges Abwarten verhilft vielleicht eher zu einem Frühstück. Dort

der Balken ist ein schönes Ruheplätzchen, die Sonne scheint so warm

dorthin, und versteckt sitzt man dort auch; dort setzt sich der Sperber

hin und reckt und räkelt sich in der Sonne. Sein Sonnenbad gefällt ihm

so, daß er fast seinen knurrenden Magen vergißt. Eine wispernde und

raschelnde Feldmaus erweckt kaum seine Aufmerksamkeit. Doch plötzlich

ruckt er zusammen. Gääb, gääb, lockt es aus der Luft. „Ei, fette

Böhämmer“, denkt der Sperber und sitzt stockstill. Wirklich, eine Schar

Bergfinken kommt im hüpfenden Bogenflug herbei und schwenkt über der

breitgewehten Spreu. Gierig funkeln die gelben Augen des Strauchritters

auf dem Balken, tief zwischen die Flügelbuge eingezogen ist der Kopf,

jeder Muskel in den langen gelben Fängen (Beinen) strafft sich. Jetzt

nahen sich die arglosen Finken wieder und lassen sich einzeln auf der

Spreu nieder, da fährt in brausendem Fluge der Todfeind unter sie.

Erschreckt stieben die Fremdlinge aus Lappland auseinander; doch zu

spät. Ein prächtiges Männchen mit schwarzem Kopf, rostgelber Brust und

schneeweißem Bürzel bildet ein gutes Ziel. Schon ist der Räuber neben

ihm, jetzt eine kurze Drehung, ein sicherer Griff von der Seite her,

und ein letzter Angstlaut des Opfers erstirbt unter dem furchtbaren

Drucke.

Der glückliche Jäger eilt mit seiner Beute einem verborgenen Fleckchen

zu, um ungestört kröpfen (fressen) zu können. Dort am Raine, wo

Rainfarn und Disteln mit ihren überwinterten dürren Stengeln sich

über die Ackerfurche neigen, kann keine Krähe so leicht dem Schmause

zuschauen; dort läßt sich der Sperber nieder. Hastig rupft er die

langen, schwarzen Schwanzfedern, die Schwungfedern, die gelben

Unterflügelfedern ab, dann verschlingt er Kopf mit Schnabel, auch

die Beine des Bergfinken wandern in den Kropf, dann etwas von den

Eingeweiden, ein wenig Brustfleisch, und der Räuber ist für den

Augenblick gesättigt.

Die warme Luft, der Sonnenschein, das leckere Mal, dies alles stimmt

den Sperber froh; er schwingt sich auf und schraubt sich hoch und

höher, um sich an Flugspielen zu ergötzen und ein wenig nach der Gattin

auszuschauen, die im Nachbarrevier den Winter über der Jagd oblag. Ja,

besonders fest sind außer der Brutzeit die ehelichen Banden der Familie

Sperber nicht, aber jetzt fühlt der Gatte das Herannahen der Minnezeit

in allen Gliedern, es treibt ihn fort, die Gemahlin zu suchen. Doch,

siehe da, auch sie scheint die gleichen Empfindungen zu hegen; dort

naht sie in raschem Fluge. Sogar zum Spielen ist sie heute aufgelegt,

in elegantem Bogen stößt sie auf den Herrn Gemahl, der gewandt

ausweicht, dann selbst zum Angreifer wird. Hin und her geht das Necken,

oft durch längeres Kreisen unterbrochen. Voller Stolz ruht das Auge

des Männchens auf seinem Weibchen. Wahrhaftig, eine stattliche Schöne!

Fast doppelt so groß wie ihr Gemahl erscheint sie; die lichte Brust

ist mit schmalen, dunklen Binden verziert, der Rücken in stumpfes Grau

gekleidet.

Doch lange hält die Lust zum Spielen nicht an; eine trübe Wolke schiebt

sich vor die Sonne, die Luft geht etwas kühler, und eilig entfliehen

alle Liebesgedanken. Vor dem Mai denken ja die Sperber noch nicht

an Nestbau und Kindersegen. Ein neuer Jagdzug beginnt. Frau Sperber

hat bis jetzt noch nicht viel im Magen. Einen Sperling schlug sie im

Pfarrgarten; doch sie hatte nur eben erst mit dem Frühstück begonnen,

da schob sich zu einem offenen Fenster ein schwarzes Rohr heraus, ein

Knall ertönte, und dicht neben ihr spritzte die Erde auf -- da war sie

eilend geflohen und hatte den Sperling liegen lassen. Pastors Hans

aber hatte ärgerlich sein Teschin beiseite gestellt; wieder war seine

schöne Trommeltäubin ungerächt geblieben, die gestern Madame Sperber

eben noch erwischte, als sie sich im Schlage vor dem hitzigen Verfolger

retten wollte. Da hatte kein Pfeifen, kein Schreien des Besitzers etwas

genützt, der geworfene Stein pfiff weit vom Räuber durch die Luft, der

mit seiner schweren Beute mühsam dem Walde zustrebte. Hei, das war ein

Streich, eines starken Sperberweibs würdig, noch heute freute es sich

über die ohnmächtige Wut des Menschenkindes; aber allzuoft darf man die

Tauben nicht heimsuchen, denn wenn die Klagen zu des Försters Ohren

dringen, dann ist die Gefahr groß.

Deshalb soll der nächste Beutezug hinausgehen aufs Feld. Dort beginnt

der Stoppelklee sich von den Schäden des Winters zu erholen. Plumpe

Feldmäuse knabbern an den jungen grünen Blättern, Lerchen suchen dort

nach Räupchen, Stare laufen hastig mit nickendem Kopfe durch die

Pflanzen, um Eulenraupen und Regenwürmer zu suchen oder einen hurtigen

Laufkäfer zu haschen. Dort ist Aussicht auf einen guten Braten.

Wie ein erfahrener Jäger pürscht Frau Sperber den Jagdgründen zu,

geschickt benutzt sie jede Deckung, vorsichtig weicht sie jeder

Begegnung mit Amsel oder Meise aus; denn die warnenden Angstlaute

verraten weithin jedem Kleinvogel das Nahen des Feindes, zu fangen

sind dabei die Warner im dichten Gestrüpp fast nie. So eilt das

Sperberweibchen tief am Boden jetzt durch das Tal dahin, jetzt

überspringt es förmlich die Schneeschutzmauer, um ein Stück dem

Schienenstrange der Eisenbahn zu folgen, jetzt ein kurzer Bogen, und

unbeweglich blockt (sitzt) der Räuber auf einer hochgestellten Egge.

Langsam wandern die gelben Augen über das Feld, keine Bewegung entgeht

der Beobachterin. Da, was ist das, dort an der feuchten Stelle, wo der

Klee schon kräftig zu sprossen beginnt? Dort hüpft es, dann rennt es

wieder, dann zerrt es etwas aus dem Boden, das sieht doch beinahe aus

wie Drosseln. Da gilt kein Zaudern. Mit einem kräftigen Sprunge wirft

sich der Sperber in die Luft, um wie ein Blitz aus heiterem Himmel

unter die Ahnungslosen zu fahren. Doch schon ist er bemerkt. Mit lautem

„Tuiik, schack schack“ fliehen sie dem Walde zu. Als Wacholderdrosseln

oder Krammetsvögel verraten sie sich durch diesen Ruf.

Seltsame Käuze · 第 4 / 11 段