Nun ist Frau Kauz so ziemlich gesättigt. Auch hat sie jetzt

Gewissensbisse, daß sie den Herrn Gemahl so treulos im Stich gelassen

hat. Sie kehrt deshalb durch den Wald zum Nistbaume zurück. Stampfend

eilt unter ihr ein Kaninchen in die Deckung, das den Schatten durch die

Bäume hat streichen sehen. „Nanu, was ist denn das, die Karnickelmutter

ist schon wieder guter Hoffnung“, faucht Frau Kauz, „dann wird es doch

für uns auch Zeit, ans Eierlegen zu denken! Wenn die jungen Karnickel

vor den Bauen spielen, dann gibt es immer was zu greifen zur Atzung für

unsre Kleinen.“

„Nein, so haben wir nicht gewettet, du kriegst mich schon lange nicht“,

das mag das juik bedeuten, das sie dem Männchen zuruft, das die Gattin

endlich gefunden hat und spielend nach ihr stößt. Nun beginnt das ewig

neue Spiel der Liebe, das spröde Fliehen, die verstohlene Annäherung

des Weibchens, das stürmische Werben des Männchens. Hat er das Spiel

satt und blockt ausruhend auf einem Aste, dann neckt sie ihn und stößt

ihn von seinem Sitze, um dann vor dem Nacheilenden zu entfliehen und

die Spröde zu spielen.

Nur wenige Wochen wird es noch dauern, dann sitzt Frau Kauz auf ihrem

ersten, weißen Ei, nach ein paar Tagen sind es drei oder vier, die dann

drei Wochen bebrütet werden müssen. Sind die Jungen ausgeschlüpft, dann

hat aber das beschauliche Stillsitzen ein Ende. Dann heißt es arbeiten,

denn die kleinen Schnäbel sind schwer vollzukriegen. Nur langsam

wachsen die kleinen, weißen Dunenballen heran, langsam fangen Federn an

zu sprießen und Wochen vergehen, ehe der erste zaghafte Versuch gemacht

wird, die Nisthöhle zu verlassen. Das größte und gefräßigste wagt sich

zuerst an den Eingang der Höhle. Aber Tage vergehen, ehe es sich bis

zum nächsten Ast getraut. Dort sitzt es und bettelt mit leisen, hohen

Pfeiftönen die Alten um Futter an.

Und die benutzten die Gelegenheit, auch ihre andern Jungen zum

Ausfliegen zu bringen: sie füttern nur das ausgeflogene Kind vor

den Augen der hungernden andern. Und siehe da, das Mittel wirkt. Am

Nachmittag fliegt eines nach dem andern hinüber zum Aste, und dicht

gedrängt sitzen bald die vier kleinen Wollknäuel auf dem Eichast und

gieren nach Futter. Zwar dauert es nun nicht mehr lange, bis sie

ziemlich gewandt fliegen können, aber selbständig werden sie erst viel

später.

Sie müssen ja erst noch so vielerlei lernen. Sie müssen ihre

Ohren üben, bis sie das Rascheln des Windes vom Knabbern der Maus

unterscheiden können, ihre Schwingen müssen kräftig werden und ihre

Fänge stark, daß sie leise schweben und kräftig zufassen können,

um schließlich einen bissigen Hamster oder eine wehrhafte Ratte zu

überwältigen.

Aber sie stellen sich nicht ungeschickt an, und im Laufe des Sommers

lernen sie achten auf das Wischern der Mäuse, sie vernehmen das leise

Atmen der Ammer im Fichtenhorst, sie trauen sich, Jungkaninchen zu

schlagen, und scheuen sich auch nicht, eine junge Fasane im Walde, eine

kleine Rebhenne im Felde zu greifen, kurz, es sind echte Waldkäuze

geworden.

Ohreulen

Leben wir wirklich noch im Februar? Die Sonne lockt und lacht, daß die

Knospen die Deckschuppen abwerfen, daß Stachelbeerbusch und Flieder

zartgrüne Spitzen zeigen. Buchfink und Goldammer, Kohlmeise und Amsel

jubilieren und begrüßen die erwachende Natur, die Lerche trillert,

der Grünspecht lacht, es will Frühling werden. Jetzt wird auch den

Menschen die Enge der Straßen und Gassen der Großstadt zu drückend, in

Scharen ziehen sie hinaus, um die staub- und rußgequälten Lungen in der

schmeichelnd warmen Luft zu baden.

Eine Schar Knaben wandert durchs Feld. Bunte Mützen decken die Köpfe,

die von Sorge um Prüfungsarbeit und Versetzung heute nichts wissen

wollen. Dem Walde streben die Jungen zu, um irgendeine bluttriefende

Indianergeschichte in die Tat umzusetzen. Unter einer großen Eiche

machen sie Halt zu ernstem Kriegsrat. Dabei fallen dem einen

sonderbare, daumenstarke Ballen zu seinen Füßen auf. Aus grauem Filze

scheinen sie gemacht zu sein und weißlich schimmern kleine Knochen

daraus hervor. Trocken und appetitlich sieht das Zeug aus, da muß man

doch einmal nachsehen, was das eigentlich ist.

Fest und dicht zusammengefilzte Haare bilden die Grundmasse, in die

Knochen eines kleinen Tieres eingebettet sind. Sorgsam zerbröckelt der

kleine Forscher seinen Fund, während die andern mit den sonderbarsten

Vermutungen über das rätselhafte Ding nicht sparen. Jetzt kommt ein

Schädel zum Vorschein, dem nur die Schädelkapsel eingedrückt ist,

sonst ist er wohlerhalten. Der Größe nach ist es ein Mäuseschädel,

die Schneidezähne stimmen auch dazu. Da die Knochen alle weiß

und sauber sind, scheuen sich die andern Knaben auch nicht, die

Ballen zu zerkrümeln. Bald hat jeder mindestens einen Mäuseschädel

herausgefunden, auch ein Vogelschädel findet sich in den Haarpfröpfen,

dazu ein paar große, schwarze Flügeldecken eines Käfers. Viel

Kopfzerbrechen macht den Jungen ein kleiner Schädel, der mit kleinen,

spitzen Zähnchen ausgestattet ist, und der vollkommen unversehrt und

heil sich aus der Filzmasse ausschälen läßt. Soviel wissen die Knaben

aus ihren Unterrichtsstunden, daß das kein Nagetierschädel ist, denn

er hat gar keine Nagezähne, was mag das nur sein? Vielleicht ein

Maulwurfsschädel, aber der sollte doch größer sein? Doch halt, die

Spitzmäuse haben solch ein Raubtiergebiß, das ist ein Spitzmausschädel.

Die Frage ist zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst, noch bleibt aber

die andere offen: wo stammen denn die Ballen her? Daß sie die Überreste

vom Mahle eines Raubtiers sind, ist allen klar. Aber Kotballen sind es

nicht, dazu sind sie zu sauber und geruchlos. Wiederum ist aber das

Fleisch von den Knochen schon völlig abgelöst, also müssen sie schon

einmal verschlungen gewesen sein.

Weiter wandern die Knaben, und es scheint, als sollten sie nie zur

Lösung ihrer Frage kommen. Aber vergessen haben sie das Problem

nicht, und jeder späht auf dem Waldboden nach neuen Filzballen, um

doch vielleicht das Geheimnis lösen zu können. Unter einer Kiefer mit

dichter Krone finden sich schließlich die rätselhaften Pfröpfe wieder,

einige davon sind sogar noch feucht und schleimig, so daß keiner der

Jungen sie anfassen will. Der Boden um den Baum herum zeigt ferner noch

etwas Eigenartiges. Große Klexe einer kalkig-weißen Flüssigkeit sind

umhergespritzt, haben auch den Stamm gefärbt, und auch einige Äste

der Kiefer zeigen den weißen Überzug. Und oben, dicht an den Stamm

gedrückt, hockt der Urheber dieser Unsauberkeit.

Mit knapp angelegtem Gefieder sitzt die +Ohreule+ auf ihrem Schlafbaum

und starrt mit ihren roten Feueraugen hinunter auf die Knaben, die

ihre Ruhe stören. Lang und dünn wie ein Aststumpf sieht der Vogel

aus, langgezogen ist der Gesichtsschleier, die Federohren stehen

nach oben, und dicht nebeneinander verlaufen die Reihen dunkler

Spritzflecke auf der lichten Unterseite. Leise gehen die Knaben um den

Baum herum, um auch den Rücken des Vogels zu betrachten. Doch siehe

da, den gelbbraunen Hinterkopf bekommen sie nicht zu sehen. Als wäre

er so angewachsen, zeigt der Kopf mit den Augen nach hinten, wenn die

Knaben um den Baum herumgewandert sind. So oft auch die Jungen ihren

Standpunkt ändern, immer glotzen sie die Eulenaugen an.

Da kommen sie auf einen pfiffigen Einfall. Sie wollen allesamt um

den Baum herumwandern, immer in gleicher Richtung, dann dreht die

Eule den Kopf immer nach ihnen und muß sich doch schließlich das

Genick verdrehen und ihnen dann zur Beute fallen. Gesagt, getan.

Die Prozession beginnt, und immer dreht die Eule den Kopf mit,

aber ihr macht das keinen Schaden. Wenn die Knaben hinter dem

Stamme verschwunden sind, dann wird mit einem Ruck der Kopf wieder

zurückgedreht und starrt dann auf die Schlaumeier hinunter, wie zuvor.

Bald sehen die Knaben ein, daß sie durch ihre Marschierübungen nichts

erreichen. Um aber wenigstens ihren Ärger zu bezeugen, daß sie so für

Narren gehalten worden sind, nehmen sie Kiefernzapfen und werfen nach

der Eule, um sie zu verscheuchen. Bald haben sie auch ihre Absicht

erreicht. Doch die Jungen sind förmlich erschrocken, daß die Eule

so groß ist. Im Sitzen sah sie so klein aus, und jetzt, mit den

ausgebreiteten Flügeln, auf deren fast weißer Unterseite ein schwarzer

Fleck sich abhebt, kann sie beinahe mit einem Bussard sich messen.

Gewandt schwingt sich die gestörte Freundin der Nacht durch die hell

beschienenen Baumzweige, um ziemlich weit entfernt in einer dichten

Fichte sich einzuschwingen. Dort sitzt sie und träumt, bis die Sonne

schlafen gegangen ist und der Abendstern am Himmel steht. Dann reckt

und dehnt sie sich, knackt mit dem Schnabel, blinzelt mit den Augen

und ruft. Sonderbar taktmäßig ertönt das tiefe Hu, im Atemtempo

eines schlafenden Menschen. Aber lange vergnügt sich die Eule nicht

mit ihren Gesangsübungen. Sie ist hungrig und fliegt hinaus auf die

Felder, um die Raine nach Mäusen abzusuchen. Kommt ihr dabei ein

schlafender Feldsperling im Gestrüpp, eine Goldammer oder Feldlerche zu

Gesicht, dann wird der Vogel gleichfalls verspeist. Auch Mistkäfer und

Heuschrecken werden verzehrt, wenn sie über den Weg krabbeln oder im

Grase musizieren; doch an Insektenkost ist jetzt im Februar noch nicht

zu denken.

Wohl aber würde es nichts schaden, wenn sich das Eulenmännchen einmal

nach seiner Gattin umschaute, die auch in dieser Gegend sich jagend

umhertreibt. Bald kommt der März und spätestens Anfangs April ist

das erste Ei gelegt .... Doch auf Feld und Wiese ist von der Gattin

nichts zu sehen, vielleicht sucht sie in der Fichtenpflanzung nach

Nahrung. Lange braucht der kleine Uhu nicht umherzustreifen, bald

sieht er die Gattin über der Waldblöße schaukeln. Eilig strebt er

auf sie zu, um ihr für ein Viertelstündchen den Hof zu machen. So

zierlich als es ihm möglich ist, umschwebt er das Weibchen, ruhig und

taktmäßig die Flügel rührend, um sie mit lautem Klatschen unter dem

Leibe zusammenzuschlagen. Aber die Angeschwärmte zeigt durch ihre

Teilnahmslosigkeit, daß sie die Werbung für verfrüht hält, und auch

er bekommt sein Spiel bald satt. Er schwebt einmal hinüber nach der

Kiefer, in der der alte Krähenhorst steht, den sie schon jahrelang zur

Aufzucht ihrer Kinder benutzten, seufzt einigemal sein Hu und fliegt

dann wieder auf die Jagd.

* * * * *

~Oculi~ -- da kommen sie. Die Vögel mit dem langen Gesicht, die

Schnepfen, die den alten Weidmann mit unwiderstehlicher Macht

hinausziehen ins Revier, sie kommen aus dem Süden zurück in ihre

nordische Heimat. Wenn der rußige Rotschwanz sein gepreßtes Lied vom

Hausgiebel ertönen läßt, wenn die erste Singdrossel ihren Davidsruf

singt, dann ist die rechte Zeit für den Schnepfenstrich. Allabendlich

steht dann der alte Forstmann trotz Rheumatismus auf dem Anstande.

Dort, wo die Fichtenschonung an die Blöße stößt, auf der Farnkraut und

Brombeergestrüpp unter einigen jungen Birken und Eichen üppig wuchern,

stellt er sich an. Treff, der rauhhaarige Jagdhund, ist auch dabei,

er hat sich gesetzt und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Leise

senkt sich die Dämmerung auf die Erde nieder, leise schnickert ein

Rotkehlchen in den Fichten, eine Amsel warnt und schilt, allmählich

verstummt auch dieser Vogellaut. Ganz still wird es, das leise Rauschen

des Windes in den Fichtenzweigen ist kaum vernehmbar. Wiwiwiwi klingeln

in sausendem Fluge ein paar Stockenten vorüber, die vom Teiche nach

dem Bache streichen. Wieder ist alles still. Doch halt, was war das?

Wie von einem Schlage getroffen, zuckt der Jäger zusammen, jetzt tönt

es wieder, näher schon. Ein tiefes, dumpfes Quarren, ein hohes Puizen,

und mit eulenartigem Fluge erscheint die Schnepfe über den Fichten. Ein

Feuerstrahl, Donner und Rauch. Schon ist der Hund im Brombeergestrüpp,

sucht hier und schnüffelt da, aber er findet nichts. Die Entfernung war

wohl zu groß, die Schnepfe ist unverletzt entkommen.

Doch was ist das für ein Vogel über dem Hunde? In weichem, schaukelndem

Fluge schwebt ein Vogel dort, schwenkt rechts und links und stößt mit

kläffenden Rufen auf den verdutzten Hund. Immer kürzer schwenkt der

Vogel herum, immer hitziger greift er an, bellender ertönt sein Käff

-- Käff -- Käff. Langsam schreitet der Förster näher. Sollte das ein

Weih sein, der soviel Kühnheit zeigt? Ein Raubvogel ist es jedenfalls,

also einen Schuß Pulver wert. Rasch wirft der Förster einen Schuß

nach dem Räuber, aber ohne Erfolg; denn er stößt ruhig weiter, als

ginge ihn der Blitz und Donner nichts an. Zum zweitenmal schießt der

Grünrock fehl dank der tiefen Dämmerung und der unstäten Bewegung des

Ziels. Ein dritter Schuß endlich wirft den Vogel tot in das Farnkraut,

und der Hund beeilt sich, ihn herbeizubringen. Doch wie erstaunt

ist der Förster, als er schließlich eine Eule in der Hand hält, eine

hellgefärbte Eule von der Größe einer Waldohreule, deren gelbe Augen

noch im Tode feindlich funkeln. Ganz klein sind die Federn, die die

Ohrbüschel darstellen.

Arme +Sumpfohreule+! In der weiten flachen Heide oder in der Tundra

gar hat deine Wiege gestanden. Zwischen deckenden Gräsern bist du groß

geworden im bodenständigen Neste. Kaum hattest du gelernt, die flinke

Maus, den Lemming vielleicht, zu jagen, da zwang dich der Winter zum

Wandern. Und hier, fern der Heimat, mußtest du den Schroten, die eine

unkundige Hand nach dir schoß, erliegen. Hoffentlich geht es deinen

Brüdern und Schwestern besser, daß sie glücklich wieder in ihre weite,

friedliche Heimat kommen. Zwar vor dem Pfahleisen, dem grausamen

Mordwerkzeug gewissenloser Menschen, sind sie ziemlich sicher, nur

ungern benutzen sie ja Pfähle zum Ruhen. Aber wenn sie einen Uhu sehen,

der noch in der Dämmerung neben der Krähenhütte sitzt, dann kann es

leicht der ganzen Schar das Leben kosten, wenn ein schießwütiger Mensch

dort auf Raubvögel wartet. Mögen ihre Brüder und Schwestern eine nach

der andern unter Blitz und Knall tot zu Boden fallen, die Wut verleitet

die Überlebenden immer und immer wieder, auf den großen Nachtvogel zu

stoßen. Wer vermag zu sagen, was der Grund zu diesem blinden Hasse ist?

Rothals und Grauwange

Alljährlich, wenn die Taufrösche im Teiche murren, wenn das Schilf

mit einem Wald von Spießen den Wasserspiegel umgibt, dann kommen sie

aus dem warmen Süden wieder, Herr Rothals und seine Gattin Grauwange.

Die Nächte durch sind sie geflogen, und eines Morgens kommen sie

angeschnurrt mit vorgestreckten Hälsen, senken sich nieder zur

Wasserfläche und fallen ungeschickt in ihr heimisches Element. Die

Muskeln unter dem weichen lockeren Brustpelz schmerzen, die Flügel sind

lahm, und deshalb fällt es den Rothalstauchern nicht ein, sich diesen

Sommer noch einmal in die Lüfte zu wagen. Sie schaukeln sich auf den

Wellen, stecken die schwarzen Schnäbel mit den gelben Mundwinkeln in

das Rückengefieder und schlafen und träumen von weiten Reisen von Teich

zu Teich, von Fluß zu See, bis sie hier auf ihren angestammten Wässern

ankamen.

Reisen macht müde, wenn man auf eigne Kräfte angewiesen ist, reisen

macht aber auch hungrig. Und der leere Magen weckt das Taucherpaar

und verlangt gebieterisch seinen Teil. Grauwange krümmt den roten

Hals, senkt den schwarzen Dolchschnabel zur Wasserfläche, und mit

einem leichten Satze verschwindet sie in der Tiefe. Kräftig stoßen die

graugrünen Füße mit den Zehen, an denen breite Lappen die Ruderfläche

vergrößern; wie ein Unterseeboot mit der Flügelschraube, so saust

der Taucher unter dem Wasser dahin. Da schwimmt er wieder auf der

Oberfläche. Wie silberne Perlen rollen die Wassertropfen über

seinen Rücken, ohne ihn zu benetzen. Ein glitzerndes Etwas zappelt

im schwarzen Schnabel des Fischräubers. Zweimal ruckt der Kopf des

Tauchers, und der kleine Gründling oder Hecht oder was es sonst war,

ist verschlungen. Aber ein kleiner Bissen war es nur, der sättigt

nicht. Wieder und wieder verschwinden bald Rothals, bald die Gattin

unter dem Wasser, bald sind sie beide nicht zu sehen.

Aber schließlich sind sie doch gesättigt und machen Toilette. Immer

und immer wieder ziehen sie die Federn von Rücken und Seiten durch

den Schnabel, den sie mit dem Fett der Bürzeldrüse eingeölt haben.

Dann kommt Bauch und Brust an die Reihe. Das erfordert allerlei

Körperverrenkungen; ganz auf die Seite müssen sich die Vögel legen, um

das Bauchgefieder einölen zu können, das wie Atlas in der Sonne glänzt.

Ist eine Feder locker geworden und will sie sich nicht mehr einordnen

in den Verband ihrer Schwestern, dann wird sie herausgezuft und --

verschlungen. Kein Wunder, wenn der Magen der Taucher von den Federn

ausgekleidet ist, die sich mit den spitzen Kielen in die Magenwand

einbohren und darin haften bleiben. Soll der Pelz im Magen Schutz

gewähren vor den spitzen Flossen von Barsch und Stichling, soll er die

Gräten abhalten, den Magen zu verletzen? Wahrscheinlich!

Doch was ist das für ein Geschrei, das über dem Wasser zittert? Ist

es ein Waldhorn, dem ein Kindermund Mißtöne entlockt, plärrt ein

Riesenfrosch im Schilfe? Nein, Rothals ist es, der von seiner Liebe

singt! Nur Grauwange hat Verständnis für die Schönheit dieses Liedes,

und eilig schwimmt sie hin zum Gatten, um mit höheren, leiseren Tönen

in den Sang einzustimmen. Aber auch zweistimmig klingt das Lied der

Rothalstaucher nicht sonderlich schön. Im April lassen sie es noch

nicht so oft hören wie im Mai; wenn sie ans Nisten denken, dann

schreien sie den ganzen Tag. Dafür sind sie bei ihrer Ankunft aber auch

beinahe die einzigen Sänger am Teiche, wenn man das zankende Belfern

der Bläßhühner und das Naken der Stockenten nicht für voll rechnet.

Nur ein kleiner Sänger, sogar ein Vetter des Rothals, läßt schon

seine Stimme aus dem Schilfe erschallen, und deshalb machen sich die

großen Taucher auf, und schwimmen dem Rohrwalde zu, wo ein trillerndes

bibibibibi den +Zwergtaucher+ verrät. Der kleine schwarze Kerl mit

dem roten Fleck auf Gurgel und Hals freut sich sehr über die ihm

widerfahrene Ehre. Gern läßt er sich von Frau Grauwange erzählen von

der weiten Reise, denn er kann sich so eine Flucht vor dem Winter nicht

leisten. Bis zum nahen Mühlbach, der wegen seiner starken Strömung

nicht zufriert, ist er gewandert und hat dort auch sein Weibchen

kennen gelernt und sich mit ihr schlecht und recht durch den Winter

geschlagen. Gewiß kann er auch fliegen, aber das strengt ihn mächtig an

und er kommt außer Atem, deshalb bleibt er eben lieber da.

Was die Geschwister machen? Ja, da ist leider nicht viel Gutes

zu berichten. Der eine, kleinste, war auf dem Dorfteiche, als er

abgelassen wurde. Der kleine Dummrian hatte nicht ans Wegfliegen

gedacht, war sitzen geblieben und dann auf dem Schlamme von den

Fischern gegriffen worden. Seit der Zeit ist er verschollen, wer weiß,

wo er ist. Schlimmer noch gings der Schwester. Die fand im Bache einen

Drahtkorb, in dem es wimmelte von Ellritzen und kleinen Forellen.

Dreimal versuchte sie, zu der zappelnden Beute zu gelangen, dreimal

vergeblich. Endlich hatte sie verstanden, eine Klappe zu heben. Hei,

da fuhr sie unter die Fischchen, die nicht entfliehen konnten. Rasch

hat sie eins unter Wasser verschluckt und ein zweites gepackt. Mit dem

will sie nach oben. Aber wehe! Wo ist der Ausgang? Hier dichter Draht,

dort auch, dort ebenso, unten Draht, oben auch, nirgends Luft, nirgends

ein Ausweg. Da war sie still geworden, hatte ruhig dagelegen in der

Reuße, das silberne Fischchen im Schnabel, bis sie der Fischer in den

Brustlatz der Schürze steckte. Silberpelz, die Spitzmaus, hat es dem

Bruder erzählt, sonst wüßte niemand von dem Ende der kleinen lustigen

Taucherin. Und die andern? Hierhin, dorthin verschlagen, geflohen vor

dem Eise, das ihre Heimat in Fesseln schlug.

Soll trübe Stimmung die Taucher befallen, wenn die Sonne lacht und

der Frühling webt? Stumm gehen sie auseinander, die Zwergtaucher ins

Schilf, die Rothälse ins offene Wasser. Aber bald ertönen im Rohrwalde

und auf dem Spiegel die frohen Liebesgesänge aufs neue, fein und

trillernd hier, dort laut und grob.

Tage und Nächte vergehen, die Sonne steigt höher. Auf dem See ist eine

dritte Taucherart angekommen. Die stolzen, vornehmen +Haubentaucher+

schwimmen still und unnahbar mitten auf dem Wasser und rufen laut

ihren Balzruf, daß es schallt. Gröck gröck gäg gäg kruorr. Dabei tragen

sie stolz auf elfenbeinweißem Halse ihren helmverzierten Kopf, prangen

mit der atlasweißen Brust und schwimmen hoch wie ein Kork im Wasser,

wenn sie mitten im See sind, tief tauchen sie ein am unsichern Ufer,

daß der braunschwarze Rücken nur wie ein schmaler Strich über den

Wellen liegt.

Mit den Krontauchern haben die Rothälse wenig Verkehr, ihm sind sie

zu stolz, sie mag nicht ihre eigne Schönheit mit der größeren der

Vettern vergleichen lassen und meidet deshalb ihre Gesellschaft.

Dagegen halten sie sich gern in Gesellschaft der liebenswürdigen

+Schwarzhalstaucher+ auf. Das sind auch sehr hübsche Kerle mit ihren

goldenen Pausbacken, aber vor allem sind sie gar nicht stolz, wenn sie

auch mit ihresgleichen mehr zusammenhalten als mit den Rothälsen, denn

sie brüten in einer Kolonie von fünf oder sechs Paaren auf dem See.

Unter Necken und Spielen, Balzen und Fischen eilen die Tage dahin.

Da kommt der Mai und mit ihm die Brütezeit. Jetzt klingen die

Liebeslieder den ganzen Tag. Die Gatten umspielen einander, necken und

jagen sich, bis sie sich schließlich unter lautem Geschrei mit den

Hälsen umschlingend aneinander aufrichten, daß die weißen Bäuche sich

berühren. Jetzt gilt es auch ein Nest zu bauen. Dem Rohrsänger, der

über ihnen in den Halmen lärmt und dort seine kunstvolle Kinderwiege

aufhängt, haben die Taucher die Nestbaukunst nicht abgesehen und auch

bei der Stockente, die mit weichem Bauchgefieder das Nest unter dem

Brombeerstrauche polstert, sind sie nicht in die Schule gegangen.

Sie bauen nach eignem Gutdünken. Sie drücken einige Rohrhalme nieder,

schichten andre, trockene darauf, so daß ein an den Rohrhalmen

verankertes Floß entsteht. Soweit könnten’s die Taucher auch der

zänkischen Blässe abgesehen haben. Aber nun kommt eigne, unpatentierte

Erfindung. Auf das schöne, trockene Floß kommen nasse Schilfhalme

und Blätter, die Frau Grauwange vom Grunde heraufholt. Und in dieses

faulende, nasse Halmennest legt sie dann ihre weißen, grobschaligen

Eier, fünf an der Zahl, setzt sich darauf und brütet.

Ab und zu kommt auch Rothals, der Gatte und löst seine Gemahlin ab, daß

sie sich Fischchen fangen kann und die steifgewordenen Glieder dehnen.

Wenn eine Störung naht, dann taucht der brütende Vogel eilig auf den

Grund, deckt nasse Halme auf die Eier und stiehlt sich unter Wasser

fort. Dann kann man dem Pflanzenhaufen nicht ansehen, was er verbirgt,

die Eier bleiben unentdeckt. Wenn sie einige Zeit bebrütet sind, ist

allerdings die Bedeckung nicht mehr so unbedingt nötig, es entwickelt

sich nämlich auf den ursprünglich weißen Eiern eine gute Schutzfarbe:

die faulenden Pflanzenteile färben sie braun und fleckig, wie ihre

Umgebung.

Drei Wochen sitzen die Taucher abwechselnd auf den Eiern; die Wärme,

die die faulenden Pflanzenteile entwickeln, hilft tüchtig mit brüten,

und eines Tages tönt ein leises Piepen unter dem Brustgefieder von Frau

Grauwange hervor. Ein Junges arbeitet lebhaft mit dem harten, weißen

Eizahn auf der Spitze seines Schnabels, bis es die Schale durchbrochen

hat und es heraus kann aus dem engen kalkigen Gefängnis. Ein kleiner

schwarzer, weißgestreifter Wollball arbeitet sich ans Licht. Vier andre

junge Dunentaucher tun das nach und am Abend sitzen fünf piepende

allerliebste Kinder im Nest und lassen sich von der Mama trocken wärmen.

Doch am nächsten Tage sind sie schon nicht mehr auf dem faulenden

Schilfhaufen zu finden. Im Gefieder der Mutter versteckt, schwimmen sie

über das Wasser dahin, lassen sich füttern mit zarten Bissen, und leben

sorglos in den Tag hinein. Naht Gefahr, geht der Teichaufseher mit

seinem ewig geladenen Schießprügel am Schilfrande hin, dann klammern

sich die Kinder fest am Gefieder der Alten, sie halten den Atem an und

hopsa, geht es hinunter in die Flut und rasch hinein ins Schilf. Hier

sind die Kleinen schon selbständiger, sie schwimmen ein wenig umher

mit ungeschickten Ruderstößen, haschen hier ein winziges Krebschen aus

dem Wasser und schnappen dort eine Mücke weg, die ihre Eier ins Wasser

legen will.

Seltsame Käuze · 第 2 / 11 段