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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1914 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Der Übersichtlichkeit halber wurde das Inhaltsverzeichnis an den
Anfang des Texts verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
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Antiqua: ~Tilden~
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Seltsame Käuze
Arno Marx
Seltsame Käuze
Geschichten aus dem Tierleben
[Illustration]
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
Inhaltsverzeichnis
Seite
Schnüffel, der Igel 1
Raben 9
Unser Eisvogel 17
Waldkauz 25
Ohreulen 33
Rothals und Grauwange 41
Vom Hecht 48
Die Papierburg 56
Hermännchen 64
Raubritter 72
Fasan 83
Neuntöter 92
Zwergreiher 100
Käuze im Dorfe 108
Vom Pionier im Samtrock 115
Königin Apis 123
Hüttenjagd 132
Vom Aal 149
Haselmaus 157
Frau Duftig und ihre Kinder 165
Schnüffel, der Igel
Am Ende des Dorfes, an seiner schönsten Stelle, liegt die Wassermühle.
Der Bach, der lustig über Stock und Stein sprang, dann durch die Felder
eilte und im Dorfteiche seine Glieder ein Weilchen ausruhte, muß durch
ein enges Bett, über Bretter hinweg und unter einem Schützen hindurch
sich zwängen. Zischend und sprudelnd springt er hinunter auf ein großes
Wasserrad, das sich ächzend dreht unter seinem Aufprall. Langsam
und gleichmäßig dreht das große Rad an der Welle, die knirschende
Mahlsteine und klappernde Schüttbretter bewegt. Das Sprudeln und
Zischen, das Brummen und Stampfen, das Klappern und Klingeln, wenn ein
Gang leer läuft, kurz all der dumpfe, eigenartige Mühlenlärm nimmt
Tag und Nacht kein Ende. Doch die Leute in der Mühle vernehmen nichts
davon, und auch der Spitz, der an der Kette wie rasend tobt, wenn ein
fremder Schritt sich nähert, die Hühner auf dem Hofe und die Tauben,
die sich gurrend auf dem Dache herumtreiben, sie alle sind gerade so
an das Geräusch gewöhnt, wie die Mäuse und Ratten, die in dem alten
Mühlgemäuer hausen und ihren Teil von Getreide, Schrot und Kleie
nehmen, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Nur einer hat fortwährend über den Lärm und die Unruhe zu klagen,
gerade wie er sich beschwert, wenn die Jahreszeiten sich ändern, oder
heute, wenn es regnet, und morgen, wenn die Sonne scheint. Will man
den Nörgler, den Griesgram besuchen, so muß man sich einige Schritte
bachabwärts bemühen. Dort steht ein alter, hohler Kopfweidenbaum, der
immer und immer hofft, einmal noch zum Blühen zu kommen, wenn auch
zwanzigmal und öfter schon der habgierige Mensch ihm seine schlanken
Zweige raubte. Unten dicht über dem Boden führt eine Öffnung in den
hohlen Baum, durch die ein dicker Kater bequem durchschlüpfen könnte.
Hier hat der Unzufriedene seine Wohnung. Aus dürrem Laub und trockenen
Grashalmen ist ein sauberes, warmes Nest gebaut worden.
Wollen doch einmal sehen, ob der Bewohner zu sprechen ist. Tastend
fährt ein Stöckchen in den Laubhaufen, jetzt stößt es auf einen
tierischen Körper, und zorniges Fauchen tönt uns entgegen. „Bangemachen
gilt bei uns nicht, Freundchen!“ Weiter tastet der Stock und deutlich
spüren wir ein kratziges, stachliges Etwas im Innern des Nestes. Der
Insasse ist entschieden sehr ungehalten über unsern Eingriff, das
Fauchen klingt ganz zornig, und jetzt wird gar der Stock weggestoßen.
Wir brauchen nicht weiter zu forschen. Daß ein +Igel+ im Baumstumpf
steckt, haben wir ja längst erraten. Schnorrer, der dicke Kater, und
Spitz, der unbestechliche Wächter, sie kennen ihn längst, den alten
Igel Schnüffel, sie kennen alle seine Eigenheiten und wissen auch, wie
es kam, daß der früher so gutmütige und zufriedene Igeljüngling zu
einem alten, grilligen Einsiedler wurde.
Vor vier oder fünf Wintern mag es gewesen sein, da erblickte Schnüffel
unter einem dichten Reisighaufen das Licht der Welt. Gar komisch muß er
damals ausgesehen haben, wenigstens seine Mutter sprach immer davon,
daß er der netteste und hübscheste kleine Igel gewesen wäre, den sie
jemals gesehen hätte. Seine kleine rosige Schnauze und die weißen
Stacheln, die kleinen schwarzen Augen hätten ihn zu einem entzückenden
kleinen Bengel gestempelt. Na ja, seine Mutter, die Frau Swinegel --
den Namen hatte sie von einem weißen Kater aus Norddeutschland, der
Plattdeutsch sprach, erhalten -- war ja eine kreuzbrave Frau, aber in
bezug auf Kinder ein bißchen eitel. Sicher waren seine Geschwister auch
ganz prächtige Kerlchen gewesen, aber weil sie in der Regennacht naß
wurden und starben, hatte Schnüffels Mutter gar keinen Grund, sie lieb
zu haben; ihre ganze Liebe übertrug sie auf den einzigen Überlebenden,
eben Schnüffel. Wie eine halbe Wallnußschale groß war er erst gewesen,
aber erstaunlich rasch wuchs er heran. Sein Haarkleid fing an zu
sprießen, seine Stacheln färbten sich, und auch seine rosenrote
Nase wurde dunkler. Nach vielen vergeblichen Versuchen lernte er es
auch, sein Stachelkleid ruckweise über die Nase herunter zu ziehen,
ja, bald konnte er sich zu einer richtigen Kugel zusammenrollen wie
ein erwachsener Igel. Nun durfte er auch allein ausgehen und selbst
bestimmen, was er essen wollte.
Ach hätte ihn doch seine Mutter etwas straffer in Ordnung gehalten,
dann wäre er vielleicht nie zu seiner trüben Weltanschauung gekommen.
Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne lachte und trocknete
die Spuren, die der Regen von gestern überall zurückgelassen hatte.
Das schöne Wetter lockte Schnüffel, und ohne sich viel um das helle
Licht zu kümmern, trollte er hinüber nach Müllers Garten, um zu sehen,
ob nicht eine reife Butterbirne gefallen wäre. Wirklich lag eine am
Spalier und Schnüffel begann, sie behaglich schmatzend zu verzehren. Da
raschelt es plötzlich. Mit einem Ruck zog er seine Stachelhaut über den
Kopf und gerade zur rechten Zeit. Schnüffel fühlte, wie etwas heftig
an seine Stacheln stieß und dann knurrend zurückfuhr. „Aha, ein Hund“,
dachte er, „na, dann hole dir nur eine blutige Nase, ich habe Zeit,
bis du es satt hast“. „Wau, wau, waau, wäwäwäwä“, jaulte der Hund und
fuhr rasend vor Wut immer und immer wieder auf den Stachelklumpen los.
Wohl eine halbe Stunde währte der Lärm, und Schnüffels empfindliche
Ohren waren fast taub davon geworden, und ein dumpfes Brummen in seinem
Schädel setzte ein. Endlich hatte der Hund sein Kläffen selber satt.
„Das wurde Zeit, sonst wäre ich wohl noch krank geworden von dem Lärm“,
dachte Schnüffel, rollte sich auf und wollte sich eiligst aus dem
Staube machen. Da ging es „Schnapp“, und wie ein feuriger Funken fuhr
es dem Igel über die Nase. Der Hund hatte stumm dagelegen und dann dem
Igel nach der Nase geschnappt. Bis zur Dunkelheit lag nun Schnüffel
fest zusammengerollt da. Ein Glück, daß der Hund einen Augenblick zu
zeitig zugefahren war, sonst hätte wohl die Wunde dem Stachelhelden den
Tod gebracht, so kam er mit einer runzligen Narbe und dem Schrecken
davon.
Die Wunde auf der Stirn verlieh Schnüffels Gesicht etwas Mürrisches,
und auch sein Charakter verlor allmählich die Gemütlichkeit, wie sie
sonst bei der Sippe Igel die Regel ist. Schnüffel wurde zum Nörgler.
Wenn ihm, was selten genug vorkam, ein dicker Mistkäfer vor der Nase
wegflog, faßte er das als persönliche Tücke des Schicksals auf.
Geradezu unverschämt fand er die Geschwindigkeit der Mäuse, und rächte
sich, wenn er eine überrumpeln konnte. Ging er in den Garten, um wie
allabendlich seine Fallbirnen zu holen und fand die Früchte schon
gepflückt, dann konnte er lange Selbstgespräche halten und über die
Schlechtigkeit der Menschen schimpfen, die ihm seine Birnen gestohlen
hatten. Den Menschen und ihrer Mißgunst schreibt er es zu, wenn es
anfängt, Winter zu werden, ihnen schreibt er auch die Erfindung der
Hunde zu. Überhaupt Hunde! Wenn ihn da einer anbellt, der kann ja auf
eine zerstochene Schnauze gefaßt sein. Es fällt Schnüffel gar nicht
ein, sich völlig zusammenzurollen. Straff zieht er die Stirnhaut zu
einem stachligen Helm zusammen und erwartet unter trommelndem Brummen
seinen Erbfeind. Sobald der Hund ihm zu nahe kommt, stößt er mit einem
raschen Rucke zu und spießt seine Stacheln in die empfindliche Schnauze
des Gegners. Je wütender der Hund wird, desto besonnener verteidigt
sich Schnüffel, bis er schließlich doch das Feld behauptet und der übel
zugerichtete Feind beschämt abzieht.
Schnüffel ist stolz auf seine Kühnheit, Hunden gegenüber; aber auch
sonst gibt es Gelegenheit genug, zu zeigen, daß unter seinem stachligen
Fell ein tapferes Herz wohnt. Gar manche Ratte, vor der auch Schnorrers
tapferes Katerherz ängstlich zu werden begann, ist unter seinem Biß
verblutet. Zufassen und nicht loslassen ist die Hauptsache bei der
Rattenjagd, und dann schnell wie der Blitz das Stachelvisier herunter,
dann kann die erfaßte Ratte rasen und beißen wie sie will. Wenn sie
sich dann jämmerlich zerstochen und mattgetobt hat, dann kann ein
zweiter und nach einer Weile ein dritter und vierter Biß das Opfer
töten, und der Schmaus kann beginnen. Dann ist Schnüffel froh und
zufrieden, bis das Mahl beendet ist.
Die ritterlichsten Kämpfe gibt es aber doch im Frühjahr, wenn die Liebe
an das Igelherz rührt. Dann zieht Schnüffel hinaus in den Wald, um sich
eine oder auch einige Schöne zu suchen; denn betreffs ehelicher Treue
nimmt er es nicht sonderlich genau. Zwar versuchen die rechtmäßigen
Liebhaber den unliebsamen Eindringling mit der Stirnnarbe zu vertreiben
und ihre angestammten Rechte zu behaupten, aber ohne Erfolg. Keiner
kann so wuchtige Schläge mit dem Stachelhelm austeilen wie Schnüffel,
keiner kann wie er jede Blöße des Gegners zu einem raschen Bisse
benutzen. Hat er dann der Minne Sold genossen, dann hat er nichts
dagegen, wenn der frühere Galan wieder an seine Stelle tritt, dann eilt
er weiter, um neue Abenteuer zu bestehen.
Doch nicht nur Liebeskämpfe, auch andere Sträuße besteht Schnüffel
auf seinen Frühjahrsfahrten. Just um die gleiche Zeit, Anfang April,
erwachen auch die Kreuzottern aus ihrer winterlichen Erstarrung und
kriechen heraus, um Sonnenbäder zu nehmen. Wenn eine aber Schnüffel in
die Quere kommt, kann sie ihr Testament machen. Zwar giftfest ist er
nicht, aber er verläßt sich auf sein Kleid, klappt den Helm vor und
beißt das giftige Reptil einfach tot, um es dann zu verzehren.
Im Frühjahr hält Schnüffel überhaupt auf kräftige Kost. Wenn man vom
November bis zum März rein gar nichts genießt, dann bleibt auch beim
sparsamsten Atmen von den Fettpolstern des Herbstes nichts übrig. Dann
schlittert die Haut um den Körper, aus dem fetten Schweinigel des
Herbstes ist ein dürrer Hundeigel geworden. Und dabei ist der Tisch im
Frühjahr durchaus nicht etwa allzu reich gedeckt. Dicke Schnecken gibt
es noch nicht viel, Regenwürmer sind auch nicht häufig zu finden. Gar
viele Mäuse sind in der Nässe des Frühjahrs umgekommen, Eidechsen und
Blindschleichen, Ringelnattern und Kreuzottern muß man am Tage suchen.
Doch Schnüffel leidet trotzdem nicht Not. Jetzt macht er seinem Namen
Ehre und durchschnuppert jeden Winkel nach etwas Genießbarem. Oft
sind es nur Käfer und ihre Larven, die er findet, aber in großer Zahl
machen sie auch satt. Bald fangen auch Rebhühner und Fasanen an, ihre
Eier zu legen, da gibt es oft fette Tage. So ein paar frische Eier
schmecken auch dem Igel gut. Wenn auch beim Ausschlürfen etwas vom
Inhalt verloren geht, na, das schadet nicht viel, dann versucht man
eben seine Zähne an einem andern. Am reichsten aber ist der Tisch in
maikäferreichen Jahren gedeckt, wenn am Morgen die von der Kühle der
Nacht erstarrten Käfer im Grase sitzen. Dann haben die spitzen Zähnchen
Schnüffels fortwährend zu tun, und behaglich schmatzend verzehrt der
Stachelheld einen nach dem andern. Wenn dann das feuchte Näschen noch
eine Maus entdeckt hat, die durch rasches, bolzenartiges Zufahren
erwischt wird oder die aus ihrem flachen Loche ausgescharrt werden
kann, dann ist der Igel so ziemlich mit seinem Schicksal zufrieden.
Bald kommen die warmen Sommernächte, in denen die Kleintierwelt so
zahlreich umherkriecht, das sind Feste für den Igel. Bald muß eine
fette Schnecke, bald ein Regenwurm, dann ein Käfer hinunter in den
Magen, bald wieder wird eine unerfahrene Maus erwischt oder eine
junge Goldammer verspeist, die zu zeitig dem Neste entflogen war. Bei
der reichlichen Kost wird Schnüffel fett, unter seiner Stachelhaut
liegen dicke Fettpolster, und das dicke Bäuchlein scheint am Boden zu
schleifen. Wenn dann der Herbst heranrückt und die Obstsorten reifen
läßt, wendet sich Schnüffel mehr der Pflanzenkost zu. Bald verspeist er
eine saftige Birne, bald eine blaue Pflaume, und dabei wird er immer
fetter.
Wer aber glauben sollte, der alte Igel würde um so gemütlicher und
zufriedener, je dicker er wird, der irrt gewaltig. Der Herbst ist die
Zeit, wo Schnüffel am meisten schimpft. Er klagt, daß die Nächte so
kalt würden und der leckerste Bissen dann keinen Reiz mehr für ihn
hätte. Natürlich sind es die Menschen, denen Schnüffel die Abnahme
der Wärme zuschreibt. Aber er will es sie schon fühlen lassen, nicht
eine Schnecke, nicht eine Maus will er ihnen wegfangen, das mag tun,
wer will, er streikt. Und dann geht er und sammelt abgefallenes Laub.
Ganze Büschel voll schleppt er in den hohlen Weidenstumpf, auch dürres
Gras trägt er dazu und formt ein warmes Nest, in dem er die ungünstige
Jahreszeit verbringt. Wenn einmal Frost und Schnee die Erde in Bann
hält, findet man selten einen Igel außer Versteck, erst die Märzsonne
lockt sie wieder heraus.
Raben
In einem harten Winter hatten sie sich kennen gelernt. Ohne Vorstellung
hatten sie gleich gefühlt, daß sie zusammengehörten, wenn er auch
einen schwarzen Rock trug und sie eine nebelgraue Robe mit schwarzem
Schulterkragen. Schon ihre Mundart hatte so viel Verwandtes, wenn er
auch Rabenkrähensächsisch sprach, wie es in der Elbaue üblich ist,
und sie den Nebelkrähendialekt der Lausitz. Die vielen Saatkrähen, in
deren Gemeinschaft sie sich durch den Winter schlugen, hatten eine ganz
andere Sprache. Zwar ihr Schnabel war länger, spitzer und feiner, aber
ihre Stimme war rauh und grob, wenn sie nicht in Fisteltöne überschlug.
Manchmal gesellten sich auch Dohlen zu ihrer Schar. Bei den Wanderungen
waren die dann an der Spitze und ihr Djah, Djah gab den Weg an.
In einer so gemischten Gesellschaft gab es natürlich oft Zank und
Streit. Da hatte eine alte Saatkrähe mit grindigem Schnabel eine Maus
gehascht, doch die anderen Mitglieder der Gesellschaft suchten sie
ihr abzujagen unter vielem Geschrei und Gekrächz. Bei den dampfenden
Dunghaufen auf den Feldern ging es friedlicher her. Da war für alle
genug zu fressen, ob es nun halbverdaute Haferkörner waren oder ein
Heringskopf oder Wurstschalen. Nur besonders große Bissen erregten
dann den Neid und die Streitlust der andern. Auch die beiden echten
Raben, die Nebelkrähenjungfrau und der Rabenkrähenjüngling, mußten
zunächst manchen Bissen an neidische Gefährten abtreten. Bald aber
merkten sie, daß eigentlich doch ihre Schnäbel die kräftigeren waren,
und nun machten sie selbst oft erfolgreiche Jagd auf fremde Bissen.
Ein besonderes Freudenfest war es für die Raben, wenn ein Stück
Fallwild gefunden wurde oder wenn Reineke Langschwanz, der Fuchs,
einen Hasen gefangen hatte und ihn nun der Dickung zuschleppen wollte.
Hei, das machte Spaß, ihm in jähem Schwunge einen Hieb zu versetzen,
bis er verschüchtert seinen Raub im Stiche ließ und vor den lärmenden
Galgenvögeln die Flucht ergriff. Dann füllten sich die Raben Kropf und
Magen, bis nichts mehr hineinging.
Die Saatkrähen zupften und schlangen wohl auch, aber ihre Kost war das
nicht; denen waren die Körner an der Fasanenfütterung viel lieber,
wenn auch dort manche nach einem wundersam rauchenden Donner in den
Schnee stürzte. Dann kam gewöhnlich ein Mann aus dem Fichtendickicht
mit einem langen Ding in der Hand, nahm die Geschossene und ging seiner
Wege. Dann war laut krächzendes Wehklagen in der Luft, aber lebendig
wurde der Gefährte nicht wieder. Danach war die Fütterung einige Tage
unheimlich und wurde gemieden.
Aber ein anderer reicher Ersatz bot sich dar. Am Waldrande lag ein
Rehkitz, das der Fuchs schon angegangen hatte. Die Bauchhöhle war
geöffnet und den Krähen der Weg zum Mahle leicht gemacht. Unter den
spitzen Schnäbeln schmolz das Wildbret ganz gehörig zusammen, und nur
wenig blieb übrig für den kommenden Tag. Am anderen Morgen war der Rest
noch da, und eilig machten sich die Saatkrähen ans Mahl, während die
vorsichtigen Raben erst von der hohen Fichte aus Umschau hielten nach
dem gefürchteten Grünrock mit der Donnerbüchse.
Auf einmal ertönten laute Schreckensrufe von den am Aase beschäftigten
Verwandten. Eine der jungen Saatkrähen ist soeben beim gierigen Mahle
tot umgesunken. Strichnin hat der Förster auf das bloßgelegte Fleisch
gestreut, jetzt beginnt es zu wirken. Schon liegen zwei weitere
zuckende Opfer auf dem Schnee, entsetzt versuchen alle anderen zu
entfliehen, aber manche stürzt noch in den Schnee. Furchtbar ist
die Wirkung des giftigen Fleisches im leeren Magen, ein Dutzend
der betrogenen Krähen fallen nach wenigen Flügelschlägen zu Boden,
einige vermögen sich noch bis zu den nächsten Bäumen zu flüchten, die
überlebenden aber suchen krächzend das Weite.
Gar harte Tage folgten. Endlich schien die Sonne wärmer, aber die
ersten Tage der Schneeschmelze brachten neue Entbehrungen für den
Krähenschwarm. Der Schnee wurde zähe und naß, in der Nacht fror er
zusammen, und es machte große Mühe, die harte Kruste zu durchbrechen.
In diesen Tagen war die Landstraße mit dem Pferdedung stark besucht,
sogar in die Nähe der Häuser wagten sich die hungrigen Schwarzen und
schlangen die Schweinsborsten und die Hautfetzen gierig hinunter, die
vom letzten Schlachtfest an der Miststelle lagen. Doch die Not wich
einem wahren Festmahle, als Tauwetter kam und allerorts Hochwasser auf
den Wiesen stand. An der Wassergrenze waren Schnecken und Käfer in
Hülle und Fülle angetrieben, und mit wohlgefüllten Kröpfen flogen die
Krähen an diesem Abend nach ihren Schlafplätzen. Am anderen Tage wurde
es noch besser. Das Wasser war zurückgetreten, und in den zahlreichen
Pfützen auf der Wiese waren Hunderte von kleinen Weißfischen
zurückgeblieben, die den Küchenzettel wesentlich bereicherten.
Die schlimmste Zeit war nun überstanden. Nach einigen Wochen kehrten
die Stare aus den Winterquartieren zurück und mischten sich unter
die Krähenscharen. Das war das Zeichen, allmählich in die Brutplätze
einzurücken und zu sehen, was der Winter für Schaden an den Nestern
angerichtet hatte. Die Nebelkrähe und der Rabenjüngling trugen sich mit
Abschiedsgedanken. Sie zog es mit Gewalt ostwärts, wie sie sagte, er
aber wollte in seiner Heimat bleiben, um hier ein Weib zu freien. Am
liebsten wäre ihm ja seine Gefährtin als Gattin gewesen; trug sie auch
ein anderes Kleid, sie war doch eine Artgenossin, und in den gemeinsam
überstandenen Gefahren hatte er hinreichend Gelegenheit gehabt, ihren
Charakter zu beobachten und sich in sie zu verlieben. In gewandtem
Flugspiel, durch Augenverdrehen und Bauchrednereien machte er ihr also
ganz nach Rabenart seine Wünsche klar, -- und er fand Gehör. Ihre
Absicht zu ziehen, war nicht so ernst gewesen. Sie neckte sich mit
ihm im Fluge, sie ging mit ihm zur Nahrungssuche aus, ja sie duldete
es sogar, daß er sich auf dem Schlafbaum an sie schmiegte oder ihr
zärtlich die Kopffedern kraute.
Unter Necken und Spielen trieb sich das Pärchen umher, strich einmal
nach dem Wald, dann wieder suchte es die Feldgehölze ab, bis es
schließlich eine hohle Erle am Bachufer für geeignet zur Anlage
des Horstes hielt. Hierhin schleppten die Krähen zunächst starke,
dann schwächere Zweige und bauten eine feste Unterlage, dann kamen
Gräser und Würzelchen an die Reihe, und innen wurde das Kunstwerk mit
Wildhaaren weich und warm ausgepolstert. Die Raben waren nicht wenig
stolz auf ihren Bau, frohlockend umkreisten sie ihn oder riefen von der
Spitze des Nestbaums ihre Freude in die Welt hinaus.
Das war recht unklug gehandelt, das sollten sie bald merken. Am Abend
saß die Nebelkrähe im Nest, um sich immer ein wenig an das unbequeme
Sitzen zu gewöhnen; bald würden ja die Eier kommen und bebrütet
werden müssen. Da hört sie unter sich leise Schritte; vorsichtig lugt
sie ein wenig über den Nestrand und erschrickt zu Tode, als sie den
grünröckigen Mann mit der Donnerbüchse heranschleichen sieht. Mit einem
kühnen Satze wirft sie sich aus dem Neste, schwenkt zweimal kurz um
Baumkronen herum und rettet glücklich ihr Leben. Der nachgesandte
Schuß wirft nur einige Birkenzweige zu Boden. Aber es tönt noch ein
Doppelschuß, dem Neste hat es gegolten und am Morgen kann sich das
Krähenpaar überzeugen, daß sein Kunstwerk zerfetzt und unbrauchbar in
der Erle hängt. Und dabei ist das erste Ei beinahe ausgebildet zum
Ablegen!
Ratlos streichen die beiden Krähen umher und finden schließlich in
einem kleinen Feldgehölz auf einer hohen Kiefer einen vorjährigen
Horst. Hier sind im Vorjahre glücklich Junge großgebracht worden, noch
liegen ja die Schuppen der Federspulen im Neste. Eilig wird das Innere
ein wenig mit Haaren ausgepolstert und nach zwei Tagen ist glücklich
auch das erste Ei gelegt. Gebührend wird das grüngelbe Kunstwerk mit
den dunkleren Flecken vom Herrn Gemahl bewundert, und gemeinsam gehen
beide Gatten hinaus aufs Feld, um als Frühstück einige Engerlinge
hinter dem Pfluge des Landmannes aufzulesen. Eine Woche vergeht, und
schon ist das Gelege vollständig, und Frau Krähe muß eifrig brüten. Da
wird die Zeit gar lang. Doch, der Gemahl kommt von Zeit zu Zeit mit
Futter und sucht die Gattin zu zerstreuen, die ihn unter Flügelzittern
und Krächzlauten willkommen heißt.
Wohl zwanzig Tage mögen bei dem Brutgeschäft verstrichen sein, da
zeigen eines Morgens die Eier kleine Pusteln. Die Schale ist aufgewölbt
und auf dem kleinen Huckel führt ein Loch in das Ei hinein. Die Jungen
sind am Ausfallen. Endlich hat eins durch kräftiges Picken die Schale
zertrümmert und hält unter Beihilfe der Alten seinen Eintritt in
die Welt. Man kann nicht sagen, daß es das Licht der Welt erblickt,
seine Augen sind noch zugewachsen; bläulich schimmern sie an den
Seiten des Kopfes durch die Haut. Ein schnurriges Ding ist so ein
frischgeschlüpfter Vogel. Der Kopf ist mächtig dick und baumelt an
einem langen, dünnen Halse, der Schnabel ist noch recht kurz und weich,
nur der kleine weiße Fleck an der Schnabelspitze, der Eizahn, ist hart.
Eine unförmige Blase bildet den Leib. Noch ist das Brustbein, an dem
später die starken Flugmuskeln ansetzen, kurz und schwach, noch wird
es ja nicht gebraucht, aber der Darm ist gut entwickelt und schimmert
durch die Bauchwand.
Fünf dieser kleinen Scheusälchen hocken am Abend unter dem wärmenden
Bauchgefieder der Mutter, die von Zeit zu Zeit einen liebenden
Blick auf ihre hoffnungsvollen Sprößlinge wirft. Auch der Herr Papa
ist voller Wonne über die „reizenden“ Kleinen, und es ist ihm eine
angenehme Pflicht, die Gattin auf kurze Zeit abzulösen, damit sie sich
ein bißchen Bewegung machen und am Bache den Durst stillen kann.
Am andern Tage beginnt das Füttern; immer muß abwechselnd eins
der Eltern wärmen, das andere Futter suchen. Sie überbieten sich
gegenseitig in Liebe gegen ihre Brut. Kein Engerling, keine Raupe
scheint ihnen zart genug für die kleinen Magen, doch denen scheint
es mehr um die Menge zu tun zu sein als um die Zartheit. Sie werden
gar nicht müde, immer aufs neue den gelben Rachen aufzureißen und ihn
auf zitterndem Halse den Ernährern entgegenzustrecken. Bei so viel
Gefräßigkeit auf der einen, und Fürsorge auf der anderen Seite macht
die körperliche Entwickelung der Kleinen riesige Fortschritte. Mit
besonderer Freude wird das erste Öffnen der Augen, dann der erste
Schrei, das Sprießen der Federn, das Üben der Schwingen von den Alten
begrüßt. Der Unterricht tut das Seine, und eines Tages sitzt die junge
Gesellschaft aneinandergedrängt auf einem wagrechten Aste der Kiefer
und glotzt mit ihren blauschwarzen Augen die Welt an.
Daß sie einer gemischten Ehe entstammen, sieht man auf den ersten
Blick. Keins ist eine echte Nebelkrähe, keins trägt aber auch ein
Rabenkrähenkleid. Das eine gleicht zwar fast völlig der Mutter, aber
auf dem grauen Kleide sind wie Tintenspritzer schwarze Federn verteilt.
Das andere wieder gleicht dem Vater ziemlich, aber die schwarzen Federn
sind grau gesäumt, und der Bauch sieht völlig grau aus. Hübsche,
starke Kerle sind sie allesamt, und das ist kein Wunder, sie haben gar
nahrhafte Bissen bekommen.
In der Fasanerie gleich beim Dorfe ist alle Tage großer Lärm.
Wacholderdrosseln schackern, Amseln warnen, Zaunkönige zetern.
Kommt man dann näher, dann sieht man in eiligem Fluge eine Krähe
verschwinden, einige leere Eierschalen verraten, was sie hier getrieben
hat. Mag der Förster auch eilen mit seinem Schießprügel, er kommt gewiß
zu spät. Er weiß nicht, wie es kommt, aber immer sieht er gerade den
Störenfried noch wegfliegen, wenn er auch noch so leise und gedeckt
sich herangepürscht hat. Er weiß ja nicht, daß in der hohen Fichte,
die den Plan beherrscht, ganz oben im Gipfel der andere Krähengatte
sitzt und aufpaßt. Dessen Abstreichen ist stets das Zeichen zur eiligen
Flucht für den andern.
Und doch ereilte an einem Tage die ganze Familie der Tod durch das
rächende Blei. Des Försters Sohn kam in die Ferien und hatte, durch
den nötigen Überschuß an freier Zeit unterstützt, binnen zwei Tagen
das ganze Geheimnis erforscht. An die hundert Schritte von der Fichte
entfernt setzte er sich auf die Lauer, während der Förster unter dem
Baum mit den Jungkrähen ein Versteck bezog. Die Geduld der Jäger wurde
auf keine allzu harte Probe gestellt. Das Pärchen kam, er flog auf die
Fichte, sie auf die Suche nach Eiern. Wie ein Peitschenknall tönte
die Fernrohrbüchse des Förstersohnes, und wie ein nasser Sack fiel
der Schwarze zu Boden. Nach wenigen Minuten dröhnte vom Feldgehölz
der Schrotschuß, der die Graue und zwei Junge tötete, einige weitere
Schüsse kündeten das Ende der überlebenden Jungen.
Unser Eisvogel
Naßkalt und unfreundlich ist der Wintertag. Kein Vogel im Dorfe ist
zu sehen, der eine lustige Miene machte. Die Sperlinge sitzen in der
Hecke und schütteln von Zeit zu Zeit einmal die Nebeltropfen aus dem
Gefieder. Ein paar Meisen fliegen vom Hühnerhofe zum Birnbaum und
wieder zurück. Sie stibitzen den Hühnern Haferkörner und zermeißeln sie
auf dem Baume, aber muntere Töne und Lockrufe hört man heute nicht von
ihnen. Und draußen im Freien ist es gerade so. Faul sitzen die Krähen
auf den tropfenden Bäumen oder suchen die unverdauten Körnchen aus dem
Mist auf den Feldern. Die Fichten schütteln von Zeit zu Zeit ihre Äste
und lassen einen nassen Schauer zu Boden fallen und die Birke schwenkt
ihre dünnen Zweige wie ein Mann seine frierenden Arme. Stumm und emsig
nach Kerfen suchend, durchstöbert der kleine Zaunkönig die Baumstümpfe
und sperrigen Wurzeln am Bachufer. Heute trägt er sein Schwänzchen
nicht so kokett steil aufgerichtet, nicht einmal zum Schnarren und
Warnen hat er heute Lust.
Da tönt ein hoher, heller Pfiff, kurz und laut, dann noch einer und
in schnurgeradem Fluge fliegt ein Vogel über dem Bache dahin. Genau
mitten über dem Wasserspiegel hält er sich und setzt sich dann auf
den Weidenzweig, der über den Bach ragt. Korallenrote, kleine Füßchen
umklammern den schwankenden Sitz, tief rostbraun ist die Brust,
smaragden glänzt der Rücken des Eisvogels. Einen schöneren Schmuck
kann sich der Weidenbaum nicht wünschen als den in tropische Farben
gehüllten Vogel. Und der scheint zu wissen, wie hübsch er ist. Als
wollte er den blaugrünen Scheitel mit den moosgrünen Mondflecken
auf jeder Feder recht bewundern lassen, dreht er den Kopf bald nach
rechts, bald nach links. Den rostbraunen Zügel durchs Auge, den weißen
Ohrfleck, kurz seine ganze Pracht läßt er betrachten. Jetzt blickt
er hinunter ins Wasser. Will er im klaren Spiegel seine Schönheit
bewundern? Nun fliegt er ab vom Zweige und hält sich rüttelnd wenige
Spannen über dem Bache. Doch mit einem Schlage ist er verschwunden,
und nur das aufspritzende Wasser zeigt, wo er steckt. Ehe wir noch
im klaren sind, was das zu bedeuten hat, erscheint er schon wieder
flügelschlagend auf der Wasserfläche, schüttelt sich und fliegt wieder
hinauf auf seinen Weidenzweig. In seinem langen, spitzen Dolchschnabel
glitzert silbern ein schwänzelndes Fischchen. Zweimal schlägt der
glückliche Fischer seine Beute gegen den Sitz, daß es schallt und
klatscht und die zuckenden Schwanzschläge aufhören, dann hebt er den
Kopf ruckweise nach oben. Noch einmal und dann zum drittenmal führt er
die Bewegung aus, dann hat er erreicht, was er will. Mit dem Kopf nach
innen hat er das Fischchen im Schnabel und schlingt es mühsam hinunter.
Dann streicht er ab, einem andern Lieblingsplatze zu.
In milden Wintern ist es diesem schönsten unsrer Vögel nicht schwer,
sich durchzuschlagen, anders, wenn eine Eisdecke die Gewässer
verschließt oder wenn fortwährende Regengüsse das Wasser trüb und
undurchsichtig machen.
Da sitzt er wieder, der funkelnde Brillant, auf einem Rohrhalm und
starrt hinunter in die Flut. Eine dichte Schneedecke bedeckt die
Felder, und über alle Bäche und Teiche hat der Frost feste Brücken
geschlagen. Doch dem kleinen Fischer sinkt der Mut nicht. Er weiß die
Stellen, wo das strudelnde Wasser sich nicht in Eis verwandeln läßt
und wo die Forellenbrut hinkommt zum Luftschnappen. Zwei der winzigen
Dinger hat der Eisvogel schon im Kropf, er ist schon ziemlich satt
und sieht nur zum Zeitvertreib oder aus Gewohnheit hinunter in das
Wasser, das glucksend und gurgelnd unter dem Eise dahinströmt. Da ruckt
er zusammen und legt das Gefieder glatt. Den Pfiff eines Artgenossen
hat er gehört. Jetzt pfeift es näher, und nun hat er den frechen
Eindringling, der die Rechte des Eingesessenen verletzen will, erspäht.
Schrill und herausfordernd ertönt sein Pfiff, da kann der rechtmäßige
Bewohner seine Kampflust nicht mehr bezähmen. In surrendem Fluge saust
er dem fremden Fischer entgegen. Doch so leicht läßt der sich nicht
vertreiben, der Hunger macht ihn mutig und läßt ihn den Kampf wagen.
Wie zwei Ritter in blitzenden Gewändern fahren die Kämpen aufeinander
los. Ganz dicht am Kopfe des Gegners fährt der scharfe Dolchschnabel
vorüber, und rasch wenden beide um, und wieder sausen sie sich
entgegen. Ein herrliches Schauspiel! Aber mehr als ein Schauspiel, ein
Zweikampf mit tödlichen Waffen ist es. Zwei- oder dreimal wiederholt
sich der Angriff, bis schließlich einer mit einer schweren Verletzung
am Kopfe zu Boden taumelt und dann eilig das Weite sucht. Der andre
folgt ihm am Bache entlang ein Stück, dann pfeift er seinen Siegespfiff
und setzt sich wieder auf dem schaukelnden Rohrhalme nieder.
Im wunderschönen Monat Mai jagen sich wieder zwei Eisvögel am Bache.
In rasendem Fluge geht es über dem Wasser dahin, und die hellen Pfiffe
wollen den ganzen Tag nicht aufhören. Doch nicht ernsthafter Kampf und
Streit auf Leben und Tod beseelt die Herzen der schillernden Vögel.
Hat der Verfolger den andern erreicht, dann zaust er ihm nicht mit
wütenden Schnabelstößen die Federn, dann neckt er ihn nur durch einen
leichten Flügelstreich und versucht ihn aus seiner Bahn zu drängen.
Liebesspiele und Neckereien sind die lustigen Turniere. Vor einigen
Wochen allerdings mußte ein Rivale durch eine blutige Kopfschramme
und einen Schnabelstoß in die Brust belehrt werden, daß Ehebruch
streng bestraft wird. Ob der Gegner seinen Wunden erlegen ist, ob er
sich ausgeheilt hat und in einem andern Reviere doch noch eine ledige
Eisvogelfrau gefunden hat, wer weiß.
Nun ist es auch höchste Zeit, an den Bau einer Nisthöhle zu denken.
Doch bachauf und bachab ist nirgends ein genügend hohes Ufer zu finden,
in dem der Bau einer Nisthöhle möglich wäre. Auch der nahe Teich hat
sumpfige Ufer und keine Steilränder, da ist das Eisvogelpärchen in
großer Verlegenheit und weiß nicht, was tun. Tagelang durchstreift es
die Gegend, jeder Bach wird in seiner ganzen Länge abgesucht, doch
entweder er ist ungeeignet wie das eigne Gebiet, oder er ist schon
besetzt, und man wird nach erbittertem Kampfe vertrieben. Endlich
streicht einmal das Männchen über das Feld, um vielleicht in weiterer
Entfernung etwas Passendes zu finden. Da findet es, wohl drei Kilometer
vom heimischen Bache, einen verlassenen Steinbruch im Felde. Ein
kleiner Teich hat sich darin gebildet, an dem schon Schilf und Rohr
sich angesiedelt hat, auch Weiden und einige Birken stehen dort. Was
aber das schönste ist, die Ufer fallen steil zum Wasser ab und bestehen
wenigstens in der oberen Hälfte aus sandigem Lehm. Schleunigst wird
das Weibchen herbeigeholt, und auch dieses ist nach eingehender
Betrachtung des Geländes der Meinung, daß hier der Platz geeignet ist
zur Anlage der Kinderstube.
Bald hier, bald da klammern sich die Eisvögel an die Lehmwand, finden
hier den Boden zu hart und steinig, dort wieder scheint er ihnen zu
bröckelig. Endlich einigen sie sich auf eine Stelle, wo ein größerer
Stein sich losgelöst und eine kleine Vertiefung zurückgelassen hat.
Hier machen sie sich an die Arbeit. Mit den langen Schnäbeln hacken und
bohren sie, kratzen mit den Füßen das losgearbeitete Material weg und
bringen schließlich eine spanntiefe Höhle zustande. Damit geben sie
sich für heute zufrieden.
Fröhlich tönen ihre Pfiffe, neckend jagen sie sich am Teiche und
streichen dann wieder über die grünenden Saaten ihrem Bache zu. Am
andern Morgen gehen sie wieder an ihre Erdarbeit. -- Ist es nur das
Männchen oder nur die Gattin, die an der Höhlung arbeitet, oder teilen
sie sich in die Mühe, wer weiß es, tragen sie doch beide ein fast ganz
gleich buntes Kleid und sind daher von weitem nicht zu unterscheiden.
Doch, ob er oder sie oder auch beide arbeiten, fleißig nimmt der
kleine Minierer das schwere Werk auf sich. Ja, wenn die Röhre noch
kurz ist, mag es gehen. Aber ist sie einmal einen halben Meter tief,
dann gehen die Strapazen erst richtig los. Jedes kleine Klümpchen muß
mit dem Schnabel hinausgetragen werden vor die Höhle. Kein Wunder,
wenn gar bald die kleinen roten Beinchen ermüden und gebieterisch
nach einer Ruhepause verlangen. Sie sind ja das Marschieren gar nicht
gewöhnt. Immer sitzt ja der Eisvogel und bedient sich zur kleinsten
Platzänderung seiner Flügel. Sogar beim Rudern unter Wasser, beim
Fangen der kleinen Fischchen dienen in erster Linie die Flügel der
Fortbewegung, wenn auch die Beinchen mithelfen.
Kaum eine halbe Stunde vermögen sie daher beim Bau der Nesthöhle Dienst
zu tun, dann sitzt der kleine Erdarbeiter auf einem neuerworbenen
Lieblingsplatze, einem Baumstumpf am Steinbruchteich und ordnet sein
zerzaustes und mit Lehmstaub verunziertes Prachtkleid. Dann eilt er
rasch zum Bache, um etwas für den hungrigen Magen zu sorgen und nach
längerer Erholungspause nimmt er dann seine Arbeit wieder auf. Volle
vierzehn Tage dauert es der vielen Unterbrechungen wegen, bis eine
meterlange Röhre vollendet ist. Noch ein oder zwei Tagewerke sind
erforderlich, um am Ende eine backofenförmige Erweiterung herzustellen,
den Nestraum.
Nach einigen Tagen liegt das erste Ei darin, blendendweiß ist seine
dünne, durchscheinende Schale, es ist auch ziemlich groß für einen
nicht einmal stargroßen Vogel. Nach etwas mehr als einer Woche ist das
Gelege mit sieben Stück vollzählig und nun muß das Weibchen fünfzehn
Tage lang stillsitzen und brüten. Der Gatte mag von der langweiligen
Beschäftigung nichts wissen, aber er sorgt dafür, daß die Frau
wenigstens nicht zu hungern braucht. Emsig trägt er ihr Fischchen zu
und legt sie ihr vor. Dabei wird ihm aber täglich immer mehr klar, daß
sie sich eine reichlich schwere Aufgabe zugemutet haben, dadurch, daß
sie im Steinbruche brüten.
Im Tümpel ist auch nicht ein einziges Fischchen zu erspähen, höchstens
einige Libellenlarven kriechen langsam über den lehmigen Grund dahin.
Da heißt es jeden einzelnen Bissen kilometerweit herbeiholen. Frau
Eisvogel hat sogar Sorge, sie könnte während des langen Stillsitzens
das Fischen verlernen, bis zum Bache wagt sie nicht zu fliegen, damit
die Eier nicht verkühlen, und hier im Steinbruchtümpel sucht sie
vergeblich nach Wild. Nur gut, daß Er für Nahrung sorgt, sonst stände
es schlimm um sie.
Langsam kommt der Tag näher, an dem die Jungen ausfallen sollen. Erst
lagen sie auf dem bloßen Lehmboden, denn vom Eintragen von Nistmaterial
halten Eisvogels nichts, jetzt aber sind sie auf eine ansehnliche Lage
dünner Fischgräten gebettet. Wo kommen die her? Nun sie stammen aus den
Gewöllen (Ballen unverdaulicher Speisereste), die die Eisvogelgattin
beim Brüten ausgespien hat. Kein Wunder, daß ein traniger Fischgeruch
der Höhle entströmt. Im übrigen aber ist Familie Eisvogel reinlich
in ihrer Wohnung, der Kot wird stets draußen abgesetzt und auch die
Kinder werden reinlich erzogen, ihre Stoffwechselprodukte werden von
den Alten aus der Höhle geschafft. Aber wenn sie auch sauber sind,
hübsch sehen junge Eisvögel vor dem Ausfliegen doch nicht aus. Ganz
nackt sind sie zunächst und der große dicke Kopf baumelt auf einem
dünnen, schwächlichen Halse hin und her. Der Leib ist kugelig und dick
aufgetrieben, die Därme schimmern durch, kurz, recht unästhetische
Gebilde sind die kleinen Dinger. Doch die Eltern sind zufrieden mit
ihnen und füttern sie reichlich, mit Libellen zunächst und dann mit
Fischbrut, so daß sie rasch heranwachsen. Aber hübscher werden sie
zunächst nicht. In langen Reihen beginnen sich stachelartige Gebilde
auf ihnen zu entwickeln, die starr nach allen Seiten abstehen vom
Körper. Es sind die Federn, die lange in der Federscheide stecken
bleiben, so daß man nicht sieht, was eigentlich daraus werden soll.
Kriechen die Jungvögel aber einmal heraus aus ihrem engen Gefängnis,
dann sieht man nicht mehr, was für eine Entwicklung sie hinter sich
haben. Dann sind sie echte kleine Eisvögel, nur der Schnabel ist kürzer
als bei den Alten und die Federn sehen dunkler und kräftiger gefärbt
aus als die an der Sonne verschossenen Kleider der Alten. Noch mehrere
Wochen vergehen, bis sie das Handwerk ihrer Ahnen ausüben können. Zum
Herbste aber werden sie selbständig.
Möge ein gütiges Geschick sie vor der Mordspritze habsüchtiger Menschen
bewahren, die ihnen die winzigen Fischchen nicht gönnen und die sich
nicht denken können, daß jemandem der Anblick eines Eisvogels mehr
Freude macht als die paar armseligen Barsche, die sie verzehrt haben.
Waldkauz
Am Franzosengrab, hundert Schritte waldeinwärts, steht eine alte,
knorrige Eiche. Zackig ragen ihre alten, abgestorbenen Wipfeläste gen
Himmel, und knarrend bewegt der Wind ein Stück abgestorbene Baumrinde.
Dort ist es nicht recht geheuer. Allabendlich, wenn alles stumm und
still in der Runde, da beginnt hier ein nächtlicher Spuk.
Mit einem verhaltenen Pfiffe beginnt es; einen entfernten Signalpfiff
einer Lokomotive vermeint der nächtliche Wanderer zu vernehmen. Aber
bald sieht er sich getäuscht. Ein Mensch ist wohl auf die hohle Eiche
gestiegen, ganz deutlich klang sein Räuspern von dort. Doch wieder
klingt der Pfiff, lauter, näher ertönt er, jetzt geht er in einen
jauchzenden Triller über, wieder der Pfiff und nun ein röchelndes
Krächzen. -- Dem Wanderer wird es kalt auf dem Rücken, was war das
nur? Doch gewiß ein Tier, sucht er sich Mut zu machen und geht weiter,
bis aufs neue die rätselhaften Töne erklingen oder ein schwarzer
Schatten geisterhaft an ihm vorbeihuscht. Da ist das letzte bißchen
Mut verschwunden. Überall scheinen dunkle Schemen vorüberzugleiten,
bald nahe, bald ferner ertönt der wilde Juchzer, kein Wunder, wenn der
Wanderer mit doppelt eiligen Schritten seinen Weg fortsetzt.
Er weiß es ja nicht, daß hier der Waldkauz seiner Gattin von seiner
Liebe singt. Er brauchte nur heranzuschleichen an die große Eiche und
zu beobachten, dann würde seine Ängstlichkeit gewiß bald in Freude über
das sonderbare Gebaren der Vögel verwandelt sein. Auf dem dicken Aste
der Eiche zeichnet sich der Umriß des Sängers gegen den Himmel ab. Wie
eine abgedrehte Kegelkugel, so rund ist der Kopf und mächtig groß im
Vergleich zum Körper. Gerade als wolle er prüfen, wie fest wohl der
Kopf auf dem Halse sitzt, wackelt der Kauz damit hin und her, dehnt
und verkürzt den Hals und macht Bücklinge. Dann pfeift er wieder sein
tiefes und sehnsüchtiges Hu, dem der ansteigende und abschwellende
Triller folgt.
Jetzt scheint das Weibchen zu nahen. Mit unhörbaren Flügelschlägen
fliegt ein zweiter Waldkauz herbei und läßt sich auf der Eiche
nieder. Doch kein Weibchen ist es, ein Nebenbuhler versucht den
Familienfrieden zu stören. Auch er beginnt, mit tiefer Stimme seine
Balzarie vorzutragen, der erste fällt ein und sucht den Störenfried zu
überschreien --, ein wunderlicher Sängerkrieg entbrennt. Immer hitziger
werden die verliebten Käuze, die Triller tönen immer lauter, heulender,
dazwischen fauchen und schnarchen sich die nächtlichen Liebhaber an,
kreischen auf und stürzen schließlich aufeinander los. Gerade als
hätten sie die lange Rederei satt, gehen sie zu Tätlichkeiten über.
Zwar möchte jeder dem andern eins auswischen, aber auch selbst nicht
mit den nadelspitzen Krallen des andern in allzu nahe Berührung kommen.
Bald schwingt sich der eine fliehend durch die dichten Äste der Bäume,
hitzig verfolgt vom andern, bald wieder geht er zum Angriff über und
treibt den andern vor sich her. Geräuschlos geht der Streit natürlich
nicht ab. Zwar von den Flügelschlägen vermag auch das feinste Ohr
nichts zu vernehmen dank der weichen Federn, aber wenn der eine dem
andern zu nahe kommt, geht ein Gekrächze und Gekreische los, daß man
glaubt, wenigstens einer müsse sein Leben lassen. Aber nur einige
Federn rupfen sie sich aus.
Das Weibchen hat eine Weile teilnahmslos auf der Eiche gesessen dicht
vor der Baumhöhle, die sie als Nistplatz erwählt hat. Der Streit der
Männchen läßt sie kalt, sie kämpfen um ihren Besitz, doch sie tut gar
nicht dergleichen. „Mögen sie sich nur raufen, mich geht das nichts
an!“ denkt die herzlose Schöne, schwingt sich ab vom Nistbaume und
streicht auf Nahrungssuche aus.
Rund und mollig sieht der sitzende Waldkauz aus mit seinem
seidenweichen Gefieder, und auch im Fluge prägt sich die Weichheit
aus. Rund sind die großen Schwingen, rund der Kopf, sanft und ohne
Ecken werden die engsten Kurven beschrieben, dann wieder ein Stück
geschwebt und dann wieder mit den Flügeln gerudert. Dabei spähen emsig
die schwarzen Augen hinunter in das Gewirr der Grashalme auf die
Wiese, die nur schwach vom fahlen Sternenschimmer erhellt sind. Der
Gesichtsschleier aus dünnen borstenartigen Federn ist aufgerichtet, so
daß er nur lose die mächtigen häutigen Ohren deckt.
Und wie scharf ist das Gehör der jagenden Eule! Auf hundert Schritt
noch hört sie das leise Piepen sich zankender Mäuse, ja sogar die
genaue Richtung und Entfernung hat sie mit fast unfehlbarer Sicherheit
beim ersten Tone gemerkt. Man braucht nur einmal die Probe zu machen,
wenn man beim nächtlichen Anstande in gut verdeckter Stellung sitzt und
einen Waldkauz jagen sieht. Beim ersten „Mäuseln“ schwenkt er herum
und kommt schnurgerade auf das Versteck zu. Vermag er vom Beobachter
nichts zu entdecken, dann fliegt er ihm sicher in Meterhöhe über den
Kopf, schwenkt herum und kreist einige Male über der Stelle, wo das
Piepen der Lieblingsbeute ertönte. Dann setzt er seinen Jagdzug fort,
aber immer wieder kehrt er zurück und sucht das Versteck der Maus zu
erspähen.
Unser Waldkauz hält sich auf der Suche nach „Wild“ auf der Wiese
nicht lange auf. Er kennt sein Revier und weiß, daß hier die Aussicht
nicht besonders groß ist. Deshalb schwebt er am Waldrande entlang dem
Wildgatter zu. Dort wird den Fasanen und Hirschen an verschiedenen
Stellen Futter geschüttet, da stellen sich die kleinen Nager gern zu
Gaste ein. Auf dem Dache der Blockhütte setzt sich die Eule nieder und
dreht und wendet den Kopf bald rechts und bald links. Schon haben auch
die scharfen Ohren ein leises Wispern und Rascheln vernommen, eine
Waldmaus hüpft unter dem Balkenwerk hervor und faßt ein Haferkorn,
um damit in ihr Schlupfloch zurückzurennen. Da ist ein schwarzer
Schatten über ihr, vier nadelscharfe Krallen fahren ihr durch den
Leib und ersticken ihr angstvolles Quieken. Der Waldkauz aber fliegt
wieder hinauf auf den Balken, dreht den Kopf rechts und links, nimmt
schließlich die Maus aus dem Fange und schluckt sie hinab. Wieder sitzt
er und lauert. Lange Zeit regt sich nichts; der leise Todesschrei ist
doch nicht ungehört verhallt und hat die Artgenossen gewarnt. Endlich,
nach einer halben Stunde etwa, geht das leise Rascheln wieder los unter
dem Stroh. Wieder spannt der Waldkauz und schwebt nieder zum Boden.
Doch diesmal mißglückt die Jagd. Nur eine Spanne weit war die Maus
aus dem Loche gefahren und dann mit einem Ruck in das sichere Loch
zurück, so daß die todbringenden Krallen fehlgriffen. Wieder blockt der
Waldkauz auf seiner Warte, aber nun läßt sich keine Maus mehr sehen.
Viel sind überhaupt nicht mehr da, allzuoft ist schon Jagd auf sie
gemacht worden. Darum auf hinüber zur Fasanenfütterung!
Mit gleichmäßigen Flügelschlägen strebt der Kauz dem Walde zu. Obgleich
er gar nicht an Jagd denkt, sind seine Sinne doch auf der Wacht wie
immer. Am Waldrande schwenkt die Eule mit einemmal und setzt sich auf
einen niedrigen Eichast. Auf der Wiese regte sich etwas, was mag das
gewesen sein? Eine Lerche kann es nicht sein, die kommen doch nicht
auf die Waldwiese, eine Maus war es auch nicht, es raschelte nur
einmal, also was war es? Scharf spähen die schwarzen Kugelaugen auf die
Wiese hinüber, und nun haben sie auch gefunden, was sie suchen. Ein
Maulwurfshügel hebt sich ruckweise, und nun ertönt das Geräusch wieder,
ein Erdklümpchen rollt in das raschelnde Gras. So leise das Geräusch
auch gewesen war, der Kauz hatte es doch vernommen, ja er hatte sogar
gehört, daß es anders klang als das leise Lispeln des Windes im Grase,
daß es von einem Tiere herrührte.
Wieder stößt der schwarze Wühler Erde empor und arbeitet emsig, wühlt
mit breiten Vorderpfoten und scharrt mit den Hinterbeinen die Erde nach
außen. Jetzt erscheint das kurze, borstige Schwänzchen über der Erde,
sogar der Samtpelz des Hinterleibes wird sichtbar, und darüber schwebt
der Tod. Vier Dolche durchbohren das glatte Fell, vier Eulenzehen
schließen sich zur todbringenden Umklammerung. Armer Maulwurf! Dein
Todesschrei vermag das Räuberherz nicht zu schrecken, dein Strampeln
und Kratzen nützt dir nichts. Das Erdreich ist locker, so daß alles
Einstemmen der muskulösen Vorderbeine nichts nützt. Mit einem Ruck
hat der Waldkauz seine Beute aus dem Loche gerissen, der zweite Fang
greift in die Brust und der Schnabel zermalmt die empfindliche Nase
des Opfers. Dann beginnt das Mahl. Das ist nicht so leicht als das
Verzehren einer Maus, die einfach verschluckt wird. Mehrmals reißt und
rupft die Eule, ehe sie die Haut am Bauche zerrissen hat, aber dann
geht es rasch, und nicht ein Stückchen Wolle bleibt zurück, alles wird
hinabgeschlungen.