schwimmen die Eltern am Schilfrande. In ihrer Freude vergessen sie ganz
ihre sonstige Wachsamkeit, sie liegen hoch im Wasser, und der Papa
singt sogar seinen Kindern, die sich auf dem Rücken der Mama schaukeln,
ein dröhnendes Wiegenlied.
Er hört nicht die leisen Schritte hinter dem Deichdamme, hört nicht
das Knacken des Gewehrhahnes. Mit einem Male sieht er eine Bewegung am
dicken Pappelstamme. Er dreht den helmverzierten Kopf und äugt scharf
nach dem Baume. Da blitzt es und wie ein Schauer körniger Hagelstücke
peitscht eine Ladung Schrote das Wasser, zerfetzt den Hauptschmuck des
Tauchers, durchbohrt seinen Hals, zerreißt sein Lebensmark.
Es plumpst und plantscht im Schilfe, der Jagdhund schwimmt prustend
hinüber zum Krontaucher, faßt ihn und bringt ihn zum Ufer. „So recht,
mein Hund, hier bring ihn her. Setz dich brav!“ Dann nimmt der junge
Jägersmann den Taucher und streicht ihm über die atlasweiße Brust.
Der Lockenkopf seines Mädels taucht auf vor seinem Geiste, und ein
Taucherbarett darauf, das muß fein passen zu den dunklen Locken und den
frischen, roten Wangen. -- An das Taucherweib denkt er nicht und ihre
Kinderschar, denen er Gatten und Vater entrissen.
Vom Hecht
„Frühling, Frühling!“ läuten die weißen Blüten des Schneeglöckchens.
„Frühling!“ sagt der Haselstrauch und schüttelte leise seine gelben
Kätzchen im Winde, daß Staubwölkchen ihnen entschweben. Mit zarten,
roten Büschelarmen langen und tasten die weiblichen Blüten nach dem
goldenen Staube, dem Liebespfande der Männchen. Wärmender, feuriger
lockt von Tag zu Tag die Sonne, Leberblümchen und Veilchen ruft
sie. Schmeichelnd badet sie ihre Strahlen im Waldteiche, sie lockt
die Pflanzen und ruft die Tiere. Mit knurrenden Tönen schwört der
Taufrosch seiner kalten Gattin ewige Liebe, und auch die stummen
Fische spüren des Lenzes Macht.
Dort, wo die Ufer breit und sumpfig sind, wo das Wasser wärmer ist,
als an den tiefen Stellen, da zeigen rasch laufende Wellen, daß Leben
hier pulsiert. Grünhals, der Stockerpel, sucht mit hochgerecktem
Kopfe zu ergründen, was hier vorgeht, während seine Gattin lieber die
gefährlich scheinende Stelle ganz meidet. Doch die zwei, die sich
dort tummeln, die denken jetzt nicht an Mord und Raub, so gefährliche
Burschen sie auch sonst sind. Spielend reibt der Hecht seine breite
Schnauze an den Seiten des Weibchens, drängt sich dicht an sie, biegt
seinen geschmeidigen Leib im Kreise um sie und erweist ihr hundert
Artigkeiten. Frisch und glänzend zeichnen sich die graugrünlichen
Wellen- und Fleckenornamente auf seinem Körper ab, erscheinen bald
heller, bald dunkler, bald schwärzlich, bald rötlich, je nachdem die
Sonne ihr Gesicht hinter den Wolken verbirgt oder glänzend hernieder
lacht. Abend wird es und noch immer dauert das Spiel, es wird Morgen,
die Hechte stehen und spielen noch an der gleichen Stelle. Nach einigen
Tagen aber sind sie verschwunden. Wo sie sich tummelten, liegen
schleimige Klümpchen zwischen den Pflanzen.
Weiter lockt und wärmt die Sonne. Sie hat jetzt viel zu tun. Große
Gallertklumpen liegen im Teiche und wollen gewärmt sein, damit die
kleinen Kaulquappen sich gut in ihnen entwickeln. Kleine schwarze
Schüppchen treiben auf dem Wasser, kleben an den Pflanzen oder liegen
im Schlamme. Wintereier der Wasserflöhe sind es, die auch ausgebrütet
sein wollen. Dazu kommt noch das Heer der Pflanzen, die ihre grünen
Blättchen entfalten und hungrig die Lichtstrahlen auffangen, damit
sie Stärke und Zucker bauen können. Der Wasserhahnenfuß mit seinen
dünnen Fiederblättchen, der Fremdling aus Amerika, die Wasserpest,
dazu das Heer von Millionen kleiner Kieselalgen, dünner Fadenalgen und
rollender Volvoxkolonien, sie alle wollen Licht haben, Licht und Wärme.
Und die Sonne strahlt und strahlt, und jeder bekommt sein Teil von
ihrer Lebenskraft. In kurzer Zeit hat sie ein Heer kleiner Lebewesen
hervorgebracht, die durcheinander hüpfen und schwimmen, krabbeln und
klettern, daß es eine Lust ist, zuzusehen.
Was ist unterdessen aus den Schleimklümpchen geworden, die die Hechte
am Teichufer liegen ließen? Kleine schwarze Pünktchen bildeten
sich in ihnen, die wurden größer. Bald ließ sich ein kleines,
zusammengeringeltes Fischchen in ihnen erkennen. Eines Tages sind die
winzigen Dinger ausgekrochen, einige kleben noch an den Eihüllen, die
andern sind zwischen den Pflanzen verschwunden. Nur selten verlassen
die kleinen Hechte den dichten Pflanzenwald, hier finden sie ja alles,
was sie brauchen. Wasserflöhe, Mückenlarven und Würmer bilden ihre
Nahrung, bei der sie erstaunlich rasch heranwachsen. Einige Wochen
mögen sie alt sein, da richten sie ihre begehrlichen Blicke schon auf
junge Fischbrut. Ob junger Weißfisch oder Schleie, ob ein Freund der
eignen Art, das ist gleich. Wenn er nicht zu groß ist, wird er gefangen
und gefressen.
Ein spannendes Schauspiel ist die Jagd des Hechtes. Am Rande des
Teichs, wo die plätschernden Fluten das Erdreich zwischen Erlenwurzeln
herausgespült haben, so daß wunderschöne Verstecke und Schlupfwinkel
entstanden sind, hat ein dreijähriger Hecht seinen Stand. Wochenlang
bekommt man ihn nicht zu sehen. Da eines Tages ziehen drohende
Gewitterwolken am Himmel hoch, die Luft ist schwül und drückend.
Endlich geht unter Blitz und Donner ein erfrischender Platzregen
nieder, die Luft vom Staube reinigend, die Gewässer ausgiebig
durchlüftend. Das ist die Zeit, wann der Hecht jagt. Still steht er
zwischen den Erlenwurzeln, leise spielen seine Kiemendeckel. Da geht
es wie ein Ruck durch seinen glatten Körper. In schnurgerader Richtung
ziehen Wellen auf ihn zu, eine Wasserratte durchquert den Teich. In
gleichmäßigem Takte spielen die Brustflossen des Raubfisches, er
richtet sich etwas auf und krümmt den Rücken. Jetzt ist das Opfer nahe
genug, wie ein Pfeil schießt der Hecht vor, das Wasser spritzt auf und
die Wasserratte ist zwischen den nadelspitzen Zähnen verschwunden, die
kein Loslassen kennen.
Wieder steht der Räuber ruhig und lauert. Die Rohrdrossel lärmt im
Schilfe, ein Wasserhuhn zieht vorüber, den Hecht stört es nicht.
Schwalben fliegen über dem Wasserspiegel und trinken und baden im
Fluge, aber auch die erregen die Aufmerksamkeit des Hechtes nicht.
Im Fluge vermag er sie ja doch nicht zu erwischen. Aber im Herbst,
wenn sie in Scharen im Röhricht einfallen, um zu nächtigen, da lohnt
es eher, ein wenig auf sie acht zu geben. Zweimal schon ist es dem
Räuber gelungen, ein niedrig sitzendes Schwälbchen vom Rohrhalme
wegzuschnappen. Aber viel war an dem kleinen Federviehzeug auch nicht
dran, also guckt der Hecht nach den Schwalben gar nicht mehr. Aber
jetzt verrät er wieder Zeichen von Jagdlust, wieder spielen seine
Flossen, wieder krümmt sich sein Rücken. Eine breite, leise Welle
nähert sich, was ist das? Ein dicker Karpfen ist es sicher nicht,
da ist die Welle zu leise und zu breit. Näher und näher kommt die
Bewegung des Wassers, eine „Schule“ von fingerlangen Barschen zieht
vorüber. Rot glänzen ihre Brustflossen, die stachligen Rückenflossen
werden aufgestellt und umgeklappt, die dunklen Querstreifen auf dem
Schuppenkleide machen sich leicht kenntlich. Wie ein Ungewitter fährt
der Hecht unter die Barsche, daß sie wie Spreu auseinanderstieben
und eiligst entfliehen. Leicht wäre es dem Räuber, mit der breiten
Schnabelschnauze einen der kleinen Raubfische zu erhaschen, aber er
tut es nicht. Barsche schmecken ihm zu stachlig, die nimmt er nur,
wenn er sehr hungrig ist. Er hatte sie nur nicht erkannt mit seinen
kurzsichtigen Fischaugen, sonst hätte er sich die Mühe und den Kleinen
die Aufregung erspart.
Sonderbar, allemal wenn der Hecht Barsche sieht und ihre Stacheln
erkennt, dann muß er immer wieder an den kleinen Fisch denken, der
bei ihm in schmerzlicher Erinnerung steht. Es war im Frühjahr. Er
hatte die Zeit der Liebe hinter sich und mächtigen Appetit nach der
entbehrungsreichen Laichzeit. Da hatte er einen kleinen Fisch vor sich
gesehen, der vor dem großen Räuber keine Angst zeigte. Leise war er
herangeschlichen, genau hatte er gezielt und war dann vorgeschossen
wie ein Pfeil und hatte den Kleinen erfaßt. Doch wehe! Scharfe, spitze
Stacheln hatten sich in seinen weichen Gaumen eingebohrt, er hatte
gespien und geschluckt, aber weder heraus noch herein war der kleine
Stachelheld zu bringen. Nach langen, schmerzlichen Bemühungen war es
ihm endlich geglückt, den Stichling auszuspeien. Nach denen schnappt er
nicht wieder, das weiß er.
Und noch etwas Rätselhaftes war in diesem Jahre passiert. Er bummelte
gemütlich über dem Teichgrunde dahin, schnappte hier nach einer
Libellenlarve, dort nach einer Kaulquappe. Dann sah er einem Karpfen
zu, der langsam und behäbig unter der Wasseroberfläche dahinschwamm und
immerwährend schnappte, um sich mit winzigen Flohkrebsen zu mästen. Auf
einmal war ein Schatten ins Wasser gefallen, es hatte laut geplatscht
und gerauscht, dann war ein großer Vogel ein Stück unter Wasser
getaucht, hatte mit acht scharfen Krallen dem Karpfen durch den Leib
gegriffen und war dann wieder verschwunden und mit ihm der zappelnde
Friedfisch. Aus Angst vor diesem Karpfenheber (Fischadler) hält sich
unser Hecht lieber im tiefen Wasser auf, oder unter dem Schutz von
Schilf und Baumwurzeln.
Doch vom Philosophieren wird man nicht satt, und ein Hecht von
drei Pfund hat Hunger. Sieh da, ein glitzerndes Fischchen ist
vorübergeschwommen, er hat es verpaßt. Doch da ist ja wieder eins,
es dreht und schlängelt sich durchs Wasser. Mit einem Ruck fährt der
Räuber zu und schnappt und schluckt. Doch was ist das? Hart wie Stein
ist der Fisch und stachlig obendrein. Also heraus damit. Aber der
Bissen sitzt fest. Und was ist denn das wieder Neues. Der Bissen zieht
leise und vorsichtig nach dem seichten, sandigen Ufer zu. Mit kräftigen
Schwanzschlage steuert der Hecht rückwärts und ruckt und reißt. Immer
fühlt er dabei Widerstand, einen sonderbaren nachgiebigen Zug. Hält
er ein mit Rucken und Zerren, dann wird er wieder langsam nach dem
Ufer gezogen. Hin und her geht der Kampf. Aber schwächer und schwächer
wird der Widerstand des Hechtes, noch einen Gewaltversuch macht er,
aber um so rascher ermattet er. Schon ist er bis auf wenige Meter dem
Ufer nahe, jetzt liegt er gar schon auf dem Sande. Mit letzter Kraft
ruckt und schnellt der Hecht, aber zu spät. Ein dichtes Netz legt sich
um seinen Leib, hebt ihn auf vom Sande und bringt ihn ins Trockene.
Einen dumpfen Schlag fühlt der Hecht noch auf seinem Schädel, dann
ist es aus. Zwar zucken seine Muskeln, wenn der kalte Stahl das Hirn
durchbohrt, aber fühlen kann er seinen Tod nicht mehr.
Der glückliche Fischer aber löst den doppelten Hechthaken aus dem Maule
des Raubfisches, prüft die dünne, feste Seidenschnur und die Rolle,
die das Garn zwar auslaufen läßt, aber immer dabei bremst, so daß der
gefangene Fisch viel Kraft vergeudet, ohne doch die Schnur zerreißen
zu können. Dann legt er wieder den Kätscher bereit, streicht mit dem
Messerrücken über den Blechlöffel, der den Fisch darstellt, damit er
neuen Glanz bekommt, und wirft dann wieder seine Angel aus.
Ein Hecht hat zartes Fleisch und dabei wenig Gräten, er ist gut zu
essen. Das wissen nicht nur die Angler, das wissen auch die Jungen auf
den Dörfern, in deren Bächen sich Hechte aufhalten. Und gar schlau
wissen sie die glatten Räuber zu fangen. Die Angel wird von den Knaben
wohl nie benutzt, zum langen Warten haben sie wenig Geduld. Im März,
wenn die Hechte „stehen“, da ist ihre Fangzeit. Da gehen sie zum
Schirrmeister des Ritterguts und betteln sich einige lange Haare aus
dem Schweife des Schimmels. Die flechten sie zu einer dünnen, straffen
Schnur zusammen und ziehen hinaus vors Dorf. Am Bach schneiden sie
eine lange dünne Weidenrute ab, binden ihre Roßhaarschlinge daran und
gehen langsam am Bachufer hin. Wo sich die dicken Stämme der Erlen und
Pappeln, der Weiden und Birken im Wasser spiegeln, da gucken sie und
suchen sie. Da kann man bis auf den Grund des Baches sehen, während
sonst die spiegelnde Oberfläche stört. Aber leicht ist ein Fisch
zwischen den verwesenden Blättern, den toten Rohrhalmen und Ästen auf
dem Bachgrunde nicht zu entdecken.
Endlich macht einer der Jungen Halt. Schnell sieht er noch einmal
nach, ob die Schlinge fest an der Rute sitzt. Dann guckt er lange und
genau nach dem Hecht, den er stehen sieht. Ja, was ist denn nur hier
vorn oder hinten? Vom Kopf ist nichts zu entdecken, der steckt unter
einem Blatt, der Schwanz auch. Ganz leise taucht der Knabe seine Rute
ins Wasser. Leise schiebt er das Blatt vom Kopfe des Hechtes weg. Der
bleibt auch wirklich stehen, aber geheuer ist ihm die Sache nicht, er
bewegt die Brustflossen ziemlich rasch, lange wird er nicht mehr ruhig
bleiben. Ein Blick nach der Schlinge zeigt, daß sie noch in Ordnung.
Vorsichtig zieht sie der Knabe dem Hecht über den Kopf, langsam bewegt
er sie nach den Kiemen des Fisches zu. Doch er tut einen Schwanzschlag
und ist hindurchgeschwommen.
Wieder wird er aufgespürt. Diesmal steht er günstiger. Wieder taucht
die Schlinge ins Wasser und rutscht über den Hechtkopf. Jetzt ist sie
hinter den Kiemen; dicht vor den Brustflossen umgibt sie in weitem
losen Bogen den Hechtleib. Mit einem Ruck, so rasch und kräftig er ihn
tun kann, zieht der Knabe seine Rute aus dem Wasser, ein Hecht von zwei
Spannen Länge zappelt in der unbarmherzigen Schlinge. Er kriegt einen
Klaps mit dem Taschenmesser auf den Kopf und wird abgenickt. Dann kommt
er in den Latz der blauen Schürze. Nach einer halben Stunde hat er
einen Leidensgefährten oder zwei, wenn nicht unterdessen der Förster
die Jungen erwischt und vertrieben hat. Denn erlaubt ist das Fischen
natürlich nicht, deshalb schmecken die Hechte doppelt gut.
Die Papierburg
Einsam und zwischen hohen Pappeln versteckt liegt die Walkmühle da.
Das Wasser plätschert und rauscht lustig an den alten Mauern, fröhlich
springt es vorüber, da es das alte Schaufelrad nicht mehr zu drehen
braucht; denn die Walkmühle ist schon lange nicht mehr im Betriebe.
Holzläden schließen die glaslosen Fenster, aber ohne Mühe kann sie
jeder öffnen, wenn er Lust hat, in das baufällige und verschmutzte
Gemäuer einzudringen. Eine Anzahl Fledermäuse stieben erschreckt auf
und umflattern den Eindringling, wenn er etwa die knarrende Holzstiege
hinaufklettert zum Oberboden der Mühle, und das Käuzchen schwingt sich
zur Dachluke hinaus, wenn Menschenschritte es aufscheuchen. Aber selten
genug kommt das vor.
Im Winter schaut die Sonne alle paar Tage einmal durch die Luke,
schickt ein bleiches Bündel Licht in die Ecken des Bodens und schiebt
es langsam von Stunde zu Stunde weiter. Je näher der Frühling kommt,
desto goldener wird der Sonnenstrahl auf dem Boden der Walkmühle, desto
kleiner der Weg, den er geht. Und wie die Sonne so suchend und wärmend
über den Boden der Walkmühle wandert, so weckt sie nacheinander die
Schläfer, die sich dort vor dem Winter verkrochen haben. Da sind zarte
Mücken und grüne Florfliegen mit goldenen Augen, Kohlweißlinge und
Pfauenaugen versammelt, die alle zur rechten Zeit geweckt werden, um
dann ihr Sommerleben zu beginnen, wenn nicht die zarten Fesseln des
Spinnennetzes am Mauerloche ihre schwachen Kräfte lahmlegen, so daß die
Hausspinne die Wehrlosen töten und aussaugen kann.
Im März war es. Die Sonne schien warm, und ihr goldener Strahlenstab
wanderte langsam über den Boden der Walkmühle. Zögernd glitt er
über das Gerümpel, das dort lag, über die zerbrochenen Rohrstühle,
das verstaubte Kinderspielzeug, beleuchtete die weißen Häufchen
Mauersalpeter, die im Laufe der Zeit vom Dache gefallen waren, und
kroch dann über den Haufen alter, morscher Lattenstücke.
Da traf er einen Winterschläfer und störte ihn in seiner Ruh. Zitternd
fuhr sich die +Hornisse+ über ihre geknickten Fühler, putzte sich
die großen Fazettenaugen, wischte sich den Staub aus den Punktaugen
auf ihrer Stirn, bog und dehnte den Hinterleib auf und nieder und
marschierte dann mit dem wandernden Sonnenstrahl weiter. Je länger
die belebende Sonnenwärme auf den gelben, glatten Leib fällt, desto
lebhafter wird sie, probierend hebt sie die braunen, knittrigen Flügel,
brummt ein wenig damit und fliegt dann auf. Schwankend und unsicher
geht der Flug dahin, bis die Hornisse an der Dachluke sitzt, so recht
in der warmen Sonne auf dunklem, warmem Brette. Immer mehr weicht die
Trägheit und Steifheit des langen Winterschlafs aus ihren Gliedern,
die Fühler spielen, die Kiefer öffnen und schließen sich. Nun ist die
Hornisse durchwärmt, sie summt mit den Flügeln und fliegt davon.
Der dürre Ast der alten Eiche, den der Wintersturm abriß und zu Boden
warf, hat im Fallen den schlanken Stamm einer Birke getroffen und
ein Stück der glatten, weißen Rinde abgeschlagen. Nun quillt der
aufsteigende Lebenssaft aus der Wunde und rinnt als süße Träne zu
Boden. Ein leiser Duft geht aus vom Birkensafte und zieht mit dem
sanften Lufthauch davon. Die Hornisse schwärmt und fliegt durch die
Duftwelle, die Fühler tasten in der Luft, und im Nu weiß die Gelbe den
Weg zum süßen Tranke. Geradeswegs fliegt sie hin zur Birke, tanzt
einmal auf und nieder vor der blutenden Wunde, und dann setzt sie sich
hin auf die weiße Rinde zum leckern Mahle. Lange leckt und schlürft sie
vom Birkensafte, bis sie gesättigt ist, dann putzt sie sich die Beine
und Flügel und brummt in schwerem Fluge weiter.
Hinüber zur glatten Esche geht es. Dort setzt sich die Hornisse
nieder und schrotet und schabt mit den scharfen Kiefern an der Rinde.
Ein heller Streifen zeigt bald an, wo sie die dünne graue Schicht
verwitterter Borke losgeschabt hat. Mit einem kleinen grauen Ballen
Holzstoff in den Kiefern brummt dann die Hornisse zurück zur Walkmühle.
Sie fliegt zur Dachluke hinein und läuft an den Balken umher. Zögernd
macht sie hier einmal Halt und tastet mit den Fühlern, dann läuft sie
weiter und wiederholt ihr Spiel. Endlich scheint sie gefunden zu haben,
was sie sucht.
Der Balken, der sich quer über den Boden spannt, scheint ihr sehr
zu behagen. Er ist halb im Dunkeln, trocken ist er auch, und von
der Dachluke zieht ein leiser Lufthauch über ihn hin. Dort sitzt
die Hornisse und kaut an dem Ballen Eschenrinde, den sie immer noch
zwischen den Kiefern trägt. Dann klettert sie an die Unterseite des
Balkens und klebt das gut durchgekaute Klümpchen daran fest, um darauf
wieder durch die Dachluke davonzufliegen. Lange dauert es nicht,
dann ist sie schon wieder da mit einem Ballen Holzstoff zwischen den
Kiefern, kaut ihn und pappt ihn an den Balken. So geht es immer weiter,
bis der Abend kommt und die Kühle der Nacht die Glieder der Hornisse
steif werden läßt.
Doch kaum hat die Sonne am nächsten Tage den Tau von den
Frühlingsblumen getrocknet, da macht sich die Hornisse wieder an die
Arbeit. Bald an der Esche, bald am Fensterladen schabt sie Holzfasern
los und kittet und klebt sie an den Balken. Nach einigen Tagen ist
eine kleine Scheibe fertig, und auch schon einige sechseckige Zellen
sind darauf gebaut. Aber nun will die Hornisse nichts mehr wissen von
Papparbeit. Nun sucht sie auf den gelben Blüten des Löwenzahns etwas
Blütenstaub zusammen, trinkt auch Nektar, wo sie dazukann, schleckt
Birkensaft und gärendes Blut der Eiche. Das alles trägt sie zu ihrem
Wabenbau, bricht es wieder aus und stopft es in die Zellen. Eine nach
der andern wird so angefüllt, und dann legt die Hornisse ein Ei in die
Nahrungsmasse.
Bis jetzt hat sie nur der Zukunft gelebt, nun genießt sie erst
einmal ihr Leben. Um ihren Bau kümmert sie sich tagsüber nur wenig.
Da schwärmt sie umher, und wo es nach Süßigkeit duftet, da ist sie
zu finden. Alle Pflanzensäfte kostet sie, und sie bekommen ihr gut,
beinahe feist wird sie bei ihrem Schlemmerleben. Des Abends kehrt sie
zurück und setzt sich auf ihr Nest, guckt auch mal in die Zellen und
freut sich, wie die Eier darin ausschlüpfen, die Larven fressen und
heranwachsen und schließlich zu weißen Mumien werden. Man sieht durch
ein weißes Kleid die Fühler und Beine an ihnen schon fertig entwickelt,
noch kurze Zeit, und die jungen Hornissen schlüpfen aus.
Weiß und weich sind die jungen Weltenbürger zunächst und viel kleiner
als die Mutter. Aber wenn sie ihr auch in wenig Tagen in der Farbe
beinahe völlig gleichen, größer werden sie nicht und wenn sie noch so
viel zu fressen finden. Das ist ja bei Insekten überhaupt nicht anders.
Wenn sie als Larven tüchtig wachsen und eine große Puppe liefern, dann
ist das fertige Tier groß, aber wenn es in der Entwicklung zurück
war, kann es das Versäumte niemals wieder nachholen. So geht es den
Hornissen hier auch. In ihrer Zelle war nicht allzuviel Nahrung zu
finden, und deshalb mußten sie sich verpuppen, noch ehe sie völlig
erwachsen waren.
Kaum sind die Flügel der jungen Hornissen richtig hart geworden, da
fangen sie auch schon an zu arbeiten. Sie nehmen der Mutter alle Last
ab, fliegen aus und holen Holzstoff zum Bauen und Nahrung zum Füllen
der Zellen, die Mutter, die Königin, braucht nur Eier zu legen und
ab und zu etwas Nahrung zu suchen, wenn sie nicht einfach die Zellen
ausschleckt.
Bei dem emsigen Fleiße der kleinen Arbeiter wächst das Nest rasch
heran. Erst war es nur eine einzige Wabe mit wenig Zellen und eine
dünne Kugelhülle spann sich darüber. Jetzt wird an einigen Stielen
über die erste Wabe eine zweite errichtet mit vielen Zellen, die schon
etwas größer sind als die von der Königin gebauten. Wieder wird darüber
eine weite Hülle aus Holzpapier gepappt und darüber eine noch weitere
mit neuen Waben. Und alle Zellen werden mit Futter für die Larven
vollgestopft, und die Königin legt dann ein Ei hinein.
Der September ist herangekommen. Die Papierburg der Hornissen in der
Walkmühle hat sich mächtig verändert. Ein Bau, der weit größer ist als
ein Männerkopf, hängt dort am Balken und ein gefährliches Brummen tönt
hinter den dünnen grauen Papierwänden hervor. Wehe dem Unglücklichen,
der jetzt in der Nähe des Nests den Zorn einer Hornisse erregt. Sie
dringt unter eigenartigem Flügelsummen auf den Störenfried ein und
versucht, ihn zu stechen. Aber während der Verfolgte noch die eine
abwehrt, hat ihr zorniges Flügelsummen Gehilfen herbeigerufen. Zehn,
zwanzig und noch mehr eilen herbei, und wenn man auch zehn abwehrt, so
setzen sich doch andre zehn auf Arme und Beine, laufen umher und biegen
den geschmeidigen Hinterleib. Und wenn sie an eine unbekleidete Stelle
kommen, an Hals oder Gesicht, dann kneifen sie ihre Kiefer ein, halten
sich mit sechs krallenbewehrten Beinen fest und bohren den langen,
spitzen Giftstachel tief hinein ins Fleisch des Feindes. Was nützt es,
wenn ein wuchtiger Schlag den kleinen, gelbgepanzerten Feind zu Brei
schlägt. Zwanzig, dreißig Rächer stachelt der Blutgeruch zu rasender
Wut an und Stich folgt auf Stich. Wer kann es dem Tapfersten verargen,
wenn er vor den kleinen, gefährlichen Feinden eilig entflieht, oder
sich zu Boden wirft in der berechtigten Hoffnung, daß die Hornissen ihn
so nur schwer entdecken und sich bald beruhigen, so daß er unzerstochen
entfliehen kann? Denn ein Hornissenstich ist ungemein schmerzhaft,
eine riesengroße Beule ist noch wochenlang das Erinnerungszeichen. Es
ist auch möglich, daß ein kleineres Tier, wie ein Hund, ja sogar ein
Mensch, der nicht entfliehen kann, von den Hornissen getötet wird,
obgleich es auch stark übertrieben ist, wenn der Volksmund sagt: Neun
töten ein Pferd.